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SAGA 13: Roger Zelazny II - Wechselbalg und Götterwelten

S.A.G.A.S.A.G.A. Folge 13: Roger Zelazny (II)
Wechselbalg und Götterwelten

Die amerikanischen Fantasy-Autoren Lin Carter, L. Sprague de Camp und John Jakes gründeten in den 1960er Jahren eine lockere Autorenvereinigung unter dem Namen „Swordsmen and Sorcerers' Guild of America“ (SAGA). Als weitere Mitglieder kamen bald Poul Anderson, Fritz Leiber, Michael Moorcock, Andre Norton und Jack Vance dazu. Die auf Deutsch erschienenen Fantasywerke dieser Autorengruppe werden in der vorliegenden Artikelserie vorgestellt.

Roger Zelazny

In der vorherigen Folge wurden der Autor Roger Zelazny und seine Serien Die Chroniken von Amber und Dilvish der Verdammte vorgestellt.

Nach und neben den großen Erfolgen der Amber- und der Dilvish-Serie brachte Zelazny mit dem Wechselbalg Pol Detson eine weitere kleine Serie auf den Markt. Zusätzlich zu den veröffentlichten beiden Bänden muss noch mindestens ein dritter vorgesehen gewesen sein, doch es blieb bei zwei Titeln.

SAGADet Morson, der Lord von Rondoval, ist am Ende. Mit seinen Forschungen hat er das Gleichgewicht der Welt empfindlich gestört. Die Angreifer unter Führung des alten Mor sind dabei, sein Schloss zu erobern und ihn und die Seinen zu töten. Pol Detson, das Baby von Det und Lady Lydia überlebt. Aber auch von ihm geht eine große Gefahr aus, denn er trägt das drachenförmige Mal, das seine Kräfte als Zauberer zeigt. Wenn er überlebt, könnte er als Erwachsener versuchen, seine Eltern zu rächen. Doch Mitleid regt sich in den Erobern. Der alte Mor bringt Pol als Wechselbalg auf die Zwillingswelt, in der es statt der Magie die Technik gibt. Die beiden Welten hatten sich vor langer Zeit in einem Krieg aus einer auseinandergespalten. Pol wächst in einer amerikanischen Familie auf. Der zu einem jungen Mann Herangewachsene spürt aber, dass er anders als die anderen Menschen sind, denn er spürt Kräfte in sich, die sich wie Aktivitäten eines Poltergeistes auswirken. Mor betritt nochmals die Erde und holt Pol zurück, nur er kann in höchster Not helfen. Denn als Kompensation für Pol wurde ein Erdenkind enführt. Dieses ist ebenfalls zu einem Mann herangewachsen. Dieser Mann, als Mark Marakson aufgewachsen, hat sich durch seine technischen Erfindungen die Feindschaft der Bewohner zugezogen und wurde von ihnen beinahe getötet. Von Rachedurst getrieben, hat er eine Armee von Sklaven aufgestellt und greift die Menschen mit modernen technischen Waffen an. Das Gleichgewicht auf der Erde droht erneut zu zerbrechen. Pol spürt nach seiner Rückkehr in die Welt der Magie, dass er dort ist, wo er immer schon hingehörte. Seine magischen Fähigkeiten wachsen. Obwohl er durch sein Drachenmal als Nachkomme von Det Morson erkannt und von den Menschen verfolgt wird, will er sich nicht an ihnen rächen, denn er hat andere Vorstellungen als sein Vater. Er kehr nach Rondoval zurück und weckt Mondvogel auf, den mächtigsten Drachen seines Vaters. Dadurch wird auch Samtfinger aufgeweckt, ein Dieb, der Pols Vater sieben magische Statuetten stahl. Bei der Eroberung des Schlosses fiel er wie die Drachen in einen Zauberschlaf, deswegen ist für ihn seither statt zwanzig Jahren nur ein Tag vergangen. Samtfinger wird Pols Helfer bei den Aktionen zum Wiederfinden der drei Teile des Zauberstabes seines Vaters. Mit diesem erwirbt Pol seine volle magische Kraft und kann Mark, seinem Stiefbruder, und dessen Armee im Kampf entgegentreten. Mark schlägt alle Versuche Pols aus, miteinander Frieden zu schließen, wohl auch aus dem Grund, weil beide das Mädchen Nora für sich gewinnen wollen. Pol behält am Ende die Oberhand, denn Mark stürzt tödlich von einer zusammenfallenden Brüstung. Das Gleichgewicht der Welt ist wiederhergestellt, denn die Magie hat die Technik erneut besiegt. Der Kampf der beiden Stiefbrüder miteinander läßt Erinnerungen an Das geborstene Schwert von Poul Anderson mit der ähnlichen Konstallation zwischen Skafloc und Valgard hochkommen.

