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Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 8: Hermann Kasack - Die Stadt hinter dem Strom & Das große Netz

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 8: Hermann Kasack
Die Stadt hinter dem Strom & Das große Netz

Phantastische Literatur in allen ihren verschiedenen Ausprägungen wird allgemein als Teil der Unterhaltungsliteratur betrachtet, um es deutlicher zu sagen der Trivialliteratur. Dass sich aber auch renommierte Autoren der deutschsprachigen Literatur, die zum Teil zu höchsten literarischen Ehren gelangten, mit utopischen und phantastischen Stoffen beschäftigten, wird in dieser Serie aufgezeigt.

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Hermann Kasack (1896 – 1966) ist heute nur noch wenigen ein Begriff. Aufgrund der Epoche, in der er lebte, konnte es nicht ausbleiben, dass das Naziregime wesentlichen Einfluss auf sein Leben und seine Arbeit hatte. Im Gegensatz zu anderen in dieser Artikelserie vorgestellten Autoren wurde er zwar nicht ein unmittelbar Verfolgter, sondern er zog sich in die „innere Emigration“ zurück, nachdem ihm 1933 die weitere Mitarbeit im Rundfunk untersagt worden war, weil er gegen die propagandistische Umarbeitung eines von ihm verfassten Hörspiels mit Nazi-Elementen protestiert hatte. Kasack wuchs in Potsdam auf und war schon als Schüler dichterisch tätig. Beim Ausbruck des Ersten Weltkrieges wurde er eingezogen, aber bereits nach wenigen Wochen wegen eines Herzfehlers wieder aus der Armee entlassen. Nach dem Krieg arbeitete er als Lektor, freier Schriftsteller und Rundfunkautor. 1944 übernahm er die Verlagsleitung des Suhrkamp Verlags, nachdem Peter Suhrkamp verhaftet worden war. 1947 erschien sein Roman Die Stadt hinter dem Strom, in dem er eine Vision aus der Kriegszeit, einen „Totentraum“, beeindruckend literarisch umsetzte.

Von manchen wird Kasack als der wichtigste deutsche Schriftsteller der unmittelbaren Nachkriegszeit gesehen. Ob man dieser Aussage zustimmt, bleibt jedem selbst überlassen, aber auf jeden Fall ist Die Stadt hinter dem Strom eines der überzeugendsten Werke der sogenannten Trümmerliteratur und weist auch Elemente des erst später unter diesem Namen bekannt gewordenen Magischen Realismus auf. 1952 erschien Kasacks zweiter Roman Das große Netz, eine dystopische Satire. Kasack war auch in diversen schriftstellerischen Institutionen aktiv, wie als Mitglied des P.E.N.-Clubs, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur sowie als Präsident der Deutschen Akademie für Dichtung und Sprache.

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Der Altertumsforscher Dr. Robert Lindhoff kommt am Bahnhof einer Stadt an, aus der ihn ein Ruf erreicht hat, das Amt als Archivar der Stadt zu übernehmen. Nachdem es für ihn schwierig ist, einen seiner Ausbildung entsprechenden Posten zu bekommen, ist er für das Angebot dankbar und neugierig darauf, was ihn erwartet. Gleich nach der Ankunft hat er zwei Begegnungen. Er glaubt, an einem Brunnen eine Frau zu sehen, die er kennt, er ist sich aber nicht sicher, ob es Anna ist und sie entschwindet. Dann trifft er seinen Vater, den er tot gewähnt hatte. Vater erklärt ihm, dass er sich nach seinem Schlaganfall nur zurückgezogen hatte und hierher übersiedelt ist, um einen Scheidungsfall juristisch zu betreuen. Robert sucht die Präfektur auf, um sich bei seinem neuen Dienstherren anzumelden.

Wo sein bogenförmiger Lauf der Stadt am nächsten kam, lag der Palast oder der Komplex, der sich in vielfacher Aufteilung jetzt an seiner Stelle erstreckte: die Präfektur der Stadt.

