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Vampir-Killer vs. Marotsch - Ein Paperback voller Veränderungen zum Zweiten

1Vampir-Killer vs. Marotsch
Ein Paperback voller Veränderungen zum Zweiten

Jürgen Grasmück hat 1974 den Roman »Marotsch, der Vampir-Killer« als Silber-Grusel-Krimi-Taschenbuch Nr. 10 veröffentlicht.

1976 kürzte er den Text auf Heftromanlänge zusammen und »Marotsch, der Vampir-Killer« erschien als Silber-Grusel-Krimi 111. 1983 erschien der Text dann nochmals als Larry Brent Nr. 64 unter ebendiesem Titel.


1 Im Jahr 2013 erschien dann der Text unter dem Titel »Der Vampir-Killer« als Nr. 64 der Dan Shockers Larry Brent-Paperback-Ausgabe. Was der Blitz-Verlag aus »Marotsch, der Vampir-Killer« (zuerst als Silber-Grusel-Krimi Taschenbuch 10 erschienen) gemacht hat, ist für mich eine Zumutung.

  • Das Taschenbuch hatte einen Umfang von
    ca. 300.000 Anschlägen,

  • das »Larry Brent«-Heft (und auch der Silber-Grusel-Krimi 111)  lag bei
    ca. 235.000 Anschlägen

  • und das Blitz- Paperback hat
    ca. 150.000 Anschläge

und damit nur noch die Hälfte des Taschenbuches und über ein Drittel weniger Umfang wie das Larry Brent-Heft 64.

Ich habe mich schon bei den Kürzungen in der DK-Neuauflage aufgeregt, aber was der Blitz-Verlag aus den Originaltext von Jürgen Grasmück gemacht hat toppt noch alles.


In meiner üblichen Art habe ich die Veränderungen und Kürzungen aufgelistet. Letzte Woche erschien der erste Teil meiner Auflistung und ein Kommentar dazu, hier nur der zweite Teil:

1 Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 34, 2. Spalte, 8. Absatz - Seite 38, 1. Spalte, 5. Absatz

Dr. Rolf Kersky bewirtete seinen Gast Larry Brent, als hätte er seit Wochen niemand mehr empfangen, mit dem er seine Probleme besprechen konnte.
X-RAY-3 saß im Herrenzimmer, während Kersky drau­ßen hantierte.
Nach einer Weile kam er zurück und trug einen Haus­mantel.
Bei einem Drink meinte der österreichische Arzt: "Sie wundern sich sicher, daß ich Sie so lange hab' sitzen las­sen, Mister Brent?"
"Es war nicht sehr lange."
"Ich hab' mich erst im ganzen Haus umgeschaut. Es ist alles unverändert. Er war nicht da."
"Wer, Doktor Kersky?"
"Der Vampir, der auch Viola holen will. "
Er griff nach seinem Glas und legte eine Pause ein. Kersky saß mit dem Rücken zu der prallgefüllten Bü­cherwand, die bis zur Decke reichte. Darin steckten zahl­reiche wissenschaftliche Werke, Lexika und medizinische Abhandlungen, die in Griffhöhe bereit standen. Larry entdeckte auch besonders viele Titel, die irgendetwas mit Blut zu tun hatten und wobei oft der lateinische Begriff Hämo vorkam. Als Spezialist für Blutkrankheiten war seine Sammlung von Werken dieser Art bemerkenswert.
"Seit drei Wochen geht das so. Als die ersten Fälle von Vampirmorden auftraten, glaubte jeder, der damit konfrontiert wurde, an einen Spuk. Niemand nahm die Nachrichten ernst, wonach angeblich Beigesetzte wieder in der Öffentlichkeit auftauchten, um auch im Freundes- und Bekanntenkreis Blut zu saugen. Aber dann merkte man sehr schnell, daß es doch etwas auf sich hatte. Nachts wurden die Vampire lebendig. Sie waren Untote. In Hofstetters Klinik hatten wir mit einem Mal ständig mit diesen Fällen zu tun. Wir konnten nichts tun. Anfangs stellten wir die hochgradige Ausblutung des Körpers fest, und damit waren die Leichen freigegeben zur Beisetzung. Aber ich wollte dem Schicksal entgegenarbeiten. Schon früh wurde mir klar, daß hier etwas vorging, was eigentlich nicht in unsere Zeit paßt, daß es aber dennoch vorhanden ist. Man hätte mich verbrecherischer Experi­mente beschuldigt, das konnte ich mir nicht erlauben. Deshalb unterließ ich es."
"Was unterließen Sie?" Larry merkte, daß Kersky et­was auf dem Herzen hatte, worüber er mit einem ande­ren sprechen wollte. Aber es mußte etwas sein, worüber er nicht mit jedermann sprechen konnte.
Kersky wich der direkten Beantwortung dieser Frage aus. "Meine große Stunde kam, als Viola das gleiche Schicksal erlitt. Doch ich kam zufällig hinzu. Ich sah, wie sich ein Schatten aus dem Zimmer löste, in dem sie sich aufhielt. Das Fenster hatte weit offen gestanden. Ich wußte nicht, wer oder was in unser Haus gedrungen war. Ich hatte auch nicht die Zeit, die Verfolgung aufzunehmen. Es ging ums Leben meiner geliebten Frau. Entsetzen packte mich, als ich feststellen mußte, daß auch sie die furchtbaren Male am Hals trug, die ich in den letzten Tagen bei so vielen anderen Menschen entdeckt hatte. Viola war das Opfer eines Vampirs geworden! Sie hatte jedoch nicht alles Blut verloren. Der Eindring­ling war durch mein Auftauchen gestört worden. Ich hatte mich in meinem Studierzimmer aufgehalten und in einem wissenschaftlichen Werk gelesen. Ich kann es ru­hig gestehen: es handelte sich um das Buch eines Franziskanermönchs, der dem Aberglauben von den Vampiren nachging, der skeptisch und der wissenschaftlich gebildet war. Die Vampirmorde hatten mich aufs äußerste er­regt, und ich versuchte soviel wie möglich zu erkennen, um wirkungsvoll handeln zu können. Nun war es in meinem eigenen Haus zu einem solch makabren und rät­selhaften Vorfall gekommen. Ich tat zwei Dinge: ich gab Viola eine Bluttransfusion, und ich schnitzte in der glei­chen Nacht noch den ersten Holzpfeil. Ich wußte: wer immer auch mein Leben und das meiner Frau vernichten wollte, mußte wiederkommen. Das Blut, das Viola fehlte, ersetzte ich ihr. Sie fühlte sich weiterhin schwach. Ich verlangte von ihr, die nächste Zeit im Bett zu bleiben, und ich versprach ihr, daß die körperliche Schwäche, die sie durchmache, nur vorübergehend sei. Ich schwieg über das Vorkommnis, das sie offensichtlich vergessen hatte. Seltsamerweise redete sie wie im Fieber, doch dann hin und wieder davon, daß sie das Gefühl habe, von einem Vampir ausgesaugt zu werden. Tagsüber fühle sie sich müde und elend, abends würde sie am liebsten ihr Bett verlassen. Sie war in eine verflixte Lage geraten. Es stimmte! Den Vampir gab es. Ich entfernte alle Spiegel in ihrer Reichweite, um zu verhindern, daß sie sich darin betrachten konnte und vielleicht die Bißwunde fest­stellte. Die Zeit, die ich in der Klinik sein mußte, ver­legte ich nun ausschließlich auf den Tag. Ich wußte, daß bei Helligkeit nichts passierte, was mir Viola nahm. Aber abends mußte ich unbedingt hier sein. Ich ging schon früh weg und übernahm praktisch die Stelle unseres Hausmädchens, das bis um sechs Uhr bleibt, um die Wohnung in Ordnung zu halten. Das Mädchen ahnt nicht, was für eine Krankheit Viola hat. Sie darf auch nicht an ihr Bett. Es ist auch nicht nötig. Es soll nur ständig jemand um meine Frau herum sein, damit ich jederzeit über besondere Ereignisse unterrichtet bin."