SAGADetson ist jetzt der Herr von Rondoval. Als er von einem unbekannten Zauberer angegriffen wird, erkennt er, dass er seine magischen Kräfte weiter schulen muss, um in dieser Welt der Magie bestehen zu können. Und außerdem gibt es noch das Rätsel der Sieben Statuen, in denen sein Vater die Geister von sieben Magiern gefangen hielt. Unter Begleitung von Samtfinger begibt Pol sich auf den Weg nach Belken, wo ein großes Treffen von Zauberern kommt. Ohne es zu wissen, werden die beiden von einem unsichtbaren Dämon begleitet, der Pol prinzipiell freundlich gesinnt ist, sich aber erst nach und nach seiner eigenen Existenz bewusst wurd und nach seiner Bestimmung sucht. Pol und Detson schließen sich auf ihrem Weg dem Zauberer Ibal und seinen Begleitern an, der ebenfalls zum Zauberertreffen unterwegs ist und erkennt, dass Pol ein Freistab ist (im Original Madwand, das ist auch der Originaltitel des Romans), also ein nicht ausgebildeter Zauberer. In Belken kann Pol an einer Zeremonie zur Aufnahme in den Kreis der Zauberer teilnehmen, die allerdings für ihn lebensgefährlich ist, weil er im Unterschied zu den anderen Kandidaten, welche bereits Lehrlinge unter Anweisung eines Meisters sind, überhaupt nicht darauf vorbereitet ist. Er übersteht zwar die Zeremonie, wird aber von Larick, der die Kandidaten durch den Berg Belken führt, mit einem Verwandlungszauber belegt und zur Burg Avinconet entführt. Dort gerät er in den Kampf zwischen den Vertretern der weißen und der schwarzen Magie, die ihn alle für ihre Zwecke einspannen wollen. Henry Späher, der schwarze Magier und früherer Freund von Pols Vater, will ein Tor zu einer anderen Welt öffnen, von dort magische Kräfte hier hereinströmen lassen und dann als Gott in der neuen Welt herrschen. Pols Statuetten stellen den Schlüssel zur anderen Welt dar. Doch Pol geht auf die Angebote Henrys nicht ein und kämpft gegen ihn, obwohl ihn auch die anderen Zauberer nicht freundlich behandelten. Ob er mitgemacht hätte, wenn der Zauberer nicht Henry Späher, sondern Henry Stardreamer gewesen wäre? Die Entscheidung fällt durch Belphanor, den Dämon, der Pol die ganze Zeit begleitete und beschützte, und sich als eine vom alten Mor geschaffene Wesenheit, der Fluch von Rondoval, herausstellt. Späher wird besiegt, entkommt aber auf einem magischen Sessel. Die Schlacht ist geschlagen und das Tor in die andere Dimension bleibt geschlossen, aber wie wird der Krieg weitergehen? Wir werden es nie erfahren, denn niemals fand eine Fortsetzung respektive ein Abschluss der Geschichte den Weg in die Bücherregale.

Zelazny arbeitete bei einigen Werken mit anderen Autoren zusammen. In seinen letzten Lebensjahren entstand auf diese Weise die Trilogie um die Beste böse Tat, die er gemeinsam mit Robert Sheckley verfasste. Der dritte Roman aus dieser Serie erschien im Jahr von Zelaznys frühem Tod 1995. Die Fantasie von Zelazny und der Humor von Sheckley erzeugten ein Gefühl, das etwas an Altmeister de Camp erinnert, und anspruchslose Unterhaltung bis zum Klamauk bietet.

SAGADer Dämon Azzie Elbub will den Millenium-Wettbewerb gewinnen., die zwischen den Kräften des Bösen und des Guten um die Herrschaft im Universum abgehalten wird. Dazu plant er einen Märchenprinzen zu erschaffen, der auf die Suche nach einer schlafenden Prinzessin geht. Doch Achtung, denn es heißt: Bringt mir den Kopf des Märchenprinzen!

Azzie hat kläglich versagt, deshalb geht beim nächsten Wettbewerb Mephistopheles für die Hölle ins Rennen. Er vereinbart mit dem Erzengel Michael, dass Dr. Faust den letzten Wettbewerb entscheiden soll. Aber Azzie will sich nicht mit der Rolle des Beobachters zufriedengeben und mischt wieder mit. Statt Böses wird Gutes geschafft, und in der Hölle ist des Pudels Kern los, egal Wer immer sterbend sich bemüht.