In all diesen Häusern, die untereinander in Verbindung standen, saßen in sauber abgeteilten Räumen, die wie Waben wirkten, zu ebener Erde viele Männer und Frauen an mormornen Tischen, wo sie Papiere ordneten, und mit bestimmten Zeichen oder Stempeln versahen. Andere bereiteten, den Finger an die Nase gelegt, Schriftstücke vor, schlugen in mächtigen Akten nach, die sie aus Stahlschränken herbeiholten. Häufig wurden Mappen mit Listen und Formularen von Platz zu Platz gereicht, indem jeder dem Inhalt etwas entnahm oder hinzufügte. Die Tätigkeit verlief ohne besonderen Eifer oder auffällige Teilnahme des einzelnen nach einem seit langem eingespielten Schema. Blickten die Männer und Frauen von ihrer Arbeit auf, so verriet ihr Ausdruck einen leeren Ernst. Die würdevolle Entrücktheit ihrer glatten Gesichter wurde durch eine turbanhähnliche grüne Kopfbedeckung betont. Alle truigen über ihrer Kleidung grau und gelb gestreifte Uniformkittel, die den Unterschied der Geschlechter verschleierten. Durch Abzeichen am rechten Ärmel waren die Beamten nach Bedeutung und Rang ihrer Tätigkeit voneiander abgehoben. Zwischen den einzelnen Abteilungen liefern unablässig Boten hin und her, deren Geschäftigkeit dem stummen Treiben etwas Geschwätziges verlieh.

Wahrlich, Kasack hat seinen Kafka gelesen. Man fühlt sich beinahe in Szenen aus dem Prozess oder dem Schloss versetzt. Doch es gibt einen wichtigen Unterschied: Während bei Kafka in der ganzen Absurdität eine Spur von Humor mitschwingt, bleiben Lindhoffs Erlebnisse in der Stadt vom ersten bis zum letzten Augenblick bitterernst.

Es gelingt Robert genausowenig wie K. jemals den Schlossherren erreicht hat, den Präfekten zu sehen, aber immerhin empfängt ihn in dessen Vertretung der Hohe Kommissar und er kann auch über ein Mikrofon mit dem Präfekten sprechen. Nachdem er seine Legitimationspapiere erhalten hat, verlässt Robert die Präfektur und wird dann in einem Gasthaus einquartiert, wo er der einzige Gast ist und von einer Bedienerin betreut wird, die kein Wort Deutsch spricht.

Die Stadt besteht zu einem Großteil aus Ruinen, zwischen denen Menschen damit beschäftigt sind, Abfälle wegzubringen. Es sieht so aus, als wären die Ereignisse schon länger vorbei, die zur Zerstörung geführt haben,, denn es sieht abgeräumt und sauber aus. Zwischen den Häusern gibt es ausgedehnte Tunnelsysteme. Die Menschen wirken irgendwie eigenartig. Robert ist bereits bekannt, es wird auf ihn mit der Bemerkung gezeigt, dass der neue Stadtschreiber da sei. Und schon wieder begegnet er einem Bekannten, dem Maler Katell, welcher ihn in der Stadt herumführt.

Robert sucht das Archiv auf und stellt sich bei den Mitarbeitern vor, die ab sofort seine Untergebenen sind. Das Archiv ist ungeheuer groß, es ist eine Sammlung von allem Wesentlichen, das von Menschen je gedacht und in ihren Sprachen niedergeschrieben ist. Die Mitarbeiter sind ununterbrochen damit zu beschäftigen, neue Archivstücke entgegenzunehmen, zu katalogisieren, aber auch Obsolotes wieder auszuscheiden. Zu Roberts Aufgaben gehört es, die Chronik weiterzuführen. Welche Aktivitäten sind dafür gefordert? Niemand gibt ihm Antwort.

