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Mittelalter, Schützenkönige, Ideen und ob ein Friseur Haare schneiden kann

Teestunde mit Rolf...Moin Rolf, wieder ist der Tee bereitet und wir sind bereit ins Mittelalter zu reisen, um zu hören wie denn das Wartberg-Buch mit den Mittelalter-Erzählungen entstanden ist... Aber das kannst Du nun selbst erzählen...

Mittelalter, Schützenkönige, Ideen und ob ein Friseur Haare schneiden kann

Ursprünglich  hatte ich vorgehabt, die ganze nordhessische Geschichte  in kleinen, zusammenhängenden historischen Novellen zu erzählten. Aber das war dem Wartberg-Verlag ein paar Stiefelgrößen zu groß.

So kam es dann erst mal zu einigen Geschichten aus der Germanenzeit, die wir eben als die „Chatten-Saga“ kennen. Und weil es dem Wartberg-Verlag ja nicht darum ging, hier vielleicht eine Art Bücher für den Schulgebrauch zu machen, wie mir vorschwebte, sondern eben Auflagen zu verkaufen, kam die Anfrage nach Geschichten aus der Ritterzeit.

 

Ich hätte zwar liebend gerne die Chatten-Saga so weiter geschrieben, dass wirklich ein abgerundetes Bild vom Leben der Chatten und damit der Germanen erkennbar gewesen wäre. Ich bezeichne die „Saga“ gerne als „Prügel-Oper“, weil sie überwiegend aus Kämpfen und Action besteht und nicht, wie die unveröffentlichten Novellen, einige ruhige Augenblick hat, wo man auch mal etwas Einblick in das „Privat-Leben“ geben kann.

Die Szene des Chattenfestes in den unveröffentlichten Novellen lese ich grundsätzlich, wenn ich  irgendwo mal für einen regionalen Geschichtsverein eine Lesung halte – was allerdings sehr selten vorkommt. Denn die Stellung der Frau und der Familie sowie das Leben in Friedenszeiten – alles das kommt in der Chatten-Saga viel zu kurz. Das sollte dann in den beiden Folgebänden kommen – obwohl auch die von der Handlung her spannend geworden wären.

Aber – die Bücher gingen zwar weg – aber eben nicht so wie Harry Potter. Und darauf hatte die Verlagsleitung eigentlich gehofft. Meiner Meinung fehlte es auch daran, dass der Verlag nach der überall positiven Presserezension meinte, einen Selbstläufer zu haben. Also gab es keine Werbung mehr. Die Bücher standen dann neben anderen Büchern in den Regalen der Buchhandlung – und wurden da übersehen. Allerdings – als sie in Remission gingen, war ein voller Büchertisch innerhalb von zwei Tagen abgeräumt. Als ich letztes Jahr noch im Dienst und jeden Tag in Kassels Innenstadt war, habe ich das selbst gesehen.

Bleibt noch zu erwähnen, dass die „Chatten-Saga“ vom Landrat des Landkreises Kassel bei Jubiläen und sonstigen Feiern seiner Behörde  als Ehrengeschenk überreicht wird. Und in einem Sachbuch über die neusten Ausgrabungen von Nordhessen ist sie erwähnt.

Meinen Vorschlag, zur 2.000jahrfeier der Schlacht im Teutoburger Wald die Chatten-Saga noch mal mit etwas Werbung zu bringen, hätte ich auch in Wilhelmshöhe dem Herkules erzählen können. Ich hatte das dem Verlag geschrieben, als man mir die Remission mittteilte (worauf ich meine Vorräte an Exemplaren zu Hause noch mal richtig aufstockte) und gleichzeitig darauf hingewiesen, das eine „Marketing-Abteilung“ sicher an so was gedacht hatte. Klar, da hatte ich einen besonders spitzen Pfeil aufgelegt. Denn ein honigsüßes Schreiben kam, die Bücher hätten sich trotzt aller erdenklicher Werbung eben nicht  verkauft. Unterzeichnet von einer Frau Soundso und drunter stand „Marketing-Abteilung“.

Um es kurz zu machen, ich habe die Daten des Wartberg-Verlages aus meinem Computer genommen und die Angelegenheit ist für mich erledigt. Bleiben nur die Erinnerungen.

Eben die an das Ritterbuch. Meine Lektorin rief mich an, ob ich so was könne. Na, frag mal den Frisör, ob er Haare schneiden kann. Klar konnte ich. Also die gleiche Länge, einzelne kurze Geschichten, die ja nicht länger sein sollten als zwölf Manuskriptseiten. Natürlich das Mittelalter, wie es wirklich war – aber auch nicht ganz soooo, damit  der Leser auch noch seine Illusionen behält. Und selbstverständlich schön spannend.

