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Die Novelization - Der Roman zum Film: Mondsüchtig

Die Novelization - Der Roman zum FilmMondsüchtig

Üblicherweise entsteht ein Film nach einer Vorlage, sei es nun ein Buch, ein Comic oder gar ein Spiel. Meist handelt es sich aber um literarische Vorlagen, also ein Buch oder eine Erzählung. Manchmal aber ist es genau umgekehrt: Nicht die Henne war zuerst da, sondern das Ei, sprich: der Film. War dieser erfolgreich, folgte posthum oft eine literarische Fassung. Das nennt man dann eine Novelization. In dieser Reihe stelle ich in loser Folge einige Nacherzählungen aus dem phantastischen Genre vor.


Der Werwolf von London (Werewolf of London)Der Werwolf von London (Werewolf of London)
von Carl Dreadstone (Walter Harris, * 1925)
Über den Film:
1935 unter der Regie von Stuart Walker gedreht, ist dieser Streifen der erste Werwolf-Film von Universal. Der berühmte „Wolfsmensch“ mit Chaney jr. erblickte erst 6 Jahre später das Filmlicht der Welt. Im Gegensatz zu diesem jedoch war dem Vorgänger kein Erfolg beschieden: er floppte gnadenlos und ist bis heute fast vergessen.

Das Drehbuch zu diesem weitgehend unbekannten Film stammte von Robert Harris und John Colton, beides nahezu unbeschriebene Blätter, über die nur wenig bekannt ist.

Als Darsteller des Werwolfs wurde der Schauspieler Henry Hull verpflichtet, der hauptsächlich Nebenrollen spielte. Der Werwolf war eine der sehr wenigen Ausnahmen, wo er der Hauptdarsteller war. Glaubt man gewissen Quellen, stieg ihm das etwas zu Kopfe; er lehnte das geniale Make-Up des Jack Pierce ab, weil es seine Mimik einschränkte. Folglich sieht er im Film eher aus wie eine große Version von Eddie Munster (Rick Baker spricht gar von einem Elvis-Werewolf).

The Monster Legacy BoxEine andere Quelle gibt an, dass man Probleme mit der Zensur befürchtete, und deshalb das Aussehen des Wolfsmenschen nicht zu explizit zeigen wollte. Die Pierce-Maske durfte dann 6 Jahre später Chaney tragen und machte sie berühmt. Oder sie machte ihn berühmt. Wer weiß, vielleicht wäre Henry Hull mit diesem Make-Up besser bedient gewesen? Henry Hull´s Werwolf tötet seine Opfer seltsamerweise nicht durch Beissen oder Reissen, wie man das von einem Wolf erwarten würde, nein, er … würgt sie. Vielleicht auch ein Grund für den Misserfolg.

Erwähnenswert sind zwei Nebenrollen: da wäre der mysteriöse Dr. Yogami, von Tante Ettie im Film fälschlicherweise als Dr. Yokohama bezeichnet, haha. Gespielt wurde dieser von Warner Oland, einem schwedischen Schauspieler, der durch seine Rolle als Charlie Chan berühmt wurde. Obwohl er Skandinavier war, wurde er auf die Rolle von Asiaten festgelegt. Die knorrige Vermieterin Mrs. Whack wurde von Ethel Griffies gespielt, die ihren bekanntesten Auftritt in Hitchcock´s „Die Vögel„ hatte: sie spielte die qualmende, ignorante Vogelkundlerin Mrs. Bundy.

P.S.: Die mir vorliegende DVD stammt aus der „The Monster Legacy Box“ mit 18 Filmen und sehr viel Bonusmaterial.


Werewolf of LondonDie Story:
Der angesehene Wissenschaftler Wilfried Glendon bringt von seiner Expedition ins ferne Tibet nicht nur eine botanische Sensation – eine Mariphasa – mit, sondern auch gleich noch einen Fluch, der sein Leben für immer verändert. Im heimischen London wird er sich nach und nach bewusst, dass ein dämonischer keim in ihm steckt. Das was er am meisten liebt, sieht er sich gezwungen zu töten. Als wäre das nicht schon genug, sieht er sich auch zwei Widersachern gegenüber: dem undurchsichtigen Dr. Yogami, sowie der Jugendliebe seiner Frau, der wieder in ihrem Umfeld aufgetaucht ist.

Der Werwolf von LondonDie Romanfassung:
Die Novelization erschien 1979 auf Deutsch bei Pabel, und zwar als Vampir Horror Roman Taschenbuch als Nr. 71. Übersetzt wurde der Text von Eva Maisch. Mit seinen 161 Seiten war diese Ausgabe ungefähr gleichlang wie das Original aus den USA.

