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40 Jahre Horrorheftroman - Ein Jubiläum - Persönliche Erzählung

Das Grauen wird 4040 Jahre Horrorheftroman - Ein Jubiläum
Persönliche Erzählung

Michel WuethrichDer Kontakt zum Groschenroman kam in der ungünstigsten Zeit meines Lebens zustande. Ich war gerade in der Pubertät gelandet und fühlte mich ungefähr so, als befände ich mich auf einem fremden Planeten. Plötzlich war alles neu. In meinem Leben gab es nicht mehr die Maßstäbe, die zuvor dafür angesetzt waren und man mir auch über Jahre eingetrichtert hatte. Die Karten waren neu gemischt worden und ich hoffte, dass ich dabei ein paar gute Blatt abbekam.

 

Langer Rede kurzer Sinn: Ich bekam ein paar gute Blatt ab. Doch eher in der Richtung, in der ich es weniger erwartet – oder auch gehofft – hatte. Ich war nämlich zu scheu oder auch zu wenig neugierig, was da auf mich an Beziehungen und Mädels zukommen würde. Zudem war das ja mit Arbeit verbunden und man sollte/musste sich von der besten Seite zeigen, um mit Mädchen aus zu gehen.

Das war mir zuviel Aufwand. Ich wollte ich sein und auch bleiben. Und die Perry Rhodan Romane, die ich von einem Kumpel aus der Schule bekommen hatte, waren einfach da. Sie benötigten keine spezielle Aufmerksamkeit. Sie verlangten von mir auch nicht, dass ich mich ändere, wenn ich mich mit ihnen beschäftigte. Ich konnte in ihrer Anwesenheit einfach ich sein.

Das Andere würde dann schon irgendwann kommen. Ich konnte warten.

 

Das tat ich dann auch. Und hatte eine dufte Zeit dabei. Ich wurde in fremde Welten mitgenommen, sah wunderschöne Dinge, die ausserhalb unseres Sonnensystems lagen und passierten. Aber da waren auch weniger schöne Dinge dabei, womit ich konfrontiert wurde: Kriege.

 

Die gab es überall. War denn keine Spezies clever genug, sich ohne dieses Abschlachten weiter zu entwickeln?

 

Doch überall gab es Menschen oder auch andere fremde Lebewesen, die sich aus dem Brei der Masse befreiten und mit heroischen Aktionen hervor taten. Und das alles zum Wohl der Mehrheit. Es wurden Ideale gezeigt, die man umsetzen sollte, um ein besserer „Mensch“ zu werden. Oft gingen Figuren durch lange Tiefs, um schliesslich nach langer Mühsal das Ende des Tunnels zu erreichen.

 

Das war geil. Solche Dinge mochte ich. Konflikt war das Salz in der Suppe.

 

Erst später wurde mir klar, dass auch Krieg dazu gehörte.

 

Zuerst war es nur Perry Rhodan, der meinen Hunger nach Abenteuer stillte. Und davon gab es ja wirklich genug Material, das mir auf immer und ewig gereicht hätte. Jedenfalls mit dem, was ich mir sonst noch aus der Bibliothek auslehnte, z. B. Mark Brandis, Karl May.

 

Band 55 aus der vierten Auflage von PR war mein erster Roman, „Im Schatten des Overhead“ sein Titel; Kurt Brand schrieb diesen. An den letzten kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern.

 

Zuerst waren es die Romane meines Kumpels aus der Schule, die ich ihm erst mal abspenstig machte. Anschliessend ging ich an das eigene Sammeln. Und ich danke Gott, dass es da, wo ich aufgewachsen bin, einen Marktstand gab, der für wenig Geld diese Hefte zuhauf aufliegen hatte. Jedenfalls am Anfang. Dann wurde es immer schwerer einzelne Nummern zu besorgen, die in der Sammlung noch Löcher hinterliessen. Die Hürde wurde dann auch irgendwie genommen.

 

Der Groschenroman hatte mich über Jahre fest in seinem Griff und liess mich nicht mehr los. Ich lass kontinuierlich die fünfte Auflage, die bald darauf einmal startete. So bekam ich dann auch mit wie alles seinen Anfang nahm.

 

Von da aus ging es zum Dämonenkiller, von dem ich damals noch nie was gehört hatte, aber anfing zu lesen, weil Ernst Vlcek da mitschrieb und sein Name das Cover zierte. Die anderen, fehlenden Nummern waren aber dann schnell besorgt, als ich mitbekam, dass auch diese Serie eine fortlaufende Handlung aufwies und unheimlich spannend war.

 

Ich versuchte mich mit anderen Serien, mit denen ich jedoch nie ganz warm wurde. Sei es auf dem Grusel- oder dem SF-Sektor. So liess ich es bleiben. Warum sich etwas verwässertes gönnen, wenn ich mit meinen Serien zufrieden war?

