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Heyne Science Fiction Classics 31 - Konstantin Ciolkowswkij

Heyne Science Fiction ClassicsDie Heyne Science Fiction Classics
Folge 31: Konstantin E. Ciolkowskij
Außerhalb der Erde

Von den sechziger bis Anfang der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts erschienen als Subreihe der Heyne Science-Fiction-Taschenbücher mehr als hundert Titel unter dem Logo „Heyne Science Fiction Classics“. Diese Romane und Kurzgeschichten werden in der vorliegenden Artikelreihe vorgestellt und daraufhin untersucht, ob die Bezeichnung als Klassiker gerechtfertigt ist.

Leute, die nur eine geringe Kenntnis von Science Fiction haben, glauben, dass in der Handlung Raumschiffe vorkommen müssten. Die Raumfahrt ist aber nur einer der vielen interessanten Themenkreise der SF. Zur Zeit, als es noch keine Raumschiffe gab, war natürlich jeder literarische Text, in dem Raumschiffe vorkamen, als SF zu charakterisieren. Und mancher Text diente auch dazu, den Raumfahrtgedanken zu popularisieren. So ist es auch bei dem heute vorgestellten Werk, dessen Autor ein Pionier der Weltraumtechnik war.

Heyne Science Fiction ClassicsKonstantin Eduardowitsch Ciolkowskij (1857 – 1935, die Transkription des Namens in diesem Artikel folgt der vorgestellten Buchausgabe) ist der russische Vater der Weltraumfahrt. Er wurde auf dem Land als Sohn eines Försters geboren. Als Kind verlor er aufgrund einer Scharlacherkrankung fast vollständig sein Gehör und musste sich deswegen im Selbststudium weiterbilden. Ab 1880 unterrichtete er in Borovsk, einer Kleinstadt 80 kam südwestlich von Moskau, Mathematik und Physik. 1893 übesiedelte er nach Kaluga, wo er bis zu seinem Tod lebte. Bereits ab 1883 beschäftigte er sich mit dem Thema Rückstoßantrieb für Luftfahrzeuge. Ciolkowskij experimentierte selbst und veröffentlichte mehrere Aufsätze zu diesem Thema. Jahrzehnte bevor das Thema in westlichen Ländern durch Forscher wie Goddard oder Oberth wissenschaftlich aufgegriffen wurde, wurde er somit zum Begründer der Astronautik. Er baute eine Zentrifuge für biologische Versuche, um die Auswirkungen der Beschleunigung auf Organismen zu untersuchen. Um die Öffentlichkeit für die Weltraumfahrt zu interessieren, schrieb Ciolkowskij Kurzgeschichten und Romane zu diesem Thema. 1893 erschien Auf dem Monde, 1895 Träume über Erde und Himmel. Als er eine Arbeit von Aleksandr Petrovic über das Raketenprinzip las, stellte Ciolkowskij alsbald eigene Berechnungen darüber an. Das Ergebnis war die Arbeit Die Erforschung der Welträume durch Rückstoßapparate. Hier ist die Theorie der Flüssigkeitsrakete mathematisch aufbereitet und die sogenannte Ciolkowskij-Formel über das Verhältnis der Raketengeschwindigkeit zu der der Auspuffgase und das Verhältnis von momentaner zur Startmasse dargestellt. Auch atomarer Zerfall als Antriebsquelle wurde vom Forscher bereits vorgeschlagen.

Nach der Oktoberrevolution fand Ciolkowskij in Russland zunehmende Anerkennung. Es wurde sogar als Leiter einer Sektion für interplanetaren Verkehr der Luftfahrtakademie vorgeschlagen. Im Westen blieb er aber weitgehend unbekannt. Er starb 1935 in Kaluga, Noch in seinem Todesjahr schlug er noch die Bündelung von Raketentriebwerken vor, ein Prinzip, das bei russischen Raketen noch heute angewendet wird.

