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Wegbegleiter in meiner Jugendzeit

Das Grauen wird 40Wegbegleiter in meiner Jugendzeit

Harry Pfister vor 19 JahrenAls der Horror-Roman geboren wurde, war ich gerade mal so alt wie heute mein zweijähriger Sohn ist. In meiner Jugendzeit und bis heute noch, hat mich kaum etwas anderes mehr in den Bann gezogen als der Horror-Roman. Doch das Drumherum und neue, faszinierende Menschen kennen zu lernen, war noch viel interessanter.

Harry Pfister

Für die einen Menschen beginnt zum Beispiel der Horror jeweils am Montagmorgen, wenn sie zur Arbeit müssen. Anderen wiederum läuft ein kalter Schauer den Rücken herab, wenn sie gefeuert werden. So diametral die zwei Lebensgeschichten sind, kann das Schlagwort «Horror» kaum mustergültig umschrieben werden. Doch jeder kann mit dem Begriff Horror seine eigenen Bilder im Kopf assoziieren. Um die Gedankenbilder so richtig schön in Fahrt zu bringen, ist der Horror-Roman ein Nährboden voller fantastischer Bilder. Und dies nun seit 40 Jahren!

Vom Krimi zum Grusel
Als ich so elf bis zwölf Jahre jung war, las ich in erster Linie Butler Parker. Ein solider Krimi mit Witz und einer gewissen Etikette. Parker hatte alles, was mir gefiel: Mut, Cleverness, zauberhafte Waffen und ein tolles Auto. Ich war ein Fan von ihm.

Die Sammelleidenschaft fing bereits damals an seine zarten Wurzeln zu bilden. Als ich eines Tages wieder an der Roman-Ecke nach «meinem Parker» Ausschau hielt, viel mir ein tolles Titelbild einer anderen Romanserie auf. Da war er also, der Grusel-Krimi! Da ich bereits meine helle Freude mit alten und neuzeitlichen Horror-Filmen – gemacht hatte, war ich für neues sehr empfänglich. Meine Sammelleidenschaft brach gleich durch und ich kaufte gleichzeitig vier aufeinanderfolgende Ausgaben. Mutig, denn sie hätten mir ja auch nicht gefallen können! Zuhause angekommen verschlang ich förmlich den ersten Roman. Kein Wunder gefiel mir der Roman so gut. Der Meister himself – Dan Shocker – hatte ihn verfasst! Von nun an nahm alles seinen Lauf und es kam, wie es kommen musste.

Die Sammelleidenschaft erwacht
Mit dem Grusel-Krimi war also der Weg geebnet für eine wunderbare Zeit ins fantastische Genre abzugleiten. Dank Buch-Antiquariaten und Flohmärkten konnte ich zudem alte Silber-Krimis ergattern. Die Sammlung wuchs allmählich an und innert kürzester Zeit war Butler Parker von der Heftanzahl übertroffen. Mit Macabros fand ich zusätzlich Lesestoff von Dan Shocker. Deshalb wuchs die Sammlung rasant an und mein Kinderzimmer glich bald einem «Buchladen». Fehlende Ausgaben wurden beim damaligen Zauberkreis-Verlag direkt bestellt und ebenso prompt geliefert. Eigentlich ist es ein Fluch, zigtausend Romane zu besitzen. Beim letzten Umzug waren sehr sehr viele Pappkartons nur mit diesen Gruselabenteuern gefüllt. Packen musste die Kartons übrigens meine Frau. «Warum muss ich dies machen?», fragte sich mich fast ungläubig. Für jeden Sammler ist hier klar, dass ich wahrscheinlich noch heute am «packen» wäre und fasziniert jeden Roman zigmal durchblättern würde.


Der Marlos-Club
Aufgrund der Kontakte zum Verlag und dem genauen Studium der Hefte entging mir nicht, dass es außerdem einen Club für «Dan-Shocker-Fans» gab. Die Bitte um ein Autogramm und ein Beitrittsgesuch wurden eiligst verfasst. Zurück kam das Gewünschte. Fortan war ich Marlos-Bürger Nummer 381. Den gelben Ausweis hüte ich noch heute wie einen heiligen Gral.

Mithilfe der Clubzentrale wurde mir mitgeteilt, wer in der Schweiz ebenfalls vom Shocker-Virus infiziert war. So traf ich mich mit Christof Künzel und einigen anderen Verwegenen in Basel. Eine Freundschaft, die übrigens noch bis heute hält!

