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Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 4: Hermann Hesse - Das Glasperlenspiel

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 4:
Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel

Phantastische Literatur in allen ihren verschiedenen Ausprägungen wird allgemein als Teil der Unterhaltungsliteratur betrachtet, um es deutlicher zu sagen der Trivialliteratur. Dass sich aber auch renommierte Autoren der deutschsprachigen Literatur, die zum Teil zu höchsten literarischen Ehren gelangten, mit utopischen und phantastischen Stoffen beschäftigten, wird in dieser Serie aufgezeigt.

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Bei unserem Streifzug durch utopische und phantastische Stoffe ist es zwingend notwendig, eine Folge bei DEM Giganten der deutschsprachigen Literatur zu verweilen. War Hermann Hesse ein Gigant? Sieht man seine Lebensgeschichte an, die ich hier nicht komplett rezitieren will, denn dafür gibt es Berufenere, könnte man seine Zweifel bekommen. Ein Zerrissener zwischen verschiedenen Ländern – Hesse hatte in seinem Leben mehrmals wechselnd die russische, Schweizer und deutsche Staatsbürgerschaft - , trotz erkannter Hochbegabung ein Versager in der Schule, der das Gymnasium abbrach, ein Mensch, der mit einer immer wieder auftretender Nervenschwäche behaftet war, die ihn auch einige Male in psychiatrische Behandlung zwang, ein in heftigem Konflikt mit seinem Vater stehender junger Mann, ein problematisch in der Partnerschaft agierender Ehemann, was sich in drei Ehen manifestierte. Und doch…

Vor etlichen Wochen wurde Helga Rabl-Stadler, der Präsidentin der Salzburger Festspiele, die Ehrenbürgerschaft ihrer und meiner Heimatstadt verliehen. Sie sagte bei ihrer Dankesrede einen bemerkenswerten Satz, den ich nur sinngemäß zitieren kann. „Ich bin in meinem Leben schon oft gescheitert, habe aber alles daran gesetzt, beim nächsten Mal besser zu scheitern“. Und genau das ist das Geheimnis. Auch Hesse hat sich durch Rück- und Schicksalsschläge in seinem Leben nicht davon abbringen lassen, seinem Stern zu folgen und das zu tun, wofür er begabt war: die Weltliteratur mit einer Fülle von Werken zu bereichern. Sein Roman Der Steppenwolf wurde in ein sechziger Jahren in den USA ein Kultroman und veranlasste sogar eine Rockband, die zur Wildheit geboren war, diesen Namen anzunehmen. Seine indische Dichtung Siddhartha ist seit vielen Jahrzehnten vor eines meiner Lieblingsbücher. Seit der Lektüre dieses Romans weiß ich endgültig, dass der Weg das wahre Ziel ist.

Hermann Hesse wurde 1877 im beschaulichen württembergischen Calw als Sohn eines deutsch-baltischen Missionars geboren. Mit vier Jahren zog seine Familie mit ihm nach Basel. 1886 kehrte die Familie wieder nach Calw zurück. Schon bald wurde von seinem Vater erkannt, welch wachen Geist Hermann besaß. Der Junge wurde für die Laufbahn eines Theologen vorgesehen, was aber mit seinem rebellischen Charakter unvereinbar war. Ein glücklicherweise erfolgloser Selbstmordversuch, mehrere Schulwechsel und heftige Konflikte mit seinem Vater begleiteten seine Jugend. Schließlich machte er eine Buchhandelslehre in Tübingen, was ihm ein intensives Eintauchen in die deutsche Literatur ermöglichte. Er begann selbst zu schreiben und veröffentlichte 1898 einen ersten Gedichtband, der aber kein Erfolg wurde. Doch das Schreiben ließ Hesse nicht mehr los. 1903 gelang ihm mit dem Roman Peter Camenzind der literarische Durchbruch. Er war endgültig zum Schriftsteller geworden, was ihm auch erlaubte, eine Familie zu gründen und zu heiraten.Tiefe Eindrücke hinterließ eine Reise nach Indien 1911. Die Erfahrungen, die Hesse hier machte, verarbeitete er in einer Reihe seiner weiteren Werke.