Auf der Straße entsteht Unruhe, als sich eine Schar von Kindern nähert. Nun fällt Robert auf, was er bisher unbewusst vermisst hatte: Es waren bei seinen bisherigen Begegnungen keine Kinder zu sehen. Stumm zieht die Schar vorbei und geht ihres Weges. Endlich trifft Robert Anna, denn sie war es tatsächlich, die er gesehen hatte. Sie treffen sich im Haus ihrer Eltern, zu denen sie zurückkehren durfte. Roberts Vater stößt dazu, und es wird Robert klar, dass es Anna ist, die er in ihrem Scheidungsprozess vertritt. Robert selbst ist es, der Anlass für die Scheidung ist. Anna war in ihre Ehe mit Dr. Mertens geflüchtet, um einer weiteren Affäre mit Robert zu entgehen.

Bei einem weiteren Streifzug durch die Stadt mit Katell besucht Robert eine Fabrik, die aus einem staubartigen Rohmaterial Kunststein herstellt. Der Lieferant sitzt am anderen Ende der Stadt, eine weitere Fabrik, die den Kunststein wieder zermahlt. So sind die beiden Werke füreinander Lieferant und Kunde zugleich. Das Problem der Arbeitslosigkeit ist dadurch zwar beseitigt, aber wo ist der Sinn dahinter? Die Umgebung wird Robert immer unheimlicher. Er schafft es nicht, seine Aufzeichnungen in der Chronik niederzuschreiben, ebensowenig, wie K. es in seinem Prozess gelungen ist, schriftliche Eingaben an das Hohe Gericht zu machen.

Endlich trifft er Anna wieder, und als sie die Nacht miteinander verbringen, sieht er den Verband an ihrem Handgelenk. Es fällt ihm wie Schuppen von den Augen. Er ist mit einem Gespenst zusammen! Anna ist tot, sie hatte Selbstmord begangen. Sie war es mit ihrer Sehnsucht nach ihm, die ihn in die Stadt gerufen hatte. Alle Bewohner der Stadt sind tot! Er befindet sich als einziger Lebender in einem Zwischenreich, in dem ständig frisch Angekommene einige Zeit verweilen, bevor sie wie KZ-Häftlinge aus dem Zwischenlager zu ihrer endgültigen Bestimmung weitertransportiert werden. Robert versucht, mit einer Eingabe in der Präfektur zu erreichen, dass Anna hierbleiben kann. Er wird zum letzten Haus am Rand der Stadt geführt. Dort hat sich eine Gesellschaft zur Abschiedsparty versammelt, alles Bekannte von ihm, darunter auch sein Vater. Doch immer wenn eine Kerze auslöscht, verschwindet einer der Anwesenden, bis Robert zuletzt allein in der Finsternis zurückbleibt. Anna war nicht bei den Anwesenden, doch Robert findet sie als alte Frau am Wegrand sitzen, sie ist in eine Sybille verwandelt. Er ist am Ende seines Weges in der Stadt angekommen, und geht in die Präfektur, um seinen Abschied einzureichen. Er will sich dafür entschuldigen, dass er kein Wort in die Chronik geschrieben hat, doch alle seine Gedanken und Erlebnisse sind darin aufgezeichnet. Sie müssten nur mit Tinte nachgezogen werden.

Der Archivar nimmt Abschied von der Stadt hinter dem Strom und reist mit dem Zug zurück in die Lande der Lebenden. Ohne seinen Heimatort zu erreichen, fährt er lange Zeit kreuz und quer durch das Land, das unter den Nachwirkungen des Krieges leidet. Als endlich die Station seiner Heimatstadt ausgerufen wird, empfindet Robert einen lähmenden Schmerz in der linken Brust, den gleichen, welchen er auch schon einige Male in der Stadt gespürt hatte. Der Zug fährt weiter. Der Reisende steigt an der Endstation aus und geht einer Stadt entgegen, die für ihn vertraut wirkt, obwohl er sich nicht daran erinnern kann, schon einmal hiergewesen zu sein.