Nichts ist mehr los in der Hölle, es ist einfach stinklangweilig. Da kommt Azzie auf die Idee, Theater zu spielen und Ein Schauspiel, teuflisch bös und unmoralisch aufzuführen. Doch die Mächte des Guten setzen alles daran, die Premiere des Stückes zu verhindern. Bemerkenswert, dass Zelazny noch kurz bevor er frühzeitig einem Krebsleiden erlag, diese humorvollen Zeilen zu Papier bringen konnte.

SAGAFeinen Stoff für Fantasyfreunde bietet auch der Einzelroman Jack aus den Schatten. Jack ist ein Dunkelseiter, ein seelenloser Dieb, der Macht aus dem Schatten bezieht. Seine Welt ist geteilt zwischen der Dunkelseite, deren Bewohner Magie beherrschen, und der Lichtseite, wo die Wissenschaft dominiert. Als Jack versucht, bei den Höllenspielen von Inglès die Höllenflamme zu stehlen, wird er hingerichtet. Er kann zwar nicht auf Dauer getötet werden, erwacht aber – wie schon früher einmal – auf der anderen Seite der Welt in den Dunggruben von Glyve, im Reich des finsteren Barons von Drekkheim. Wieder macht er sich auf die lange Reise, um sich an seinen Peinigern zu rächen (eine leichte Erinnerung an Cugel den Schlauen, aber ganz anders geschrieben). Auf seinem Weg gerät er an einen lebenden Stein, welcher ihm das Leben aussaugen will, aber dem stärkeren Jack als Nahrung zum Opfer fällt. Dann begegnet er seiner früheren Geliebten Rosalie, aus der eine alte Vettel geworden ist, eine Weise Frau, die ihm aber sein Schicksal nicht prophezeihen will, als sie seine Hand liest. Der Baron verfolgt Jack mit seinen Reitern, verliert ihn aber an seinen Nachbarn, den Herrn der Fledermäuse, der Jack gefangennimmt, weil er sich wegen eines lange zurückliegendem Diebstahl an ihm rächen will. Jack entkommt dem Gefängnis des Herrn, der ihm seine Braut Evene genommen hat und ihn beinahe zum Wahnsinn treibt. Er schwört ihm Rache und wandert weiter, der Grenze zwischen Dunkelheit und Licht auf der Welt entgegen. Dort trifft er den Steinriesen Morgenstern, seinen vielleicht einzigen Freund, der hier im Zwielicht gefangen ist. Dieser erzählt ihm vom Mittelpunkt der Welt tief unten, wo eine Maschine existiert, die mit Federn wie eine riesige Uhr angetrieben wird.

Auf der Tagseite nimmt Jack eine Stelle als Unidozent an, der ihm Zugriff zu Rechenzeiten eines Großrechners erlaubt. Nachdem er den Großteil der benötigten Informationen beisammen hat und als Dunkelseiter enttarnt wird, flieht er zurück auf die Nachtseite. Mit der gewonnenen Macht übernimmt er dort die Herrschaft und rächt sich an all seinen Feinden. Die Liebe Evenes kann er aber nicht gewinnen. Rosalie kommt zu ihm ins Schloss und bringt ihm seine auf den Dunghaufen gefundene Seele, mit der sich Jack aber nicht vereinigen will. Doch dann droht der Erde der Untergang, denn die sieben Erwählten, welche den Schild der Erde bewachen und bei Schäden reparieren sollen, stellen ihre Arbeit ein, und die Temperatur beginnt zu sinken. Jack scheitert beim Versuch, selbst die Reparatur vorzunehmen. Auf Anraten Morgensterns dringt er in das Innere der Erde vor und zerstört die große Maschine. Die Welt beginnt sich zu drehen, die Zeit der Licht- und Dunkelseiter ist vorbei. Auch für Jack ist die Zeit gekommen. Nachdem er seine Seele in sich aufgenommen hat, stürzt er beim Zusammenbrechen seines Schlosses in die Tiefe. Der durch den Sonnenaufgang von seinen Fesseln befreite Morgenstern schießt auf ihn herab, aber kann er ihn noch rechtzeitig in seine rettenden Arme nehmen?

