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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Der grüne Dämon (Gespenster-Krimi 385)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Der grüne Dämon«
Gespenster-Krimi 385 von Brian Elliot (aka Rolf Serowy)

Sie konnten es also doch noch! Nach all meinen dann doch sehr gleichförmigen Erfahrungen mit subseriellen Helden im Gespenster-Krimi, speziell mit Tony Ballard in den letzten sieben Ausgaben, hatte ich schon fast selbst nicht mehr daran geglaubt, dass nach etwa Band 300 dieser klassischen Anthologieserie aus dem Hause Bastei noch etwas Substanzielles zu holen war, was den abgeklärten Materiekenner zumindest streckenweise in Verzücken versetzt.


Und nein, es war dann kein seltener Einzelroman oder der gängige Output eines Vielschreibers, sondern eben doch wieder eine der vielen Subserien, die die Serie veredelten oder verallgemeinerten, je nach Ansicht und Geschmack und die hier ein Zeichen setzte.

Zum Glück hatte ich mich in diesem Fall vorsorglich NICHT schlau gemacht und auch nicht en detail gesucht, mit wem ich es zu tun bekommen würde, so dass sogar der hier zum inzwischen achten Mal eingesetzte Journalist Tony Wilkins mit seinem magisch geschulten Akademikerkollegen Professor Fitzpatrick weitestgehend unbeleckt von Vorurteilen im Roman auftreten konnte. Und es hat mir nicht komplett den Spaß verdorben, auch wenn die Ansetzung der Streiter des Lichts (bzw. hier der weißen Magie) nicht wirklich zum ersten Romandrittel passen will und die Story etwas mehr in gewöhnliche Geisterjägergefilde abrutschen lässt.

Tatsächlich war ich – lange her – von den ersten gut 20 Seiten geradezu begeistert: dicht und gekonnt geschrieben und auch wenn das Sujet nicht eben das Neueste ist (im brasilianischen Amazonasdschungel wächst eine ungeheure Gefahr heran, dem eine Expedition zum Opfer fällt), so doch mit nachdrücklicher Ausweglosigkeit dem Leser um die Ohren gehauen.

Über den Autor gibt es leider nicht so viel zu erfahren, aber er war immerhin in allen drei großen Anthologieserien unterwegs – Tony Wilkins begann seine Abenteuer sogar im Geister-Krimi und wechselte dann mit seinem Verfasser die Serie – aber erzählerisch hat/hatte der Mann so einiges auf dem Kasten.

Wo Andere die Exposition auf einige wenige Seiten beschränken, führt Serowy hier ein halbes Dutzend Charaktere über ein Romandrittel hinweg ein und häckselt sie dann wieder klein, ehe die Gegenseite auf Seite 23 endlich (und ein wenig passiv) ihr weißmagisches Haupt erhebt. Und auch dann wird nicht wie üblich mit Silberkugel und Kreuz gearbeitet, sondern es gibt eine satte Dosis Recherchearbeit, bis der gute Professor in einer ermittlungstechnischen Sackgasse plötzlich einen persönlichen Dämon der weißen Magie auf den Klodeckel beschwört (man kann schon aus der Konstellation erkennen, dass das irgendwie unpassend wirkt), der dann als übernatürliches Schweizer Taschenmesser funktionieren muss.

Und als sei das nicht genug, besitzt auch Journaille Tony eingeübte magische Fähigkeiten (fast immer Beschwörungen, Sprüche, Die-Arme-in-der-Luft-bewegen, etc), die er aber per Killswitch nach jedem Einsatz als Adept des Professors wieder lahm gelegt bekommt, inclusive solidem Erinnerungsklaus.

Dennoch: einfach ist der Fall hier nicht und meistens haben unsere wackeren Streiter ein unglaublich mieses Timing und verratzen es immer blindlings, bis man dann aus dem Handgelenk doch noch den eigenen Allerwertesten retten kann.

Das führt auch dazu, dass die sich weltweit langsam ausbreitende Bedrohung mit dem schon fast üblichen Last-Minute-Dreh außer Gefecht gesetzt werden muss, der sich wahrhaftig im praktisch letzten Absatz findet.

