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Queen of Drags versus RuPauls DragRace: Der Versuch einer Charmoffensive

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneQueen of Drags versus RuPauls DragRace
Der Versuch einer Charmoffensive

Die Wellen schlugen hoch. Heidi Klum als Moderatorin eines Formats, dass sich an RuPauls Dragrace anlehnt? Ausgerechnet Heidi Klum? Die eiskalte Quotenprinzessin, die Deutschlands Topmodel-Hoffnungen ohne mit der Wimper zu zucken zerstört? Also nicht, dass es nicht opportun wäre eine Frau ein Format über und mit Dragqueens moderieren zu lassen - aber Heidi Klum? Was hat die denn mit Drag zu tun?

Etwas milderte sich die Aufregung, als bekannt wurde, Conchita Wurst mit von der Partie wäre und Bill Kaulitz. Wobei: Auch bei Bill Kaulitz lässt sich die Verbundenheit zur Szene mit der Lupe nicht unbedingt finden. Und im Grunde wäre das für die Moderation einer Sendung, in der zehn Leute versuchen der, die, das Beste Irgendwas von Deutschland zu sein eigentlich auch nicht weiter von Belang. Aber … es ist halt doch eine etwas andere Talentsuchshow. Und zudem steht diese auf den Schultern eines äußert erfolgreichen Formats aus den USA. Dies dient ja eindeutig als Vorlage und Folie. Und wird durch eine der bekannteren Dragqueens moderiert wird: RuPaul. An diesem Vorbild kann und muss sich das deutsche Pendant messen lassen. 

Stellt man die Formate gegeneinander wird ersichtlich, dass Deutschland einen komplett anderen Focus hat als das Original. Das kommt auch von der unterschiedlichen Sendezeit her. RuPaul hat sechzig Minuten für eine Folge, ProSieben gönnt den DragQueens dann doch an die Einhundert. Nun muss man fairerweise sagen, dass RuPaul eine Zusatzsendung hat, in der die ganzen Konflikte zwischen den Dragqueens nochmal aufbereitet werden - nennt sich als Format ›Untucked‹, dauert so eine halbe Stunde - das ist bei ProSieben inklusive. Insofern käme man ungefähr auf eine gleiche Sendezeit.

Dennoch fühlt sich RuPauls Dragrace straffer, organisierter, zupackender an. Das liegt daran, dass die Sendung an sich auch keine Zeit verliert - ausführliche Biographien oder Homestorys wie bei ProSieben und auch eine Villa wie dort gibt es im Original eben nicht. Angesichts der Tatsache, dass <RuPauls Dragrace> bei relativ kleinen Sendern lief und läuft, ist eine große Villa wohl nicht im Etat drin. Und dass ProSieben einen hat, merkt man auch daran, dass die an die Gewinnsumme des Originals noch eine Null dran hängen - statt 10.000 Dollar sind es 100.000 Euro.

›RuPauls Dragrace‹ hat vier feste Programmpunkte: Eine Mini-Herausforderung zu Beginn, dann das Thema der Woche und das Schneidern der Outfits für Laufsteg, es gibt zwischendurch immer noch eine Aktion - mal das Nachspielen eines Märchenstoffes, mal die Erarbeitung einer Choreographie zu RuPauls Dance-Nummern oder die Teilnehmer dürfen nochmal für ihre Kostüme einkaufen gehen. Die Wertung der Jury bezieht sich dann auf die Aktion der Woche und den Laufsteg. Das Lip-Synchen, das Playback-Singen, das ist er am Ende der Sendung angesiedelt. Hier entscheidet sich, wer von zwei Dragqueens die Sendung verlassen muss.

Gegenüber dem amerikanischen Vorbild bietet sich der deutschen Zuschauerschaft ein anderes Bild. Eine Mini-Herausforderung gibt es nicht. Dafür das Ritual der Rangliste: Bilder der Queens werden zu Beginn der Sendung in der Villa nach der Rangfolge der letzten Bewertungsrunde aufgehängt. Was gleich ist: Es gibt ein Thema der Woche. Allerdings sieht man als Zuschauer*in die Dragqueens nicht dabei, wie sie im Studio das passende Kostüm zum Thema anfertigen - das ist so gegen Ende der Sendung, wenn es um den Auftritt geht, schon immer irgendwie fertig. Unklar ist, ob das Kostüm jetzt schon vorher fertig ist oder ob in der Woche noch gemacht wird - es ist einfach da. Die Kamera fährt kurz drüber, fertig.