Der Autor wurde wegen des zweideutigen Schlusses von seinen Fans dazu aufgefordert, die Serie fortzusetzen. Er schrieb deshalb zwar zwei weitere Geschichten um seinen ungewöhnlichen Protagonisten, diese stellten sich aber als Prequels heraus. Das ist verständlich, denn Jacks Zeit ist einfach vorbei. Es ist auch außerdem so besser, als wenn es zu einer Endlosserie ausgewalzt worden wäre, wie es so oft passiert, wenn ein Titel Erfolg hat.

SAGADer Clan der Magier ist ein Werk Zelaznys, das der Dark Fantasy zuzurechnen ist. Der Roman wird aus der Sicht von Snuff erzählt, dem Wachhund und Helfer von Jack. Er ist dafür verantwortlich, dass die seltsamen Gefangenen in Jacks Haus nicht die Freiheit gewinnen. Diese sind neben weiteren dämonischen Eingesperrten DAS DING IM KREIS, DAS DING IM KÜHLSCHRANK, DAS DING IM ÜBERSEEKOFFER, DIE DINGE IM SPIEGEL und DIE GLITSCHIGEN. Snuff kann sprechen, aber immer nur während der Geisterstunde. Jack ist eine von mehreren merkwürdigen Gestalten, welche in Soho außerhalb von London Vorbereitung für ein geheimnisvolles Ritual treffen. Darunter sind der GRAF, der GROSSE DETEKTIV, der GROSSE DOKTOR, Larry Talbot, Rastov, eine Hexe und ein verrückter Pfarrer. Sie alle sind Teilnehmer des SPIELS. Sukzessive wird klar, dass Jack der Ripper ist, der Graf natürlich Dracula, der Detektiv Sherlock Holmes, der Doktor Frankenstein, Talbot ein Werwolf und Rastov Rasputin. Irgendwie erinnert das an den Film Die Liga der außerordentlichen Gentlemen, allerdings erschien der Roman viele Jahre vorher. Die Handlung spielt sich komplett im Oktober ab, jedes Kapitel nach dem Prolog beschreibt einen Tag. Im Lauf des Monats wird sich entscheiden, wer von den handelnden Figuren zu den ÖFFNERN und wer zu den SCHLIESSERN gehört, den beiden Gegenspielern im SPIEL. Zu Halloween findet die Beschwörung statt. Wenn die Öffner gewinnen, dann bekommen die GROSSEN ALTEN einen Zugang zur Erde und treten ihre Schreckensherrschaft an. Die Schließer versuchen das zu verhindern. Bisher waren sie noch jedesmal die Gewinner des SPIELS. Aber dieses Mal scheinen die Öffner die besseren Karten zu haben, und grüne Tentakel beginnen sich aus dem Tor zur Hölle winden …

Der durch seinen subtilen Humor herausragende Roman ist eine Hommage an H. P. Lovecraft und wurde vom Verfasser den Autoren der geschilderten literarischen Gestalten sowie den Machern zahlreicher alter Filme gewidmet. Das Buch – auch in der deutschen Ausgabe - ist mit Innenillustrationen des bekannten Karikaturisten Gahan Wilson geschmückt. Störend an der deutschen Ausgabe sind leider die unpassende Titelgrafik und der dumme Titel, der von einem Clan spricht, den es überhaupt nicht gibt, während der Originaltitel auf eine Zeile im Gedicht Ulalume vom Altmeister des Schreckens Edgar Allan Poe Bezug nimmt. Trotzdem ist dieses Werk Zelaznys für mich ein Highlight unter seinen Romanen und eine perfekte Halloween-Lektüre:

Wir trotteten eine Weile nebeneinander her. Später hörte ich vom Fuß des Hügels eine Stimme, die wie von McCab klang. „Verdammt! Ich brauche 'nen linken Oberschenkelknochen – und der hier hat nicht mal einen!"

„Vom linken Oberschenkel, sagt Ihr?“, tönte eine alte, krächzende Stimme aus der Nähe, die Owen gehören mochte. „Hab gerade einen hier, den ich nicht brauche. Habt Ihr 'ne Leber? Die brauche ich nämlich.“

„Kein Problem!“, kam die Antwort. „n'Augenblick Geduld. Hier! Tauschen wir?“

„In Ordnung! Fangt auf!“

Irgendwas schimmerte im Dunkel auf und polterte den Hügel hinunter.