Aber jetzt erst mal die Story…

Der grüne DämonAdele hat noch nicht zu Abend gegessen… *
Irgendwo im hintersten Amazonas-Dschungel kämpft sich eine kleine Aufklärungsexpedition durch die dichte Botanik. Die Teilnehmer, allen voran die (scheinbare) Identifikationsfigur Jean-Pierre Druilet, haben sich Professor Meurisses Ausflug angeschlossen, weil er das Schicksal seines im Dschungel verstorbenen Bruders aufklären möchte, der angeblich an einer Infektion gestorben ist.

Flora und Fauna sind – wie es sich gehört – ordentlich feindlich gesinnt, eine Anakonda hat schon einen der Teilnehmer verknuspert und Piranhas gehören auch zur bissigen Ausstattung.

Jean-Pierre hatte – wie eine Rückblende erzählt – einfach nichts Besseres zu tun und wollte sich einen Jugendtraum erfüllen, außerdem ist Meurisses Töchterlein Daniele ein heißer Feger. Weswegen sie natürlich – verdammter Samenstau – auch gar nicht erst mitkommt.

Jetzt werden die Männer von allerlei Unbillen der Natur gepiesackt und Eingeborene (hier an jeder Flussbiegung und immer schlechter Laune) schießen dauerhaft Giftpfeile nach dem Trüppchen.

Schließlich erreicht man das geheimnisvolle (und verlassene) Dorf, wo sein Bruder ruht, doch aus dessen Grab wächst eine voluminöse, allen Anwesende unbekannte Blume. Als der Botaniker Voeren einen Käfer in die Blüte setzen will (weil sie annehmen, dass es sich um eine fleischfressende Pflanze handelt), entwickelt das Gewächs ein Eigenleben und grabscht nach Voerens Hand. Das löst eine äußerst schmerzhafte Infektion aus, die den Symptomen des Bruders von Meurisse gleicht. In dessen Grab findet sich indessen nur ein Skelett mit eingeschlagenem Schädel.

Voeren stirbt an der Infektion in kurzer Zeit, aber Meurisse will weiterfahren, weil er die von seinem Bruder entdeckten Indios (die überraschend negroid sind) finden will.

Als sie den Stamm schließlich in einem anderen Dorf entdecken, steht plötzlich auch Brüderlein Yves vor ihnen, der allerdings nur noch bedingt menschlich ist. Seine unteren Extremitäten sind grün und durch „grüne Schläuche“ mit dem Erdboden verbunden.

Die Eingeborenen überwältigen die Männer und führen sie in eine Hütte, wo sie sich einem drei Meter großen Exemplar der Pflanze gegenüber sehen. Die Blütenblätter stülpen sich über die Männer und wickeln sie alle ein. Schlusszucken!

Parallel dazu kommen Tony Wilkins und Professor Fitzpatrick gerade in Manaus an, um an einem Kongress über das Übernatürliche teilzunehmen. Fitzpatrick ist ein Anhänger der weißen Magie  und hat mit Tony schon so einige Abenteuer überstanden, bei dem es aber fast immer eine natürliche Erklärung für die Vorfälle gegeben hat, mit denen sie sich beschäftigen mussten.

Weil der Kongress ein Flop ist, wollen sie sich noch ein Boot mieten und ein wenig auf dem Fluss schiffen, als sie von der Rettungsexpedition hören, die jetzt schon einige Zeit überfällig ist. Weil Fitzpatrick Meurisse kennt, will er die Sucher jetzt selbst suchen und heuert Bootsverleiher Mario für die Tour an.

Derweil sind Meurisse und Druilet mit ihrem Führer schon auf dem Bootsweg zurück nach Manaus gereist. Sie sind innerlich verändert und verhalten sich fast wie emotionslose Roboter. Nachdem sie angelegt haben, marschieren die drei schnurstracks in das nächste Waldstück, wo die Europäer ihren Führer Juan im Boden vergraben. Das gleiche Schicksal teilt Beobachter Emilio, der sie davon abhalten wollte.