Er griff wieder nach seinem Glas. Ohne ihn zu unter­brechen, hatte Larry zugehört. Es gab da eine Menge Fragen, aber er stellte sie nicht.
Kersky fuhr fort: "Nach meiner Ankunft abends in­spiziere ich das Haus und sehe nach meiner Frau. Oft ist sie dann schon bei sich. Die Bluttransfusionen sorgen dafür, daß ich sie am Leben halte. Sie sind die Garantie dafür, daß der unheimliche Besucher sie nicht mitnehmen kann oder sie ihm nicht nachfolgt. Ich habe noch immer die Hoffnung, daß die Transfusionen Viola retten." Seine Stimme klang leise. "Ich muß ihr allerdings fast täglich welche geben, Mister Brent. Wie durch Zauberei ver­schwindet fast alles Blut, das ich ergänze, wieder aus ihrem Körper. Nacht für Nacht aber halte ich das Haus unter Kontrolle. Ich behaupte, ich müsse abends noch mal weg, zu Privatpatienten. Das war früher schon so, das ist nichts Neues für Viola. Aber in Wirklichkeit halte ich mich in der Nähe des Hauses auf und kontrolliere Haustür und Fenster, hinter denen Viola schläft. Ich habe die Armbrust immer dabei. Wenn der Vampir wie­derkommt, werde ich ihn töten! Das allein kann Violas Rettung sein." Er wischte sich mit dem Handrücken über seine schweißnasse Stirn. "Eine verrückte Geschichte, nicht wahr, Mister Brent?" murmelte er. "Es scheint, daß ich verrückt bin, aber die Welt ist verrückt und ich passe mich den gegebenen Umständen lediglich an."
Kersky erhob sich und bat Larry, mit ihm zu kommen. Der Arzt legte seine Hand auf die Türklinke. Ehe er sie herabdrückte, meinte er: "Gestern abend — auch das möchte ich nicht unerwähnt lassen — ist wieder etwas Merkwürdiges passiert, Mister Brent. Genau genommen war es in der letzten Nacht. Ich lag draußen wieder auf der Lauer. Das Fenster zu Violas Schlafzimmer war nur geklappt. Der Raum liegt im ersten Stock, es ist unmöglich, daß ein Mensch dort eindringen kann. Und doch muß es in der Zeit, während ich aus dem Haus ging und meinen Posten bezog, passiert sein."
"Ist Ihnen überhaupt nichts aufgefallen?"
"Nein."
Sie gingen hinaus auf den großzügig eingerichteten Flur. Ein wertvoller persischer Läufer bedeckte den Fuß­boden. Hier oben führte der Flur auf eine Art Galerie, von der aus man hinunter in den geräumigen Empfangs­raum blicken konnte, der runde fünfzig Quadratmeter maß.
Dr. Kersky und Larry Brent schritten zum anderen Ende der Galerie. Hier lagen die Toiletten, das luxu­riöse Bad, die Schlafzimmer und der Ankleideraum.
Wohn- und Intimbereich waren geschickt voneinander getrennt.
Das Schlafzimmer war mit Gefühl und Geschmack eingerichtet. Es hatte etwas Verspieltes an sich. Große, wallende Vorhänge mit rosaroten Rü­schen. In der Ecke ein riesiger Frisiertisch mit einer Bat­terie von kosmetischen Artikeln, die in buntschillernden Flaschen aufbewahrt wurden. Davor ein Flauschsessel, dessen langes Fell den dicken Teppichboden berührte.
Die Balkontür war verschlossen und der Rolladen fest heruntergelassen. Die Schmalseite des langen, dreiteiligen Fensters war aufgeklappt.
Ein frischer Luftstrom drang ständig in das nach einem angenehmen Parfüm riechende Zimmer.
Viola Kersky lag wie eine schöne, große Puppe in ihrem Bett. Das lange, schwarze Haar rahmte ein ausge­sprochen liebliches Gesicht. Die Lippen waren leicht ge­rötet, ebenso die Wangen.
Die langen, seidigen Augenwimpern waren pech­schwarz. Viola Kersky hatte die Augen geschlossen.
Der Arzt lächelte glücklich. "Sie hat wieder etwas Farbe angenommen", flüsterte er. "Ein gutes Zeichen."
Er ging zu ihr ans Bett. Wortlos hielt Larry sich an seiner Seite.
Ohne einen Ton zu sagen, streifte Kersky das lange Haar seiner Frau nach hinten, so daß der Hals frei lag.
Auf der weißen, makellosen Haut zeigten sich die ver­krusteten Bißspuren.
Larry sah sie sich genau an. Er wollte etwas sagen. Da wurden sie beide durch ein Geräusch erschreckt.
Ein Gegenstand flog gegen das Fenster...
Larry reagierte eine Sekunde schneller als Dr. Kersky, obwohl der Österreicher keineswegs langsam war.
Wie ein Blitz sauste Larry ans Fenster. Er riß den Vorhang zurück.
Er sah gerade noch einen kleinen dunklen Vogel, der wie ein Schatten zurückprallte.
Und Larry sah noch etwas. Rund um das Fenster — so­wohl innen als auch außen — waren dicke Knoblauch­girlanden befestigt.
"Ein Vogel, er wurde durch das Licht angelockt”, sagte Kersky.
Larry schüttelte den Kopf. "Es war eine Fledermaus! Ich hab' es ganz deutlich gesehen..."
Die Blicke der beiden Männer begegneten sich.
"Eine Fledermaus?" fragte Dr. Kersky erstaunt, und sein Gesicht wurde bleich. "Aber man sagt..." Er sprach nicht zu Ende.
X-RAY-3 nickte. "Man sagt, daß der Herr der Vam­pire sich in eine Fledermaus verwandeln kann!"
"Das sagte man von Dracula. Denken Sie, daß er viel­leicht zurückgekommen ist? Es gibt Anmerkungen in ernst zu nehmenden Büchern, wonach er angeblich nie ausge­löscht werden konnte."
"Das kann nicht ganz stimmen", erwiderte Larry, der an seine Begegnung mit dem leibhaftigen Dracula dachte. "Dracula kann wiederkommen, richtig. Es hängt damit zusammen, ob es gelungen ist zu verhindern, daß sein geheimnisvolles, einmaliges Blut je wieder in die Adern eines lebenden Zeitgenossen gerät, Doktor." Während Larry sprach, stand er am Fenster und ließ seinen Blick über die Straße, am Waldrand entlang und zur Laterne schweifen. "Abgesehen von Dracula kann hier gesondert ein Fall auftreten, der nichts, aber auch gar nichts mit dem Fürsten der Vampire zu tun hat, Doktor. Die Vor­gänge weisen auf etwas ganz Eigenartiges hin. 'Wir er­kennen es in Umrissen, aber das ist eben nicht genug. Wir müssen mehr, wir müssen alles herausfinden, wollen wir auch nur eine geringe Chance haben, das Furchtbare zu unterbinden! Vampire können zu Fledermäusen wer­den. In der klassischen Literatur wird dies immer wie­der eindeutig geschildert."
Kersky leckte sich über die Lippen. "Aber die Girlan­den, Mister Brent. Knoblauch! Ein Abwehrmittel gegen Vampire."
"Nach dem, was wir wissen oder zu wissen glauben, ja. Aber wir haben es mit Vampiren und Vampirmorden zu tun, wie es sie in dieser Form noch nicht gegeben hat, Doktor. Die Fledermaus kann es gewesen sein", mur­melte Larry.
Sein Gesicht war ernst. Sie sprachen beide leise mit­einander, damit Viola Kersky, falls sie aus dem Schlaf erwachte, nicht Zeuge des Gesprächs wurde. "Aber das könnten wir herausfinden", fügte er unvermittelt hinzu.
Es war alles ganz einfach: Kersky sollte das Haus wie gestern abend verlassen. Doch diesmal würde Viola nicht ohne Aufsicht sein. X-RAY-3 wollte sich ganz in ihrer Nähe verstecken und sie bewachen. Wer immer auch in die Wohnung eindrang, diesmal mußte er mit einem Gegner rechnen!