„Na schön. Hier ist eure Leber!“

Sekunden später ertönte ein lautes Platschen am oberen Hang und ein halblautes „Angekommen!“

„He!“, ließ sich plötzlich eine weibliche Stimme zur Linken vernehmen. „Wo ihr gerade dabei seid – habt ihr vielleicht 'nen Schädel für mich?“

Zitiert aus: Roger Zelazny: Der Clan der Magier. München 2001, Heyne SF 9169

SAGAWerfen wir noch einige Blicke auf drei Werke Zelaznys, die eher als SF einzuordnen sind, aber auch für den Fantasy-Leser interessant sind, weil sie sich einer Anzahl von Versatzstücken aus Mythen menschlicher Hochkulturen bedienen. Das bekannteste davon ist Herr des Lichts. Mit diesem Roman erzielte der Autor den Durchbruch in der Szene. Er wurde mit dem Hugo Award 1968 ausgezeichnet und für den Nebula Award nominiert.

Seine Anhänger nannten ihn „Mahasamatman“ und einen Gott. Er selbst jedoch ließ das „Maha-“ und das „-atman“ weg und und nannte sich „Sam“. Niemals behauptete er, ein Gott zu sein. Freilich bestritt er es auch niemals.

Zitiert aus: Roger Zelazny: Herr des Lichts. München 1976, Heyne SF 3500

Yama, der Gott des Todes, seit der großen Schlacht gegen die anderen Götter Ausgestoßener aus der Himmlischen Stadt, arbeitet im Kloster von Ratri, der Göttin der Nacht, die wie er eine Verbannte ist, an der Gebetsmaschine. Schließlich gelingt es ihm, einen Geist aus dem Nirwana in einen Menschenkörper zu reinkarnieren. Der Erwachte hat viele Namen: Buddha, Siddhartha, Mahasamatman, Sam, Kalkin, Herr des Lichts... Sam erwacht, beginnt zu meditieren, und nach und nach kehrt seine Erinnerung zurück...

Er war einer der Ersten, die vor langer Zeit auf dem Planeten ankamen, so wie andere der Kolonisten ein Mutant mit besonderen Geisteskräften. Im Lauf der Jahrhunderte verbesserten die Einwanderer ihre physischen und psychischen Kräfte immer mehr. Es wurden Reinkarnationsmaschinen entwickelt, die es erlaubten, das Bewusstsein von Menschen in andere Körper zu transferieren und somit eine relative Unsterblichkeit zu erreichen. Bei Fürst Siddhartha, in dessen Gestalt Sam derzeit auftritt, steht wieder eine Reinkarnation in einen jüngeren Körper an. Doch bevor das möglich ist, müssen Kandidaten seit neuestem einen Psychotest bestehen, den die Meister des Karmas mittlerweile vorschreiben. Denn wer oppositionelle Gedanken hegt oder gar den verhassten Akzeleratisten angehört, die den Fortschritt predigen, wird dadurch unschädlich gemacht, dass er in einem schwachen oder kranken Körper oder gar in Tiergestalt reinkarniert wird. Damit erheben sich die Meister zu Quasigöttern mit nahezu unumschränkter Macht. Obwohl er selbst einer der ursprünglichen Kolonisten ist und ihm angeboten wird, in den Pantheon der Götter aufgenommen zu werden, weist Siddhartha/Sam das Angebot zurück. Er befreit die Rakascha, körperlose Dämonen, welche die ursprünglichen Bewohner dieser Welt sind. Vor langer Zeit hatte er sie selbst mit seiner Fähigkeit, elektromagnetische Kräfte zu steuern, besiegt und eingekerkert. Sie schließen ein Bündnis. In einer gigantischen Schlacht, in der ihn auch Yama und Ratri unterstützen, welche auf seine Seite gewechselt haben, unterliegen die Angreifer den vereinten Geisteskräften und Waffen der Supertechnik von Brahma, Kali, Agni, Mari und der anderen Götter und Halbgötter. Yama und Ratri werden verbannt, Sam zum Tod verurteilt. Seine Seele wird in das Magnetfeld transferiert, das den Planeten umspannt. Doch die Götter sind geschwächt, denn der Kampf hat einigen der scheinbar Unsterblichen endgültig das Leben gekostet. Außerdem lassen sich die Lehren, welche die Aufständischen verbreitet haben, nicht mehr unterdrücken. Wissenschaftliche Kenntnisse schreiten auch beim normalen Volk unaufhaltsam voran.