Anschließend mieten sich die beiden in einem Hotel ein, wo ihr Verhalten dem Portier Lopez auffällt. Doch auch der wird in den Morgenstunden von ihnen überwältigt und im Hotelgarten verbuddelt. Dann fliegen beide nach Rio.

Tony und Fitzpatrick haben nun von den Vorkommnissen nach der Rückkehr der beiden gehört und geraten auch an besagtes Waldstück, wo aus dem Grab von Juan (oder Emilio) wieder so eine violette Blume erwächst. Die attackiert kurz darauf die Männer und paralysiert dabei den Führer Mario.

Als Tony die Blüte abtrennt, klettert plötzlich ein „grüner“ Mann aus dem Urwaldboden und macht ihnen die Hölle heiß, bis Fitzpatrick den botanischen Angreifer beschwört und bannt.

Auch der zweite Begrabene entwickelt ein blumiges Eigenleben und ermordet einen weiteren Begleiter namens Wilson. Als Tony und Fitz dessen Leiche finden, kappen sie auch diese Blüte und gehen dann ihrer Wege. Doch der erste grüne Mann erwacht wieder zum Leben, während sich auch der Zweite aus dem Boden gräbt und sie anschließend gemeinsam Wilson unter die Erde bringen.

Im Hotel beschwört Fitzpatrick nun seinen Hausdämon Yaguth, für den er arbeitet, der ihm aber auch zu Diensten ist, weil sie gemeinsam für die weiße Magie stehen. Yaguth erklärt sich bereit, in einer anderen Dimension nachzuforschen.

Während die beiden Grünen aus dem Urwald jetzt die Verwandten der Flussbewohner attackieren, haben Meurisse und Jean-Pierre inzwischen Frankreich erreicht, wo diesmal ein Taxifahrer dran glauben müssen.

Fitz und Tony sind derweil mit dem Flugzeug in den Urwald unterwegs, weil sie glauben, die Quelle der Ereignisse aufsuchen zu müssen. Die finden sie schließlich auch mit dem Dorf, in dem Meurisse seinen Bruder entdeckt hat. Dort laufen sie jedoch einer Übermacht an Eingeborenen in die Arme. Fitz ist noch bemüht, die magischen Fähigkeiten Tonys zu aktivieren, die er ihm nach jedem Einsatz wieder samt Erinnerung daran nimmt, doch klappt das genau in dem Moment, als beide bewusstlos geschlagen werden.

In Paris tauchen Meurisse und Jean-Pierre bei der hübschen Daniele auf, die zwar per Auto erst einmal ordentlich Fersengeld gibt, aber dann in einer Telefonzelle doch noch erwischt wird.

Tony und Fitz kommen wieder zu sich und werden ebenfalls zu der Riesenblume geführt. Die attackiert die beiden, doch Tonys magische Kräfte sorgen in der Hütte für ein Feuerwerk und zerstören die Blume. Damit locken sie jedoch ein ungeheures Rankenwesen an die Oberfläche, einen in Pflanzengestalt gebundenen Dämon, der die Weltherrschaft erringen möchte.

Es kommt zu einem erneuten Gefecht mit Feuerkugeln, das aber solange nicht so gut läuft, bis Tony aus purer Verzweiflung die matschigen Überreste der inzwischen zerfallenen befallenen Eingeborenen auf die grüne Dämonengestalt schleudert. Die eigenen „Ausscheidungsprodukte“ bringen den Fiesling dann um – und selbstverständlich geht jede Pflanzenepigone ein, wenn der ursprüngliche Wirt zerstört wird, womit die globale Bedrohung vorbei ist.

Schenk mir bitte keine Blumen…
Das ist schlussendlich nicht ganz so zufriedenstellend, denn ein wenig mehr hätte man schon gern erfahren, beispielsweise ob die scharfe Daniele nun gerade noch mit dem Leben davon gekommen ist oder bei Wirtszerstörung schon tot war, die übrigen im Verlauf des Plots angegriffenen Brasilianer müssen wohl alle über die Klinge gesprungen sein.