1 Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 62, 1. Spalte, 3. Absatz - Seite 68, 1. Spalte, 1. Absatz

Dr. Rolf Kersky war offensichtlich froh, endlich jeman­den empfangen zu dürfen, mit dem er seine Probleme besprechen konnte. X-RAY-3 saß mit dem Arzt, nach dem der minutenlang in seinem Haus herumgelaufen war, in dessen Wohnzimmer bei einem Drink.
"Sie wundern sich, dass ich Sie so lange hab sitzen lassen", sagte der Arzt. "Ich musste mich erst im Haus umschauen. Zum Glück ist alles unverändert. Er war nicht da."
"Wer, Doktor Kersky?"
"Der Vampir, der auch Viola holen will." Der Arzt griff nach seinem Glas. "Seit drei Wochen geht das so. Als die ersten Morde bekannt wurden, glaubte jeder, der damit konfrontiert wurde, an einen Spuk. Niemand nahm die Nachrichten ernst, nach denen angeblich Bei­gesetzte wieder in der Öffentlichkeit auftauchten, um auch im Bekanntenkreis Blut zu saugen. Doch dann ..." Er holte tief Luft. "Nachts wurden die Vampire leben­dig. In Hofstetters Klinik hatten wir es mit einem Mal ständig mit diesen Fällen zu tun. Wir konnten nichts tun. Aber ich wollte dem Schicksal entgegenarbeiten. Doch man hätte mich verbrecherischer Experimente beschuldigt, das konnte ich mir nicht erlauben. Deshalb unterließ ich es."
"Was unterließen Sie?" Larry bemerkte Kerskys Un­ruhe.
Der Arzt schien der direkten Beantwortung dieser Frage auszuweichen. "Meine große Stunde kam, als Viola zum allem Unglück das gleiche Schicksal erlitt. Zufällig sah ich, wie sich ein Schatten aus dem Zim­mer löste, in dem sie sich aufhielt. Das Fenster hatte weit offen gestanden. Ich wusste nicht, wer oder was in unser Haus eingedrungen war. Ich hatte auch nichtdie Zeit, die Verfolgung aufzunehmen. Es ging um das Leben meiner Frau. Ich geriet in Panik, als ich feststel­len musste, dass auch sie die furchtbaren Male am Hals trug, die ich in den letzten Tagen bei so vielen anderen Menschen entdeckt hatte. Viola war also ebenfalls das Opfer eines Vampirs geworden! Doch der Eindringling war durch mein Auftauchen gestört worden. Ich hatte mich in meinem Studierzimmer aufgehalten und in einem wissenschaftlichen Werk gelesen. Das Buch eines Franziskanermönchs, der dem Aberglauben um Vampire nachging. Ich versuchte also weiter so viel wie möglich über die Morde zu erfahren, um wirkungsvoll handeln zu können. In meinem eigenen Haus war es zu einem solch unfassbaren Vorfall gekommen."
Er schüttelte sich, offenbar um sich dieser furchtba­ren Erinnerungen zu entledigen. "Ich gab Viola eine Bluttransfusion, und ich schnitzte in der gleichen Nacht den ersten Holzpfeil als Pflock. Ich wusste: wer immer mein Leben und das meiner Frau vernichten wollte, würde wiederkommen. Viola fühlte sich wei­terhin schwach. Ich verlangte von Ihr, die nächste Zeit im Bett zu bleiben, und versprach ihr, dass die körper­liche Schwäche, die sie durchmache, nur vorüberge­hend sei. Das Wort Vampir vermied ich. Seltsamerwei­se redete sie manchmal aber selbst wie im Fieber davon. Dass sie das Gefühl habe, von einem Vampir ausgesaugt zu werden. Tagsüber fühlte sie sich müde, nur abends wollte sie ihr Bett verlassen. Die Zeit, die ich in der Klinik sein musste, verlegte ich nun aus­schließlich auf den Tag, stundenweise. Ich wusste, dass bei Helligkeit nichts passieren konnte. Abends wollte ich unbedingt bei ihr sein."
Ohne ihn zu unterbrechen, hatte Larry zugehört. Es gab da eine Menge Fragen, aber er stellte sie nicht. Ker­sky fuhr fort: "Jeden Abend inspizierte ich das Haus und sah nach meiner Frau. Die Bluttransfusionen sor­gen dafür, dass ich sie am Leben halten kann. Sie sind die Garantie dafür, dass der unheimliche Besucher sie nicht mitnehmen kann oder sie ihm nicht nachfolgt. Ich habe noch immer die Hoffnung, dass meine Transfu­sionen Viola retten." Seine Stimme wurde leiser. "Ich muss es bei ihr allerdings fast täglich tun. Seltsamer­weise verschwindet fast alles Blut, das ich ergänze, wie­der aus ihrem Körper. Wie kann das sein? Nacht für Nacht halte ich das Haus von innen und außen unter Kontrolle. Viola gegenüber behaupte ich, dass Privat­patienten auf mich warten. Das ist nichts Neues für Viola. Doch dann halte ich mich in der Nähe des Hau­ses auf und kontrolliere alles. Ich habe die Armbrust immer dabei. Wenn der Vampir wiederkommt, werde ich ihn töten! Das kann Violas Rettung sein." Kersky erhob sich und bat Larry, ihm zu folgen. Der Arzt legte seine Hand auf die Türklinke und zögerte. "Letzte Nacht wurde meine Frau wieder angezapft. Ich lag draußen auf der Lauer. Das Fenster zu Violas Schlaf­zimmer war nur gekippt. Der Raum liegt im ersten Stock, es ist unmöglich, dass ein Mensch dort eindrin­gen kann und doch muss es in der Zeit, während ich aus dem Haus ging und meinen Posten bezog, passiert sein."
"Und Ihnen ist nichts aufgefallen?"
"Nein. Nichts!"
Zusammen gingen sie hinaus auf den großzügig ein­gerichteten Flur. Von dort aus betraten sie eine Art Galerie, aus der man hinunter in den geräumigen Emp­fangsraum blicken konnte. Die beiden Männer schrit­ten bis zum anderen Ende der Galerie. Hier lagen die Toiletten, das luxuriöse Bad, die Schlafzimmer und der Ankleideraum. Das Schlafzimmer war geschmackvoll eingerichtet. Wallende Vorhänge. In der Ecke ein riesi­ger Frisiertisch auf dem zahlreiche kosmetische Arti­kel standen. Davor ein Sessel, dessen Fell den dichten Teppichboden berührte. Die Balkonkür war verschlos­sen, doch das dreiteilige Fenster war aufgeklappt. Ein leichter Luftstrom drang in das Zimmer. Larry sah die junge Frau. Wie eine große Puppe lag die schlafende Viola Kersky in ihrem Bett. Das schwarze Haar umrahmte ein ausgesprochen hübsches Gesicht.
Der Arzt lächelte glücklich. "Sie hat wieder etwas Farbe angenommen", flüsterte er. "Ein gutes Zeichen." Er ging zu ihr ans Bett. Wortlos hielt sich Larry an sei­ner Seite. Ohne einen Ton zu sagen, streifte Kersky das lange Haar seiner Frau nach hinten und legte dabei ihren Hals frei. Auf der weißen und ansonsten makel­losen Haut zeigten sich verkrustete Bissspuren. Larry betrachtete alles sehr genau, als plötzlich etwas gegen das Fenster flog. Der Agent reagierte schneller als Ker­sky, obwohl der Arzt keineswegs langsam war. Larry spurtete zum Fenster, riss den Vorhang zurück und sah wie ein kleiner Schatten zurückprallte.
"Nur ein Vogel!", keuchte Kersky. "Er wurde wohl durch das Licht angelockt."
Larry schüttelte den Kopf. "Eine Fledermaus!"
Die Blicke der beiden Männer begegneten sich.
"Eine Fledermaus?", fragte Dr. Kersky erstaunt, sein Gesicht wurde bleich.
X-RAY-3 nickte düster.
"Genau wie Dracula. Es gibt Anmerkungen in mei­nen Büchern, wonach er angeblich nie ausgelöscht wer­den konnte."
Larry dachte an seine eigene Begegnung mit dem leibhaftigen Dracula.* "Stimmt. Dieses Wesen kan zurückkehren. Alles hängt davon ab, ob es ihm gelingt, sein geheimnisvolles Blut wieder in die Adern lebender Zeitgenossen zu drücken, Doktor." Während Larry sprach, stand er am Fenster und ließ den Blick über die Straße und zur Laterne schweifen. "Davon abgesehen ist hier jedoch ein Fall aufgetreten, der nichts, aber auch gar nichts mit dem Fürsten der Vam­pire zu tun hat. Wir müssen alles herausfinden, um das Furchtbare rechtzeitig zu unterbinden. Wir stehen ei­ner Spezies gegenüber, die es in dieser Form wohl noch nicht gegeben hat. Dennoch bin ich sicher, dass die Fledermaus von eben dazu gehört." Larry hatte lei­se gesprochen, um die Schlafende nicht zu stören. Dann schilderte er sein Vorhaben. Kersky sollte das Haus verlassen. Doch diesmal würde Viola nicht ohne Aufsicht sein. X-RAY-3 wollte im Haus bleiben, um die Frau zu bewachen. Wer immer auch in die Wohnung eindrang, musste diesmal mit einem echten Gegner rechnen.

* * *

1 Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 38, 1. Spalte, 5. Absatz - Seite 42, 1. Spalte, 1. Absatz

Kommissar Anton Sachtler war schon nach kurzem Aufenthalt im allgemeinen Krankenhaus nach stationärer Behandlung wieder entlassen worden.
Er ließ es sich nicht nehmen, noch mal in sein Büro tu fahren. Hier wurde er unter anderem auch über die Ergebnisse der Streifenfahrt jener Beamten unterrichtet, die den schwarzen Chevrolet in der Hirschenstube oben sichergestellt hatten.
Normalerweise hätte Sachtler von diesen Dingen nur beiläufig und am nächsten Tag gehört. Doch er wurde offiziell unterrichtet. Sobald irgend etwas Mysteriöses geschah, bestand Mitteilungspflicht an Sachtler. In seinen Händen liefen alle Fäden zusammen, um die geheimnis­vollen Vorgänge wie sie derzeit in Wien an der Tages ordnung waren, zu erkennen und schnell zu erfassen. Jede Kleinigkeit konnte von Wichtigkeit sein.
Und mit dem Chevrolet war auch etwas nicht in Ord­nung. übereinstimmend sagten Beamten wie Zeugen aus, daß sie nicht verstehen könnten, auf welche Weise der Unglücksfahrer das Auto verlassen hatte.
"Es muß schon ein Geist gewesen sein", erklärte der federführende Beamte. "Anders kann er nicht aus dem Wagen gekommen sein, Kommissar. Vielleicht war's der Weingeist."
"Der Weingeist?" Sachtler wußte, daß Schirzenhofer, mit dem er sprach, selbst in der ernstesten Angelegen­heit zu einem Spaß aufgelegt war. "Sie sollten in der Tat Ihren Namen ändern. Sie müßten Scherzenhofer und nicht Schirzenhofer heißen."
"Ich meine es todernst, Kommissar. In dem Auto stank es, als hätte einer mehrere Fässer Weinbrand aus­geleert. Mit dem Alkoholdunst allein, der uns entgegen­schlug, könnte unser ganzes Revier einen Kamerad­schaftsabend inszenieren."
In dem gestohlenen Chevrolet waren die Vampire fortgebracht worden, die durch die Vorkehrungen Sacht­lers und Brents eindeutig gefährdet gewesen waren. Aber der geheimnisvolle Entführer war — wie seine unheim­liche Fracht — wie vom Erdboden verschluckt.
Sachtler beschäftigte sich mit diesem Komplex länger, als ihm lieb war. Schließlich packte er kurzentschlossen den Aktenhefter weg, schloß persönlich den Tresor ab und verließ sein Büro. Es war schon spät.
Sachtler hatte nicht weit bis zu seiner Wohnung.
Er stellte den Wagen vor der Garage ab, um schnell zu sein, wenn ein Anruf ihn irgendwohin befahl.
Der Kommissar legte seine Aktentasche im Flur auf die Ablage, schloß die Tür hinter sich und ging sofort ins Bad.
Sachtler lebte allein in der Zweizimmerwohnung. Vor drei Jahren war er Witwer geworden. Seine Frau war nach einer schweren Operation gestorben.
Anton Sachtler stand vor dem Spiegel im Badezimmer, betrachtete sein blasses, angespanntes Gesicht und zog eine Fratze. "Man wird auch nicht jünger", knurrte er. Mit der Hand fuhr er sich über sein unrasiertes Kinn und fing an, sein Hemd aufzuknöpfen. Er war gerade beim dritten Knopf, als das Telefon in seiner Wohnung anschlug.
Sachtler spritzte herum wie von einer Tarantel ge­stochen.
Er schob seinen Bauch mit einer Wendigkeit vor sich her, daß man nur staunen konnte.
Sachtler rechnete damit, daß Larry Brent am anderen Ende der Strippe war.
"Schon zur Stelle, Mister Brent", sagte er einfach an­stelle einer Begrüßung. "Wie schaut's aus?"
"Schlecht, Kommissar", sagte die Stimme am Hörer. Schlecht — für Sie!"
Das war nicht Larry Brent.
"Wer sind Sie?" Sachtlers Miene war starr wie eine Maske.
"Mein Name tut nichts zur Sache, Kommissar. Aber wenn Sie einen so großen Wert darauf legen, können wir dem abhelfen. Nennen Sie mich einfach Kasparek!"
"Was wollen Sie von mir?"
"'ne ganze Menge, Kommissar. Aber das besprechen wir am besten unter vier Augen."
"Gut. Wann?" reagierte Anton Sachtler sofort.
"Nichts hinausschieben! Am besten gleich, noch in die­ser Minute. Ich hab's eilig, Kommissar." Die Stimme am anderen Ende der Strippe klang ruhig und besonnen. Doch ein gefährlicher Unterton schwang darin mit, der nicht zu überhören war.
Sachtler hatte wieder mal schnell reagiert. Mit seinem Telefon war ein Bandgerät gekoppelt, das er sofort ein­geschaltet hatte.
"Einverstanden! Wenn es Ihnen so wichtig erscheint, dann bin ich gern für Sie zu sprechen", bemerkte Sachtler ebenso ruhig. "Aber Sie müssen verstehen, daß ich gern wüßte, worum es eigentlich geht."
"Um Ihr Leben, Kommissar! Werden wir einig, dann gut... Dann wird Ihnen kein Haar gekrümmt. Gehen Sie nicht auf meine Vorschläge ein, wird es schlimm... Dann werden auch Sie zum Vampir!"
"Keine schönen Aussichten", erwiderte Sachtler troc­ken und fühlte sich nicht mehr wohl in seiner Haut. "Wo wollen Sie mich treffen, Herr Kasparek?" Er betonte jedes Wort.
"Am besten in Ihrer Wohnung. Ich möchte Ihnen keine Umstände machen", klang es zurück.
"Gut. Ich erwarte Sie."
"Es bleibt Ihnen auch gar nichts anderes übrig. Und... Kommissar: keine Mätzchen! Es geht um Leben und Tod! Ich bin in einer Minute bei Ihnen!"
Es dauerte nicht mal eine Minute.
Sachtler legte nachdenklich den Hörer aus der Hand, nachdem der andere die Verbindung unterbrochen hatte. Da klingelte es auch schon.
Anton Sachtler konnte nicht verhindern, daß ein eisiger Schauer über seinen Rücken lief.