Der wiedererweckte Sam übernimmt erneut die Führung des Kampfes gegen die Götter, welche dieses Mal dem Angriff nicht mehr standhalten können. Die alte Ordnung wird besiegt, und die Menschen können sich endlich frei entfalten. Doch Sam verlässt nach der Schlacht eines Tages die Stadt und wird nie mehr gesehen. Nur mehr Legenden über seinen weiteren Weg bleiben dem Volk erhalten. Hat er die Brücke der Götter überschritten und ist endgültig ins Nirwana eingegangen? Oder hat er eine andere Identität angenommen und wacht nach wie vor über die Menschheit, um bei Bedarf wieder einzugreifen und sie vor erneuter Unterdrückung und Ausbeutung zu schützen? Niemand weiß es.

Wer wirklich eine Ahnung über indische Denkweise bekommen will, wird mit der Lektüre von Hesses Siddhartha, eines meiner absoluten Lieblingsbücher, eine noch bessere Wahl treffen. Dessen ungeachtet ist Herr des Lichts eine beeindruckende Geschichte und ein Höhepunkt in Zelaznys Schaffen.

Es steht geschrieben, daß Leben Leiden heißt. Es ist dies so – lehren die Weisen - , weil der Mensch seine Bürde, sein Karma, abarbeiten muß, ehe er Erleuchtung erlangen kann. Deswegen lehren die Weisen auch: Welchen Nutzen zieht ein Mensch daraus, inmitten eines Traumes gegen das zu kämpfen, was sein Los ist, gegen das, was sein Pfad ist, dem er folgen muß, wenn er Befreiung erringen will? Im Licht der Ewigkeitswerte, so sagen die Weisen, ist alles Leiden ein Nichts; in den Begriffen des Samsara, lehren die Weisen, führt es zu dem, was wir das „Gute“ nennen.

Zitiert aus: Roger Zelazny: Herr des Lichts. München 1976, Heyne SF 3500

SAGABedient sich Herr des Lichts der indischen Mythologie, so ist es in Götter aus Licht und Dunkelheit die ägyptische und ein wenig die griechische. In ferner Zukunft haben sich einige Unsterbliche mit ihrer Supertechnik als Quasigötter über die Menschheit erhoben. Anubis, der Meister des Hauses der Toten, sendet einen Diener aus, welcher den Prinz-der-Tausend-war, töten soll. Der ausgesandte Diener hat keine Erinnerung an seine Vergangenheit und ist auf der Suche nach seinem Namen, doch Anubis weigert sich, ihn zu nennen. Aus gutem Grund, denn er ist Seth, der Sohn von Thoth, dem früheren Herrscher, und durch eine Zeitverwerfung gleichzeitig sein Vater. Der Prinz-der-Tausend-war gehört zu den Unsterblichen, die sich dem Zugriff von Anubis und von Osiris, dem Meister des Hauses der Lebenden, entzogen haben. Die beiden Häuser beherrschen die Mittleren Welten der Menschheit und sorgen für ein kosmisches Gleichgewicht. Sie sind Meister über Leben und Tod. Auch Osiris sendet einen Attentäter aus, der den Prinz töten soll, seinen Sohn Horus. Falls Horus erfolgreich ist, könnte das Haus des Lebens die Oberhand gewinnen. Der Prinz ist in Wirklichkeit Thoth selbst, der damit beschäftigt ist, das Ding Das In Der Nacht Schreit unter Kontrolle zu halten, eine gefährliche Entität, die das ganze Universum gefährden könnte (ein Schwarzes Loch?). Es kommt tatsächlich zum Kampf, doch die Dinge entwickeln sich anders, als von den Herren der beiden Häuser geplant. Obwohl Anubis es zu verhindern versucht, erfährt Seth seinen wahren Namen. Der siegreiche Thoth nimmt wieder seine frühere Stellung ein. Anubis wird besiegt und flieht. Horus folgt seinem Vater Osiris, der getötet wurde, als Herr des Hauses des Lebens nach.

Der „Roman“, der nicht wirklich eine konsistente Handlung aufweist, war ursprünglich gar nicht zur Veröffentlichung vorgesahen, sondern eine Schreibübung. Zelaznys Kollege Samuel R. Delany, neben ihm einer der Hauptprotagonisten der New Wave, setzte sich so für die Publikation ein, dass der Autor ihm den Roman widmete. Ob andernfalls der SF-Welt viel entgangen wäre, darüber kann man geteilter Meinung sein. Das Werk hat jedenfalls experimentiellen Charakter. Es ist im Präsens geschrieben, ein Kapitel ist vollständig Poesie:

DAS DING, DAS IN DER NACHT SCHREIT

In den Tagen meiner Herrschaft
als Herr des Lebens und des Todes
sagt der Prinz der Tausend war,
in jenen Tagen legte ich nach des Menschen Begehr
die Mittleren Welten in die See der Kraft,
die sich in Gezeiten wandelt,
Geburt, Wachstum, Tod,
ihnen auferlegt.

