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Kurt Luifs Vampir Horror

VampirKurt Luif's
Vampir Horror

1971 hatte sich Kurt Bernhardt an mich wegen VAMPIR gewandt.

Ich habe keine Briefe aus dieser Planungszeit mehr, nur dieses Exposé, offenbar gefiel es ihm nicht.

Viel Spaß beim Lesen.

 

Grundsätzliche Betrachtungen zu einer Horror-Serie
Die Schwierigkeit, eine Horror-Serie zu gestalten, die auf den alten Gruselgestalten (Werwölfe , Vampire, Geister) basiert, besteht hauptsächlich darin, daß in unserer aufgeklärten Zeit kein Leser an solche Spukgestalten glaubt. Bei einem schlechten Aufbau solch einer Serie kann es durchaus möglich sein, daß die Romane unfreiwillig heiter wirken.

Es ist meiner Meinung nach vollkommen unmöglich, dem Leser altmodische Horror-Romane vorsetzen zu wollen und so naiv zu sein anzunehmen, daß der Leser dies schlucken wird.

Das Problem der Glaubwürdigkeit, die es dem Leser gestattet, sich mit den handelnden Personen zu identifizieren und sich im Rahmen des Romangeschehens mit den auf geworfenen Problemen ernsthaft auseinanderzusetzen bereitet die größten Schwierigkeiten.

Es ist unbedingt notwendig, dem Leser der Serie einen vertrauten Hintergrund zu vermitteln, etwas, an das er sich inmitten der unglaubwürdigen Ereignisse klammern kann.

Es muß etwas Neues geschaffen werden, das aber doch viele alte Schemen in sich, vereint. Durch den großen Erfolg von Serien, die auf eine Person auf gebaut sind, wie Jerry Cotton, Perry Rhodan, etc., ist es sehr ratsam, auch im Rahmen einer Horror-Serie nicht von dieser bewährten Methode abzugehen.

Es muß ein Held geschaffen werden, mit dem sich der Leser identifizieren kann, dem er glaubt; das kann am besten durch die Ich-Form geschehen, da der Leser einem Helden so viel eher die merkwürdigen Ereignisse abnimmt.

Das kann nun so geschehen, daß man diesen Helden von Anfang an fest als eine eigene Serie plant, oder eine Vermischung von Einzeltiteln (u.U. auch je zwei bis drei zusammenhängende Romane) mit dem gleichen Helden abwechselnd mit anderen Horror-Romanen bringt. Entsprechend der Publikumsreaktion forciert man dann entweder Romane mit diesem Helden oder man läßt ihn sanft entschlafen und bringt die andere Art Horror-Roman.

Es ist aber äußerst wichtig, daß der Held zu Beginn der Serie (wie der Leser) sehr skeptisch gegenüber solchen Fabelwesen ist. Er soll sich gegen die Vorstellung, daß es solche Wesen gibt, heftig wehren. Dadurch, daß der Held durch „unwiderlegbare Beweise“ gezwungen wird, an diese finsteren Gestalten zu glauben, muß es der Leserzwangsläufig auch tun, da er sich mit dem Haupthelden identifiziert.

In der modernen Horror-Literatur amerikanischer und englischer Autoren findet man nur sehr selten Fälle, in denen sich die Autoren mit den alten, klassischen Horror-Gestalten beschäftigen, es gibt aber doch einige wenige Ausnahmen, z.B. DARKER THAN YOU THINK (Werwolf) von Williamson, CONJURE WIFE (Hexen) von Leiber , MRS. AMSWORTH (Vampir) von Benson etc. Es werden aber doch immer mehr SF-Elemente hineingebracht, außerirdische Ungeheuer, Wesen aus den Tiefen der Meere, oder auf der anderen Seite psychologisch auf gebauter Horror, teilweise bei Bradbury oder Collier, oder Schilderungen von entsetzlichen Grausamkeiten, besonders beliebt derzeit in England.

Letztere Möglichkeit scheidet aber wegen des Jugendschutzes für eine Heftserie vollkommen aus.

Nun komme ich zu der Art, wie man meiner Meinung nach eine solche Horror-Serie aufbauen sollte:

Reihentitel : V.A.M.P.I.R.
Steht für den Blutsauger und gleichzeitig für die Organisation, die in der vorgeschlagenen Serie aufscheint.