Heyne Science Fiction ClassicsSein Roman Vne zemli (dt.: Außerhalb der Erde) geht im Erstentwurf auf das Jahr 1896 zurück. In einem Schloss in den Ausläufern des Himalaya haben sich mehrere Forscher versammelt, um zusammen an Neuentwicklungen zu arbeiten. Es sind der Franzose Laplace, der Engländer Newton, der Deutsche Helmholtz, der Amerikaner Franklin, der Italiener Galilei und der Russe Iwanow. Die Namen sind nicht zufällig gewählt, den Russen allerdings muss man als Alter Ego des Autors betrachten. Der Russe bespricht mit seinen Freunden ein brandneues Projekt, das er ausgearbeitet hat:

„Allerdings habe auch ich eine Kanone erdacht, aber eine fliegende Kanone, mit dünnen Wänden, die anstatt eines Geschosses Gase ausstößt. Habt ihr schon von einer solchen Kanone gehört?“

„Ich verstehe nichts“, sagte der Franzose.

„Die Sache ist doch einfach; ich rede von einer Art Rakete.“

„Na und?“ sagte enttäuscht der feurige Italiener. „Eine Rakete ist doch etwas Kümmerliches; damit wirst du uns nicht überraschen. Willst du dich etwa mit einer großen Rakete in den Weltraum begeben?“

Die Gesellschaft begann zu lächeln, aber Newton dachte etwas nach und der Russe antwortete: „Ja, in einer Rakete besonderer Konstruktion. Da erscheint lachhaft und unmöglich; aber strenge Berechnungen sagen etwas anderes.“

Newton hörte aufmerksam zu, die anderen blickten zu den Sternen hinauf.

Als sie sich wieder Ivanov zuwandten, begann er:

„Ganz unwiderlegliche Berechnungen ergeben, daß explosible Substanzen, wenn sie aus dem Rohr einer hinreichend langen Kanone herausfliegen, eine Geschwindigkeit bis zu 6000 Metern in der Sekunde erlangen können. Wenn man annimmt, daß die Masse der Kanone gleich der Masse der ausgestoßenen Gase sei, so erhält das Rohr eine entgegengesetzt gerichtete Geschwindigkeit von 6000 Metern pro Sekunde. Wenn die Masse der Explosivstoffe dreimal größer ist, wird die Geschwindigkeit des Rohrs 8000 Meter in der Sekunde sein. Bei einer siebenmal größeren Masse schließloch gewinnt das Rohr eine Sekundengeschwindigkeit von 16000 Metern. Das ist mehr, als zur Entfernung von der Erde und zur Reise um die Sonne nötig ist.“

(Zitiert aus: Konstantin E. Ciolkowskij: Außerhalb der Erde. München 1977, Heyne SF 3664, S. 12f)

Das halbe Werk besteht aus vergleichbaren Erklärungen physikalischer Gegebenheiten, der Zusammensetzung des Sonnensystems, den Konstruktionsprinzipien von Weltraumfahrzeugen und weiteren technischen Einrichtungen.

Aufgrund des überzeugenden Vortrags des Russen wird der einstimmige Beschluss gefasst, eine Rakete zu bauen, mit der eine Besatzung den Erdorbit erreichen kann. Vorerst wird aber in den Werkstätten emsig gearbeitet, denn zuerst bauen die Ingenieure eine zwanzig Meter hohe Rakete zu Testzwecken. Franklin, Ivanov und Galilei sind die Piloten, die das Gefährt während des ersten erfolgreichen Testflugs steuern.

Der Erfolg des Tests führt dazu, dass eine weitere astronomische Vorlesung abgehalten wird, um die am Projekte Arbeitenden (bzw. die Leser des Buches) mit den Gegebenheiten im Sonnensystem vertraut zu machen:

„In der vorherigen Vorlesung haben wir gesehen, daß die sichtbare Welt von Sternen oder Sonnen nicht weniger als 80 Milliarden Planeten enthält. Allein in unserem Sonnensystem zählen wir augenscheinlich mehr als 600 Planeten. Angesichts der bevorstehenden Reisen müssen wir uns um die Entfernung der Planeten von der Sonne und von der Erde kümmern. Beherrschen wir solche Entfernungen? Reicht überhaupt ein Menschenleben aus, um sie zu überwinden?“

„Der allernächste Himmelskörper ist für uns der Mond“, führ Newton nach kurzer Pause fort. „Der Mond ist ebenso ein Kind der Erde, wie die Erde selbst zusammen mit den anderen sechs Planeten Kind der Sonne ist. Die Erde und die großen Planeten sind Töchter der Sonne.“

„Dann ist der Mond also lettlich ein Enkel der Sonne“, sagt einer der Anwesenden.

