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Heyne Science Fiction Classics 29 - Felix Aderca

Heyne Science Fiction ClassicsDie Heyne Science Fiction Classics
Folge 29: Felix Aderca
Die Unterwasserstädte

Von den sechziger bis Anfang der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts erschienen als Subreihe der Heyne Science-Fiction-Taschenbücher mehr als hundert Titel unter dem Logo „Heyne Science Fiction Classics“. Diese Romane und Kurzgeschichten werden in der vorliegenden Artikelreihe vorgestellt und daraufhin untersucht, ob die Bezeichnung als Klassiker gerechtfertigt ist.

Heyne Science Fiction ClassicsIn den Heyne Science Fiction Classics sind insgesamt 120 Titel erschienen. Gerade acht davon stammten von Autoren, die nicht aus dem angelsächsischen oder deutschen Sprachraum kamen. Der heute vorgestellte Roman wurde zuerst auf Rumänisch veröffentlicht. Rumänien ist ein osteuropäisches Land, dessen Literatur bei uns kaum bekannt ist, und das gilt für den phantastischen Bereich umso mehr. Neben dem heute präsentierten Autor ist mir nur auf Anhieb Mircea Eliade in Erinnerung, von dem vor mehreren Jahrzehnten mehrere Bände mit Erzählungen in Suhrkamps Phantastischer Bibliothek herausgekommen sind.

Felix Aderca (1981 – 1962) war ein rumänischer Journalist und Autor jüdischer Herkunft. Er schrieb unter anderem für die Zeitschrift Contempuranul, veröffentlichte Gedichte, Essays, Kritiken, aber auch einen utopischen Roman. Wegen seiner Herkunft und politischen Einstellung war er in der faschistischen Zeit der Verfolgung ausgesetzt, er lebte aber auch nach dem Krieg in Angst vor der Obrigkeit, weil er als Nonkonformist betrachtet wurde.

Heyne Science Fiction ClassicsPräsident Pi liegt im Sterben. Seine engsten Mitarbeiter sind geschockt, denn obwohl er mit fast vierzig Jahren bereits ein für die aktuellen Verhältnisse respektables Alter erreicht hat, hätte man doch gehofft, dass er sein Lebenswerk vollenden und das Geheimnis der Atomkraft enträtseln hätte können. Denn zusätzliche Energiequellen sind dringend notwendig. Die Sonne erkaltet. Die Menschheit hat sich in die Tiefen des Meeres zurückgezogen. Riesige Kuppeln aus Kristall überwölben die vier verbliebenen Städte. Doch die Bevölkerung schrumpft, Unfälle und Selbstmorde dezimieren die Einwohnerschaft, die Geburtenrate ist niedrig. Die Energievorräte gehen zur Neige, immer öfter muss der Strom abgeschalten werden.

„Seit heute ist es verboten, die Reserve-Akkumulatoren einzuschalten, wenn die Energieleistung der Generatoren nachläßt. Wir müssen sparen. Wir haben die Akkumulatoren auf den Meeresboden, in den rechten Hauptwürfel gebracht. Das Wasser gefriert. Die Eisgrenze ist bis auf 50 Meilen nördlich und südlich des Äquators, auf dem wir uns befinden, herangerückt. Wir nähern uns den Wintermonaten. Es ist möglich, daß auch die Äquatorlinie erstarrt. Bis zum Sommer, also bis zur Schneeschmelze, wenn es noch dazu kommt, stehen uns nur die Energiereserven der Akkumulatoren zur Verfügung. Die Wellen können drei Generatoren nicht mehr antreiben. Wir haben die verfügbare Wasserkraft auf die letzten beiden konzentriert, und möglicherweise wird sie bald nur noch für einen und dann nicht einmal dafür ausreichen. Die Lichtstärke ist um sieben Grad gefallen. Bei diesem Licht ist noch alles sehr gut sichtbar. Wenn wir die Stromversorgung nur aus den Akkumulatoren speisen, wird es noch dunkler, da der Verbrauch sparsam erfolgen muß. Das ist die Lage. Meine Ansicht war es, darüber möglichst lange allein Bescheid zu wissen. Aber nun sehe ich mich gezwungen, zu sprechen. Ich bitte, mir zu verzeihen.“

(Zitiert aus: Felix Aderca: Die Unterwasserstädte. München 1977, Heyne SF 3538, S. 73)

Die Menschheit hat sich in zwei Rassen aufgespalten. Der Großteil der Menschen hat eine blaue, bleiche Haut, einen haarlosen Körper und lidlose Augen als Anpassung an die Unterwasserverhältnisse entwickelt. Die Bewohner der Stadt Mariana sind aber pigmentiert, dunkelhaarig und haben einen kleineren Kopf als die Bewohner der anderen Städte. Diese blicken auf die Marianen herab und sehen sie als minderwertige Wesen an, deren man sich entledigen sollte. Mariana ist die Stadt mit dem Feuerherzen, dort werden die Erze aus dem vulkanischen Untergrund geholt, verhüttet und an die anderen Städte weitergeliefert. Die Bewohner Marianas sind die eigentlichen Arbeiter, die Bergleute, Tunnelbauer, Schmiede und Glasbläser. Die für die anderen Menschen entwickelte künstliche gasförmige Nahrung schmeckt ihnen nicht.