Wir als Zuschauer*innen bleiben also außen vor. Im Original verbringen wir einige Zeit mit den Dragqueens im Studio, sehen, wie die Kostüme entstehen, beobachten, wenn etwas nicht so funktioniert wie gewollt und bekommen die Kostüme selbst erst auf dem Laufsteg zu sehen. Dabei kriegen wir natürlich auch das mit, was eine Reality-Show halt auszeichnet: Das Gezicke, das Getue, Heulanfälle, heftige Debatten - da die Sendung sich immer auf das überschaubare Studio konzentriert sind wir näher dran. Selbst <Untucked> ist nur eine Reaktion auf den Laufsteg und die Bewertung der Richter danach, sie spielt halt nicht dort, wo die Queens übernachten.

Was im Original im Studio stattfindet, soll bei ProSieben durch die Villa ersetzt werden: Statt des Kostüm-Schneiderns sehen wir den Queens bei der Einstudierung ihrer Choreographien für das Lip-Synchen zu. Man merkt dabei, dass die deutsche Variante immer schnell bereit ist woanders hinzuschauen, sofern sich nur der Hauch eines Dramas ergibt. Bei RuPaul gibt es diese Schnitte und diese Konzentration auch, aber da die Teilnehmer alle im Studio versammelt sind und nicht weglaufen können wirkt es nicht so gehetzt. Dass generell sich die Art und Weise der Inszenierung von amerikanischen und deutschen Shows unterscheiden, das sollte klar sein. Aber gerade hier fällt auf, wie selten eigentlich in der deutschen Fassung die Kamera einen Charakter oder eine Situation länger im Blick hat. Ständig wird weitergeschaltet, kaum haben wir die eine Situation erfasst, stürzen uns die Macher schon in die nächste. Die allgegegenwärtige Popuntermalung, die uns dann vermitteln soll, wie wir jetzt zu fühlen haben - Dance-Song: Happy, Ballade in Moll: Sad - ist dann eine zusätzliche Barriere. Und führt dazu, dass man bisweilen Mühe hat die Moderatoren-Texte zu versehen.

Diese eingesprochenen Moderationstexte für die Einspieler, besonders auffällig bei Heidi Klum, klingen als hätten die Sprecher vorher eine Tablette Valium eingenommen. Bei Profis aus dem Fernseh-Geschäft würde man doch zumindest eine passable Leistung erwarten, aber dem ist nicht so. Ein Fehler auch, dass man auf drei Zugpferde setzt - man nimmt zwar alle drei Moderatoren*innen in der Sendung wahr, aber wenn man mich fragt, was Heidi Klum jetzt so besonderes getan hat … Nun, das kann auch ein Segen sein. Während im Original RuPaul alleiniger Star ist, der von einem festen Kern von Juroren plus einem Gast-Star unterstützt wird, ist es im deutschen Format selbst Conchita nicht vergönnt richtig zu glänzen. Hätte man Olivia Jones - die als Gast ja in der ersten Folge dabei war - permanent gewinnen können …

Wie erwähnt: Ausführliche Homestories gibts bei RuPaul nicht, dafür hat das Format keine Zeit. Allerdings bekommt man durch die persönlichen Gespräche von RuPaul während er im Studio die Kostüme begutachtet und die Perücken dann doch einen Einblick in deren Biographien. Das fehlt wiederum bei der deutschen Fassung, das ersetzen halt die Homestorys. Und das ist schade, weil ich als Zuschauer*in durch die Interaktion zwischen Moderator und Kandidaten den Eindruck habe näher dran zu sein. Ob das so ist - es ist immerhin Fernsehen - sei dahingestellt.

Was sich komplett unterscheidet ist der Fokus beider Sendungen: Zwar gibts auch kleinere Aktionen beim deutschen Format wie den Trash-Walk oder ein Theaterstück, das ist allerdings eher Nebensache. Hauptaufmerksameit bei der deutschen Variante hat das Lip-Synchen. Das Defilieren über den Laufsteg mit launigen Anmerkungen der Jury fällt bei uns weg. Wobei: Humor und Selbstironie - beim deutschen Ableger auch nicht unbedingt im Überschwang vorhanden. Da ist einem bei RuPaul das Augenzwinkern lieber. Dafür muss man fairerweise gestehen, dass die schamlose Promotion eigener Produkte bei RuPaul bisweilen auch nerven kann. <Ob RuPaul wirklich singen kann, das ist etwas, was ich nach zehn Staffeln immer noch nicht herausgefunden habe …>

Im Original zeigen die Dragqueens, was sie in einer Woche zum Thema im Studio genäht und geklebt haben. Der Laufsteg ist ein immens wichtiger Bestandteil der US-Ausgabe: Passen die Schuhe zum Kleid? Wie ist das Thema getroffen? Wie sitzt das Make-up? Gibts Überraschungen? Selbst die Zuschauerschaft weiß nicht unbedingt, was da auf die Bühne kommt - auch wenn man vorher im Studio mit dabei war. Kostüme gibts beim deutschen Ableger auch, aber hier gehts darum beim Lip-Synchen eine gute Show zu liefern. Das sind kulturelle Unterschiede und Sichtweisen, was da besser ist … das möge man selbst beurteilen.