In meiner persönlichen Einschätzung nimmt dieser Roman den allerersten Rang von allen in der vorliegenden Artikelserie vorgestellten Werken ein. Man sollte ihn aber nicht lesen, wenn man gerade in einer trübseligen Laune ist, denn dann könnten sich Depressionen einstellen. Die Stimmung im zerstörten Nachkriegsdeutschland ist mit einer atmosphärischen Dichte eingefangen, dass das Lesen weh tut. Der Roman hat seine Spuren in der Literaturgeschichte hinterlassen. Interessant ist, dass der bekannte SF-Autor Andreas Brandhorst mit Die Stadt vor einigen Jahren einen Roman mit ähnlichem Titel vorgestellt hat. Hier ist es Benjamin Harthman, der an seinem vierzigsten Geburtstag einen tödlichen Autounfall hat und in einer bizarren Stadt wieder zu sich kommt. Alle Bewohner der Stadt waren ebenfalls tot und wurden aus unbekannten Gründen wieder zum Leben erweckt. Benjamin macht sich auf die Suche nach seiner Frau Kattrin, die mit ihm zusammen bei dem Autounfall starb, so wie sich in einer anderen Stadt Robert auf die Suche nach Anna machte. Ich habe keinesfalls vor, Andreas Brandhorst, der einer meiner zwei deutschen SF-Lieblingsautoren der Gegenwart ist, des Plagiats zu bezichtigen, denn die Handlung seines Romans entwickelt sich in eine ganz andere Richtung. Es ist letzten Endes ein spannender SF-Roman mit mystischen Anklägen, aber die Grundidee dürfte doch von Kasack beinflusst sein.

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Der Handelsvertreter für Parfümeriewaren Icks kommt in eine deutsche Kleinstadt. Der Krieg ist bereits einige Jahre vorbei, die Stadt ist ohne größere Bombenschäden relativ glimpflich davongekommen und die Besatzungstruppen haben die Stadt bereits verlassen. Icks sieht zwar kein großes Potential für den Verkauf seiner für das hiesige Milieu eher luxuriösen Güter, horcht sich aber um. Die junge Wirtin des Gasthauses, wo er übernachtet, erzählt davon, dass die Stadt durch die Gründung eines Museums einen großen Aufschwung erwartete und rät Icks, Herrn Friedrich vom Fremdenverkehrsamt aufzusuchen. Nach dem Gespräch mit diesem fährt Icks weiter, aber eigenartigerweise findet er nicht den Weg aus der Stadt Richtung Landeshauptstadt. Es halten ihn Straßensperren, Umleitungen, Bahnschranken auf, und schließlich landet er wieder in der Stadt. Gleichmütig wie er ist, nimmt er das rätselhafte Geschehen hin und quartiert sich wieder ein. Er bekommt einen Menschenauflauf mit, denn die Leute drängen sich um Plakete, auf denen sie gebeten werden, sich freiwillig für Aktionen eines Instituts zu melden. Icks sucht wieder Friedrich auf, denn er vermutet einen Zusammenhang. Tatsächlich ist Friedrich nicht nur Chef des neu eingerichteten Fremdenverkehrtsamtes, sondern auch Beauftragter des I.F.E., des Instituts für Europa, das für die Aktionen verantwortlich zeichnet. Der neugierig gewordene Icks heuert bei Friedrich als dessen Assistent an, er muss sich aber noch einem Hearing beim Direktorium stellen, das etwas außerhalb der Stadt residiert.

"Herr Icks, sind Sie", wiederholte der Sekretär mit unbeteiligter Stimme, "so fragt die Sprecherin unseres Direktoriums, mit den ihnen gewiß bekannten Bedingungen des Instituts einverstanden, die der Erforschung der freiheitlichen Ideale der Menschheit dienen?"

Icks schlug kurz die Arme auseinander, verschränkte die Hände vor die Brust und gab zu verstehen, daß er mit den Ideen des Instituts einverstanden sei, soweit sie ihm bekannt wären.

Der Dolmetscher übertrug seine Worte den Drei Damen.

Die Sprecherin redete wieder in der Kunstsprache auf ihn ein, die keiner der lebenden Sprachen glich, nur gewisse Anklänge an lateinische Wörter aufwies. Die Kamera richtete ihr Auge auf Herrn Icks, der verlegen lächelte.