Geht natürlich alles schnell-schnell, aber das ist in diesem Fall ein unterdurchschnittlich wichtiger Punkt in einem Potboiler von Roman, der sich wie fast alle Infektionsthemen, ziemlich beunruhigend und schnell rund um den ganzen Globus ausbreitet.

Leider ist schon auf Seite 40 bei der Storykonstruktion klar, dass eben diese Wirt-Pointe am Ende kommen muss, denn wir haben zwar gut motivierte Identifikationsfiguren, aber eben doch niemanden, der überall sein kann. Anders hätte sich diese Menagerie gar nicht mehr positiv auflösen können.

Aber: horribel ist dieses Romanheftstückchen schon, was man von den meisten Stories dieser Art auch nicht immer sagen kann.

Die gut 20seitige Reise ins Unheil, den hier die Meurisseexpedition vornimmt, steht unter einem so miesen Stern, dass die komplette Auslöschung der Bewusstseine aller Beteiligten einen echten Reinwürger darstellt, noch dazu mit der sehr agilen Riesenblume und ihren echt fiesen Infektionen einen monströsen Widersacher präsentiert, der echtes Unbehagen provoziert.

Serowy ist außerordentlich gut im Beschreiben von Szenerien und entwirft den brasilianischen Dschungel eng, dunkel, feucht und vielfarbig, weiß also das Unheil seines Settings hervorragend und vor allem sehr detailgetreu heraus zu arbeiten. Gut, die pfeilschleudernden Eingeborenen sind etwas inflationär am Start, aber die Bedrohung durch die rankenartigen Blüten hat man seither auch schon in dem einen oder anderen Horrorroman oder -film genießen dürfen.

Die Fremdartigkeit der halb-floralen „grünen Männer“ hätte noch gelungener sein können, aber in der Vorstellung bieten sie einen verstörenderen Anblick als beispielsweise jeder durchschnittliche Werwolf oder Vampir.

Dagegen sind Fitz und Tony geradezu banal typisch, aber auch diese Figuren bestechen in Details durch gewisse Unterschiede zu ihren „magischen“ Kollegen, haben eine nicht übernatürliche Erdung und suchen stets nach einer zu erklärenden Ursache. Damit leisten sie eher klassisch literarische Aufklärungsarbeit viktorianischer oder georgianischer Geisterjäger.

Ein Fremdkörper bleibt leider das Hausdämonchen Yaguth, das magische Äquivalent zur heutigen Wikipedia, wohingegen man die Beschwörungsfähigkeiten der Protagonisten wieder in den klassischen Sektor (Carnacki etc.) schieben könnte. Wenn am Ende leider doch ein „echter“ Dämon als Verursacher des ganzen Blütentrubels aus dem Boden wächst, dann ist das fast schon ein kleiner Downer, eine Nicht-Personalisierung der zentralen Wirts hätte mir in Sachen Unheimlichkeit wesentlich besser gefallen.

Dennoch, Serowy hat mir in Sachen Stil, Spannung und Erzähltempo sowie -fülle einen große Gefallen getan (und er vermeidet den in den 70ern noch so typischen Exotik-Rassismus und vermeidet auch eklatante Flapsigkeiten) und ich kann zumindest diesen Roman nur empfehlen; ein echtes unheimliches Gefühl bei einem Romanheft ist ein wahrhaft seltenes Gut, selbst wenn es nur im ersten Drittel ist.
Und da Serowy keine Verwandten macht, wenn es darum geht, seinen Cast wahrhaft grauenhaft auszudünnen, haben wir es hier mit einer veganen Alien-Story vorderster Kajüte zu tun.

Extrem lobenswert!

*Für Nichtkenner: »Adele« ist ein tschechischer Fantasyfilm von 1978, in dem ebenfalls eine menschenfressende Topfpflanze auftritt, die durch eine Grammophonsonate zu monströsem Wachstum angeregt wird und der mir mit zehn Jahren einen Riesenschiss gemacht hat. Demnächst endlich auch auf DVD!

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