Als der erste Weltkrieg ausbrach, meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, war aber wegen seiner schwachen Augen untauglich. Im Verlauf des Krieges wurde er zum entschiedenen Kriegsgegner. Die Ehe mit seiner Frau Maria zerbrach, Hesse zog 1919 ins Tessin, wo er für den Rest seines Lebens ansässig wurde. Nachdem er als russischer Staatsbürger geboren worden war und zwischenzeitig zwischen Schweizer und deutscher Staatsbürgerschaft gewechselt hatte, wurde er 1924 endgültig Schweizer. Hesses indische Dichtung Siddhartha erschien 1924. Die Geschichte über den Brahmanensohn Siddhartha und seinen Freund Govinda, welcher sein ganzes Leben auf der Suche nach seiner Bestimmung ist, dieses Buch hätte kein Inder indischer schreiben können, es wurde auch in zwölf indische Sprachen übersetzt.

Hesse ging eine zweite Ehe mit Rosa Wenger ein, die aber schon bald scheiterte. Ninon Dolbin wurde seine dritte Frau. 1927 erschien Hesses heute wohl berühmtestes Werk Der Steppenwolf: die Geschichte des Harry Haller, der nach außen ein unauffälliger, angepasster Mann ist, in dessen Innern aber ein hungriger Steppenwolf nach Opfern sucht… Die Vielzahl von Hesses Werken aufzuzählen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, er wurde jedenfalls zum meistgelesenen europäischen Autor des zwanzigsten Jahrhunderts in den USA und Japan. Dass er die Schweizer Staatsbürgerschaft erworben hatte, war für Hesse ein Glücksfall, denn er wurde nicht in die Naziherrschaft verstrickt, der er äußerst ablehnend entgegenstand. Sein Werk wurde in Deutschland zwar nicht verboten, war aber unerwünscht. 1931 begann er die Arbeit an seinem Glasperlenspiel, das 1943 in der Schweiz erschien, aber in Deutschland nicht in die Regale kam. Die Nazis kannten ihre Gegner. Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises 1946 fand Hesse Aufnahme in die Reihe der literarischen Giganten. In Deutschland aber bedurfte es eines Zurückschwappen der Hesse-Welle über den großen Teich, dass diesem Großen der deutschen Dichtung wieder die Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die ihm zusteht. 1962 starb Hesse an einem Schlaganfall. Weit über 100 Millionen seiner Bücher, von denen eine ganze Reihe autobiografische Bezüge haben, fanden ihren Weg zu den Lesern.

Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Das Glasperlenspiel, der Versuch einer Lebensbeschreibung des Magisters Josef Knecht, ist Hesses letzer Roman. Er ist eine Utopie und als solche eine komplette Gegenthese zur totalitären nationalsozialistischen Gewaltideologie. Die utopischen Elemente sind rar. Die Geschichte spielt in einer nicht definierten Zukunft, in der unsere Zeit – das feuillitonistische Zeitalter - überwunden ist. Die Gelehrten haben sich in einem eigenen Orden organisiert und mit der pädagogischen Provinz Kastalien einen Staat im Staate aufgebaut, wo sie ungestört von den Anfechtungen des Lebens draußen der Wissenschaft huldigen. Das Glasperlenspiel ist der Versuch, alle Wissenschaftsgebiete und Kunstformen nach strengen Regeln zu vereinigen und dadurch eine wissenschaftliche Universalsprache zu schaffen, die auf alle Fragen anwendbar ist. Die Regeln des Glasperlenspiels bleiben für den Leser unenthüllt, es scheint eine Art Schachspiel zu sein, aber um viele Dimensionen höher und komplexer. Nur besonders begabte Menschen sind in der Lage, die viele Jahre lang dauernde Ausbildung zum Glasperlenspieler durchzustehen.