Marlos-Treffen
Gemeinsam gingen Christof und ich an mein erstes Marlos-Treffen in Nürnberg. Unglaublich, welch lockere und lässige Typen dort anzutreffen waren. Alle Anwesenden werden sich wahrscheinlich noch daran erinnern, als die Tür aufging und einer mit den Worten hereinspazierte: «Hallo, ich bin der Nicky». Pressburger war von da an ein fester Begriff.

Der Austausch unter Gleichgesinnten war wertvoll und interessant. Mit Uwe Schnabel zu plaudern war, wie wenn man mit einem Lexikon auf Tuchfühlung geht. Aufgrund seiner Ideen und den damals schon präsenten Städtegruppen in Deutschland, gründeten Christof und ich in den 80er-Jahren je eine Städtegruppe für Basel und Zürich.  

Städtegruppen
Mit der Gründung der Städtegruppen konnten wir zwischenzeitlich 12 bis 14 Leute mobilisieren, die sich für das Horror-Genre interessierten. Erster gemeinsamer Höhepunkt war der Ausflug zur Burg Frankenstein. Das Halloween-Fest wurde gebührend gefeiert. Neben dem Horror-Erlebnis auf der Burg, fand ein zweites auf der Rückreise statt. Der nächtliche, stundenlange Spaziergang von der Burg bis zum Hauptbahnhof war noch das angenehmste Erlebnis. Zum Glück bemerkte jemand schon relativ früh, dass eine Tasche zurückblieb. So musste er nicht allzu weit zurücklaufen. Nur ungefähr eine Stunde! «Wie hat er es bloß geschafft, vor uns am Bahnhof anzukommen?» Diese Frage blieb bis heute ein Rätsel. Trotz allen Vorfällen auf der Zugfahrt Richtung Heimat, bleiben diese Ausflüge in guter Erinnerung. Besonders lustig wurde es in den folgenden Jahren, als wir im legendären Hotel Sonne in Darmstadt/Eberstadt jeweils übernachteten und in der Kneipe um die Ecke mit Mechthild Weichtel und Co. tiefgründige Gespräche über unser gemeinsames Hobby pflegten.

Neben Ausflügen wurde ferner ein Horror-Film unter der Regie von Andy Hermann gedreht und wir brachten unseren eigenen Club-Letter heraus. Ebenso half ich beim offiziellen Marlos-Clubletter zuerst als Redakteur, später als Gesamtredakteur mit, eine spannende Lektüre für die Marlos-Bürger zu kreieren.

Dies war in der Blütezeit des Horror-Heftromans. Es kamen Serien wie Larry Brent, Der Magier und Ron Kelly auf den Markt. Der Marlos-Con wurde zum alljährlichen Happening und die Teilnehmerzahlen waren beachtlich. Insbesondere der Con auf der Burg Frankenstein war rekordverdächtig. Der große Saal war bis auf den letzten Stuhl besetzt.

Lieblings-Monster
Ich kann mich noch gut erinnern, als ich meine gesamten Dr. Satanas-Hefte mit zur Burg hoch schleppte und Dan Shocker alias Jürgen Grasmück zum signieren vorlegte. «Warum gefällt Dir gerade diese Figur so gut?», fragte mich damals Jürgen, während er seine Widmung hineinschrieb. Und ich erklärte ihm, was an Dr. Satanas so faszinierend für mich war. Es sind diese Momente, welche mir besonders gefielen und beeindruckten. Da schreibt einer Heftromane und ich als kleiner, unbedeutender Leser kann mit dem Autor Auge in Auge kommunizieren. Phänomenal! Für mich war Jürgen einerseits das große Idol in seiner sprachlichen Gewandtheit, andererseits war er als Mensch sehr sympathisch. Ich durfte viel von ihm lernen und er prägte meine Jugendzeit wie wahrscheinlich kein zweiter. Schade, dass Jürgen als Wegbereiter des Horror-Romans dieses Jubiläum leider nicht mehr miterleben darf.

Kommentare  

#1 G. Walt 2008-07-23 13:50
Toller Rückblick. Eine reine Freude mal wieder einen Text von Dir zu lesen. Liebe Grüße.
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#2 benfi 2008-07-26 13:58
Schöner Einblick in das Club-Leben! Es war wohl wirklich die große Zeit des Gruselheftromans...
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#3 Mikail_the_Bard 2008-09-01 12:28
Salü Harry,
das Marlos-Treffen in Ditikon war auch nicht ohne. Ralf Radzuweits Odysse ist mir für ewig im Gedächniss gebleiben (Ditikon, nein der Zug geht doch nach Ditlikon) :lol:
Und natürlich die nächtliche Gesangsstunde in dem Pub - Country Roads Take me home - John Denver - mit WKG und anderen... ja unsere Marlos-Treffen war eigentlich immer toll.
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