Natürlich sollte auch Helen Keller wieder die Zeichnungen machen. Die rief mich einen Tag später an. Was ich mir denn so vorstellen würde. Ja, das klingt jetzt etwas wie eine Erzählung des Odysseus, ist aber so – und Hermann kann bestätigen, dass es bei mit manchmal so geht.

Ich machte Helen verschiedene vorgaben wie die Pest, einen Kirchenbau, die heimliche Feme, ein Markt-Tag in einer Stadt, Raubritterunwesen, natürlich ein Turnier und die Belagerung einer Burg und zum Schluss im Winter eine Burg in Flammen.

Mit Links hielt ich den Telefonhörer – mit Rechts notierte ich mir meine Einfälle. Die ich dann nach dem Gespräch sofort  in den Computer eingab, weil meine eigene Handschrift von der akademischen Brillanz eines Ober-Medizinalrates ist  und ich sie nach längerer Zeit selbst nicht mehr entziffern kann.

Hoch lebe der Computer und das Buch mit den Adressen aller hessischen Gemeinden, das wir im Ordnungsamt hatten. Da habe ich mir nämlich die Adressen der Stadtverwaltungen rausgesucht, sie so in Frage kamen. Sie mussten auf jeden Fall über eine gut erhaltene Fachwerkstatt verfügen.

Kassel als ehemalige Residenzstadt des Landgrafen und späteren Kurfürsten hatte eine solche alte Innenstadt mit Fachwerkhäusern bis zum großen Feuersturm im zweiten Weltkrieg. Ich habe die Trümmern als kleines Kind größtenteils noch gesehen und wir haben diese Trümmern auch als Abenteuerspielplatz genutzt. Aber wenn es heute Leute gibt, die der Meinung sind, man hätte alles wieder so aufbauen müssen, wie es mal war, dann muss ich das Wort „Unmöglich“ sagen.

Es gab noch einige Mauern von Steinhäusern. Aber die Fachwerkstadt des Mittelalters, die sieht man nur noch auf alten Fotos. Die ist für alle Zeit vom Wind der Geschichte dahin geweht worden. Für die Markt-Episode hatte ich jedoch alte Pläne zur Einsicht und konnte mich so ganz gut in die Situation reindenken.

Ja, und was den Markt angeht. Da ist nicht alles so erfunden. Ich habe von meinem Dienst im Ordnungsamt her jahrelang den Wochenmarkt im Kasseler Stadtteil Wehleiden betreut. Von daher wurden einige Szenen nur etwas ins Mittelalder verlagert – die Betreffenden haben sich aber trotzdem wieder erkannt. Und der Marktmeister „Schorsche“ hatte damals diesen Markt ins Leben gerufen und sich bis zu seinem Lebensende dafür eingesetzt. Er hat sich sehr gefreut, dass ich ihm auf diese Art ein schriftliches Denkmal gesetzt habe. Er war tatsächlich überall nur „der Schorsche“. Dass ich mit der unglücklichen „Bäckertaufe“ diesem an sich lustigen Kapitel einen traurigen Schluss geben musste lag daran, dass ich  das Mittelalter so real wie möglich beschrieben wollte. Und damals wie heute endet eben im wirklichen Leben nicht alles glücklich und mit Happy End.

Ich bin sicher, dass man beim Verlag an diesen Kapiteln gekaut hat – wenn man die Stories überhaupt dort gelesen hat. Denn wie ich später noch berichten werde kam meine Ablieferung wie die US-Kavallerie im 50er Jahre Western – im allerletzten Moment. Wenn ich heute so durchsehe finde ich jede Menge stilistischer und auch Rechtschreibefehler die da Lektorat eigentlich hätte ausbügeln müssen. Aber – das ist auch bei der ChattenSaga so. Also hat man vermutlich die Sachen bei Wartberg mit der gleichen Sorgfalt redigiert wie es unser damalige Redakteur Jason  Dark beim Zamorra gemacht hat.

Die Bilder, die Helen Keller gemacht hat, sind mehr allgemeine Allegorien verschiedener Mittelaltermotive, die sich den Stories etwas anpassen. Das Bild des Turnier-Ritters mit Lanze hatte sie schon vorrätig und brauchte es nur noch zu colorieren. Die anderen Bilder waren in schwarz-weiß.  Das Motiv mit dem von Blumen umgebenen Stein, war ursprünglich für eine Bauernfehde wegen eines versetzten Grenzsteines gedacht. Doch die wurde dann nicht mehr geschrieben, weil die Seitenvorgabe plötzlich erfüllt war. Also kam es zu dem Raubritterkapitel, weil sonst nichts Passendes vorhanden war.

