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Alisha Biondas Sherlock Holmes Anthologien - Das Geheimnis des Geigers

Sherlock Holmes - Die RückkehrAlisha Biondas Sherlock Holmes Anthologien
Das Geheimnis des Geigers

Alisha Bionda hat mittlerweile etwa 50 Anthologien vorgelegt. Diese Bände zeichnen sich jeweils durch die Verbindung von Kunst und Text und eine sorgfältige, liebevolle Gestaltung aus. Inhaltlich bewegt sie sich im weiten Feld der Phantastik. Schwerpunkt ist zweifellos die düstere Phantastik, aber es geht auch um Fantasy, Horror und Science Fiction. Etwas ganz besonderes sind ihre Anthologien um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes.


Das Geheimnis des GeigersInsgesamt vier Mal hat sie sich dieses Themas angenommen.

"Wenn eine literarische Figur in jedem Sinn unsterblich ist, dann zweifelsohne Sherlock Holmes."

(Klaus-Peter Walter im Vorwort)

"Das Geheimnis des Geigers" aus dem Jahre 2006 ist eine der ersten Anthologien, die Alisha Bionda herausgegeben hat. Fast zeitgleich erschien "Der dünne Mann und andere düstere Novellen" im Rahmen von "Edgar Allan Poes phantastische Bibliothek". Damals arbeitete Alisha Bionda für den Blitz-Verlag, wo sie zusammen mit Michael Borlik auch schon 2005 die Dark Fantasy-Anthologie "Der ewig dunkle Traum" herausgegeben hatte. Dieser Band bildete den Auftaktband für Biondas Serie "Wolfgang Hohlbeins Schattenchronik" um die Vampirin Dilara. Zu dieser Serie steuerte sie auch selbst etliche Bände bei.

Die Anthologie ist der vierte Band von "Sherlock Holmes Criminal Bibliothek", die es letztlich auf 6 Bände bringen sollte. "Das Geheimnis des Geigers" ist außerdem die erste Sherlock Holmes Anthologie mit deutschsprachigen Autoren. Vorher hatte es in der Reihe zwar schon eine Anthologie von Roman Sander gegeben. Dort erschienen bis auf eine Ausnahme aber nur Übersetzungen anglo-amerikanischer Autoren. Sherlock Holmes Pastiches deutscher Autoren gab es zwar schon vereinzelt seit Ende der 1970er Jahre, eine Kurzgeschichtensammlung oder Anthologie befand sich aber noch nicht darunter.

Die Anthologie vereinigt 16 Geschichten um den Meisterdetektiv. Unter den Autoren befinden sich einige heute klangvolle Namen, die damals aber noch nicht so bekannt waren. Dazu gehören Markus Kastenholz, Andreas Gruber, Martin Barkawitz und Christian Endres. Die ganz großen Namen wie Wolfgang Hohlbein findet man in diesem Band nicht.

Es ist ja Alisha Biondas "Markenzeichen", die von ihr herausgegebenen Anthologien jeweils mit Innenillustrationen zu versehen. Das Cover mit der Geige entwarf der mittlerweile sehr bekannte Mark Freier, die Innenillustrationen jedoch stammen von Andreas Gerdes. Der aus Norddeutschland stammende Künstler war damals für die ersten fünf Bände der "Sherlock Holmes Criminal Bibliothek" zuständig. Erwähnenswert ist, dass nicht jede Geschichte mit einer Illustration versehen ist. Außerdem leiten die Abbildungen nicht die jeweiligen Geschichten ein, sondern befinden sich mitten im Text. Allerdings weisen sie jeweils einen direkten Bezug zum Text auf.

Bemerkenswert ist auch, dass das Vorwort nicht von Alisha Bionda stammt, sondern von Klaus-Peter Walter geschrieben worden ist. Walter, der darüber hinaus auch eine Geschichte beiträgt, ist ja mittlerweile einer der bekanntesten deutschen Sherlock Holmes Autoren. Erst unlängst hat er mit "Sherlock Holmes und die Drachenlady" auch selbst eine Holmes-Anthologie bei Blitz veröffentlicht.

Alisha BiondaAm Ende des Bandes gibt es auch hilfreiche und ziemlich ausführliche Biografien der Herausgeberin, des Illustrators und der Autoren.

Namensgebend ist die Geschichte "Das Geheimnis des Geigers" aus der Feder von Matthias Heyen. Auf 12 Seiten lüftet Sherlock Holmes, der selbst passionierter Geigenspieler ist, das Geheimnis um die verhinderten Auftritte des russischen Stargeigers Leinad Alexandrow. Die Geschichte spielt im Jahre 1896 und ist eine solide klassische Detektivgeschichte.

Deutlich unfangreicher als die Titelgeschichte sind die beiden längeren Novellen des Bandes. Den Anfang macht Andreas Gruber mit "Glauben Sie mir, mein Name ist Dr. Watson!" Auf 27 Seiten schildert der Autor die Begegnung von Sherlock Holmes mit drei literarischen Figuren: Humphrey van Weyden, Peyton Farquhar und Edwin Drood. Anläßlich der Vorführung einer neuen Erfindung, die Reisen in andere Dimensionen ermöglichen soll, trifft der Meisterdetektiv auf diese Figuren. Doch die Vorführung wird zum Fiasko. Kurz darauf verschwinden die neuen Bekannten. Darüber hinaus erhält Holmes merkwürdige Briefe und wird mit Büchern von Ambrose Bierce, Jack London und Charles Dickens bekannt gemacht, alles samt ominöse Schriftsteller, von denen er nie zuvor etwas gehört hat. Die fesselnde Geschichte gehört eindeutig in die Kategorie "fantastischer" Holmes und lässt sich nicht in den klassischen Holmes Kanon einfügen.

