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Horst Hübner - Aus meinem Leben

Horst Hübner Horst Hübner
Aus meinem Leben

Horst Hübner hat Western unter den Pseudonymen Ross Kincaid (für Bastei) und Ringo Clark (für Marken) geschrieben. Er betreute als Redakteur diverse Western-Reihen. Das war zweifellos der Schwerpunkt seines schriftstellerischen und redaktionellen Schaffens im Bereich Heftroman.  Weiter war er Hauptautor der Zeitkugel und Erde2000 (Marken) und auch Redakteur der beiden Serien. Krimis (Glenn Collins) schrieb er ebenso wie Horrorromane (Gordon Black und MacKinsey).
 

Horst Hübner war dabei, als der Heftroman in voller Blüte stand. Demnächst startet dann (ab dem 8. April - endlich - jeden Dienstag) die Serie "Der Heftroman nach Hübner". Darin schildert der Autor und Redakteur in Anekdoten und Analysen seine Sicht auf diese Publikationsform. Das wird lustig bis tragisch.

Aber zunächst erzählt Horst Hübner aus seinem Leben, insbesondere seinen frühen Jahren. Ein Leben, das spannender ist als so manches Heft.


Inhalt 
 
 
 
 
 
Horst Hübner Die ersten Lebensjahre bis zum Volontariat
Ich bin am 12. August 1936 in Gaildorf geboren, das liegt heute im Landkreis Backnang. Das ist im Dreieck Crailsheim, Schwäbisch-Hall, am Rande Schwabens und in der Region Hohenlohe.
 
Meine Kindheit war durch den Krieg sehr stark geprägt. Vorausschicken möchte ich, dass in meinem Leben Wasser dreimal eine große Rolle gespielt hat.
 
Doch noch vor dem Krieg hatte ich das erste Erlebnis mit dem feuchten Element. 1937 waren meine Eltern nach Heilbronn gezogen. Als Einjähriger war ich der Obhut einer Verwandten anvertraut. Die schob mich dann in einer Kinderkarre, einem so genannten Sportwagen, spazieren und hat mich die Böschung zum Neckar hinunter sausen lassen. Sie wollte mal sehen, was passiert.
 
Ein Schrebergärtner hatte das beobacht, ist hinzugeeilt und hat mich und den Sportwagen mit einer Harke aus dem Wasser gefischt. Ich muss dieses Bad offensichtlich unbeschadet überstanden haben.
 
Heilbronn wurde im Jahr 1944 das Ziel mehrerer Luftangriffe. Es wurde die Parole ausgegeben, dass alle die, die Verwandtschaft auf dem Land haben, die Stadt verlassen sollen und auf dem Land unterkommen müssen. So geschah es auch mit uns.Mein Vater war als Soldat im Krieg. Meine Mutter stammte von einem großen Hof im schwäbischen Weill, genauer Groß-Erlach. Mit meiner Schwester Brigitte und meiner Mutter wurde ich dorthin verbannt. Ich habe dies jedoch nicht als Verbannung empfunden. Es war für mich sehr interessant und lehrreich. Dort lernte ich den Umgang mit Tieren. Es gab dort zweiundzwanzig Milchkühe, zwei Ochsen, fünfzehn bis achtzehn Schweine, es waren aber auch Schafe und Ziegen da. Zudem gab es Katzen auf dem Hof, die den Mäusebestand in der Kornkammer klein halten sollten.Vormittags gingen meine Schwester und ich in eine der damals typischen Dorfschulen. In einem einzigen Klassenraum befanden sich die acht Schulklassen (mehr gab es damals nicht) und ein Lehrer. Der Lehrer konnte sich dann immer nur mit einer der Klassen beschäftigen. Noch vor der Schule und auch am Nachmittag war dann Hofarbeit angesagt. Wir mussten beim Ausmisten, beim Einstreuen und Füttern der Tiere helfen. Es musste mit der Sense gemäht werden, eine Mähmaschine gab es damals noch nicht. So lernte ich auch, Heu zu machen. Darüber hinaus wurden wir beim Kartoffelnsetzen, beim Rübenstecken und bei der Ernte eingesetzt. Das war sehr lehrreich, allerdings auch sehr entbehrungsreich.
 
Ich erlebte dann auch den Einmarsch der amerikanischen Truppen. Weitere Verwandte kamen aus dem zerbombten Stuttgart zu uns.Wir sind dann zur Schwester meines Vaters ins benachbarte Mainhardt gezogen. Dieser Ort hat dem Mainhardter Wald seinen Namen gegeben. Eine Rückkehr nach Heilbronn in unsere damalige Mietwohnung war 1945 nicht möglich. Das Haus war von einer Luftmine, die etwa in zehn Meter Höhe vor dem Haus explodiert war, ausgebombt worden. Die Fassade stand noch, aber die Druckwelle war durch die Fenster rein gegangen und hatte die ganzen Zwischenwände und die Rückwand, inklusive jeglichen Mobiliars, nach hinten rausgedrückt. Nachbarn haben uns berichtet, dass Reste unseres Schlafzimmers noch dreihundert Meter hinter dem Haus gefunden worden sind.Noch während unseres Aufenthaltes in Mainhardt habe ich dann die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium St. Michael in Schwäbisch Hall gemacht. Ich bin dort bis zum „Einjährigen“ zur Schule gegangen. Das war am Ende der sechsten Klasse im Jahre 1950.
 
Dieses Gymnasium ist übrigens eine traditionsreiche Einrichtung. 2006 haben wir das 350. Jubiläum gefeiert. Gegründet wurde es als Lateinschule an St. Michael.Im Jahr 1950, mein Vater war inzwischen aus der Gefangenschaft heimgekehrt, bekamen wir die Zuzugsgenehmigung nach Heilbronn. Diese Genehmigung war durch die Alliierten streng reglementiert und es gab nicht viel Wohnraum, der zu verteilen war. Man hat die Leute also immer nur grüppchenweise in die Stadt zurückkommen lassen.
 