Das Wappen als Bild zum Kapitel „Im Schatten der Felsburg“ ist eigentlich das Löwen-Wappen von Wolsan. Erinnert euch, Helen und ich waren seinerzeit beide im Clan der Löwen – wobei Helen zu einem anderen Magira-Volk gewechselt ist.

Dieses Kapitel hat noch eine spezielle Eigenheit. Die Feldburg liegt über der Stadt Felsberg. In der Chatten-Saga ist dieser Berg übrigens als der Berg Donars erwähnt und der Berg Tius – auf dem steht die Altenburg.

Zu Felsberg gehört der Ortsteil Rhünda, wo nach der „Saga“ der mächtige Hof des Bauern „Rhinas“ gestanden hat. Da hat so seine Bewandtnis. Für die Einheimischen ist Rhünda nämlich „Rhiene“ und an der Einfahrt zum Dorf steht jetzt ein  kleiner „Hinkelstein“ mit der Aufschrift: „Rhine es kleene – aber scheene“.

Die Rhündaer sind eine ganz eigenes Völkchen und ich habe ja bei meiner Lebensgefährtin einige Jahre in diesem schönen Dorf verbracht und dabei eine der hervorstechendsten Eigenschaften der „Rhiener“ kennen gelernt. Wenn es zum Letzten kommt, saufen die ganz Nordhessen unter den Tisch. Zur Kirmes oder zum Brunnenfest bin ich immer erst kurz vor Mitternacht gekommen. Nur so konnte ich noch halbwegs mithalten. Aber die richtigen „Mannersleute“ fingen schon am Nachmittag an. Und – in Rhünda endet keine Feier, wenn nicht der letzte Tropfen aus dem Fass und die letzten kleinen Fläschchen mit den „Süßen“ verschwunden sind.

Beim Turnier vor der Felsburg sind denn auch die Bauern von Rhünda dabei. Einer von ihnen hat in alter Robin-Hood-Tradition das Turnier der Bogenschützen gewonnen und einen Kübel Bier beschafft. Während also alles bei den Ritterkämpfen zusieht, sind die Bauern von Rhünda am Kübeln und jeder aus unserer Gegend, der das Kapitel kennt meint, das wäre nun wirklich aus dem Leben gegriffen. Im Name des Bogenschützenkönigs verbirgt sich denn auch der Name des Schützenkönigs des Jahres, in dem die Story geschrieben wurde.

Von den angeschriebenen Stadtarchivaren oder den Vorsitzenden der Geschichtsvereine wurde ich wirklich gut mit verwertbarem Material eingedeckt. Ich hatte zu den angedachten Storys Kurz-Exposes abgefasst und meinem Schreiben beigelegt, damit die Leute wussten, auf welche historischen Angaben es mit ankam. So konnte ich zum Beispiel die erste Pest in Frankenberg mit den Geißelbrüdern recht gut rekonstruieren.  Nur der Studiosus und die Heilung der Pest, aus Sachbüchern über Mittelalter-Medizin entnommen, sind erfunden. Aber sogar der Name des damals amtierenden Bürgermeisters und des Burgvogtes stimmen.

Überhaupt ist an Jahreszahlen oder den Namen der Landgrafen zu erkennen, wo ich einen echten historischen Hintergrund genommen habe. Die Fachwerkstädte sind heute noch zu besichtigen, auch wenn die mittelalterlich Burg im Zentrum von Melsungen nicht mehr da ist. Aber wer das Buch gelesen hat, der kann auch wie weiland Heinrich Schliemann auf dem Hissarlik-Hügel mit der Ilias auf Spurensuche gegangen ist, in diversen Städten Nordhessens Hintergründe finden.

Leider ist wie die Chatten-Saga auch hier das, was ich eigentlich vorhatte, nämlich ein abgerundetes Bild mittelalterlichen Lebens zu bringen, nicht möglich gewesen, weil eben dann die Seiten voll waren. Wie beim Heftroman – auf Seite 63 ist eben Schluss.

Und daher unterbrechen wir die kürzere Weihnachtsteestunde. Jeder soll nun zu Gänsebraten, Geschenken und anderen Schlemmereien zurückkehren. Ich hoffe, ich konnte die Wartezeit auf Christkind, Weihnachtsmann oder Gans verkürzen. In der kommenden Woche, kehren wir dann ins Mittelalter zurück, um dann im Jahr 2010 die Zeitreise in die Achtziger anzutreten, um noch ein bisschen was über Zamorra zu erfahren. Da gibt es noch viel zu erzählen...

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