 

Durch die PR-Romane kam ich auf die PR-Taschenbücher, und irgendwann wieder auf die „normalen“ Bücher. Da war zwischen den festeren Deckeln auch nicht immer alles besser, als in den Groschenromanen, die selbst von meinen aufgeklärten Eltern mit einem kritischen Auge betrachtet wurden. Für sie war das eine Phase, aus der ich herauswachsen würde.

 

Heute ist es leider so, dass ich ein lebendes Beispiel bin für diese Erwartungshaltung meiner Erzeuger.

 

Es wurden immer weniger Groschenromane, die Ausflüge zum Kiosk und/oder Buchhandel immer spärlicher. Um dann irgendwann ganz auf zu hören.

 

Was hatte sich verändert?

 

Mit Sicherheit ich selber am meisten. Aber auch mein Geschmack an Literatur. Zudem hatte ich ein grosses Problem mit Perry Rhodan, dass sich diese Figuren immer an vorderster Front aufhielten. Das stimmte so nicht ganz mit der Welt überein, in der ich lebte, wie mir auffiel. Natürlich war es interessant, immer und immer wieder von den Lieblingsfiguren zu lesen, die sich Woche für Woche in ein Abenteuer warfen. Und das nur, um mich zu unterhalten. Nur war der PR-Kosmos vor 500 so gross geworden, dass mir das auch keinen Spass mehr machte. Und die Romane hatten etwas von ihrer Neuheit verloren. Ich las noch ein paar Bücher aus dem PR-Kosmos, sammelte aber weiter, bis auch das einmal aufhörte.

 

Ob ich diese Jahre vermisse?

 

Aber mit Sicherheit. Schon allein der Gang zum Bahnhof, um dann das druckfrische Heft in den Händen zu halten, war schon erfreulich. Noch heute gehe ich hin und wieder zum Bahnhof, um mir die neusten Covers anzusehen. Doch da sind nur noch die halten Haudegen zu finden. Allen voran Jerry Cotton, Perry Rhodan, der Landser und ein Western oder zwei. Die anderen, neuen Serien sind nicht mehr mein Ding. Meistens läuft die Serie schon und da tue ich mich mit Einsteigen schwer, oder nach ein paar Seiten verliere ich bereits das Interesse an der Schreibe.

 

Für mich war diese Zeit des Lesens eine erfreuliche Zeit, voller Spannung und Abenteuer. Alles war neu und noch unberührt. Und ich konnte alles mit Figuren entdecken, die mir lieb geworden waren.

 

Man kann soweit gehen und behaupten, dass mit diesen unterschiedlichen Autoren, die alle an diesen Werken gearbeitet haben, mein Horizont erweitert wurde. Natürlich bin ich nicht mit allem einverstanden gewesen, was ich las, aber die Einstellung zum Leben hat es doch wesentlich bereichert.

 

40 Jahre Horrorheftroman. Bei mir war es deutlich weniger lang. Vielleicht gerade mal die Hälfte davon. Doch missen will ich diese Zeit nie. Schade nur, dass viele der jüngeren Generation diese Erfahrung mit der angenehmen Art von Literatur nie haben werden. Nicht weil es an ihrer Entscheidung liegt, sondern weil es wohl die Groschenromane bald einmal nicht mehr geben wird. Jedenfalls nicht in der Form, wie wir sie kennen. Übers Internet vielleicht?

 

Ich sehe den Abgang des Mediums mit einem lachenden und tränenden Auge. Das lachende deshalb, weil ich die Begegnung der Heftchenart teilen dufte. Das tränende Auge sieht da einen Teil der Jugend davon sterben, um die es mir leid tut.

 

Zu gönnen wäre es jedem, dass er oder sie so den Einstieg in die Literatur macht. Der Alltag bekäme ein paar farbige Tupfer mehr verabreicht.

 

Und das können wir schliesslich alle gebrauchen, oder?

 

Auf jeden Fall von der Schweiz aus dem Heftroman alles Gute zum vierzigsten Geburtstag. Mögest du länger unter uns weilen, als von vielen leider anders befürchtet wird.

 

Auf die nächsten vierzig klingt ein wenig trottelig – jedenfalls im Licht der Tatsachen – aber ich sage es nun trotzdem: Auf die nächsten vierzig Jahre!

 

Michel

Kommentare  

#1 benfi 2008-07-27 12:52
Interessanter Rückblick! Ja, diese Gänge zum Bahnhof oder dem Kiosk des Vertrauens, diese spannungsgeladene Erfahrung haben wohl alle Fans noch gut in Erinnerung, oder?
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