Die so sehr erhoffte Erfindung Pis würde der gesamten Menschheit neue Hoffnung bringen, oder gibt es noch eine andere Möglichkeit? Das politische Komitee versammelt sich im Kabinett des Präsidenten. Pi hat eine Lampe mit acht Kegeln, in denen sich Glühdrähte befinden, und wirre Aufzeichnungen hinterlassen. Damit sollte eine Atomverschmelzung ermöglicht werden, es fehlt aber noch ein Gas, um die gewünschte Reaktion zu erzeugen. Ingenieur Whitt, der Generaldirektor der Hauptstadt und Leiter des Chemielabors, macht sich daran, die Arbeit zu vollenden. Olivia, die Tochter des Präsidenten und einer marianischen Mutter, eine dreizehnjährige Jungfrau, übernimmt stellvertretend das Präsidentenamt, bis ein Nachfolger Pis gewählt wird. Whitts Gegenspieler ist Ingenieur Xavier, der nach Mariana strafversetzt worden ist. Er hat einen anderen Plan, nämlich aus der Sackgasse der Entwicklung auszubrechen und stattdessen zu versuchen, die Sterne zu erreichen. Er entwickelt eine Weltraumrakete. Xavier hat in den Tiefen des Weltalls einen Doppelplaneten im Sternbild Kreuz des Südens entdeckt. Die beiden Himmelskörper werden von zwei Sonnen beschienen und haben eine lebensspendende Atmosphäre. Dorthin könnte die Menschheit auswandern. Olivia liebt Xavier und vereitelt sein Vorhaben, indem sie alle Raketentreibsätze zerstören lässt, denn sie will ihn nicht verlieren. Whitt scheitert bei seinem Bemühen, Pis Erfindung zu vollenden. Er entwickelt einen letzten, verzweifelten Plan. Er will den feurigen Erdkern anzapfen, um daraus Energie zu gewinnen und in den Tiefen eine neue Stadt bauen. Er lässt die Kuppeln der Städte zerstören, damit sich die alle Überlebenden in die neue Stadt begeben müssen und nicht mehr zurückkönnen. Die minderwertigen Marianen sollen aber vernichtet werden. Diese wagen aber den Aufstand gegen ihre Vernichtung und zerstören die Fundamente der neuen Stadt in der Tiefe. Die Menschheit steht vor dem Untergang. Doch in letzter Sekunde findet Xavier das fehlende Gas, mit dem die Formel komplettiert und die Kernfusion in Gang gesetzt werden kann. Zusammen mit Olivia fliegt er in den Weltraum, dem neuen Planeten entgegen, den er auch Olivia genannt hat, um dort eine neue Menschheit zu gründen. Und auch für die überlebenden Menschen auf der Erde besteht Hoffnung, denn Xavier hat Whitt die Formel weitergegeben. Mit der neuen Energiequelle kann dieser die Stadt in der Tiefe wiederaufbauen und für die Überlebenden eine Heimstatt gewinnen.

Der Gesamteindruck des Romans ist leider enttäuschend. Die Charakterisierung der handelnden Personen ist plump, der Wissensstand des Autors, was Naturwissenschaften betrifft, erschreckend. Ein Planet befindet sich nicht einfach in irgendeinem Sternbild, sondern wandert durch die Ekliptik. Und dass ein naher Planet in unserem Sonnensystem von zwei Sonnen beschienen wird, ist noch dämlicher. Warum können wir diese dann von der Erde nicht sehen? Die lächerliche Lampe mit den acht Kegeln, in der das Geheimnis der Atomfusion verborgen ist, setzt noch eins drauf. Sie hat mich allerdings an zwei ähnlich unglaubwürdige infantile Märchenkonstrukte erinnert, nämlich Jack Williamsons Wunderwaffe AKKA in der Weltraumlegion-Serie und an A. E.van Vogts Kugel, in der das ganze Universum enthalten ist, aus seinem Atom-Imperium-Zweiteiler. Es wäre interessant zu erfahren, ob Aderca zur damaligen Zeit Kontakt zur sich entwickelnden SF-Szene hatte. Interessanterweise gibt es leichte Motivähnlichkeiten zu Hellmuth Langes Blumen wachsen im Himmel, wo auch das Ende einer sterbenden Zivilisation auf einem erkaltenden Planeten geschildert wurde, wenngleich auch mit wesentlich eloquenteren literarischen Mitteln. Jedenfalls können Die Unterwasserstädte leider nicht dem Fundus klassischer Science Fiction zugerechnet werden. Wenn man ein solches Werk als Klassiker bezeichnet, braucht man sich nicht wundern, wenn Science Fiction generell als infantile Fluchtliteratur charakterisiert wird. Der Roman erreicht nicht einmal das durchschnittliche Niveau eines Romans in einer SF-Heftreihe der fünfziger Jahre wie es beispielsweise die Utopia Zukunftsromane waren. Er kann heute nur in der Rubrik „Kuriosa“ abgelegt werden.


Titelliste von Felix Aderca

Anmerkung:
Es werden die Ausgabe in den Heyne Science Fiction Classics sowie die Originalausgaben des Werks angeführt.


1977

3538 Die Unterwasserstädte
Originalausgabe 1932 als: Orașele înecate; 1937 auch unter dem Titel: Orașe scufundate


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Tags: Science Fiction and Fantasy

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