Mein Vater hat dann in Heilbronn Arbeit gefunden und wir sind mit der Familie zurück gezogen. Ab der siebten Klasse bis zum Abitur habe ich in Heilbronn das Robert-Mayer-Gymnasium besucht. Robert Mayer war ein bekannter deutscher Physiker, der das Gesetz von der Erhaltung der Energie entdeckt und formuliert hat.Nach dem Abitur im Jahre 1957 habe ich mich dem Journalismus zugewandt. Ich hatte immer gute Aufsätze geschrieben und meine Deutschlehrer hatten mir diesen Schritt nahe gelegt. Ich ging dann zur Heilbronner Stimme, der größten ansässigen Zeitung, um in Erfahrung zu bringen, wie ich Journalist oder Redakteur werde.Dort riet man mir, an der FU Berlin bei Emil Dovifat [bekannter deutscher Publizistikwissenschaftler, *27.12.1890 – 08.10.1969] zu studieren. Ich schrieb mich dort ein und habe bei ihm einige Semester Journalistik gehört. Anschließend bin ich ans Journalistenseminar des Friedmann-Instituts in München gegangen, das war allerdings mehr ein Crash-Kurs.
 
Als ich von dort wieder zurückkam, bin ich Volontär bei der Heilbronner Stimme geworden. In der Stadt und der Provinz, in Künzelsau, habe ich dann das Handwerk des Tagesjournalismus gelernt. Ich hatte in Künzelsau ganz tolle Begegnungen und Erfahrungen.Ich habe dort auch das Glück gehabt, mein erstes ganz großes Geld mit einem Interview zu verdienen, das ich mit Dr. Häussermann gemacht habe. Das war der Bruder des ortsansässigen größten Kohle- und Stahlhändlers. Dr. Walter Häussermann war aber Wissenschaftler unter Wernher von Braun in Peenemünde. Er war an der Entwicklung der V-Waffen beteiligt. Als die Russen heranrückten, hatte man noch versucht, die Raketen in Sicherheit zu bringen. Sie waren auf den Weg zur viel zitierten „Alpenfestung“ gebracht worden. Man hatte jedoch keine Chance mehr durchzukommen. So waren die V-Waffen im Stahllager beim Kohlenhändler Häussermann in Künzelsau eingelagert worden. Das ist irgendwann aufgefallen. Die Amerikaner haben dann zum einen die V-Waffen abgeholt und Dr. Häussermann gleichzeitig das Angebot gemacht, als Wissenschaftler und Raketentechniker (sein Spezialgebiet war Steuerungstechnik) mit nach Amerika zu kommen und nicht zu den Russen zu geben [er gehörte dann zu den Paperclip boys des militärischen Geheimprojekts Operation Overcast der USA, Anm. J.B]. Beide, sowohl Russen als auch Amerikaner, warben um diese Leute.
 
Diese Geschichte habe ich zuvor nicht mitgekriegt, sondern mir alles von den Beteiligten berichten lassen. Im Jahr 1958 fand in Amsterdam der erste und einzige Weltraumforscher-Kongress statt. Zu diesem Kongress kamen Amerikaner, Russen, Engländer und Forscher aus anderen Ländern.
 
Auf dem Heimweg nutzte Wernher von Braun die Chance, seine Eltern am Starnberger See zu besuchen. Dr. Häussermann nahm die Gelegenheit wahr, seinen Bruder, seine Familie und seinen Heimatort Künzelsau aufzusuchen.Da schickte man mich mit einer altertümlichen Kamera und einem Blitzgerät los. Das Blitzgerät wurde von einer Säurebatterie gespeist. Die Batterie musste man sehr vorsichtig handhaben. Wenn die auf den Kopf gestellt wurde, lief die Brühe aus. Damit hatte ich schon mal ein riesiges Loch in eine meiner besten Hosen gebrannt und auch die Rückbank unseres Redaktionsautos musste mal ausgewechselt werden.Ich bin jedenfalls zum Häussermann spaziert und habe versucht, ein Interview für die Provinzausgabe unserer Zeitung zu bekommen. Noch vor dem Haus bin ich von Sicherheitsleuten abgefangen worden, die den Wissenschaftler abschirmten. Man hat mich einfach in die Besenkammer gesperrt! Ich konnte die Sicherheitsleute aber davon überzeugen, erst mal den Dr. Häussermann zu fragen, was er denn von einem Interview hielte.
 
Der erklärte, dass er bereit sei, dem jungen Mann von der regionalen Zeitung ein Interview zu geben.So bin ich zu diesem Interview gekommen. Wir haben viel rund um seine Geschichte zwischen Peenemünde, den USA und Amsterdam gesprochen. Dieses Interview wurde in der Heilbronner Stimme veröffentlicht. Das Interesse daran war groß. Mehrere Zeitungen haben das übernommen und sehr gutes Geld dafür gezahlt. Dann brachte mich jemand auf die Idee: „Mensch, biete das Interview doch auch der Illustrierten Quick an!“ Das habe ich gemacht und so habe ich den ersten größeren Betrag verdient. Ich hatte denen drei Bilder und drei Maschinenseiten Text geliefert. Insgesamt waren das dreitausendfünfhundert Mark für mich! Das war damals ein enormes Vermögen! Dafür habe ich mir gleich einen gebrauchten VW gekauft, einen Käfer. Das war noch die Urform mit dem geteilten Heckfenster (Brezel). Blinker gab es auch noch nicht, wie man sie heute kennt. Dafür gab es die Winker. Wenn der Fahrer einen Hebel umlegte, klappten links oder rechts die Winker raus. Falls man dann zu scharf fuhr, riss man die Dinger ab und man sah entsprechend „gut“ aus.
 
In Künzelsau gab und gibt es ein Lehrerseminar. Das wurde damals von einem Direktor namens Roth geleitet. Dieser Roth war eng befreundet mit dem Geiger Yehudi Menuhin. Die beiden hatten sich vor dem Krieg kennen und schätzen gelernt. Dieser Roth brachte das Kunststück fertig, den berühmten Geigenvirtuosen zu einem internen und intimen Konzert in Künzelsau zu gewinnen. Yehudi Menuhin hatte in Folge des Holocausts, damals nannte man das auch Judenvernichtung, seinen Landsleuten geschworen, nie wieder in Deutschland öffentlich aufzutreten. Er ist aber trotzdem gekommen und hat ein wundervolles Privat-Konzert für Freunde, Seminaristen und einige wenige Gäste aus der Stadt gegeben. Ich habe mich mehr oder weniger selbst eingeladen, als ich davon hörte, denn nur so kommt man voran. Auch mit Yehudi Menuhin konnte ich dann ein kleines Interview durchführen.
 
