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# 122: Schule am Montag...

As Time Goes By# 122: Schule am Montag...

... war in den ersten zwei Stunden völlig normal. Ich folgte mehr oder weniger aufmerksam dem Unterricht, meldete mich hier un da zu Wort, übte meine Handschrift, die heute nach viereinhalb Jahrzehnten Vernachlässigung und Lässigkeit, in etwa so leserlich ist wie die eines Chefarztes einer Universitätsklinik und langweilte mich zumeist und wartete auf die vor 14 Tagen beschriebene große Pause. Nach dieser ersten großen Pause von 9:00 – 9:20 Uhr hatte ich ja meine übliche Dosis Heftromane gekauft. Ab jetzt wurde Schule spannend und aufregend...

Die Beute unterm Arm begab ich mich vom Schulhof locker in die Klasse. Da Lehrer die Angewohnheit haben, sich auch erst nach dem Klingeln langsam vom Lehrerzimmer in Richtung der Klassen in Bewegung zu setzen, konnte ich unter der Beute in Ruhe meine Lektüre für die anstehende Unterrichtsstunde auswählen, bevor ein des Lehrkörpers dann vor die anwesenden Schüler trat. Immerhin wollte ich gut unterhalten werden, wenn es vorn um binomische Formeln, Vulkane, Könige oder englische Grammatik ging. Dinge, um die ich zum Teil schon wusste.

Aber das neueste Abenteuer Larry Brents, Dorian Hunters, John Sincalirs oder des Geister jagenden Professors mit Loire-Schloss oder ähnlicher Helden im Kampf gegen Übersinnliche kannte ich noch nicht. Und wer will schon bis zum Schulschluss warten... – Ich jedenfalls nicht.

Man entwickelt als begeisterter „Unter-dem-Tisch-Leser“ im Laufe der Zeit Techniken, dem Unterricht hinreichend mit einem Ohr zu folgen, um Spätfolgen der Lektüre einer unterdurchschnittlichen Note in einem Test oder Klassenarbeit zu vermeiden oder aber um plötzliche Fragen der Lehrkräfte tatsächlich beantworten zu können, ohne bekennen zu müssen, dass man die Lektüre eines Dan-Shocker-Romans einer Unterrichtseinheit vorzog. Erfahrene  Leser schaffen es, dem Unterricht zu folgen und gleichzeitig die Lektüre zu genießen.

Zu diesem Zweck saß man natürlich nicht ganz vorn und am besten auch nicht so, dass der Blick des Lehrers auf den lesenden Schüler nicht von einigen Mitschülern behindert wurde. Es empfiehlt sich auch nicht eine komplette Schulstunde mit gesenktem Kopf dazusitzen und völliges Desinteresse an den Ausführungen der Lehrkraft zu demonstrieren (auch wenn dem vielleicht so sein mag). Von Zeit zu Zeit sollte der lesende Schüler also den Kopf heben und interessiert Richtung Tafel bzw. Richtung Lehrer blicken. Es empfiehlt sich dies zunächst am Ende eines Absatzes zu machen, damit man den Faden der Lektüre ohne Schwierigkeiten wieder aufnehmen kann. Fortgeschrittene und talentierte Schüler können aber mitten aus einem Satz rausgehen und den Faden problemlos wieder aufnehmen.

Wichtig ist ebenso, den Lehrer/die Lehrerin – wie der Fußballer sagt – in der Tiefe des Raumes wahrzunehmen. Meint: Wenn die Lehrkraft zu einem Rundgang ansetzt, sollte der lesende Schüler die Lektüre unterbrechen. Auch auf plötzliche Zwischenfragen sollte man souverän reagieren. Hier zeigen sich dann die Meister vom Lesen in der Schulstunde.

Beachtet und beherrscht all diese Dinge, dann klappt das auch mit der Lehrkraft.

Zuletzt habe ich 1993/94 im Rahmen meiner Umschulung zum Groß- und Außenhandelskaufmann diese Situation durchgestanden. Ich las mal Terra Fantasy oder andere wunderbare Dinge unter dem Tisch. Mittlerweile saß ich vorn (nahe des Eingangs) und machte mir wegen Einträgen ins Klassenbuch weniger Sorgen. Und gerade deshalb wurde ich bemerkt. Der Lehrer fuhr unbeirrt fort und ich folgte seinen Ausführungen die Betriebswirtschaft betreffend. Plötzlich hielt er den Moment für gekommen. Er stellte eine Frage eben seine Ausführungen betreffend.

Siegesgewiss erwartete er meine Rückfrage, was er denn meine und ob er noch mal seine Ausführungen wiederholen könne. Woraufhin er schon seine Predigt vorbereitete, dass man schon dem Unterricht folgen müsse, um der Abschlussprüfung gwachsen zu sein.

Aber: Don’t mess with a professional reader... Das ist nämlich wie Fahrradfahren. Man verlernt die Technik des halben Ohres nicht.

Ich gab also meine Antwort und las weiter. Und er ließ mich fortan in Ruhe... – Das ist der Vorteil der Erwachsenenbildung...

Zur Warnung an heutige Schüler: Nur lesen, wenn Eure schulischen Leistungen das gestatten und wenn ihr die Techniken beherrscht.

Kommentare  

#1 Laurin 2009-08-09 14:07
Gut das ich das nie gemacht habe, denn wenn es spannend wird krieg ich um mich herum heute noch nichts mit (geschweige denn früher als Schüler :lol: )
#2 Harantor 2009-08-09 14:36
In dem Moment, wo Du kein Ohr mehr für Deine Umgebung hast, immer Finger weg vom Lesen unter der Schulbank. Immerhin kann sich die Lehrkraft dann anschleichen und das Heft konfiszieren. Du kannst es nicht zu Ende lesen und wenn Du Pech hast, bekommst Du es erst zurück, wenn Lehrkraft und Elternteile dieses Verhalten intensiv auf dem Elternsprechtag diskutiert haben.
#3 Laurin 2009-08-09 19:21
Puhh...gut das ich schon verdammt lange aus der Schule raus bin, sonst hätt ich nie einen Roman bis zum Schluß lesen können :o .
#4 Harantor 2009-08-09 19:29
Ich habe unter dem Tisch so einige begonnen und beendet. Mein Sitznachbar fand es faszinierend, wenn ich eine Frage beantwortet habe und ansatzlos mit der Lektüre fortfuhr. - Da habe ich fürs Leben gelernt.

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