Der Schüler Josef Knecht fällt durch sein Talent für Musik auf. Ein Musikmeister aus Kastalien wird durch Berichte auf ihn aufmerksam, prüft ihn und lässt ihn an eine Eliteschule in Kastalien überweisen. Dort durchläuft Josef verschiedene Stufen der Ausbildung, bis er nach Waldzell berufen wird, jener Schule, wo das Glasperlenspiel gelehrt wird. Seine Fähigkeiten werden weiterhin von seinen Vorgesetzten erkannt und gefördert.

Aber welches war sein Weg? Außer seiner großen Begabung für die Musik und für das Glasperlenspiel wußte er noch andere Kräfte in sich vorhanden, eine geisse Unabhängigkeit, einen hohen Eigensinn, der ihm zwar keineswegs das Dienen verbot oder erschwerte, der aber von ihm verlangte, daß er nur dem höchsten Herrn diene. Und diese Kraft, diese Unabhängigkeit, dieser Eigensinn, war nicht nur ein Zug in seinem Bild, er war nicht nur nach innen gerichtet und wirksam, er wirkte auch nach außen. Josef Knecht hatte schon in den Schuljahren, und namentlich während jener Periode seiner Rivalität mit Plinio Designori, des öfters die Erfahrung gemacht, daß manche Gleichaltrige, aber noch mehr Jüngere unter den Kameraden ihn nicht nur gern hatten und seine Freundschaft suchten, sondern dazu neigten, sich von ihm beherrschen zu lassen, ihn um Rat zu fragen, ihm Einfluß auf sich einzuräumen, und diese Erfahrung hatte sich seither des öftern wiederholt.

Josef wird auf eine diplomatische Mission in ein Benedikterkloster geschickt, denn die Kastalier wollen die auf gegenseitiges Misstrauen beruhende Beziehung zur Römischen Kirche verbessern und hoffen darauf, eine Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl einrichten zu können. Josef besteht die Herausforderung glänzend. Es gelingt ihm, eine Vertrauensbeziehung zum Pater Jakobus herzustellen, welcher gute Beziehungen zum Vatikan hat. Beim Aufenthalt im Kloster lernen beide Seiten eine Menge voneinander.

Das große Fest zum jährlichen Glasperlenspiel steht unter einem traurigen Stern, denn der Magister Ludi, der Spielmeister und als solcher einer der höchsten Würdenträger des Ordens, stirbt unerwartet kurz vor Beginn des Spieles und sein Stellvertreter muss das jährliche Spiel leiten. Dieser ist der schwierigen Aufgabe aber nicht gewachsen. Für viele überraschend, für scharfe Beobachter aber nicht, wird Josef Knecht zum neuen Magister Ludi gewählt. Er, der nie bewusst eine Karriere in der Hierarchie des Ordens angestrebt hatte, er, der sich lieber der Forschung und Lehre gewidmet hätte. Wiederum besteht Josef die Prüfung und er – der als einer der jüngsten Spielmeister gewählt wurde – erwirbt in den nächsten beiden Jahrzehnten einen Ruf, der ihn als einen der besten Magister Ludi in die Geschichte des Ordens eingehen lässt. Doch bereits die Vorgänge rund um den Tod seines Vorgängers, als dessen Stellvertreter von den anderen Führungskräften boykottiert und schließlich in den Tod getrieben wird, werfen einen Schatten auf die kastalianische Idylle. Immer mehr erkennt Josef in den Jahren seiner Amtszeit, dass die kastalianische Obrigkeit in Bürokratie erstarrt ist und nicht mehr die Fähigkeit besitzt, an den Geschehnissen der Außenwelt Anteil zu nehmen und Gefahren für die eigene Existenz wahrzunehmen. Auf dem Höhepunkt seiner Amtszeit nimmt Josef – für seine Kollegen in der kastalianischen Führungsschicht – überraschend seinen Hut und zieht in die Stadt zu einem Freund, der als Jugendlicher einige Zeit in Kastalien ausgebildet wurde. Dort soll Josef als Hauslehrer seinen renitenten Sohn auf die richtige Bahn bringen. Die Schilderung des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn, aber auch zwischen Vater und dem verstorbenen Großvater erinnert eindeutig an Hesses eigenen Vater-Sohn-Konflikt.