* * *

Ehe er zur Tür ging, bewegte er sich mit einem ra­schen Schritt zum Schreibtisch, der in der Nische neben dem Fenster stand.
Die Schubladen waren alle verschlossen.
Die oberste schloß er rasch auf, griff nach der Waffe, die darin lag, und lud sie schnell durch.
Er schob sie in seine Hosentasche und ging dann schnell durch den Korridor zur Haustür.
Sachtler öffnete.
Er war auf einen Überfall vorbereitet und war hell­wach.
Vor ihm stand ein Mann, etwa einsachtzig groß, das Haar streng gescheitelt. Er hatte das Gebaren eines Ver­treters an sich.
"Ich bin Kasparek", sagte der Fremde. Seine Stimme klang ruhig und war sogar sympathisch.
"Treten Sie näher, Herr Kasparek." Anton Sachtler ging einen Schritt zur Seite und ließ seinen Gast herein.
Sie gingen gemeinsam in das Wohnzimmer mit der Arbeitsecke.
"Sie wollten mit mir ein Geschäft besprechen", begann der Kommissar.
Vor wenigen Minuten noch todmüde, war er nun ge­spannte Aufmerksamkeit. Der Österreicher kam um den Tisch herum und bot seinem Besucher einen Platz an. Doch Kasparek wollte sich nicht setzen.
"Es dauert nicht lange, da lohnt es nicht, daß ich Platz nehme, Kommissar. Nehmen Sie alle An­ordnungen zurück."
"Hm", Sachtler nickte. "Und Sie sind überzeugt da­von, daß ich sofort‚ ja zu allem sage?"
Der Kommissar musterte sein Gegenüber eingehend. In Kaspareks Augen glitzerte es. Sachtler hatte nicht den Eindruck, es mit einem Wahnsinnigen zu tun zu haben. Aber da konnte man sich schlecht festlegen. Er kannte den Mann erst drei Minuten, und nicht jedem Verrück­ten sah man seine Geistesgestörtheit sofort an.
"Ja, das erwarte ich, Kommissar! Sie können gar nicht anders... Ich habe Ihnen bereits vorhin angedeutet, daß Sie dadurch Ihr Leben retten. Und das ist es Ihnen doch wert?"
"Das sollte man glauben."
Kasparek drehte dem Hausherrn noch immer den Rücken zu und starrte auf die Straße hinunter. "Ich glaube fast, Sie nehmen mich nicht ernst, Kommissar", bemerkte er mit scharfer Stimme. "Aber das interessiert mich nicht. Ich verlasse mich auf Sie."
Damit drehte er sich um.
Sachtler zuckte die Achseln. Er saß im Sessel, etwas zurückgelehnt, die Hände locker auf den Seitenteilen lie­gend. "Ich kann mit dem Geschäft nichts anfangen, ver­stehen Sie! Wieso habe ich die Gewißheit, daß Sie sich wirklich an Ihr Versprechen halten, wenn ich meine An­ordnungen zurücknehme? Ich sehe den Grund nicht ein, weshalb ich einfach ins Blaue hinein alles befolgen soll. Ich muß auch einen Beweis dafür haben, daß Sie tatsäch­lich Ihr Wort halten."
Kasparek lächelte. "Warum? Sie begreifen das 'Wa­rum' nicht. Schön! Können Sie mir zum Beispiel sagen, warum sich das Bild an der Wand dreht?"
Die Frage paßte überhaupt nicht hierher und beweist Sachtlers Annahme, daß er es wirklich mit einem Gei­steskranken zu tun hatte.
Er lächelte nicht und behandelte den merkwürdigen Besucher auch nicht von oben herab, um keinen falschen Eindruck zu erwecken. Aber er richtete seine Augen auf die Wand gegenüber, wo auch Kasparek hinblickte.
Eine eiskalte Hand schien Sachtlers Nacken zu um­spannen!
An der Wand, dem Schreibtisch gegenüber, hing das Hochzeitsbild. Das Bild drehte sich am Haken im Kreis, als würde eine unsichtbare Hand es herumwirbeln!
Er riß die Augen auf.
Das Bild drehte sich noch immer. Dann wurde die kreisende Bewegung langsamer. Das Bild schwang aus.
Kasparek reagierte eiskalt: "Warum hat es sich ge­dreht, Kommissar?"
"Ich weiß nicht... ich..." Anton Sachtler hatte es die Sprache verschlagen.
"Ich weiß es! Aber Sie müssen schon selbst damit fer­tig werden. Lassen Sie es sich durch den Kopf gehen! Heute nacht wird einiges in Wien passieren... Menschen werden zu Vampiren werden, Menschen werden sterben. Lassen Sie nicht zu, daß diese Menschen festgehalten werden! Sie müssen in die Erde kommen, in ihre Särge, nicht in eine verschlossene Kühlkammer, Kommissar." Kasparek deutete auf die Straße hinunter. "Sehen Sie da vorn die Straßenlaterne, gleich die erste an der Ecke?"
Anton Sachtler atmete schwer. Sein Blick klebte noch immer an dem Hochzeitsbild, das ihn und seine Frau nach der Trauung zeigte. Jetzt hing es still und schien sich nie im Kreis gedreht zu haben.
"Die Straßenlaterne?" sagte er stockend. "Ja, ich weiß. Ich kann sie von hier aus nicht sehen, ich weiß, wo sie steht."
"Ich werde jetzt gehen, Kommissar. Zum Zeichen da­für, daß Sie erkennen, wie ernst ich es meine, wird diese Laterne kurz nach meinem Davongehen verlöschen, ohne daß jemand Hand anlegt." Kasparek ging an Sachtler vorbei Richtung Wohnungstür. Im Flur drehte er sich noch mal um.
"Und noch etwas, Kommissar: kommen Sie bitte nicht auf die Idee, Ihren Abschied einzureichen und sich vom Dienst suspendieren zu lassen! Sie könnten vielleicht denken, daß Sie sich auf diese Weise der Verantwortung entziehen könnten. Das ist nicht der Fall! Ich habe die Abmachungen mit Ihnen getroffen. Sie wissen, was Sie zu tun haben. Ich brauche sieben mal sieben, Herr Kommissar."
"Sieben mal sieben?" echote Sachtler.
"Soviel Vampire muß es geben, damit sieben mal sie­ben Vampirherzen zusammenkommen."
Die Worte klangen unheimlich und bedrohlich.
Kasparek zog die Wohnungstür hinter sich ins Schloß.
Der Kommissar löste sich aus seiner Erstarrung. Er drückte sich aus dem Sessel hoch und lief durch den Gang hinaus in den Hausflur.
Dort brannte das Flurlicht. Sich entfernende Schritte auf der Treppe kündeten das Verschwinden des nächt­lichen Gastes an.
Sachtler sah den Schatten seines Besuchers einen Stock tiefer an der Wand.
"Herr Kasparek! Einen Moment, so warten Sie doch! Ich muß noch etwas mit Ihnen besprechen. So geht das doch nicht, ich..."
Er beugte sich über das Geländer und starrte nach un­ten.
Kasparek tauchte auf.
Er richtete den Kopf nach oben.
In diesem Moment erkannte Sachtler im trüben Licht der Hausflurbeleuchtung, daß etwas mit Kasparek nicht stimmte.
Das war ein ganz anderer Mann, der zu ihm hoch­blickte!
Er hatte einen großen, rosaroten Schädel. Die Augen lagen tief in den Höhlen, buschige Augenbrauen beton­ten sie. Der große
Kopf saß auf einem schmächtigen, nackten Körper.
Anton Sachtler stöhnte und wischte sich mit den Hän­den über die Augen.
Als er wieder nach unten blickte, war die seltsame Er­scheinung verschwunden. Es war der gleiche Mensch ge­wesen, den Peter Reisner in der letzten Nacht auf dem Friedhof in der Nähe des Forschungsinstitutes gesehen hatte!