Ich habe auch noch ein großes Interview gemacht, noch während meiner Volontariats-Zeit, und zwar mit Nikita Chruschtschow, das ganze nachts um halb Elf. Eines Tages im Frühjahr klingelte es Sturm an der Tür und jemand vom Verlag sagte: „Du musst sofort zum Bahnhof, um halb zwölf geht ein Zug. Über den Ticker ist gerade die Nachricht gekommen, dass Chruschtschow morgen völlig überraschend zur Leipziger Messe kommt. Es ist kein Redakteur frei, Du musst nach Leipzig!“ Ich hatte keine Fahrkarte, ich hatte keine Akkreditierung, ich hatte keinen Messeausweis, ich hatte keine Fotoerlaubnis, überhaupt nichts! Auf meine diesbezügliche Frage erwiderte man: „Doch, hast Du alles um halb zwölf am Bahnhof, bis dahin wird alles erledigt
 
Als ich um halb zwölf am Bahnhof war, standen dort wirklich zwei Leute vom Verlag, die hatten für mich ein Akkreditierungsschreiben, einen Messeausweis, meinen Journalistenausweis, den Fotografenausweis und vor allem die Fahrkarte. Der Messeausweis war gleichzeitig das Visum. So bin ich bin fröhlich nach Leipzig gefahren und habe am Vormittag  [04. März 1959, Anm. J.B.] den Rundgang von Chruschtschow begleitet. Das war der Messerundgang, also der Teil, wo die deutschen Aussteller standen. Da hat man gesehen, dass Nikita Chruschtschow ein ganz trinkfestes Kerlchen war. An jedem deutschen Stand, bei Krupp oder bei Stahlaufzügen aus Stuttgart, überall hat er verweilt und nahm ein Gläschen zur Brust. Jeder normale Messebesucher wäre bei diesen Trinktouren in die Knie gegangen. Der Chruschtschow nicht! Mit dem Hut in der Hand dackelte er fröhlich durch die Reihen. Am Nachmittag bin ich mit dem Tross weiter gezogen und bin ein oder zwei Mal fotomäßig zum Schuss gekommen. Insgesamt war das aber nichts Aufregendes, außer dem Shakehands mit dem bekannten Unternehmer Berthold Beitz [*26.09.1913, war einflussreicher Unternehmer in der Montanindustrie, Anm. J.B.]. Außerdem habe ich ein paar freundliche Worte mit den Dolmetscherinnen gesprochen.
 
Am Nachmittag war eine große Kundgebung mit Nikita Chruschtschow auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig. Ich war ganz in der Nähe und habe meinen Fotoapparat mitgenommen. Als die Menge sich auflöste und Chruschtschow sein dreimaliges „Mira!“ (Frieden) in die Menge gerufen hatte, setzte sich der russische Konvoi in Bewegung. Ich stand ein bisschen abgesetzt an der Straße, als ich bemerkte, dass mehrere Bremsleuchten der Konvoi-Fahrzeuge aufleuchteten. Zwei französische Kollegen, die ich vormittags schon auf der Messe gesehen hatte, bekamen das auch mit und rannten in Richtung Konvoi-Spitze.
 
Wie sich kurze Zeit später herausstellte, hatte Chruschtschow den Wunsch verspürt, in eine lokale Buchhandlung zu gehen. Er hat die ganze Kolonne deswegen anhalten lassen und preschte spontan in die Buchhandlung, bevor sich seine Abwehrmannen geordnet hatten. Die französischen Journalisten und ich folgten ihm. Die Franzosen sprachen leidlich russisch und haben den Chruschtschow im Buchladen sehr höflich angesprochen. Bevor die Bodyguards uns abdrängen konnten, waren schon zwei Dolmetscherinnen herbeigeordert worden. Dann haben wir zusammen ein sehr schönes Interview gemacht, das mir auch relativ viel Geld eingebracht hat. Es ist ein irres Gefühl, wenn man da so in 1,5 m Distanz einen Menschen begegnet, der die Hälfte der Weltmacht in der Hand hält. Das war ein unglaubliches Gefühl.
 
Aus dem Tageszeitungsgeschäft habe ich mich dann im Herbst 1959 etwas zurückgezogen. Bis dahin gab es nur ein Fernsehprogramm, die ARD. Nun sollte es ein zweites Fernsehprogramm geben, das in Mainz auf die Beine gestellt werden sollte. Das interessierte mich.

Da bin ich also nach Mainz gefahren, es war ein regnerischer Tag. Ich sah eine überschwemmte Wiese, es war alles voller Schlamm. Ich bemerkte hölzerne Gehsteige und ein paar Baracken. Das alles war nicht gerade dazu angetan, um mich zu motivieren. Da habe ich auf der Stelle kehrt gemacht. Das war ein Fehler, denn aus diesen drei Baracken ist später das ZDF entstanden.

 
Horst HübnerAls Reiseberichterstatter nach Singapur
Ich bin im Jahre 1959 als Korrespondent meiner Zeitung nach Straßburg an den Vorläufer des Europaparlamentes gegangen. Der Grund war, dass ich in Künzelsau eine Dame kennen gelernt hatte. Wir waren uns so nahe gekommen, dass wir uns als verlobt betrachteten. Ich hatte auch die Absicht, sie zu ehelichen. Aber dazu musste man Geld haben und ich wollte erst mal etwas auf die Beine stellen. Durch einen Zufall konnte ich Berichte für die Overseas Weekly schreiben. Das war das Wochenmagazin der US-Soldaten-Zeitung Stars & Stripes. Die trugen mir an, dass, wenn ich auf Reisen ginge, ich doch von da oder dort für die Overseas Weekly als Reisekorrespondent berichten könne.Das habe ich getan. Ich wollte mir die Welt angucken, bevor ich mich niederließ. Eine Reise von einem Jahr war geplant, zuerst sollte es nach Japan gehen.
 