Die Familie hatte ihn enttäuscht, sie hatte ihn in unsre Eliteschulen geschickt, ihn dort auf unsre Art erziehen lassen und ihn dann bei seiner Rückkehr mit Aufgaben, Forderungen und Ansprüchen empfangen, denen er nicht gewachsen sein konnte. Aber weiter möchte ich mit der psychologischen Deutung nicht gehen. Jedenfalls zeigt die Geschichte mit diesem Hausverkauf, eine wie starke Macht der Konflikt zwischen Vätern und Söhnen ist, dieser Haß, dieser in Haß umgeschlagene Liebe.

Doch Josef kann seine Aufgabe als Hauslehrer nicht mehr umsetzen. Er ertrinkt, nachdem er dem geflohenen Jungen zu einer Bergunterkunft gefolgt und durch den Höhenunterschied erschöpft ist, in einem Bergsee, als er seinem Schüler im eiskalten Wasser nachschwimmen will. Die Schuld am Tode Josefs wird den jungen Tito selbst und sein Leben umgestalten und viel Größeres von ihm fordern, als er sich bisher je von sich verlangt hatte.

Der Roman hat in mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Er liefert wesentliche Einblicke in Hesses Gedankenwelt, in Philosophie und Politik, vieles, in dem ich ihm zustimme, vieles, das mich zum Nachdenken anregt. Aber einen Vorwurf kann ich Hesse nicht ersparen, auch wenn seine Erzählung aus einer anderen Zeit und einem anderen Jahrhundert stammt: Kastalien ist eine reine Männerwelt, in der jedwede sexuelle Regungen durch Meditationstechniken unterdrückt werden. Zwischen den männlichen Protagonisten Kastaliens werden zwar gelegentlich zarte Gefühle angedeutet, die aber nie über Äußerungen der Freundschaft hinausgehen. Auch wenn Knecht selbst durch Verlassen Kastaliens seine Kritik an den herrschenden Verhältnissen dokumentiert, die asexuelle Welt, in der eine Hälfte der Bevölkerung nicht zu existieren scheint, stört ihn nicht im geringsten. Ein Utopia?

Bibliografie

Deutsche Erstausgabe

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel. Zürich 1943, Fretz und Wasmuth Verlag


Utopie und Phantastik in der deutschsprachigen Hochliteratur Folge 1:Für diesen Artikel verwendete Ausgabe

Frankfurt am Main, 1996, Suhrkamp Verlag, suhrkamp taschenbuch 2572


Übersicht aller Artikel:

13.09.2018 Franz Kafka: Der Prozess & Das Schloss
04.10.2018 Alfred Kubin: Die andere Seite
18.10.2018 Alfred Döblin: Berge, Meere und Giganten
01.11.2018 Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel
15.11.2018 Franz Werfel: Stern der Ungeborenen
29.11.2018 Gerhart Hauptmann: Die Insel der großen Mutter
13.12.2018 Ernst Jünger: Heliopolis & Gläserne Bienen
27.12.2018 Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom & Das große Netz
10.01.2019 Walter Jens: Nein. Die Welt der Angeklagten
24.01.2019 Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik & KAFF auch Mare Crisium
07.02.2019 Marlen Haushofer: Die Wand
21.02.2019 Günter Grass: Die Rättin

 

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