„Genau das“, bestätigte Galilei. „Aber die Sonne hat noch eine Menge anderer Enkelkinder; das sind die Monde der übrigen Planeten. So besitzt Jupiter acht Monde, acht Kinder; und auch die sind Enkel der Sonne wie unser Mond.“

„Reden wir nun vom Mond“ sagte Newton. „Seine Entfernung von der Erde beträgt 380000 Kilometer. Wenn wir in unserer Himmelskutsche durchschnittlich 5 Kilometer in der Sekunde zurücklegen, werden wir den Mond nach 76000 Sekunden erreiche, das heißt schneller als in einem Tag.“

(Zitiert aus: Konstantin E. Ciolkowskij: Außerhalb der Erde. München 1977, Heyne SF 3664, S. 31)

Nach weiteren umfangreichen Tests und Vorbereitungsarbeiten startet schließlich im Jahr 2017 die erste bemannte Weltraumrakete, ein 100 m hohes spindelförmiges Geschoß, mit 20 Mann Besatzung ins All und begibt sich zuerst in einen Orbit um die Erde. Die bis zum Zehnfachen erhöhte Schwerkraft durch die starke Beschleunigung in der Startphase wird dadurch gemildert, dass die Besatzung in einem Wasserbad gut geschützt ist. Im Orbit lernen die Weltraumfahrer dagegen mit der Schwerelosigkeit umzugehen und staunen über den überwältigenden gestirnten Himmel, als sie die Fensterläden der Rakete öffnen. Nachdem die Rakete in Drehung um ihre Längsachse versetzt wird, entsteht künstlich herbeigeführt ein Schwerkrafteffekt durch die Zentrifugalkraft. Mutige Besatzungsmigleider wagen sich zu Weltraumspaziergängen nach außen, dabei wird die Funktion einer Luftschleuse erklärt. Die Weltraumspaziergänger sind gut angeleint und haben Rückstoßpistolen mit, um zur Rakete zurückkehren zu können. Um die Weltraumfahrer mit Lebensmittel versorgen zu können, wird außerhalb der Rakete eine Orangerie gebaut, ein riesiges Gewächshaus in Leichtbauweise, in dem sich Obst und Gemüse unter optimalen Bedingungen bestens entwickeln. Die Weltraumfahrer nehmen mit Morsezeichen Kontakt zur Erde auf und fordern die Weltregierung auf, weitere Raketen zu bauen und Habitate im Orbit um die Erde einzurichten. Damit könnte das Problem der Überbevölkerung auf der Erde gelöst werden. Auf der Erde setzt daraufhin eine emsige Bautätigkeit weiterer Weltraumraketen ein. Bald werden die ersten Siedlungen im Erdorbit errichtet.

Es wird der Beschluss gefasst, zum Mond zu fliegen. Das Gewächshaus muss aber zurückgelassen werden, denn es würde die riesige Beschleunigung nicht aushalten und auseinanderbrechen. Die Rakete begibt sich in einen Mondorbit, und eine besonders dafür eingerichtete kleine Rakete mit zwei Mann Besatzung wagt den Abstieg zu unserem Trabanten. Nach erfolgreicher Landung erkunden die beiden Mondfahrer Ivanov und Nordenskjöld wie in einer anderen Welt Armstrong und Aldrin den Himmelskörper. Sie nehmen Gesteinproben, hüpfen aufgrund der niedrigen Schwerkraft durch die Gegend und klettern Krater hinunter. Anders als die beiden amerikanischen Kollegen entdecken sie aber auch einheimisches Leben, denn Ciolkowskij ging davon aus, dass sich in den Mondniederungen auch Reste von Atmosphäre halten konnten. Nach ihrer Rückkehr werden die beiden Mondfahrer von den Kameraden in der großen Rakete mit Jubel begrüßt.