Was das Original spritzig macht sind die Kommentare der Jury während des Laufstegs. Ob die spontan fallen oder gescripted sind - Nebensache. Denn während der Debatte darüber, welches Kostüm gefallen hat oder auch nicht, sind die Juroren*innen auch hinterher in der Beratung nicht auf die Zunge gefallen. Das US-Vorbild zeigt den Beratungsprozeß länger und ermöglicht auch uns nochmal eine Meinung über die Queens zu fällen. Bei ProSieben bekommt man das nur ansatzweise mal mit.

Gut - ob man nun Punkte vergibt oder ob man Tops- oder Bottoms hat - nicht so wichtig. Wichtiger ist aber, dass die Jury nochmal nach ihrer internen Beratung erklärt, was sie an den Kostümen mochte und was nicht. Und das kann durchaus nochmal zu Tränen bei den Kandidaten führen, wenn RuPaul eiskalte Kritik äußert und seine innere Heidi herausholt. Das kann er durchaus auch. Allerdings ist das bei ihm eine Facette, die nicht dauern überwiegt. Zwar versucht Heidi auch in der ersten Folge den Verlierer zu trösten, aber irgendwie - gutgemeint, ja, aber … Da fehlt eine gewisse Wärme. Die hat RuPaul. Vielleicht, weil er nachvollziehen kann wie das ist, wenn man als Dragqueen gewisse Erfahrungen macht. Was Heidi ja vollkommen fehlt.

Was also ist von der deutschen Variante zu halten? Macht sie etwas Besser als das Original? Oder ist sie im Endeffekt nur eine Variante der üblichen bei uns inszenierten Talentshows? Die ja meistens auch ein Vorbild aus dem englischsprachigem Raum haben - Pop Idol, Britain got talent.

Es kommt darauf an, ob man das Original kennt oder nicht. Nur dann kann man vergleichen. 

Wer Zugriff auf Netflix hat und das Original kennt, wird seufzend vor dem Fernseher sitzen, RuPaul vermissen, den Humor, das Augenzwinkern, die kessen Sprüche der Jury und auch den Umgang mit den Kandidaten selber - der in der US-Variante eine Spur herzlicher ist als bei uns. Und er kann sich an wunderbaren Kostümen freuen, die auf dem Laufsteg gezeigt werden.

Wer das Original nicht kennt, der könnte durchaus seinen Spaß haben. Oder mal wieder seine ironische Haltung zum Fernsehen trainieren. Dass diese Sendung nichts für die Gleichberechtigung oder für die politische Anliegen der Dragqueens tun wird, das ist trotz aller Aufgepfroptheit wohl klar. Ob die Serie für eine besser Akzeptanz sorgen wird, weil man in der Gesellschaft mehr über das Thema an sich spricht - auch fraglich. Vermutlich wird der Großteil das Ganze als das sehen, was es ist: Unterhaltung mit einem Hauch von den guten alten Sylvester-Fernsehballett-Aufführungen - mit mehr oder weniger Federn und Boa.

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2019-11-28 10:35
Zitat:
Heidi Klum? Was hat die denn mit Drag zu tun?
Im Ernst? Das macht sie doch schon seit Jahren als Programmpunkt in GNTM. Und dass sie es im Familienverbund macht, dürfte auch keine besondere Überraschung sein. Hat die schmierige Promipresse doch wenigstens Stoff, wenn das in die Grütze geht.
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#2 Laurin 2019-12-06 19:47
Nun ja, ich habe ja nichts gegen eine schön bunte Welt und jeder soll und darf so leben wie er mag. Also kein Problem mit dem eigentlichen Inhalt. Aber mal ehrlich, ich habe gestern mal reingesehen und nach einem Drittel dann genervt umgeschaltet, denn Heidi Klum und ihr Ehemännlein haben mich dermaßen genervt, dass ich mir das nicht weiter antun wollte. Ist halt irgendwie die gleiche Brühe wie GNTM.
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