Die Reise begann und ich war als Tramp, per Anhalter, zu Fuß, per Schiff, Bahn, Auto und mit Reittieren unterwegs. Unterwegs erreichte mich die Nachricht, dass ich mich als entlobt zu betrachten hatte. Die junge Dame wollte nicht so lange warten, bis ich wieder zurück war und hat sich anderweitig getröstet. Daher habe ich meine Reise verlängert. So sind aus zwölf Monaten sechzehn geworden.In Japan, genauer gesagt zwischen Japan und Rot-China, hatte ich ein weiteres meiner Wassererlebnisse. Ich hatte mich dort mit einem Mann angefreundet, von dem gemunkelt wurde, er wäre Agent und hätte mit den Amerikanern zu tun. Er sagte zu mir, dass ich doch so ein abenteuerlicher Typ sei. Ich wäre doch recht anstellig und gelehrig und bestimmt für alles zu haben. Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm in einem Schnellboot an die chinesische Küste zu fahren. Dort sollten durch Bestechung freigekaufte Gefangene abgeholt werden. Ich willigte ein.
 
Das Boot, das uns zur Verfügung stand, hätte ein Privatmann gar nicht selber finanzieren können. Da musste, so dachte ich, schon eine mächtige Regierung dahinter stehen. Das Boot hatte zwei Motoren mit jeweils 1200 PS!Wir sind also praktisch übers Wasser geflogen und waren eine ganze Nacht unterwegs. Im Morgengrauen sind wir dann von einem rotchinesischen Küstenwachboot, das sehr stark bewaffnet war, gesichtet worden. Die erste Granate saß bei uns direkt vorne im Bug. Wir hatten einige Tote und Schwerverletzte. Das Boot ging unter und es dauerte nicht lange, bis die Haie anfingen, uns zu umkreisen. Einige der Verletzten sind dann noch gestorben. Der schäbige Rest, zu dem ich auch gehörte, klammerte sich an Trümmerstücke. Am Spätnachmittag tauchte dann ein Wasserflugzeug auf, das uns gesichtet hatte und durch Wackeln signalisierte, dass man uns gesehen hatte. Man hat uns dann Notrationen abgeworfen. Da hat mich allerdings fast der Schlag getroffen! Bei den Notrationen war dann Klopapier und all so ein Mist dabei. Aber nichts, was man im Wasser treibend gebrauchen konnte, Haiabwehrmittel oder dergleichen. Nichts! Null!
 
Zwölf Stunden später, in der Dämmerung des nächsten Tages, kam endlich ein Schiff und hat uns aufgenommen. Wir sind in eine amerikanische Klinik nach Japan gebracht worden.
 
Da habe ich gesehen, was Salzwasser anrichten kann, besonders im Zusammenhang mit Pulverschmauch. Der fängt nämlich auf der Haut an zu ätzen, wenn man den nicht sofort loswird. Und zusammen mit Salzwasser und der Sonne wirkt sich das stark auf die Haut aus. Ich sah aus, als hätte man versucht, mir die Haut bei lebendigem Leibe abzuziehen. Die Haut schälte sich im Gesicht und am ganzen Körper. Die Augen waren verkrustet und auch die Lippen schälten sich.
 
Von Japan aus wollte ich die Rückreise antreten und heuerte auf einem Trampschiff namens Kazuki Maru an. Den Begriff Trampschiff sollte ich erklären. Das waren Schiffe, die kein festes Ziel hatten, also nicht im Liniendienst mit einer festen Route verkehrten. Es gab bestenfalls ein Fernziel. Die Kazuki Maru hatte das Fernziel Hamburg. Je nach Ladung lief das Schiff unterwegs verschiedene Häfen an.Ich hatte als Decksmann (engl. Deckhand) angeheuert, war quasi ein Hilfsarbeiter. Ich wurde nicht bezahlt. Die Entlohnung bestand in freier Kost und Logis und der Überfahrt.Erstes Ziel war Hongkong. Dort blieben wir drei Tage. Wir waren damals Globetrotter, Abenteurer, junge Leute, Männlein und Weiblein. Wir kamen aus aller Herren Länder. Man traf sich da auf Wan Chai [Geschäftsbezirk in Hongkong, Anm. J.B.].
 
Auf dem Viktoria Peak gab es ein kleines intimes Café, wo sich die Globetrotter trafen. Einige von denen, die künstlerisch begabt waren, haben dort Ausstellungen von Aquarellen, Zeichnungen und auch Gemälden arrangiert.Man saß dort also den halben Tag bei einer Kanne Tee. Keiner wurde dort gedrängt, etwas zu verzehren. Dort haben wir Gedanken ausgetauscht und hatten vor allem große Rosinen im Kopf. Wir waren finster entschlossen, weiter zu ziehen und den Rest der Welt zu erobern. Allerdings mussten wir dann eigentlich alle feststellen, dass wir nicht die Welt in die Tasche gesteckt hatten, sondern die Welt uns. Im Jahr 2004 erkannte ich das, als mich eine Reise erneut nach Hongkong führte. Das war für mich ein prägendes Erlebnis, da mich die Erinnerung fünfundvierzig Jahre später noch mal eingeholt hat. Im Jahre 2004 hätte mich das fast in eine Identitätskrise gestürzt. Zurück ins Jahr 1959. Die Reise sollte von Hongkong aus weiter nach Singapur fortgesetzt werden. Die Stadt interessierte mich, die wollte ich mir unbedingt ansehen. So ging die Reise weiter nach Singapur.
 
Auf der Kazuki Maru stimmte allerdings einiges nicht. Das Schiff war in einem bedenklichen Zustand, fast schon ein Seelenverkäufer. Zudem hieß es, dass das Schiff nicht durch den Suez-Kanal fahren würde, sondern dass die weitere Reise am Kap der Guten Hoffnung (Südafrika) vorbei nach Südamerika gehen sollte, um dort Ladung zu nehmen. Das hätte mehr als zwölf Monate dauern können. So musterte ich wieder ab.Nachdem ich mich in Singapur ausreichend umgesehen hatte, fand ich mich wieder im Hafen ein. Ich suchte ein Schiff, das vielleicht auf direktem Weg nach Hamburg fuhr. Ich registrierte eine mächtige Aufregung um die Schiffsagentur der Kazuki Maru herum. Ich erfuhr, dass das Schiff etwa einen Tag nach dem Auslaufen aus Singapur mit einem anderen Schiff kollidiert und mit Mann und Maus untergegangen war.
 
Ich schrieb nun, was ich zwischendurch des Öfteren getan hatte, eine Karte an meine Eltern nach Heilbronn. Ich setzte das aktuelle Datum darauf.

Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Meine Eltern hatten mir einen Brief geschrieben und dazu die Adresse der japanischen Reederei benutzt, die dem Schiff die Post hinterher sandte. Die Reederei antwortete meinen Eltern nun, dass die Kazuki Maru untergegangen war und ich mit dem Schiff. Da herrschte zu Hause eine große Traurigkeit. Man war also schon drauf und dran, mich für tot erklären zu lassen. Aber da traf meine Karte ein! Der Abgleich mit dem Datum des Schiffsuntergangs und dem auf der Karte ergab, dass ich noch am Leben sein musste!

 
Horst HübnerIn den Hütten von Raivavae
Von Singapur aus habe ich mir eine Passage nach Französisch-Polynesien gesucht. Ich habe dort auch wieder als Deckhand gearbeitet und bin dann auf der Insel „Raivavae“ gelandet.Für die Interessierten will ich erklären, wo Raivavae liegt. Die Insel gehört zum Tubuai-Archipel, also zu Französisch-Polynesien. Es handelt sich um eine Untergruppe der Gesellschaftsinseln, deren Hauptinseln Tahiti mit der Hauptstadt Papeete ist. Im Nordosten schließen sich noch die Marquesas an, darauf komme ich dann noch zu sprechen. Geographisch auffindbar ist Französisch-Polynesien zwischen dem 125. und 155. Längengrad West und zwischen dem 5. und 28. Grad südlicher Breite. Der Längengrad ist, wie man erkennen kann, in der Nähe der Datumsgrenze und der südliche Breitengrad ist in der Nähe des südlichen Wendekreises.
 
Der Archipel besteht aus drei größeren Inseln im Südosten, dann nach Norden aufsteigend Raivavae, Nachbarinsel ist Tubuai, dann kommen Rimitara und Rurutu und ganz im Nordwesten liegt Maree Maree, sie hieß seinerzeit so und sollte einen anderen Namen bekommen. Was daraus geworden ist, kann ich nicht sagen [die Insel heißt nun „Iles Maria“, Anm. J.B.]
 
Raivavae ist eine ganz zauberhafte Insel und in dem Dorf, in dem ich landete, herrschte die Königin Mataoa, die ich zwar nicht als Königin ansprach, aber sie nahm diesen Rang ein und wurde mit der entsprechenden Ehrerbietung behandelt. Ich habe in diesem Dorf mehrere Abenteurer angetroffen. Ich will mal die Situation der männlichen Inselbewohner auf Raivavae darstellen, obwohl das schon viele Jahrzehnte zurück liegt. Die Männer waren damals Rechtlose, da sie nicht über die Verwaltung der Insel und die Betreuung des Geldes bestimmen konnten. Dies galt auch für den Bestand des Viehs, die Fangzeiten und die Ausharrzeiten der Fischerboote. Das wurde alles von den Frauen geregelt.
 
Ich begriff die Struktur dieses Dorfes und seiner Nebendörfer. Die Männer waren zum Arbeiten und zum Holzsammeln da. Sie mussten die großen Fischplätze aus Palmblättern stricken! Zu den weiteren Aufgaben der Männer gehörten, die Fische in der Lagune zusammen zu treiben, die Schweine zu hüten und zu schlachten, die Hühner zu versorgen, Hütten zu bauen und die kleinen Boote instand zu halten. Die Männer auf dieser Insel hatten tatsächlich nur Pflichten und keine Rechte!
 
Die Inselkönigin Mataoa hatte Haare auf den Zähnen. Sie war so gar nicht glücklich darüber, das Südeuropäer, also so Abenteurer-Typen, zu denen ich auch gehörte, auf der Insel auftauchten, und das sogar mit Wissen und Duldung der französischen Kolonialverwaltung. Dass wir Entscheidungen für uns selbst treffen konnten, dass wir Geld hatten und ausgaben, dass wir bestimmten, was mit dem Geld zu geschehen hatte, passte ihr überhaupt nicht.
 
Den Männern der Insel und des Stammes war alles untersagt, die mussten das tun, was die Frauen bestimmten. Es gab auch eine französische Regierungsaufsicht, so eine kleine Stadt war meist mit zwei Männern besetzt. Das Postschiff nach Raivavae ist bald jedes Vierteljahr gekommen und dann nach Rimatara abgefahren.
 
Die Frauen auf der Insel hatten bestimmte Freizügigkeiten, auch auf sexuellem Gebiet. Die Mädchen, also die jungen Frauen, guckten sich z.B. einen Partner aus und keinesfalls umgekehrt. Und diese Regeln galten auch für uns Europäer. Wir hatten nicht auszugucken, wir wurden ausgeguckt. Das war nicht schlecht, die Mädchen waren für ihr Handeln selbst verantwortlich.
 
Wir haben es als junge Leute genossen, dass die jungen Damen der Insel auf uns flogen. Man hat sich dann so eine Hütte gebaut, die konnte schon ein bisschen Regen abhalten, kalt war es ja nicht. Und wenn irgendeine Dame kam und dieser ein Mann zu Willen sein sollte, hat sie dies den Männern unmissverständlich klar gemacht. Aber mehr hatte der nicht zu bestellen. Nur die älteren Männer waren meist in festen Händen einer Frau.
 
Es konnte auch schon mal passieren, dass sie am helllichten Tag zu zweit ankamen und dann ihre Pareos, ihre Tücher, vor der Hütte aufhängten und hereinkamen.Und wer draußen vorbeikam, sah, dass da zwei Pareos fröhlich im Wind flatterten. Dann war klar, dass zwei Frauen darin zugange waren, die sich gerade gemeinsam über einen Inselbewohner hermachten.
 
Es war ganz amüsant, aber von lustig war nicht immer die Rede, insbesondere, wenn die zu zweit kamen. Die Damen von Raivavae sind recht anspruchsvoll!Die Frage, die sich da immer mal wieder ergeben hat, wenn ich auf diese kurze Epoche meines Lebens zu sprechen komme, ist, ob sich da bestimmte Folgen eingestellt haben.
 
Mit Sicherheit! Die Mädchen kannten wahrscheinlich Verhütungsmethoden, aber wohin Verhütung führt, kann man sicher auch im Abendland erleben, immer dann, wenn man es nicht gebrauchen kann. Was den Nachwuchs anbetraf war der immer hochwillkommen, egal ob er rote Haare hatte oder blaue, braune oder grüne Augen, schwarze oder blonde Haare, das spielte keine Rolle.
 