* * *

Anton Sachtler stürzte in seine Wohnung zurück.
Er hetzte zum Telefon.
Wie elektrisiert ließ er den Hörer los, und sein Blick ging zum Vorhang. Sachtlers Augen hatten einen fiebri­gen Glanz, als er sich wie ein Roboter zum Fenster begab und den Vorhang mit zitternder Hand beiseite schob.
Der Kommissar schaute auf die Laterne, und er mußte an das denken, was sein Besucher ihm erzählt hatte. Und als bedürfe es nur dieses einen Gedankens — wurde genau das ausgelöst, was ihm vor wenigen Augenblicken noch prophezeit worden war.
Die Straßenlaterne vorn verlöschte!
Es gab keinen Grund dafür...
Er ging zum Telefontisch, ließ das Band zurücklaufen und schaltete es dann auf Vorlauf.
Das Band rauschte leise.
Jetzt mußte die Aufnahme gleich kommen.
Nichts! Das Rauschen blieb, aber es ertönte keine Stimme!
Hier hatte der Teufel seine Hand im Spiel!
Sachtler schloß zitternd die Augen.
Es mußte etwas geschehen. Er war nicht mehr gesund. Unter diesen Umständen konnte und durfte er niemals seinen Dienst weiterführen.
Er schloß die Augen. Was war Wirklichkeit gewesen, was Traum?
Schon streckte er seine Hand aus, um das Tonband­gerät auszuschalten, da ertönte eine Stimme aus dem Lautsprecher.
Es war sein rätselhafter Besucher: "Ich habe die Ab­machungen mit Ihnen getroffen. Sie wissen, was Sie zu tun haben. Ich brauche sieben mal sieben, Herr Kommis­sar. Soviel Vampire muß es geben, damit sieben mal sie­ben Vampirherzen zusammenkommen."
Das waren die Worte, die Kasparek hier in der Woh­nung gesprochen hatte. Aus dem Lautsprecher klangen sie zwingend und bedrohlich.
Und da gab es noch etwas auf Band, das Kasparek in dieser Form nicht zu ihm gesprochen hatte.
"Sie wollen leben, dann tun Sie etwas dafür, befolgen Sie meine Anordnungen! Wenn nicht, dann werden Sie der erste sein, dem ich, der Marotsch, das Herz aus der Brust reißt...!"

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 68, 1. Spalte, 2. Absatz - Seite 75, 1. Spalte, 1. Absatz

Kommissar Anton Sachtler wurde schon nach kurzer Zeit aus der stationären Behandlung entlassen. Er ließ es sich nicht nehmen, noch mal in sein Büro zu fahren. Hier wurde er unter anderem über die Ergebnisse jener Beamten unterrichtet, die den schwarzen Chevrolet vor dem Gasthof sichergestellt hatten. Normalerweise hät­te Sachtler von diesen Dingen nur beiläufig gehört. Doch nun wurde er offiziell unterrichtet. Sobald ir­gendetwas Mysteriöses geschah, bestand inzwischen Meldepflicht. In Sachtlers Händen liefen alle Fäden zusammen. Nur so war es möglich, die mysteriösen Vorgänge, die zurzeit in Wien an der Tagesordnung waren, zu erkennen und zu erfassen. Eins war sicher: Mit dem schwarzen Wagen stimmte etwas nicht.
Sachtler beschäftigte sich eingehend mit diesem Pro­blem, doch ohne Ergebnis. Schließlich packte er seine Aktenhefter in den Tresor und verließ sein Büro. Bis zu seiner Wohnung war es nicht weit. Er stellte seinen Wagen vor der Garage ab, betrat das Haus und legte seine Aktentasche im Flur auf die Ablage. Danach ver­schloss er sorgfältig die Tür hinter sich und ging ins Bad. Er lebte allein in einer bescheidenen Dreizimmer­wohnung. Vor vier Jahren war seine Frau nach einer schweren Operation verstorben.
Sachtler stand vor dem Spiegel im Badezimmer, be­trachtete sein angespanntes Gesicht und zog eine Frat­ze. "Man wird auch nicht jünger", knurrte er und kratz­te sich mit der Hand über das unrasierte Kinn. Das Telefon läutete. Sachtler fuhr herum. Er rechnete da­mit, dass Larry Brent am anderen Ende der Strippe war.
"Schon zur Stelle", sagte er anstatt einer Begrüßung. "Gibt es Neuigkeiten, Brent?"
"Und wie, Kommissar!", antwortete die Stimme am Hörer. "Allerdings schlechte ... für Sie!"
Das war nicht Larry Brent!
"Wer sind Sie?" Sachtlers Miene hatte sich versteinert.
"Mein Name tut nichts zur Sache. Sollten Sie aller­dings darauf großen Wert legen, nennen Sie mich ein­fach Kasparek!"
"Was wollen Sie von mir?"
"Das besprechen wir am besten unter vier Augen."
"Wann?", reagierte Anton Sachtler sofort.
"Am besten ... gleich? Noch in dieser Minute! Ich hab's eilig, Kommissar." Die fremde Stimme klang besonnen und doch schwang ein gefährlicher Unterton darin, der nicht zu überhören war.
Sachtlers Telefon war mit einem Bandgerät gekop­pelt, das der Kommissar sofort eingeschaltet hatte. "Einverstanden! Wenn es Ihnen so wichtig erscheint, dann bin ich gern für Sie zu sprechen", entgegnete Sachtler ebenfalls ruhig. "Aber Sie müssen verstehen, dass ich gern wüsste, in welcher Angelegenheit Sie mich zu sprechen wünschen."
"Welche Angelegenheit? Nun, Ihr Leben, Herr Kom­missar! Werden wir uns einig ... dann wird Ihnen kein Haar gekrümmt. Gehen Sie nicht auf meine Vorschläge ein, wird es schlimm ... dann werden Sie ... zum Vampir!"
Sachtler durchfuhr es wie ein elektrischer Schlag, doch er tat gefasst. "Wo sollen wir uns treffen, Herr Kasparek?"
"Am besten in Ihrer Wohnung!"
Der Kommissar erschauerte unwillkürlich. "Gut. Ich erwarte Sie."
"Es bleibt Ihnen auch gar nichts anderes übrig. Und ... bitte keine Mätzchen!"
Sachtler legte gerade den Hörer aus der Hand, als es an der Tür klingelte. Blitzschnell griff er nach seiner Waffe, die auf dem Schreibtisch lag, lud sie durch und versteckte sie in seiner Hosentasche. Dann ging er zur Haustür und öffnete. Er war auf alles vorbereitet und hellwach. Vor ihm stand ein mittelgroßer Mann, das Haar streng gescheitelt. Auf den ersten Blick ein schlichter Handelsvertreter.
"Kasparek", sagte der Fremde freundlich.
"Treten Sie näher, Herr Kasparek." Sachtler ging ei­nen Schritt zur Seite und ließ den Fremden herein. Gemeinsam betraten sie das Wohnzimmer. "Ich höre", begann der Kommissar. "Und bin gespannt!" Er bot seinem Besucher Platz an.
Doch Kasparek wollte sich nicht setzen. "Es dauert nicht lange, lohnt nicht. Ich komme direkt zur Sache: Nehmen Sie bitte alle Anordnungen zurück. Umge­hend!"
Sachtler sah den Fremden nachdenklich an. "Und Sie sind überzeugt davon, dass ich sofort ja zu allem sagen kann?" Er überlegte kurz, ob er es womöglich mit ei­nem Geisteskranken zu tun hatte.
"Ja, das erwarte ich! Und eigentlich können Sie gar nicht anders ... Ich habe Ihnen bereits vorhin angedeu­tet, dass Sie dadurch Ihr Leben retten. Und das ist es Ihnen doch wert, oder?"
"Nur mit Ihren vagen Andeutungen kommen wir nicht weiter!"
Kasparek drehte dem Hausherrn den Rücken zu und starrte auf die Straße hinunter. "Ich glaube, Sie nehmen mich nicht ernst, Kommissar", sagte er mit scharfer Stimme.
Sachtler hatte seine innere Ruhe zurückgewonnen und sich in seinen Sessel gesetzt. "Um etwas zu unter­nehmen, brauche ich schon mehr Details von Ihnen."
Kasparek lächelte. "Details? Schön! Dann betrachten Sie bitte Ihr Bild an der Wand, Herr Kommissar."
Sachtler musterte jedoch nur seinen Gast. Nur ein Verrückter . . Dann sah er das Bild! Unvermittelt drehte es sich wie wild am Haken! Der Kommissar riss die Augen auf. Er konnte kaum glauben was da gerade ge­schah. Das Bild drehte sich noch immer. Dann wurdedie kreisende Bewegung langsamer. Das Bild schwang aus.
Kasparek wirkte ungerührt. "Wie ist das wohl pas­siert, verehrter Kommissar?"
"Ich weiß nicht ... ich ..." Anton Sachtler hatte es die Sprache verschlagen.
"Aber ich weiß es!", blaffte der Fremde. "Und dieses Detail sollte Ihnen reichen. Heute Nacht wird einiges in Wien passieren. Menschen werden zu Vampiren, und Vampire werden sterben. Verhindern Sie, dass die­se Menschen festgehalten werden! Die Toten müssen in Särge verbracht werden, nicht in eine verschlossene Kühlkammer." Kasparek deutete auf die Straße hinun­ter. "Sehen Sie da vorn die Straßenlaterne ... ja, gleich die erste an der Ecke!"
Anton Sachtler atmete schwer. Sein Blick klebte noch immer an dem Bild, das ihn und seine Frau nach der Trauung zeigte. "Die Straßenlaterne?", fragte er sto­ckend.
"Ich werde jetzt gehen, Kommissar. Zum Zeichen dafür, dass Sie erkennen, wie ernst ich es meine, wird diese Laterne explodieren!" Kasparek ging an Sachtler vorbei Richtung Wohnungstür. Im Flur drehte er sich noch mal um. "Und noch etwas, Kommissar. Kommen Sie bitte nicht auf die Idee, sich vom Dienst beurlau­ben zu lassen, um sich auf diese Weise der Verantwortung zu entziehen. Wir beide haben eine Abmachung getroffen. Sie wissen, was Sie zu tun haben. Ich brau­che Sieben mal sieben!"
"Sieben mal sieben?", fragte Sachtler verwirrt.
"Die Anzahl der Vampire! Sieben mal sieben Vampir-herzen müssen zusammenkommen." Kasparek zog die Wohnungstür hinter sich ins Schloss.Der Kommissar löste sich nur schwer aus seiner Erstarrung. Er drückte sich aus dem Sessel hoch und lief durch den Gang hinaus in den Hausflur. Die Schrit­te seines Gastes entfernten sich auf der Treppe. "Einen Moment, so warten Sie doch! Wir müssen ..." Er beug­te sich über das Geländer. Kasparek unter ihm drehte langsam seinen Kopf nach oben. Sachtler versteinerte von einem Augenblick zum anderen. Im trüben Licht der Flurbeleuchtung hatte sich der Fremde offenbar verwandelt! Er war völlig nackt mit einem rosaroten Schädel. Wütend stechende Augen lagen tief in den Höhlen. Sachtler stöhnte und wischte sich mit den Händen über die Augen. Als er wieder nach unten blickte, war die seltsame Erscheinung verschwunden. Der Beschreibung nach war das jetzt das Wesen, das Peter Reisner in der letzten Nacht auf dem Friedhof in der Nähe des Forschungsinstitutes gesehen hatte!
Sachtler stürzte in seine Wohnung zurück und eilte zum Telefon. Ein lauter Knall! Wie elektrisiert ließ er den Hörer wieder los, sein Blick ging zum Fenster. Die Laterne! Sie brannte! Sachtler massierte seine Stirn, ging zum Telefontisch, ließ das Band zurücklaufen und schaltete es auf Vorlauf. Jetzt musste die Aufnahme kommen. Doch: Nichts! Er wollte gerade das Tonband­gerät ausschalten, da ertönte die Stimme seines rätsel­haften Besuchers aus dem Lautsprecher. Wir haben eine Abmachung! Sie wissen, was Sie zu tun haben. Ich brauche Sieben mal sieben, Herr Kommissar. Soviel Vampire muss es geben, damit Sieben mal sieben Vampirherzen zusammen­kommen. Das waren die letzten Worte, die Kasparek in seiner Wohnung gesprochen hatte — und nicht am Tele­fon. Es ging noch weiter: Sie wollen leben? Dann befol­gen Sie meine Anordnungen! Wenn nicht, wird der Marotsch das Herz aus Ihrer Brust reißen! Sätze, die der Fremde vorhin nicht gesagt hatte. Sachtler fror plötz­lich.