Zitiert aus: Roger Zelazny: Götter aus Licht und Dunkelheit. Bergisch Gladbach 1981, Bastei SF Bestseller 22033

Zweifellos entzieht sich der Text jeder Beurteilung eines Lesers von Unterhaltungsliteratur, wie ich einer bin. Meine Begeisterung hält sich jedenfalls in bescheidenen Grenzen.

SAGANach Jahrhunderten des Tiefkühl-Tiefschlafs wird Francis Sandow, einer der frühesten Weltraumkolonisten, im siebenundzwanzigsten Jahrhundert wiedererweckt. Er findet in Marling, einem Angehörigen der alten Rasse der Pei'ans, einen Mentor. Mit seiner Hilfe wird aus Sandow ein Weltenbauer, der Planeten erschaffen oder terraformen kann. In einem Ritual, das seine Ausbildung abschließt, wird Sandow mit einem der Götter der Pei'an verbunden. Sandow ist der einzige Weltenbauer, der kein Pei'an ist. Durch seine Fähigkeiten wird er einer der berühmtesten und reichsten Menschen der Galaxis. Eines Tages, nach einem bereits zwölfhundert Jahre langem Leben, wird er aus seiner Zurückgezogenheit herausgerissen, denn ein Unbekannter trachtet danach ihn zu vernichten. Francis erhält immer wieder Nachrichten mit Bildern von Personen, die er gekannt hat, welche aber bereits verstorben sind. Nach einem Hinweis auf eine frühere Freundin macht sich Sandow auf eine Reise zu einem Planeten, welchen er früher selbst geschaffen hat. Dort liegt Die Insel der Toten, wo er von seinem Feind erwartet wird. Er ist Gringrin, ein Pei'an, der sich rächen will, weil er die Ausbildung des Fremdrassigen und Agnostiker Sandow zum Weltenbauer als Sakrileg betrachtet, und weil ihm die Vereinigung mit einer Gottheit verweigert wurde, obwohl er ebenfalls die Ausbildung gemacht hatte. Auf der Insel findet Sandow die mittels Matrixschablonen wiedererweckten Bekannten, die teilweise seltsam verändert wurden. Es kommt zum Showdown der Kontrahenten, bei dem auch die Götter der Pei'an eingreifen und der dann ein unerwartetes Ende nimmt. Sandow hat einen weiteren Auftritt im Roman Der Tod von Italbar.

Erlauben Sie mir noch einige Worte zu den im Rahmen dieser Artikelserie nicht näher besprochenen Autoren und Autorinnen der zweiten SAGA-Generation C. J. Cherryh, Diane Duane, Avram Davidson, Katherine Kurtz, Tanith Lee und Craig Shaw Gardner. Unter diesen waren gleich vier Frauen. Dies ist allerdings nicht der Grund, dass ich ihre Werke hier nicht vorstelle, sondern dass ich wegen geänderter Lesegewohnheiten ihre Werke großteils nur am Anfang verfolgt habe und deshalb keine umfassende Darstellung liefern könnte. C. J. Cherryh, Katherine Kurtz und die 2015 verstorbene Tanith Lee begannen ihre erfolgreichen Karrieren in den siebziger Jahren. Cherryh debütierte mit ihrer Science Fantasy-Tetralogie um Morgaine, in der es um Weltentore geht, die von einer früheren Rasse in der Galaxis hinterlassen wurden. Der vierte Teil erschien seltsamerweise nie auf Deutsch, obwohl sich die Werke der Autorin hierzulande lange großen Zuspruchs erfreuten. Sehr beliebt sind ihre SF-Zyklen um Alliance-Union, Chanur und Foreigner. Zu diesem Hintergrund gehört auch das preisgekrönte Werk Cyteen um eine Frau, die ermordet wird, und das Heranwachsen ihrer Klontochter, die in ihre Fußstapfen tritt und den Mord letzten Endes aufklärt. Katherine Kurtz wurde vor allem mit ihrer Deryni-Serie bekannt. In diesem Zyklus geht es um das mittelalterliche walisische Königreich Gwynedd (eine Region dieses Namens gibt es in Wales tatsächlich), wo die mit magischen Fähigkeiten ausgestatteten Deryni den Verfolgungen der „Normalen“ ausgesetzt sind. Eine zentrale Rolle in diesen Geschichten spielt der christliche Glaube. Die meisten Deryni sind nicht, wie ihre Feinde behaupten, Anhänger des Bösen, sondern genauso viel oder wenig christlich wie alle anderen Menschen. Tanith Lee machte mit ihrer farbenprächtigen Birthgrave-Trilogie auf sich aufmerksam, gefolgt von den Romanen um Die flache Erde, und verlegte sich im Lauf ihrer Karriere immer mehr auf das Gebiet der erotisch-dunklen Phantastik. Diane Duane ist hierzulande hauptsächlich durch eine Anzahl von Romanen zum Star Trek-Universum in Erscheinung getreten. In SAGA wurde sie wegen ihres Romans Die Tür ins Feuer aufgenommen, dem bisher zwei weitere Beiträge zur Saga um die mittleren Königreiche folgten. Ein vierter Band ist noch unveröffentlicht. Später schrieb sie auch eine Fantasy-Serie um The Young Wizards, die allerdings nicht auf Deutsch vorliegt. Avram Davidson, einer der Männer in dieser Liste, war strenggläubiger Jude und weigerte sich zeitlebens, wegen der Judenvernichtung durch die Nazis seine Werke in deutscher Übersetzung herausgeben zu lassen. Deswegen ist er hierzulande nahezu unbekannt, auf Deutsch erschienen nur einige Erzählungen von ihm verstreut in Anthologien. Craig Shaw Gardner stellte sich mit seinen humorvollen Geschichten um den Zauberer Ebenezum dem Lesepublikum vor. Die erste davon erschien bereits in Lin Carters Anthologienreihe The Year's Best Fantasy. Auch einige Romane zum Batman-Universum hat Gardner auf den Markt gebracht.