Betont klassisch kommt dagegen "Die blaue Taube" von Arthur Gordon Wolf daher, die im Jahre 1901 angesiedelt ist. Holmes wird von Trübsinn geplagt. Da kommt ein neuer Fall wie gerufen. Unheimliche Geräusche und das Verschwinden eines Bauarbeiters, der aus großer Höhe abgestürzt ist, beunruhigen den Inhaber eines Malerbetriebes. Bald wird klar, dass der besorgte Watson versucht, den Meisterdektiv durch einen arrangierten Fall vor dem Drogenkonsum zu bewahren. Doch es kommt anders als gedacht. Am fingierten Tatort entdeckt Holmes Spuren eines echten Verbrechens, denen er unverzüglich nachgeht. Auf 50 Seiten beschert der Autor dem Leser vergnügliche, intelligente Unterhaltung.

Ebenfalls ganz klassisch kommen "Der schwarze Joe" von Linda Budinger und "Das Renardi-Komplott" von Christian von Aster daher. In der ersten Geschichte verschwindet ein Mitglied der Baker-Street-Bande, in der zweiten setzt Watson Himmel und Hölle in Bewegung, um Sherlock Holmes zum Geburtstag zu überraschen. Bei "Der Henker" von Christian Aster handelt es sich ebenfalls um eine ganz konventionelle Geschichte. Was steckt hinter dem in einer Lagerhalle aufgeknüpften Toten? Martin Barkawitz lässt den Meisterdetektiv in "Der ägyptische Gnom" in gewohnter Manier den scheinbaren Selbstmord eines Ägyptologen aufklären. Auch in "Der Tote von Belgrave Manor" lässt Stefanie Raddatz-Hübner Holmes in bekannter Manier einen Todesfall rekonstruieren. Ausgangspunkt hier ist, dass ein Bekannter von Dr. Holmes zu Unrecht des Mordes verdächtigt wird. Merkwürdige Fußspuren, die scheinbar ins Nichts führen, stellen die örtliche Polizei vor unüberwindliche Probleme. In "Kandelaber-Dessous" von Kurt Mühle geht es trotz des pikanten Titels um eine astreine Mordgeschichte. Christian Schönwetter stellt ein Mitglied des Hilfkorps der Baker Street Boys in den Mittelpunkt von "Der Fall, den S.H. nicht lösen konnte". Im Auftrag des Detektivs auf Beobachtungsmission geschickt, kommt er dem Geheimnis der vermeintlichen Rückkehr einer Toten auf die Spur. Klaus-Peter Walter lässt den Meisterdektiv in "Der Tote vom Sewer" zu forensischen Untersuchungsmethoden greifen, um zu klären, ob es sich um einen Mord oder einen Unglücksfall handelt.

Neben all diesen eher klassischen Geschichten gibt es aber auch noch ein paar ungewöhnliche Fälle. Hermann Agis etwa gibt dem Ganzen in "Der Vorfall" eine ausgeprägt erotische Note. Er lässt den guten Dr. Watson als Voyeur agieren, der eifersüchtig eine Besucherin von Holmes beobachtet. Die Mordserie durch den "Schlitzer" gerät dabei zur Nebensache. Für eingeschworene Holmsianer war das ein glatter Tabubruch. Markus Kastenholz behandelt in "Die brennende Leiche" den Fall der Bäckereibesitzerin Gertrud Jammin, deren Leiche fast vollständig verbrannt in der Backstube gefunden wird. Und es will sich einfach kein Mörder finden. Richtig okkult wird es bei Stephan Peters "Ein Fall von Nekrophilie". Hier bekommt es Holmes mit einer alten Jugendliebe zu tun, die allerdings schon seit Jahrzehnten tot ist. Ihr derzeitiger Liebhaber bittet Holmes um Hilfe. Dominik Irtenkauf wird in "Holmes und das Abenteuer des Tintenklecks" seinem Ruf gerecht, unverwechselbare Texte vorzulegen, die den Leser herausfordern. Der Meisterdektektiv erhält merkwürdige Drohungen und verstrickt sich immer weiter in seine kriminalistische Arbeit. Am stärksten in Richtung "fantastischer" Holms tendiert aber die Abschlussgeschichte "Der Dolch" von Bernd Rieger. Hier ermittelt nicht Sherlock Holmes, sondern sein jüngerer Halbbruder Voodoo Holmes. Dieser hat einen Assistenten, bei dem es sich um einen Bruder des bekannten Dr. Watson handelt. Im Gegensatz zu Sherlock Holmes ist Voodoo Holmes dem Übersinnlichen sehr zugetan. Er steht vor der Frage, was ein Fall von Wandalismus im Londoner Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud mit der Ermordung von Kaiserin Sissi von Österreich zu tun hat.

Diese Anthologie öffnete erstmals ein Tor zum "fantastischen" Holmes in Deutschland. Einige der Autoren haben danach weiter über Sherlock Holmes geschrieben. Klaus-Peter Walter, Dominik Irtenkauf und Martin Barkawitz bei Blitz, Christian Endres bei Atlantis und Bernd Rieger im Selbstverlag.

Das Geheimnis des Geigers
Alisha Bionda (Hrsg.)
Cover: Mark Freier
Innenillustrationen: Andreas Gerdes
ISBN 3-89840-214-2
302 Seiten
Blitz Verlag 2006

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