"Wenn Sie, wie Sie sagen", dolmetschte der Sekretär, mit den Ideen unseres Instututs einverstanden sind, läßt die Dame fragen, ob Sie irgendwelche Kritik an den Ihnen bekannten Plänen für Europa zu üben haben.

Icks zog die Stirn kraus und schüttelte leicht den Kopf.

"Äußern Sie sich freimütig", ergänzte der Sekretär.

Icks hatte keine Kritik zu üben.

Icks hat zwar nach wie vor keine Ahnung, was wirklich hinter dem Institut und seinen Plänen steckt, macht aber munter mit, teils als ironischer Beobachter, teils als Täter. Auf jeden Fall ist geplant, den homininen Garten aufzubauen, einen Art Menschenzoo, in dem Menschen mit ihren alltäglichen Verrichtungen einem staunenden Publikum gezeigt werden sollen. Und so zieht sich Das große Netz über der Stadt zusammen, sie immer stärker fesselnd. Es beginnt damit, dass die Leute Fragebogen auszufüllen haben, die immer mehr bis in intime Details gehen. Dann werden sie in verschiedene Kategorien eingeteilt, die für spätere Verwendungen stehen. Die statistische Akademie des Institutes zeichnet für diese Aktionen verantwortlich. Wie Icks bereits bemerkt hat, ist es niemand mehr möglich, die Stadt zu verlassen. In ca. 10 km Entfernung existiert ein undurchdringlicher Sperrgürtel. Beschwerden bei übergeordneten Behörden nützen nichts, denn die Aktionen sind in Abstimmung mit der Regierung. Es stehen internationale Interessen dahinter, es wird vermutet, dass die Besatzungsmächte wohlwollend dahinterstehen. Der Bürgermeister ist machtlos. Proteste nützen nichts, der Pfarrer, welcher sich empört, wird abtransportiert und an einem unbekannten Ort interniert. Kameras und Mikrofone zeichnen alles auf, was im Ort passiert.

Schließlich kommt es zum Ausrufen des Ausnahmezustandes, die Lebensmittel werden rationiert und die Bewohner müssen einen Großteil ihrer Bekleidung abliefern. Die Menschen müssen für das Institut mehr oder weniger sinnvolle Arbeiten verrichten beispielsweise den Sockel für ein Denkmal bauen, diesen dann aber wieder abreißen, weil sich die Pläne wieder ändern. Gruppen von Kindern werden nach konträren Erziehungsmethoden unterrichtet, um zu beobachten, welche Auswirkungen diese Methoden auf sie haben. Es ist erstaunlich, mit wie wenig Widerstand die immer stärker werdenden Einschränkungen der Freiheit hingenommen werden. Als schließlich ein Filmteam auftaucht, um verschiedenste Aufnahmen zu machen, wird klar, dass der Name des Instituts gelogen war, denn es handelt sich in Wirklichkeit um den Internationalen Film-Export. Das Ganze war ein Riesenexperiment, um dem Publikum auf der ganzen Welt zu zeigen, was im alten Europa in Notzeiten passiert. Die Beschränkungen werden flugs aufgehoben, und die Bevölkerung fällt flugs in einen Freudentaumel, der wiederum fleißig gefilmt wird.

Doch der Höhepunkt steht noch bevor: Es wird eine Magnetbombe über der Stadt gezündet, um realistische Aufnahmen für Kriegssitiuationen zu bekommen. Leider hatte man sich aber bei der Wirkung dieser neuen Waffe unterschätzt, deshalb kommt es zu einem Massensterben, dem dreißigtausend Stadtbewohner zum Opfer fallen. So beklagenswert dies auch ist, hält sich die Quote doch im Rahmen der Grenzen, was man bei einem Unternehmen dieser Größe von vornherein als Betriebsunfälle einkalkulieren muss, meint das Institut. Herr Friedrich, der in Wirklichkeit der Oberregisseur war, ist allerdings auch wegen eines tödlichen Herzanfalles unter den Opfern, aber seine Aufgabe ist jetzt sowieso erfüllt. Ickx geht zusammen mit seinem Ypsilon, der früheren Sekretärin Friedrichs, frohen Mutes der Zukunft entgegen.