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 42, 1. Spalte, 2. Absatz - Seite 43, 2. Spalte, 1. Absatz

Iwan Kunaritschew war ganz ruhig.
Er war eingesperrt. In einem Haus, das vor zehn Mi­nuten noch eine Ruine und voller Fensterlöcher, Risse und Spalten gewesen war. Nicht mal ein Dach hatte es gegeben. Doch das schien eine Ewigkeit her zu sein.
Dichte, undurchdringliche Mauern umgaben ihn.
Der Russe war aber aus jenem Holz geschnitzt, aus dem harte Männer gemacht wurden.
Selbst unheimliche Vorgänge waren für ihn nicht so unheimlich, daß er es nicht gewagt hätte, sich mit ihnen
auseinanderzusetzen.
Er suchte die Wände ab, riß ein Streichholz nach dem anderen an und betrachtete im flackernden Licht das Mauerwerk. Es war fugenlos und massiv. Iwan Kunari­tschew war überzeugt davon, in diesem Moment an einer Stelle zu stehen, wo bei seinem Eintritt noch ein Fenster­loch gewesen war...
Nun hartes Mauerwerk.
Ein Zündholz nach dem anderen verlöschte.
Im schwachen Schein orientierte er sich über seine neue Umgebung. Er ging hinaus in den schmalen Korridor und stand vor der Treppe. Sie war schwarz und fest. Das Geländer wackelte nicht.
X-RAY-7 war nahe daran, noch mal nach oben zu ge­hen und dieses Gespensterhaus bis in die letzten Ritzen und Fugen zu erforschen, als er plötzlich etwas hörte.
Er hielt den Atem an.
Leise, dumpfe Schläge...
Herzschläge!
X-RAY-7 lauschte in alle Richtungen.
Einmal kam es ihm so vor, als würde das Geräusch aus einem Raum hier unten im Parterre kommen. Doch dann glaubte er zu erkennen, daß das Pochen unter sei­nen Füßen erfolgte. Aus dem Keller!
X-RAY-7 ging um die Treppe herum. In der hintersten Ecke des Korridors, wo die Treppe wie ein spitzes Dach die Nische bedeckte, gab es eine Tür. Der Bretteraufbau, der die Treppe bildete, war gleichzeitig der Eingang in den Keller.
Die Tür ließ sich öffnen.
Das Geräusch pochender Herzen war jetzt ganz nahe, ganz stark.
Pochende Herzen?
Das ließ den Schluß zu, daß hier Menschen anwesend waren...
"Hallo?!" rief Iwan. "Ist da jemand?"
Seine Stimme füllte die Dunkelheit und das Haus, verhallte und dröhnte als Echo an seine Ohren.
Niemand antwortete.
Das Pochen blieb.
Da begann Kunaritschew mit dem Abstieg.
Seine Schritte hallten durch das Gewölbe. Es ging zwanzig Stufen nach unten. Dann lag der große Keller vor ihm. Er erinnerte im ersten Moment an ein natür­liches Gewölbe, und es konnte auch in der Tat eines sein. Das Marotsch-Haus war auf dem harten, steinigen Un­tergrund eines Hügels gebaut.
Er riß abermals mehrere Streichhölzer an, um sich zu orientieren. Das Geräusch der pochenden Herzen schien von überall herzukommen. Ihm fiel auf, daß die einzel­nen Gänge, die von der Treppe her in das Gewölbe führ­ten, einen strahlenförmigen Kranz ergaben, der zum Mittelpunkt zusammenzulaufen schien. Wieder eine ge­naue geometrische Einteilung, etwas, das einen Sinn ergeben und aus einer Notwendigkeit heraus geschaffen sein mußte. Demnach — wenn diese Überlegung stimmte ­war es egal, welchen Gang man wählte.
Kunaritschew nahm kurzentschlossen den, der ihm am nächsten lag.
Er brauchte nur wenige Schritte zu gehen, um festzu­stellen, daß seine Überlegung sich bestätigte.
Der Gang mündete in einen runden Raum. Kunari­tschew hielt sich mit dem Rücken immer an der Wand, um einen eventuellen Angriff von hinten von vornherein auszuschalten.
Eins zumindest stand fest: Hier unten hielten sich eine oder mehrere Personen auf.
Das Pochen war jetzt ganz nahe.
Kräftige, gleichmäßige Schläge. Wie das Herz eines großen Tieres.
Iwan Kunaritschew preßte die Lippen aufeinander. Die Streichholzschachtel war fast leer. Er mußte vor­sichtig mit dem restlichen Inhalt umgehen.
Ehe er ein Hölzchen anriß, stieß er mit dem Fuß ge­gen einen Widerstand.
Es klapperte, als würden morsche Knochen auseinan­derfallen.
Kunaritschew rührte sich nicht mehr von der Stelle. Er entzündete das Holz, und die Flamme zeigte ihm, daß er mit der Fußspitze gegen ein Skelett gestoßen war.
Das Skelett lag zu seinen Füßen, und Iwan ahnte, um wen es sich hier handelte. Um den Jungen aus Jolischka, der seinerzeit ins Marotsch-Haus eingedrungen war...
Der Russe hielt die Streichholzflamme höher.
Kunaritschew hielt in der Linken seine Smith & Wessen Laser schußbereit, um gewappnet zu sein.
Dann verlöschte das Streichholz.
Sofort zündete Iwan Kunaritschew ein neues an und trat zwei Schritte weiter vor, um auch ein wenig das Dunkel hinter dem wie ein Altar wirkenden Würfel zu erhellen. Von dort kam das Herzklopfen.
Hinter dem mit geheimnisvollen Schriftzeichen und Symbolen übersäten Altar erhob sich eine glatte Wand. Dort hingen ausgetrocknete, kleine sackähnliche Gebilde.
Es waren soviele, daß X-RAY-7 sie im ersten Moment nicht alle überblicken konnte.
"Sieben mal sieben", murmelte er, und ungläubiges Er­staunen trat in seine Augen. "Sieben mal sieben Her­zen..."
Es waren Menschenherzen! Daran bestand kein Zwei­fel.
Sieben nebeneinander zu sieben Reihen.
Sie mußten uralt sein. So sahen sie aus.
Aber die Reihe der ersten sieben unterschied sich von denen der nachfolgenden sechs Reihen, und Iwan Ku­naritschew begriff, wieso er Herzpochen gehört hatte.
Die ersten sieben Herzen, die an einem silbern schim­mernden Faden hingen, der an einem matten Metallring in der Wand befestigt war, schlugen!
Sie schlugen alle im selben Rhythmus...