Untertitel : HORROR-KRIMIS (HORROR-ROMANE)

Hintergrund: Die Romane sollten vorwiegend in den USA spielen,  es wäre aber durchaus möglich, eine Spur in andere Länder (Orient, Indien etc.) führen zu lassen.

Situation: Seit langer Zeit wurden gelegentlich Tote gefunden, die entsetzlich zugerichtet sind (wie von wilden Tieren zerfleischt), Tote, denen das Blut ausgesaugt wurde; Personen verschwinden, tauchen vollkommen verändert wieder auf; Tote stehen aus Gräbern auf; Hexerei und Zauberei; schwarze Messen und Teufelsanbeterei etc.

Von offizieller Seite wurde alles unternommen, daß diese mysteriösen Vorfälle in der Presse nicht groß aufgezogen wurden. Man gab entstellte Nachrichten weiter. Beispiel: Bei einem Mord, den ein Werwolf verübte, sprach man von der Tat eines Wahnsinnigen. Ein wesentlicher Punkt ist, daß diese außergewöhnlichen Vorfälle nicht an die Öffentlichkeit dringen.

Im US-Justizministerium sammelt man schon seit einiger Zeit solche geheimnisvolle Vorfälle, die nie oder kaum aufgeklärt wurden. Da sich jedoch diese Fälle immer mehr häufen, beschließt man, eine eigene Spezialabteilung ins Leben zu rufen, die sich mit diesen mysteriösen Vorfällen beschäftigen soll.

  • Name der Organisation: V.A.M.P.I.R. (Abkürzung für: Vereinigung zur Aufklärung mysteriöser Phänomene von internationaler Reichweite).
  • Zentrale: Washington-Justizministerium. Leiter der VAMPIR ist direkt dem Justizminister unterstellt.
  • Zweigstellen in Los Angeles, New Orleans, New York.


Die Beamten, die dieser neuen Organisation angehören, rekrutieren sich aus Polizeibeamten, FBI-und CIA-Beamten, die von ihren Dienststellen zu VAMPIR abgestellt wurden. Alle mysteriösen Vorfälle werden von der Zentrale in Washington an die zuständigen Zweigstellen weitergegeben, die dann diese Fälle bearbeiten.

  • Hauptperson: Jeff Hunter, ca. 30 Jahre, ehemaliger FBI-Beamter , Zweigstelle. New York .
  • Durch die unheimlichen, teilweise auch unglaubwürdigen Ereignisse, muß ein starker Kontrast innerhalb der Romane geschaffen werden:


Rahmenhandlung
(Ereignisse)

  • möglichst knapp formulierte Sätze
  • Beschreibungen nicht ausschlachten (kein schwülstiges Geschreibe wie Kneifel)
  • die Reaktionen der beteiligten Personen schildern, ohne unbedingt deren tiefere Ursachen beschreiben zu wollen
  • Sachlicher Tonfall sollte die Unglaubwürdigkeiten vom Peinlichen bewahren


Held
(Aufklärung)

  • lch-Form,
  • schnoddrig-flott erzählt
  • sympathischer Held
  • Raucher
  • Kein starker Trinker
  • Kein Sportwagen
  • Kein übertriebener Weiberheld
  • Eher abgeklärt
  • Lässt sich durch Nichts überraschen
  • Etwas von den üblichen Klischees weg


Beginn der Serie:

1. Schilderung eines eigenartigen Vorfalls, z.B. Ein kleiner Friedhof im Staat New York in einer Kleinstadt, es beginnt zu dämmern, ein Besucher will eben den Friedhof verlassen, zufällig fällt sein Blick auf ein Grab und er erstarrt. Aus dem Boden ragt eine menschliche Hand, die Erde zur Seite schiebt, schließlich kommt die ganze Gestalt zum Vorschein.
Sie geht am Besucher vorbei und verschwindet. Schilderung völlig unpersönlich und nüchtern, wie eine knapp formulierte Reportage, ohne Peinlichkeiten, die Szene darf auf keinen Fall lächerlich wirken. (Es kann natürlich auch jederzeit eine andere Episode zur Einleitung gebracht werden.)
2. Jeff Hunter, der Held bekommt abends zu Hause einen Anruf der Zweigstelle der VAMPIR, New York, ein mysteriöser Vorfall habe sich ereignet und er soll sich auf den Weg machen.
Hunter ist skeptisch, da er täglich eine ganze Menge angeblich mysteriöser Fälle serviert bekommt, die sich dann meist als Unsinn herausstellen. Als ihm aber mit geteilt wird, daß der Tote seit 14 Tagen begraben war, und der Sarg von innen nach außen aufgebrochen wurde, beschließt er doch, dem Friedhof einen Besuch abzustatten.
3. Rückblende: Vor einigen Wochen mußte Hunter verschiedene Tests durchführen. Einige Tage später wurde er nach Washington gerufen, wo ihn ein Beamter fragte: Glauben Sie an Vampire? (Szene nachfolgend skizziert). Jeff hatte die Frage belächelt,  bis ihm Beweise vorgelegt wurden. Auf diese Weise Schilderung der Skepsis des Helden, langsame Überzeugung durch die vorgelegten Beweise, das ist besonders wichtig, da dadurch der Leser zusammen mit dem Helden umgestimmt wird. Es wird erreicht, daß der Leser späterhin alles glaubt -  diese Szene müßte unbedingt in den ersten fünf Bänden für neu dazugekommene Leser wiederholt werden. (Möglichkeit: Diese Szene auf den ersten beiden Seiten jedes Heftes immer wieder abdrucken.)

Andere Anfänge: 2 – 3 - 1
3 -ausführlich
„Glauben Sie an Vampire?“ fragte Bradley und sah mich durchdringend an.
Ich lehnte mich in meinen Sessel zurück und grinste. „Glauben Sie an die Unsterblichkeit der Maikäfer?“ fragte ich zurück.
Sein hageres Gesicht verzog sich. „Ich meine das im Ernst, Hunter.“
„Nein“, sagte ich. „Ist das ein Fehler?“
Bradley zog schweigend eine Lade seines Schreibtisches auf, legte eine dicke Akte vor sich hin und begann darin zu blättern.
Ich wurde mißtrauisch. Ich hielt Bradley für einen biederen, phantasielosen Beamten, einen Mann ohne große Flausen im Kopf, verläßlich und stur. Kurz ein Musterexemplar. Solche Fragen paßten mir nicht.
„Sehen Sie sich dieses Bild an, Jeff.“ Er reichte mir ein großformatiges Hochglanzphoto, und ich drehte es ein wenig, um die Spiegelung zu verringern.
Ein junges Mädchen mit langem blonden Haar lag auf einem Bett. Über das Mädchen gebeugt stand ein Mann, der sich in ihre Kehle verbissen hatte.
„Ich habe nicht gewußt, daß Sie Bilder aus Horror-Filmen sammeln, Bradley!“  stellte ich grinsend fest. „Haben Sie noch mehr davon in Ihrem Traumbuch?“ fragte ich und deutete auf die Akte.
Er schnaufte verächtlich. "Das ist kein Filmbild, es wurde vor mehr als einem Jahr von uns hier in Washington mit einer verborgenen Kamera aufgenommen.“
Ich schluckte. „Wollen Sie damit sagen, daß das kein gestelltes Photo ist?“
„Das ist ein echter Vampir, Hunter!“
Ich begann zu lachen. „Köstlich“, rief ich und warf das Photo auf den Schreibtisch. „Vampire in Washington.“
Er fand es nicht so komisch, seine Miene war eisern. „Auch Ihnen wird, das Lachen noch vergehen, Jeff“, sagte er grimmig. „Uns allen ist das Lachen vergangen.“
Ich überlegte, ob das möglicherweise wieder einer dieser unsinnigen Tests war, von denen ich vergangene Woche einige hinter mich gebracht hatte. Aber Bradley las meine Gedanken, denn er sagte: „Das ist kein Test, Jeff. Und ich bin nicht die Märchentante. Das sind Tatsachen. Es ist sinnlos, vernünftige Erklärungen suchen zu wollen. Sie vergeuden damit nur Ihre Zeit.“
© by Kurt Luif 1971 & 2011

 

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