Wenn man jetzt meint, daraus ableiten zu können, dass der Erzeuger Anspruch auf ein von ihm gezeugtes Kind hatte, liegt man falsch. Das konnte man vergessen! Kinder, die aus solchen Beziehungen stammten, gehörten automatisch dem Dorf, d.h. dem Volk, dem Stamm. Der Erzeuger hatte nie und nimmer irgendwelche Ansprüche zu stellen.
 
Das konnte einerseits zwar ganz bequem sein, doch wenn man andererseits wissen wollte, von wem ein Kind war bzw. ob man eigene Nachkommen hatte, ließ es einen schon nachdenklich werden. Das konnte einen durchaus belasten.Wenn mich meine spätere Familie mal richtig ärgerte, dann sagte ich schon mal etwas unüberlegt, dass ich mich diesem Ärger nicht mehr aussetze, meinen Seesack packe und ab in die Südsee gehe. Ich sagte, dass ich auf meine Insel zu meinen Kindern gehe!
 
Ich habe das zwar nicht wortwörtlich gemeint, aber es hatte schon einen ernsten Hintergrund, es können auf der Insel ja durchaus Nachkommen von mir sein.
 
Kehren wir wieder zurück zur Situation der Männer.Wenn die Frauen etwa 20 bis 22 Jahre alt waren, suchten die sich dann einen bleibenden Partner. Das waren meistens Partner, die schon ein paar Jahre bei ihnen gewesen waren. Ich habe die Aufgaben der Männer ja schon erläutert. Diese reparierten auch die Auslegerboote und flickten vor allem die Netze und Treibbarrieren. Diese Barrieren schob man in der Lagune, wenn Fische angesagt waren, vor sich her und rüttelte diese kräftig mit einem Band, das über hundert Meter lang war.
 
Das ganze Dorf stand bei so einer Aktion bis zu den Hüften in der Lagune und schob das Band vor sich her, das die Männer vorher in Flechtarbeit erstellt hatten. Man trieb so einen Fischschwarm in der Nähe des Strandes zusammen. Die Tiere waren dann so erschreckt, dass sie gar nicht durch diese Blätterbarriere durchgesaust sind. Die Beute wurde nach essbaren und nicht essbaren, schmackhaften und weniger schmackhaften Fischen sortiert.
 
Diese Tätigkeit schien die Männer tatsächlich auszufüllen. Auf Raivavae kamen auch gelegentlich Besucher von anderen Inseln. Das waren Männer, die in offenen Booten übers Meer kamen. Die Männer auf Raivavae hatten viel Hohn und Spott zu erdulden, weil sie so vor den Frauen kutschten. Sie waren Pantoffelhelden, sie standen unter der Fuchtel der Frauen und hatten gar nichts zu melden!Auf den anderen Inseln hatten die Männer das Sagen, dass war früher übrigens auch auf Raivavae so gewesen, bis es dort zu einem Frauenputsch gekommen war.
 
Nach Raivavae kam alle vierzehn Tage ein japanischer Geschäftsmann in einem klapprigen Wasserflugzeug mit furchtbar lautem Motor, ein gewisser Herr Mabe. Der hatte ein besonderes Verfahren entwickelt, um Austern impfen zu lassen, damit diese eine ganz bestimmte Sorte Perlen produzierten. Dieser Mister Mabe hat immer wieder mit der der Inselkönigin Mataoa Verhandlungen geführt. Wir haben das mitbekommen. Jenseits der Lagune gab es Perlmuschelbänke. Mister Mabe wollte die Mataoa beschwatzen, eine Perlenzucht zu beginnen. Was draus genau wurde, weiß ich nicht. Mit Sicherheit hat das aber geklappt. Lange, lange Zeit später in unserer Zeit tauchen sogenannte Mabe-Perlen, weiße Zuchtperlen aus Französisch-Polynesien auf dem Markt auf, die den Namen dieses Herrn tragen, es handelt sich sicherlich um den Initiator der weißen Perlzucht. Ich glaube nicht an eine Duplizität, sondern eine Identität der Ereignisse.Mister Mabe hat dann auch die Perlenernte mit den Frauen durchgeführt. Bei dem Geschäft durften übrigens auch die Männer mitmachen. Der Japaner hat dann ein bisschen Geld, Tauschartikel oder Dinge des täglichen Lebens dort gelassen.
 
Schwarze Perlen, die gerne als Tahiti-Perlen angepriesen werden, habe ich bestenfalls beim Verarbeiten und beim Versand gesehen. Wachsen tun die schwarzen Perlen auf einer ganz kleinen Insel in der Nähe von Tahiti und offensichtlich nur dort. Das Geschäft war fest in der Hand von Chinesen, von Einheimischen und auch von ein paar Europäern.
 
Etwa 5% der Perlen waren schön gestaltet, die kamen in den Handel. 95% waren also missgestaltet, es waren z.B. Fehlfarben dabei. Das war ein ganz riskantes Geschäft, aber aus dem Grund, dass die schwarzen Perlen doch relativ selten, gemessen an den zahlreichen Vorkommen, waren. Die kosteten damals schon viel Geld. Von Händlern sind umgerechnet 400 – 500 US Dollar für einzelne Perlen verlangt worden, das sind damals 1400 – 1600 DM gewesen. Das war ein stattlicher Preis für so eine schwarze Kugel.Wenn man so lange wie ich unterwegs war, hatte man Löcher in den Hosentaschen. Wir hatten eine Menge auszuhalten und man konnte auch nicht immer schön gebettet schlafen legen. Man hatte nicht immer eine ordentliche Hütte um sich herum oder ein Dach über dem Kopf, man nächtigte oft durchgeschwitzt. Irgendwann wurden diese Klamotten, die man trug, mürbe und morsch und fielen vom Körper, sodass man sich für ein paar Mark irgendwo etwas Neues erstehen musste. Natürlich hatte man auch zunehmend Lust, in frische Sachen einzusteigen.
 