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 75, 1. Spalte, 2. Absatz - Seite 79, 1. Spalte, 1. Absatz

Iwan war eingesperrt, in einem Haus, das eben noch eine Ruine voller Fensterlöcher und Spalten gewesen war. Nicht mal ein Dach hatte es gegeben. Doch das war nicht mehr die Realität. Undurchdringliche Mau­ern umgaben ihn. Iwan blieb ruhig, obwohl seine Taschenlampe gerade den Dienst aufgab. Zum Glück hatte er noch ein volles Päckchen Streichhölzer dabei. Er suchte die Wände ab, riss ein Streichholz nach dem anderen an und studierte im flackernden Licht das Mauerwerk. Es war fugenlos und massiv. Iwan war überzeugt davon, in diesem Moment an einer Stelle zu stehen, an der bei seinem Eintritt noch ein Fensterloch gewesen war. Die Zündhölzer gingen zur Neige. X­RAY-7 überlegte, noch mal nach oben zu gehen und dieses Gespensterhaus bis in die letzte Ritze zu erfor­schen, als er etwas hörte. Er hielt den Atem an. Leise, dumpfe Schläge! Herzschläge? Iwan lauschte in alle Richtungen. Einmal kam es ihm so vor, als würde das Geräusch aus einem Raum hier unten im Parterre kom­men. Doch dann glaubte er zu erkennen, dass das Pochen unter seinen Füßen erfolgte. Aus dem Keller! X­RAY-7 stürmte um die Treppe herum. In der hinters­ten Ecke des Korridors, wo die Treppe wie ein spitzes Dach die Nische bedeckte, gab es eine Tür. Der Bret­teraufbau, der die Treppe bildete, war gleichzeitig der Eingang in den Keller. Die Tür ließ sich öffnen. Das Pochen kam näher!
"Hallo?", rief Iwan. "Ist da jemand?" Seine Stimme füllte die Dunkelheit, verhallte und dröhnte als Echo an seine Ohren. Doch niemand antwortete. Das Pochen blieb. Iwan begann mit dem Abstieg. Seine Schritte schallten durch das Gewölbe. Einige Stufen ging es nach unten, dann lag der Keller vor ihm, der ihn im ers­ten Moment an ein natürliches Gewölbe erinnerte. Das Marotsch-Haus war offenbar auf dem steinigen Unter­grund eines Hügels gebaut worden.
Iwan riss abermals ein Streichholz an, um sich zu ori­entieren. Das Geräusch der pochenden Herzen schien von überall zukommen. Ihm fiel auf, dass die einzel­nen Gänge, die von der Treppe her in das Gewölbe führten, einen strahlenförmigen Kranz ergaben, der zum Mittelpunkt zusammenzulaufen schien. Wieder eine geometrische Einteilung, etwas, das einen Sinn ergeben und aus einer Notwendigkeit heraus geschaf­fen sein musste. Sollte diese Überlegung korrekt sein, war es völlig egal, welchen Weg man wählte. Also nahm Iwan kurz entschlossen den Gang, der ihm am nächsten lag. Er brauchte nur wenige Schritte zu gehen, um festzustellen, dass seine Überlegung richtig war. Der Gang mündete in einen runden Raum. Iwan hielt sich mit dem Rücken an der Wand, um eventuelle Angriffe von hinten leichter abwehren zu können. Eins stand fest: Hier unten war etwas! Das Pochen wurde lau­ter. Kräftige, gleichmäßige Schläge. Wie das Herz eines großen Tieres.
Iwans kräftiger Kiefer arbeitete. Die Streichholz­schachtel war inzwischen fast leer. Er musste mit dem restlichen Inhalt genügsamer umgehen. Bevor er einweiteres Hölzchen anreißen konnte, stieß er mit dem Fuß gegen einen Widerstand. Es klapperte, als wür­den morsche Knochen auseinanderfallen. Iwan blieb wie angewurzelt stehen und entzündete ein weiteres Streichholz. Das Licht der Flamme zeigte ihm, dass er mit der Fußspitze gegen ein Skelett gestoßen war. Das Gerippe lag zu seinen Füßen und Iwan ahnte, um wen es sich hier handelte. Wohl um das Kind aus Jolisch­ka, der seinerzeit ins Marotsch-Haus eingedrungen war.
Der Russe hielt die Streichholzflamme höher. In sei­ner Linken umklammerte er seinen schussbereiten Smith & Wesson-Laser. Gleichzeitig verlöschte das Streichholz. Hastig zündete Iwan ein neues an und trat zwei Schritte weiter vor, um auch das Dunkel hinter dem wie ein Altar wirkenden Würfel zu erhellen, den er soeben entdeckt hatte. Hinter dem mit geheimnis­vollen Schriftzeichen und Symbolen übersäten Altar erhob sich eine glatte Wand. Dort hingen kleine sack­ähnliche Gebilde, die ausgetrocknet wirkten. Es waren so viele, das X-RAY-7 sie im ersten Moment nicht alle überblicken konnte. Dann zählte er die Reihen durch. "Sieben mal sieben", murmelte er. Ungläubiges Erstau­nen trat in seine Augen.
Es waren Menschenherzen! Daran bestand kein Zweifel. Sieben nebeneinander zu sieben Reihen. Sie mussten uralt sein. Aber die Reihe der ersten sieben unterschied sich von denen der nachfolgenden sechs Reihen, und Iwan begriff, wieso er Herzklopfen gehört hatte. Die ersten sieben Herzen, die an einem silbern schimmernden Faden hingen, der an einem matten Me­tallring in der Wand befestigt war, schlugen!
Sie schlugen alle im selben Rhythmus!

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 43, 2. Spalte, 2. Absatz - Seite 45, 2. Spalte, 13. Absatz