Die in der vorliegenden Artikelserie vorgestellten Autoren haben den Übergang von der Zeit, als Fantasy ein wenig beachtetes Schwestergenre der SF war, bis zum heutigen beim Publikum voll etablierten Genre wesentlich mitgestaltet. Sie präsentieren die ganze thematische und qualitative Vielfalt des Genres vom trivialen Garn bis zu mit Recht als Klassiker angesehenen Werken. Meine persönlichen Favoriten aus den vorgestellten Werken sind Das geborstene Schwert von Poul Anderson, Prinz von Poseidonis von L. Sprague de Camp, Herrin der Dunkelheit von Fritz Leiber (wenngleich das ein Abstecher in die unheimliche Phantastik ist) und die Lyonesse-Trilogie von Jack Vance. Somit sind wir am Ende der Artikelserie angekommen. Vielen Dank an Sie, liebe Leser(innen), wenn Sie in Artikel hineingeschnuppert oder gar die ganze Serie von den Ebenen Lemurias bis zu den Schatten rund um Amber begleitet haben. Einen besonderen Dank schulde ich jenen Kommentatoren, die mir mit ihren wohlwollenden Postings, welche außerdem einige Male auch wertvolle Zusatzinformationen geliefert haben, das Gefühl gegeben haben, mit meiner Mischung aus informativen und unterhaltenden Elementen auf dem richtigen Weg zu sein.

ausgewählte Bibliografie

Übersicht aller Artikel:

14.09.2017: Lin Carter: Fantasy für Erwachsene?!
28.09.2017: L. Sprague de Camp: Mit spitzer Feder und Klinge
12.10.2017: John Jakes: Auf der Suche nach Khurdisan
26.10.2017: Poul Anderson: Der letzte Wikinger
09.11.2017: Fritz Leiber: Zwei Halunken im Nirgendwann
23.11.2017: Michael Moorcock (I): Der bleiche Prinz und das Schwarze Schwert
30.11.2017: Michael Moorcock (II): Runenstab und Silberhand
07.12.2017: Michael Moorcock (III): Ewige Helden, Marskrieger und Albions Königin
21.12.2017: Andre Norton: Herrin der Hexenwelt
04.01.2018: Jack Vance (I): Die sterbende Erde
11.01.2018: Jack Vance (II): Die Älteren Inseln
25.01.2018: Roger Zelazny (I): Ambers Schatten und der Oberst aus der Hölle
01.02.2018: Roger Zelazny (II): Wechselbalg und Götterwelten

 

Kommentare  

#1 Heiko Langhans 2018-02-01 07:30
@Heinrich: Gut gemacht und PN.
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#2 Andreas Decker 2018-02-01 12:11
Ja. Tolle Arbeit, hervorragende Bibliografien. Das hat Vorbildcharakter!
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