Ich habe mir damals mehrfach den enormen Luxus geleistet, gute oder sehr gute Hotels, Luxushotels, aufzusuchen, z.B. in Singapur. Dort bin ich für eine Nacht in ein Hotel gegangen, nicht um unter einem Himmelbett mit einem Moskitonetz zu schlummern, sondern weil die heißes Wasser hatten. In der Badewanne habe ich meine Unterwäsche gewaschen. Ich habe die ganze Nacht hindurch Wäsche gewaschen. Durch die Klimaanlage wurde die schnell wieder trocken, so dass ich die im Rucksack verstauen konnte.
 
Und dasselbe habe ich mal gemacht in Kairo, im Shephards, das ist auch ein Spitzen-Hotel, das aus der englischen Kolonial-Zeit stammt. Da habe ich damals auch umgerechnet 30 Mark, ein Sündengeld, für eine einzige Übernachtung bezahlt. Ich habe nicht ein einziges Mal auf dem Bett gelegen, ich habe auch hier die ganze Nacht die Wäsche gewaschen. So schön, wie man das dort konnte, hat man das in einer professionellen Wäscherei nicht geschafft. Das zu diesem Thema.
 
Jetzt gehe ich noch mal zu Raivavae zurück.Inselfeste am Strand wurden also häufiger gefeiert. Dann kamen auch schon mal Besucher von anderen Inseln, z. B. von Tematangi. Von dort kamen sehr gute Sänger oder auch von Vanavana, das ist in der Nähe vom Mururoa-Atoll, da waren zudem sehr gute Tänzer.
 
Zum Mururoa-Atoll muss ich noch anfügen, dass die Franzosen damals gerade angefangen haben, Vorbereitungen für ihre Nuklear-Sprengsätze, also eine Basis für ihre Nuklear-Sprengsätze zu schaffen. Die Sprengsätze haben sie später auch tatsächlich gezündet, tief im Korallenstock unter der Meeresoberfläche. Damit haben sie wahrscheinlich für Hunderte von Jahren die Korallenstöcke rund ums Muruoa-Atoll versaut, und zwar gründlich!
 
Zu den Marquesas ist noch anzumerken, dass auf einer Insel der Marquesas Paul Gauguin [expressionistischer Maler, *07.06.1848 bis 08.05.1903] begraben wurde, der in Französisch-Polynesien gelebt und gearbeitet hat. Zum Ärger der klerikalen Obrigkeit hat er wie ein Bohème in Paris gelebt. Er hatte Freundinnen en masse, auch eine feste Partnerin, er hat getrunken und rumgehurt. Jedenfalls hat man ihn dort [auf der Insel Hiva Oa der Marquesas-Inseln, Anm. J.B.] begraben.
 
Vor etwa dreißig Jahren ist dort ein Boot aufgetaucht. Es war der französische Chansonnier Jacques Brel [*08.04.1929 bis 09.10.1978] mit seiner Freundin. Er war krank, befand sich im letzten Stadium einer schweren Krebs-Erkrankung. Er kam zum Sterben dort hin, wo er auf seinen ausdrücklichen Wunsch an der Seite von Paul Gauguin begraben wurde.
 
Und vor gut fünfzehn Jahren ist Hardy Krüger auf einer seiner Weltenbummler–Reisen auf diese Insel gekommen, hat Gauguin und Brel besucht und ihnen versprochen, auch zu ihnen zu kommen und sich dort begraben zu lassen. Dann wären sie zu Dritt, dann könnten sie schön Karten spielen. Ich habe die Marquesas selbst nie gesehen, aber ich habe von Leuten, die nicht zur Begeisterung neigen, gehört, dass es eine wunderschöne Insel sein soll, die viel schöner als unser Tubuai-Archipel, viel schöner als die Gesellschafts-Inseln von Tahiti und die anderen Inseln sein soll.Und ich habe deshalb auch schon in der Familie die Kunde ausgegeben und ich werde das auch in meinem Testament so fixieren: ich möchte mal, wenn ich abtrete, kein Grab haben, für das man zeitlich und finanziell verpflichtet ist, ich will verbrannt werden. Ein Teil meiner Asche soll ins Meer geschüttet werden. Ich hoffe, das irgendwann ein Molekül meiner Asche, sei es in fünfzig, hundert oder zweihundert Jahren, an einen der schönen Strände in Französisch-Polynesien ankommt. Dann wäre ich endlich zuhause, dann wäre ich endlich angekommen.
 
So wie ich nach Raivavae gekommen bin, so bin ich auch abgereist, nämlich mit dem Postschiff der Kolonialverwaltung, dass alle vier Wochen die Insel abklapperte und Reisende mitbrachte oder abholte, Waren und Medizin brachte und kleine Tauschgüter abholte. Sehr wichtig waren die französischen Tageszeitungen, die alle schon ein Jahr alt waren. Die Kolonialbeamten, die haben diese dann, Macke hin, Macke her, auf den Tag peinlich genau nachgelesen. Da gehört auch was dazu, die Zeit war ein bisschen hinter der Realität her. Aber wem tat es weh? Keinem! Alle waren glücklich, alle waren happy!
 
Ich komme jetzt wieder auf meine Rückkehr nach Hause zu sprechen, das war Ende des Jahres 1960. Da traf ich jetzt wieder meine Familie mit einer gewissen Auflösung an, denn sie hatten einige Zeit davor geglaubt, dass ich mit der Kazuki Maru untergegangen war. Mein datierter Brief hatte sie ja vom Gegenteil überzeugen können.

Nun war ich also live wieder da, sie waren glücklich, ich musste erzählen und erzählen und erzählen. Ich musste mein Leben nun ganz neu organisieren, denn durch die stattgehabte Entlobung war ja meine Zukunftsplanung gründlich in die Brüche gegangen.

Horst HübnerMit guten Empfehlungen – meine Arbeit in zwei Verlagen

Ich kassierte noch diverse Honorare ein, die ich mir verdient hatte, ich hatte für Zeitungen und Zeitschriften als Reiseberichterstatter geschrieben, aber das Geld war auch relativ schnell ausgegeben.Ich sah mich um und las dann eher zufällig im Verbandsblatt der Journalisten, dass ein gewisser Bastei-Verlag in Bergisch-Gladbach - ich schaute auf der Karte nach, das war östlich von Köln -, dass dieser Verlag einen Roman-Redakteur suchte.
 
Nun kannte ich ja eine ganze Menge Redakteure, ich hatte ja vorher selbst bei der Zeitung gearbeitet, bei der Heilbronner Stimme. Dort gab es Lokalredakteure, Sportredakteure, Wirtschaftsredakteure, Feuilleton, Bildredakteure, politische Redakteure, Jungredakteure – ich war ja selbst noch einer, aber Roman-Redakteur war für mich etwas Neues.
 