Im Unterschied zur Stadt hinter dem Strom fand Das große Netz bei der Kritik geteilte Aufnahme. Möglicherweise erwartete man ein weiteres Werk in ähnlicher Strickart wie das erstgenannte. Doch das war einfach nicht möglich, die Stadt ist ein Solitär und das ist gut so. Da war es durchaus angemessen, dass der Autor für seine Botschaft das Stilmittel der Satire wählte. Wahrscheinlich wirkte sich für die Rezeption des Romans aber das Schwanken zwischen Satire und Dystopie nachteilig aus.

Erlauben Sie mir noch einen kleinen Exkurs, der mit Hermann Kasack nichts zu tun hat:

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Das große Netz erhielt eine Neuausgabe 1984 in der Ozeanischen Bibliothek 1984, in der zum Erreichen des Orwell-Jahres unter der Herausgeberschaft von Herbert W. Franke interessante Werke mit dystopischen Inhalten erschienen, darunter auch der Namensgeber von George Orwell als Flaggschiff der Reihe. Dazu ein Sammlerhinweis: Geplant waren zwölf Titel, aber aus heute nicht mehr recherchierbaren, möglicherweise rechtlichen Gründen erschien Kallocain von Karin Boye nicht. Dieser Roman war bereits einige Jahre vorher bei Heyne in der Subreihe Science Fiction Classics herausgekommen.

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Auch der Goldmann Verlag wollte im letzten Augenblick auf den 1984er-Zug aufspringen und brachte zwölf Titel unter dem Namen „Edition 84 – die positiven Utopien“. Nach meiner Meinung war das ein reiner Etikettenschwindel, denn es handelte sich um Titel, die bereits für die allgemeine SF-Reihe eingeplant gewesen waren und deshalb nun aus deren Nummerierung herausfielen. Betrachtet man die veröffentlichten Titel, wird dies deutlich: Es sind z. B. zwei Kurzgeschichtensammlungen darunter, davon eine von Asimov herausgegeben, und die zweite mit SF aus China. Auch A wie Andromeda des bekannten britischen Astronomen Fred Hoyle wurde gebracht, die Romanumsetzung einer britischen Fernsehserie über das Eindringen eines außerirdischen Lebewesens auf der Erde, die mit einer positiven Utopie schon gar nichts am Hut hat. Marketingabteilungen sollten sich hüten, die Kunden für gar zu blöd zu verkaufen, der Schuss könnte nach hinten losgehen. Die Goldmann SF-Reihe war bereits im Niedergang und sollte bald nur noch mit wenigen Einzeltiteln unter dem Dach der erfolgreicheren Fantasy-Reihe, die ins Blanvalet-Imprint wechselte, ein eher kümmerliches Dasein fristen.


Bibliografie

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Deutsche Erstausgaben

Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom
Berlin 1947, Suhrkamp Verlag

Hermann Kasack: Das große Netz
Berlin 1952, Suhrkamp Verlag


Für diesen Artikel verwendete Ausgabe

Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom
Frankfurt am Main 1996, suhrkamp taschenbuch 2561

Hermann Kasack: Das große Netz
Frankfurt am Main – Berlin – Wien 1984, Ullstein Verlag, Ullstein TB 20472, Ozeanische Bibliothek 1984

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:
Übersicht aller Artikel:

13.09.2018 Franz Kafka: Der Prozess & Das Schloss
04.10.2018 Alfred Kubin: Die andere Seite
18.10.2018 Alfred Döblin: Berge, Meere und Giganten
01.11.2018 Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel
15.11.2018 Franz Werfel: Stern der Ungeborenen
29.11.2018 Gerhart Hauptmann: Die Insel der großen Mutter
13.12.2018 Ernst Jünger: Heliopolis & Gläserne Bienen
27.12.2018 Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom & Das große Netz
10.01.2019 Walter Jens: Nein. Die Welt der Angeklagten
24.01.2019 Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik & KAFF auch Mare Crisium
07.02.2019 Marlen Haushofer: Die Wand
21.02.2019 Günter Grass: Die Rättin

 

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