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Amazing Pulps – Pulp Treasures 12 - Mack Reynolds - He Knew All The Answers (Fantastic Adventures, 1951/11)

Amazing PulpsPulp Treasures 12
Mack Reynolds
He Knew All The Answers (Fantastic Adventures, 1951/11)

In dieser Reihe berichte ich über interessante Funde in diversen alten Pulp-Magazinen - Story-Heften, die zwischen 1895 und 1960 in Amerika zu Tausenden auf den Markt kamen. In ihnen entdeckt man immer wieder kleine Schätze, aber auch Bizarres, Trash von großen Autoren oder Geniales von unbekannten Schriftstellern...

Fantastic Adventures, 1951/11Als 1945 Chefredakteur Raymond Palmer seine Magazine „Amazing Stories“ und „Fantastic Adventures“ für neue Themen wie Paranoia, UFOs und Präastronautik öffnete, war der Entrüstungsschrei bei den traditionellen SF-Fans groß und hysterisch. Der scheinbar einmütige Ruf, die Veröffentlichung solch „unseriöser“ SF sofort einzustellen, klang konzertiert und war wohl organisiert durch kleine ultrakonservative Kreise um John W. Campbells Magazin „Astounding Stories“.  

Damals war die Einführung neuer Themen, ja sogar neuer Rubriken oder Designs oft schon ein Affront für SF-Fans der späten 40er und frühen 50er Jahre. Wie John W. Campbell einmal bitter bemerkte, war ausgerechnet der eingeschworene Haufen radikaler amerikanischer SF-Fans, also der Leute, die am ehesten für neue Ideen aufgeschlossen sein sollten, der reaktionärste Leserkreis, der sich überhaupt denken ließ. Emanzipatorische Ideen setzten sich hier zögerlicher durch als in anderen Genres, Frauen in führenden Positionen sind in der Hard-SF der 50er Jahre mit der Lupe zu suchen, und wirklich neue formale Gestaltung findet sich eher in Großbritannien als in den USA. Amerikanische Dystopien der späten 40er und 50er Jahre wurden fast ausschließlich aus rechtskonservativem Blickwinkel geschrieben, von Autoren, denen so ziemlich alles recht war, um McCarthys Kommission hinten reinzukriechen und als braver Antikommunist ohne Fehl und Tadel zu gelten. (Was nicht heißen soll, dass die großen Werke dieser Autoren deswegen weniger lesenwert sind).

Doch die von Palmer und Shaver neu kultivierte Paranoid-SF war für viele Leser zunächst fast schlimmer als kommunistische Propaganda. Für die um 1950 stark von der Scientology-Idiologie beeinflußte SF um Astounding war sie ein besonderer Affront, weil die dianetischen Ideen der Scientology zwar auch Übermächte postulierten, allerdings waren das eher positive Kräfte, denen man sich annähern sollte. Die Idee, dass die Aliens oder höher entwickelte Spezies nicht nur böse, sondern auch siegreich sein könnten, war ein No-Go in  Astounding, aber auch zum Teil in anderen SF-Magazinen. Am Ende hatte bei Heinlein, Asimov oder Clark immer der gute Mensch den Fuß auf den Kopf des besiegten Aliens zu setzen (wenn es denn einen hatte), die Heldinnen hatten den Helden dabei anzuhimmeln.

Die neue SF-Paranoia-Konzeption dagegen enthält beunruhigende und subversive Elemente, die zwar bald später zum Mainstream werden, aber zunächst von der klassischen SF-Gemeinde (offiziell) äußerst feindselig aufgenommen wurden.

Die neue Paranoid-SF spielt mit dem Gedanken, dass

  • a) fremde Mächte schon lange vor der Menschheit auf der Erde weilen und sie vermutlich auch im Griff haben

  • b) dass alte Legenden und Sagen, die Architektur der Antike etc. Zeugnisse früher überlegener Mächte und Völker sind

  • c) dass sich die Beobachtungen außergewöhnlicher okkulter oder grenzwissenschaftlicher Phänomene (UFOs, Poltergeister etc.) auf feindselige überlegene Mächte zurückführen lassen, die uns kontrollieren

  • d) dass ein Großteil der neurotischen Erkrankungen auf Manipulationen außerdimensionaler oder außerirdischer Mächte zurückzuführen ist, um uns im Zaum zu halten oder uns lächerlich zu machen, wenn wir die Wahrheit herausfinden.

Vieles daran ist nicht neu. Einige Kernideen stehen in den Büchern von Charles Fort, anderes erinnert an den Cthulhu-Mythos von Lovecraft. Doch die strenge Verknüpfung von SF und Paranoia findet sich erst ab 1945 in Palmers Blättern so ausgeprägt und hat von dort aus Einfluß auf spätere Autoren wie Däniken, Finney, Wyndham, Silverberg und viele andere genommen.

1949 weicht Palmer dem Druck seiner Feinde und wirft das Handtuch. Mit ihm verschwindet der Shaverismus aus seinen Blättern (also der nach Richard S. Shaver benannte Kunstgriff, eine fiktive SF-Geschichte als wahre Tatsache auszugeben). Doch der Zauber ist durchaus nicht gebrochen, im Gegenteil, grade im Augenblick, in dem Palmer kündigt, beginnen große SF-Autoren zögerlich Gefallen an der Paraniod-SF zu finden.

Mack ReynoldsEiner dieser Großen ist der junge Mack Reynolds. 1917 in Californien geboren und in einem sehr rebellischen linken Umfeld aufgewachsen (die Eltern waren Marxisten), fühlte er sich zunächst von der wilden, verrückten Szene um Amazing Stories / Fantastic Adventures magisch angezogen. Die beiden Schwesternzeitschriften veröffentlichten seine ersten Erzählungen. Erst Ende der 50er Jahre wechselte er zu Campbells „Astounding“ und wurde dort zu einem der beliebtesten Magazinautoren der Ära. Er starb 1983. Einige seiner späteren Erzählungen und Kurzromane wurden auch ins Deutsche übersetzt, darunter Mercanary (Söldner 1962/82), The Space Barbarians (Weltraumbarbaren 1969/73), Dawnman Planet (Das Geheimnis der Urmenschen (1966/71) (Die zweite Jahreszahl ist die der deutschen Erstveröffentlichung.) Neun Zehntel seines Schaffens blieb aber bisher unübersetzt.

Reynolds interessierte nicht so sehr mystisch/okkulte Aspekt der Paranoia-Literatur, sondern eher der soziologische – und er sah dort auch Potenzial für satirische Ideen. Sein kleines Meisterwerk „Das Projekt“ („He knew all the answers“) erschien in der November-Ausgabe 1951 von Fantastic Adventures unter dem Pseudonym Dallas Ross. Die Erzählung wurde meines Wissens noch nie ins Deutsche übertragen.

Glücklicherweise sind die Copyrights sämtlicher Hefte von „Fantastic Adventures“ erloschen, und nur wenige Autoren ließen ihre Geschichten mit einem Copyright versehen. Mack Reynolds gehört nicht zu ihnen.

Das Projekt (He Knew All The Answers) - Wegen der Kürze diesmal keine Fortsetzung – die Erzählung folgt in einem Stück.

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