Da habe ich mich Anfang 1961 beworben, allerdings ein bisschen halbherzig - mal sehn, was das ist. Ich habe die Sache so „ernst“ genommen, dass ich nicht mal ein Zeugnis beilegte oder ein Lichtbild. Allerdings hatte ich meinen Bewerbungsunterlagen ein paar Arbeitsproben beigelegt. Das waren Interviews aus meiner Volontariats-Zeit, das Interview mit Dr. Walter Häussermann und Wernher von Braun, das mir viel Geld eingebracht hatte und auch das Interview mit Nikita Chruschtschow.
 
Schon ein paar Tage später bekam ich Post aus Bergisch Gladbach und wurde zum Vorstellungsgespräch gebeten. Ich bin sehr gespannt hingegangen und habe die Bekanntschaft eines Herrn Gustav Lübbe gemacht, der einen sehr kompetenten Eindruck bei mir hinterließ. Er schien genau zu wissen, wie der Hase lief.
 
Ich hatte so den Eindruck gewonnen, dass er sich gezielt irgendeine Truppe zusammen suchte, also etwas Handverlesenes. Und als wir uns so nach zwei Stunden trennten, lag im Vorzimmer schon so ein vorgefertigter Einstellungsvertrag.Später sagte er mir dann auch, dass ich doch schon relativ viel auf die Beine gestellt hatte, dass ich ihn doch sehr beeindruckt hatte, sodass er neugierig auf mich war. Er wollte mich nun auch persönlich kennen lernen und so bin ich dann zum Bastei-Verlag geraten. Dort wurde ich dann eingeteilt in die Abteilung Wild-West bzw. Western.[mehr dazu in Der Heftroman nach Hübner in „Meine Zeit bei Bastei“]
Meine damalige Vermutung beim Einstellungsgespräch, dass es sich um eine handverlesene Truppe handelt, die Lübbe sich da zusammen gesucht hatte, fand ich durch die Realität bestätigt. Es war wirklich so. Die Kolleginnen und Kollegen kamen wirklich aus allen Redaktionen, die kamen aus allen Berufen, die hatten die dollsten Schicksale, genauso wie die Autorenschaft. Das waren echte Typen.[mehr dazu in Der Heftroman nach Hübner in „Kauzige Autoren und andere Anekdoten“]
 
Nach knapp vier Jahren Arbeit bei Bastei erhielt ich Ende 1964 das recht reizvolle Angebot, die Chef-Redaktion bei einer Fachzeitschrift in Bamberg zu übernehmen. Diese Tätigkeit sollte besser bezahlt werden als beim Bastei-Verlag, sodass ich bei meinem Arbeitgeber in Bergisch-Gladbach kündigte. Andere Gründe für diese Kündigung gab es nicht. Als ich dann sehr erwartungsvoll nach Bamberg kam, war die Situation plötzlich eine ganz andere. Der Inhaber war verstorben, sein Zwillingsbruder war am Ruder und fühlte sich an nichts gebunden, auch nicht an schriftliche Fixierungen. Er wollte am Gehalt drehen, er wollte die Kompetenzen ändern. Da habe ich gesagt, dass ich unter diesen Bedingungen nicht bei ihm arbeiten würde. Dann folgte ein dummer Satz von ihm: „Sie sind ja darauf angewiesen, sie müssen bei mir anfangen“. Ich fragte ihn, warum er das meine. Seine Antwort war: „Sie haben ja gekündigt!“Da habe ich gesagt, dass das nichts zur Sache tut, habe mich umgedreht und bin gegangen.
 
Zwei Tage später bin ich zum Marken-Verlag in Köln marschiert und habe gefragt, ob sie mich da brauchen. Ich bin gleich da geblieben und habe einen Posten bekommen.

[mehr dazu in Der Heftroman nach Hübner in „Meine Zeit bei Marken“]

 
Horst und Renate HübnerÜbersetzungen, Gesundheitsmagazine und aktiver Ruhestand
Nach dem Ende des Marken-Verlages im Dezember 1985 (der Vorlauf reichte noch ins erste Halbjahr 1986) sind einige Autoren in ein tiefes Loch gefallen.Ich möchte dazu sagen, dass ich immer fleißig gewesen bin, ich habe auch aufgrund meiner Frau vorsorgen können, schon während der Zeit, als ich aktiv Romane geschrieben habe. Das waren übrigens mehr als 500 Heftromane aller möglichen Genres, auch einige Taschenbücher. In der ersten Hälfte des Jahres 1986 habe ich für den Bastei-Verlag auch Übersetzungen gemacht. Dank des guten Wirtschaftens meiner Frau haben wir soweit gebracht, dass wir uns hier in Bergisch-Gladbach ein altes Häuschen mit einem großen Grundstück kaufen konnten. Seit vielen Jahren stehen wir nun schuldenfrei da.Das ist aber nicht alleine mein Verdienst, ich wiederhole mich noch mal, das ist auch ein großes Verdienst meiner Frau, die immer den Blick fürs Machbare bewahrt hat. Ein Autor, der neigt immer gerne zu Höhenflügen, auch was die Finanzen betrifft.Von Mitte 1986 bis ca. 1996 habe ich bei einem populärwissenschaftlichen Gesundheitsmagazin in Köln gearbeitet. Das wurde in einer Millionenauflage vertrieben. Hier kam mir mein Wissen aus dem späten Studium der alternativen Medizin zu Gute.

Seit gut zehn Jahren genieße ich meinen vorzeitigen (Un-)Ruhestand. Ich bin immer noch vielseitig interessiert, seit 2002 bin ich Gasthörer an der Uni Köln im Bereich Ägyptologie.

Kommentare  

#1 Stefan Bayerl 2008-03-25 22:37
Guten Tag Herr Hübner,
ich wollte mich nur kurz bei Ihnen für die vielen schönen Lesestunden rund um die Zeitkugel und Erde 2000 Abenteuer bedanken.
Darüber hinaus noch den Kommentar, dass ich Ihre Ausführungen mit großem Interesse gelesen habe.
Alles Gute aus dem kalten und verschneiten Kraichgau,
Stefan Bayerl

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