Schließlich unternimmt die große Rakete einen Flug zum Mars. Die Landung auf dem Nachbarplaneten wird aber einer späteren Expedition vorbehalten bleiben. Viele Erfahrungen reicher kehren die Weltraumreisenden zurück und landen wieder auf der Erde. Die Raumfahrer haben Schwierigkeiten sich zu bewegen, denn sie sind die hohe Anziehungskraft nicht mehr gewöhnt. Der ganze Körper scheint wie mit Blei ausgegossen zu sein, man kann lange nicht einmal aufstehen. Doch bald werden Pläne für weitere Himmelsausflüge gemacht, denn die Planetoiden zwischen Mars und Jupiter sind interessant, und außerdem steht ja noch eine Landung auf dem Mars an...

Natürlich ist das Werk nur pro forma ein Roman. Ein literarischer Wert ist fast überhaupt nicht vorhanden. Dem Autor ging es auch überhaupt nicht um eine spannende Handlung oder um eine ausgefeilte Charakterisierung der Personen, sondern darum, die Idee der Weltraumfahrt und der Kolonisierung des Weltraums populär zu machen. Dabei bediente er sich exakt der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse inklusive der Ergebnisse der eigenen Forschungen. Die geschilderten Vorgänge wurden streng aufgrund eigener Berechnungen dargestellt, und Ciolkowskij lieferte viele Beispiele, Größenvergleiche etc., um die Authentizität seiner Schilderungen zu untermauern. Den Band sind etliche Skizzen des Forschers zu seinen Raumfahrtstudien beigegeben. Natürlich hat sich seit Ciolkowskijs Zeit die Wissenschaft weiterentwickelt, und bei einigen Annahmen ging der Autor fehl. Er unterschätzte die Folgewirkungen der Weltraumfahrt auf den menschlichen Organismus, beispielsweise ist nirgendwo vom Muskel- oder Knochenabbau beim Menschen nach einem längeren Aufenthalt im Orbit zu lesen. Auch die gesundheitsgefährdenden Effekte der kosmischen Strahlung waren bei ihm noch kein Thema, außerdem ging er noch davon aus, dass der Kosmos vom Äther ausgefüllt ist. Trotzdem kann man nur staunen, welches enorme Wissen sich dieser Pionier der Weltraumfahrt bereits vor so langer Zeit angeeignet und mit welcher Klarheit er Entwicklungen vorausgesehen hat. Etwas pathetisch formuliert: Das russische Volk und mit ihm die ganze Menschheit hat allen Grund, auf den Pionier der Weltraumfahrt Konstantin E. Ciolkowskij stolz zu sein.

Es sei noch eine Bemerkung zum Übersetzer angefügt: Die Übertragung aus dem Russischen wurde kenntnisreich von Winfried Petri (1914 – 2000) angefertigt. Petri war nicht nur im Russischen sattelfest, sondern auch in der Physik. Er fügte dem Text eine Anzahl von erklärenden Fußnoten bei und wo es notwendig war, wies er auch auf allfällige Ungenauigkeiten hin, auch auf Fehlannanhmen, die aufgrund neuerer Erkenntnisse überholt sind. Petri stammte aus Braunschweig und studierte Sprachen, Mathematik und Physik. Er war einige Zeit an der Universitätssternwarte München und wurde Professor am Institut für Geschichte der Naturwissenschaften der Universität München. Er war SFCD-Mitglied und trat mit einer Reihe von Übersetzungen von schwierigen Werken hervor, die wissenschaftlich fundiert waren. Also „Hard Science Fiction“ im besten Sinn des Wortes. Natürlich übersetzte er auch aus dem Englischen.

Noch einmal kurz gesagt: Für Literaturfreunde hat Außerhalb der Erde nicht wirklich viel zu bieten, aber Raumfahrtinteressierte können nur staunen, mit welcher Präzision Ciolkowskij bereits Ende des 19. Jahrhunderts Themen der Weltraumfahrt beschrieben hat, von denen manche auch noch heute Science Fiction geblieben sind. Ein Schmuckstück der Heyne Science Fiction Classics!

 

Titelliste von Konstantin E. Ciolkowskij

Anmerkung:
Es werden die Ausgabe in den Heyne Science Fiction Classics sowie die Erstausgabe des Werks angeführt.


1977

3554 Außerhalb der Erde
Originalausgabe: Vne zemli, Erstentwurt 1896, unvollständiger Zeitschriftenabdruck 1916, vollständige Buchausgabe 1920


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Tags: Science Fiction and Fantasy

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