Walter Harris, alias Carl Dreadstone, hat sich mit diesem Roman Mühe gegeben. Gekonnt fängt er die Atmosphäre des Films ein, und verleiht dem Text durch die angestaubte Erzähl- und Ausdrucksweise auch eine Schein-Authetizität. Dementsprechend antiquiert und steif wirken manche der Figuren auch. Interessant ist die Erzählperspektive in Ich-Form: der leser gewinnt so einen überzeuegenden Einblick in das Gefühls- und Seelenlebens des Wilfried Glendon, der zunehmend hin- und hergerissen ist. Einerseits verabscheut er seine Wolfssucht, andererseits fühlt er sich mehr und mehr der dunklen Seiten in ihm zugezogen. Das Böse und Verbotene fasziniert ihn und setzt ihn in einen Taumel der Verzückung, obwohl er weiß, dass dies sein Verderben ist. Fast beiläufig erwähnt der Autor, wie der Wissenschaftler bemerkt, dass seine Wolfsnatur zu tieferer Leidenschaft fähig ist, als seine menschliche Seele.

Walter HarrisDaraus ergibt  sich eine Parallele zu „Wolf – das Tier im Manne“, einem Film mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Auch hier verspürt der zum Wolf werdende Mensch Gefallen an seiner animalischen Seele und gibt sich dieser hin. Auch er hat übrigens seinen Nebenbuhler um die Gunst seiner Frau, ähnlich wie Glendon. Weitere Parallelen finden sich zu Stevenson´s „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, und am Rande auch zum „Unsichtbaren“. Dort quartiert sich das Ungeheuer ebenfalls bei einer schrulligen Vermieterin ein.
   
Aber zurück zum Thema.

Die Story des Buchs folgt anfangs durchaus noch der Filmvorlage, beschreitet dann aber schon bald sehr eigene Wege: die Handlung verläuft nicht mehr parallel, sondern schlägt eine völlig andere Richtung ein. Es geschehen Dinge, die im Film nicht einmal erwähnt werden. Auch das Ende ist ein völlig anderes. Man könnte meinen, dass dies eine Art Spezialität von Harris war, vielleicht mitunter ein Grund, warum er nur zwei Novelizations verfassen durfte? Wer eine getreue Nacherzählung des Stoffs erwartet, wird wohl enttäuscht sein. Wer den Film nicht kennt, und den Roman als etwas Eigenständiges begreift, der wird angenehm überrascht sein und eine stimmungsvolle Lektüre in den Händen halten. Ein Horror-Roman ist es aber nicht, eher Soft-Grusel. Aber das war ja fast alles in der Endphase von Pabel´s Horror-Programm.


Oliver ReedZum Cover der deutschen Ausgabe:
Stammt von Xavier G. Vilanova und wurde ursprünglich angekauft und verwendet für den Vampir Horror Roman Nr. 287. Der spanische Maler hat sich offensichtlich vom Hammer-Film Der Fluch von Siniestro (mit Oliver Reed in der Rolle des Werwolfs)inspirieren lassen. Von der Stimmung passt das Bild ganz gut zum Roman, künstlerisch ist es aber eher Mittelmaß. Die Perspektive der Steinmauer ist … leicht sinnverwirrend.

Bewertung:
Ein typischer Harris, der wieder mal sehr eigene Wege geht. Im Vergleich zum Vorgänger (The Creature from the black Lagoon) aber bei weitem besser! Insgesamt aber gut geschrieben und auch leidlich spannend.

Ich vergebe 4 von 5 Mondblumen

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Kommentare  

#1 Andreas Decker 2017-02-05 13:45
Es wäre eine hübsche Nerdstatistik, wie oft man den "Siniestro" als Bildvorlage genommen hat. ;-)

Die Universal-Originale werden immer noch teuer gehandelt und sind sehr selten zu bekommen.
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#2 Estrangain 2017-02-05 14:27
zitiere Andreas Decker:
Es wäre eine hübsche Nerdstatistik, wie oft man den "Siniestro" als Bildvorlage genommen hat. ;-)


Reed müsste eigentlich Tantiemen dafür bekommen ;)
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#3 AARN MUNRO 2017-02-06 11:28
Zitiere Ringo Hienstorfer:

Zitat:
Die Perspektive der Steinmauer ist … leicht sinnverwirrend.
...warum findest Du die Steinmauer als perspektivisch sinnverwirrend bzw. verzerrt?
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#4 Estrangain 2017-02-06 11:46
Weil sie perspektivisch nicht korrekt ist. Habe mich wohl ein wenig "verzerrt" ausgedrückt ;)
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