Der Mann duckte sich hinter der halbhohen Mauer und wartete ab, bis die beiden Passanten vorüber waren.
Ein bleiches Gesicht mit blutunterlaufenen Augen tauchte hinter der Mauer empor.
Es war das Gesicht von Peter Reisner.
Er war ein Untoter. Er hatte zwei junge Mädchen an­gefallen und deren Blut getrunken. Er fühlte sich frisch und stark. Aber er wußte, daß dieses Schattendasein, das er nur nachts führen konnte, zeitlich beschränkt war.
Bis der Tag anbrach, mußte er verschwunden sein, ir­gendwohin, wo ihn niemand fand.
Reisner blickte sich um. Die Straße lag frei vor ihm. Er überquerte sie rasch, hielt sich in der Nähe der Häuser auf, überquerte dann wenig später die Schönbrunner Schloßstraße und kam rasch zum Sportplatz.
Er benutzte Gassen, Straßen und Häuserecken, wo er möglichst wenig Menschen begegnete.
Er brauchte die Menschen, und sie stießen ihn gleich­zeitig ab. Es war eine seltsame Haßliebe, die ihn er­füllte.
Die Nähe der Menschen erregte ihn. Sie hatten das, was er brauchte. Wärme und Blut. Aber im Moment ver­spürte er keinen Appetit auf Menschenblut. Er war ge­sättigt.
Bevor er in die Wildgasse in der Nähe des Tivoli einbog, begegnete er zwei älteren Paaren, die ihm verwun­dert nachsahen.
Ein Mann meinte: "Komischer Bursche."
Eine zweite Stimme: "So ein vergammelter junger Kerl. Sah direkt unheimlich aus."
Dann sagte eine Frau: "Vielleicht ein Süchtiger?"
"Möglich", knurrte der erste Sprecher wieder. "So sah er jedenfalls aus."
Peter Reisner erreichte schließlich das Ziel, das er sich gesetzt hatte, ohne daß es zu nennenswerten Vorfällen gekommen wäre.
Er achtete besonders auf vorüberfahrende Wagen und Polizeistreifen. Er mußte damit rechnen, daß man in­zwischen eines oder vielleicht auch beide Mädchen ge­funden hatte, die seine Opfer geworden waren.
Der einen hatte er aufgelauert, als sie in ein Wohn­haus gehen wollte. Sie war nicht mal mehr zum Schreien gekommen. Als seine Lippen ihren Hals berührten, als seine Zähne sie durchbohrten, war sie nur kurz zusam­mengezuckt. Mit seltsamem Gesichtsausdruck, in dem sich Lust und Schmerz mischten, war sie in seinen Armen zu­sammengesunken. Wie ein Liebender hatte er sie noch in den finsteren Hausflur gebracht und sie in der dunkel­sten Ecke, wo Hof- und Kellertür zusammentrafen, auf den Boden gelegt.
Und weiter war seine Jagd gegangen.
Wieder war es eine junge, unbegleitete Passantin ge­wesen, der er sich genähert hatte.
Sie wurde an der Untergrundstation an der Lobkov­-Brücke erwischt. Sie hatte ganz allein dort gestanden. Es war alles sehr schnell gegangen. Den ausgesaugten Kör­per hatte Reisner dann hinter einem Zeitschriftenkiosk versteckt.
Jedes durch einen Vampir ums Leben gekommene Op­fer reagierte anders. Die einen waren innerhalb weniger Minuten nach dem Verlöschen ihrer menschlichen Exi­stenz wieder als Untote aktiv. Andere brauchten dazu einen ganzen Tag, andere eine Nacht und einen Tag, ehe sie in der darauffolgenden Nacht garantiert ihr schauri­ges Dasein begannen.
Geduckt eilte er an der Friedhofsmauer entlang. Die Nacht war nach dem gewaltigen Regenguß und dem hef­tigen Gewitter kühl. Aber er fühlte die Kälte nicht. Sein ganzer Körper war kalt.
Die Nähe des Friedhofs aber strahlte auch gleichzeitig Ruhe und Geborgenheit aus. Hier war sein Zuhause.
Er fand schnell eine Stelle, wo er über die Mauer klet­tern konnte, ohne daß es einen Zeugen dafür gab.
Als er auf der anderen Seite der Mauer stand, huschte ein glückliches Lächeln über sein schmales, bleiches Ge­sicht.
Er hatte es geschafft! Bisher... Der Rest würde eine Kleinigkeit sein. In seinem Bewußtsein war der Plan be­reits in allen Einzelheiten festgelegt.
Er lief durch die finsteren, schmalen Wege. Grabsteine und Kreuze ragten aus dem nassen Boden. Die Erde knirschte unter seinen Schritten.
Dann kam er an einem kleinen Gerätehaus vorüber. Es bereitete ihm keine Schwierigkeiten, das einfache Schloß mit Gewalt zu öffnen. Er brauchte einen starken Draht. Den fand er im Innern des Hauses. Und er nahm ihn mit, nachdem er ihn einigermaßen zurechtgebogen hatte. Werkzeuge standen hier ausreichend zur Verfü­gung.
Sein Ziel waren die Familiengruften auf dem Nord‑Hügel des Geländes.
Dort hatte er die größte Chance, zu überdauern.
Zwischen den Gruften waren großzügig Gräber reicher Leute.
Die Gruften hatte man aus Stein und Marmor er­richtet. Schwere Gittertore oder massive Holztüren wa­ren mehr Schmuckstücke, als daß sie praktischen Nutzen hatten. Es gab zwar Schlösser daran, aber die hielten nicht viel aus.
Schon der erste Versuch war ein voller Erfolg. Der starke Draht war zum Dietrich geworden, und das Schloß schnappte auf.
Die schwere Holztür quietschte in den Angeln, als Pe­ter Reisner sie ein wenig nach vorn zog, um sie spalt­breit zu öffnen.
Wie ein Schatten huschte er in das finstere Innere und wurde ein Teil der Dunkelheit.
Hinter sich zog er die Tür wieder zu.
Reisner blieb mit dem Rücken zur Tür stehen und blickte sich um.
Links an der weißen Marmorwand hing ein Kreuz aus dunklem Eichenholz.
Reisner zuckte zusammen. Das Mondlicht, das zaghaft durch die dünn gewordene Wolkendecke drang, fiel schräg durch die winzigen Fenster unterhalb der gewölb­ten Decke und zeichnete kleine Quadrate mit schwarzen Streben an die gegenüberliegende Wand.
Reisner drehte schnell den Kopf weg. Die Nähe eines christlichen Symbols bereitete ihm körperliche Schmerzen.
Aber das war zu ertragen. Es gab Schlimmeres: Den Pfahl!
Reisner löste sich von der Tür. Vor ihm auf einer er­höhten Stufe standen drei Steinsarkophage. Sie waren beschriftet und mit schweren Platten abgedeckt.
Reisner nahm sich den ältesten Sarkophag vor. Die Wahrscheinlichkeit war groß, daß er hier den meisten Platz fand. Je weiter der körperliche Verfall des Be­statteten fortgeschritten war, desto mehr Raum kam ihm zustatten.
Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die Steinplatte. Wie festgemauert lag sie auf.
Ruckweise warf er sich dagegen. Und dann — mit einem Mal — knirschte es. Die Platte bewegte sich.
Jahrzehntealter Staub und Sand rieselten auf den Bo­den, und die gröberen Sandkörner knirschten unter sei­nen Schuhen.
Muffiger Verwesungsgeruch schlug ihm entgegen. Aber das machte ihm nichts aus.
Er atmete nicht. Er war ein Untoter. Teuflischer Geist und dämonische Kraft erfüllten seinen Körper.
Der Vampir schob die massige Steinplatte nur so weit auf die Seite, um sich genügend Raum zum Eindringen in den Sarg zu schaffen.
Wie ein lichtscheues Tier sich in seiner Höhle verkroch, so schlüpfte der Vampir in den Sarg eines Mannes, der vor über hundert Jahren hier beigesetzt worden war.
Das Knochengerippe klapperte unter Reisners Griffen, er rutschte zwischen die leeren Rippen, drückte die dün­nen Arme auf die Seite, schob den Knochenmann schließ­lich vollends zusammen, um sich ausstrecken zu können.
Er stemmte beide Arme gegen die Seitenwände und zog dann die schwere Platte langsam über sich.
Peter Reisner hatte sein Versteck gefunden. Hier wür­den ihn die Häscher; die er zu fürchten hatte, nicht ver­muten, nicht finden...
Aber er hatte weitaus mehr zu fürchten. Es gab noch andere Gegner.
In der hintersten dunklen Ecke der Familiengruft einer gewissen Familie Stützler regte es sich. Jemand hatte alles beobachtet, jemand, der genau wußte, was vorging und dem nichts entging.
Die Gestalt trat mit bloßen Füßen zwei, drei Schritte nach vorn. Ihre langen, dünnen Arme und Beine paßten nicht so recht zu dem gedrungenen, kurzen Körper. Das Gesicht des nächtlichen Besuchers war klein und eingeschrumpft und schien uralt.
Es war ein runzliges, spitzes Gesicht mit verkniffenem Mund.
Ein Lächeln huschte über die Miene des nackten, ge­schlechtslosen Wesens.
Marotsch, der Vampir-Killer, war gekommen, um seine Beute zu holen.

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 79, 1. Spalte, 2. Absatz - Seite 83, 1. Spalte, 1. Absatz

Der Mann duckte sich hinter der halbhohen Mauer und wartete ab, bis die beiden Passanten vorüber waren. In seinem bleichen Gesicht glühten blutunterlaufene Augen. Es war das Gesicht von Peter Reisner. Er gehör­te zu den Untoten. Bereits zwei junge Mädchen hatte er angefallen und deren Blut getrunken. Er fühlte sich frisch und stark, aber er wusste, dass dieses Schatten­dasein, das er führte, zeitlich beschränkt war. Bevor der Tag anbrach, musste er verschwunden sein, irgendwo­hin, wo ihn niemand fand.
Er kam aus seiner Deckung und blickte sich um. Die Straße lag menschenleer vor ihm. Er überquerte sie rasch, hielt sich dabei in der Nähe der Häuser auf. We­nig später passierte er die Schönbrunner Schlossstra­ße und kam rasch zum Sportplatz. Er benutzte Gassen, Straßen und Häuserecken, in denen er kaum Menschenvermutete. Die Nähe der Menschen erregte ihn zu sehr. Sie hatten das, was er brauchte. Wärme und Blut. Doch im Moment verspürte er keinen Appetit auf Menschen­blut. Er war gesättigt.
Bevor er in die Wildgasse in der Nähe des Tivoli ein­bog, begegnete er zwei älteren Paaren, die ihm ver­wundert nachsahen und tuschelten. Schließlich er­reichte Reisner sein Ziel, das er sich gesetzt hatte, ohne dass es zu nennenswerten Vorfällen gekommen wäre. Er achtete besonders auf vorüberfahrende Wagen. Er musste damit rechnen, dass man inzwischen eines oder vielleicht auch beide Mädchen gefunden hatte. Sein Gehirn arbeitete seit seiner Verwandlung anders. Er wusste, dass jedes durch einen Vampir ums Leben gekommene Opfer anders reagierte. Die einen waren innerhalb weniger Minuten nach dem Verlöschen ihrer menschlichen Existenz wieder als Untote aktiv. Ande­re brauchten dazu einen ganzen Tag oder mehr, ehe sie in der darauf folgenden Nacht ihr schauriges Dasein begannen.
Geduckt eilte Reisner an der Friedhofsmauer entlang. Die Nacht war nach dem gewaltigen Regenguss und dem heftigen Gewitter kühl. Doch die Kälte machte ihm nichts aus. Und die Nähe des Friedhofs strahlte Ruhe und Geborgenheit aus. Hier war sein Zuhause. Er fand schnell eine Stelle, an der er unbemerkt über die Mauer klettern konnte. Als er auf der anderen Sei­te der Mauer stand, huschte ein Lächeln über sein blei­ches Gesicht. Er hatte es geschafft! Der Rest würde eine Kleinigkeit sein. In seinem Bewusstsein war der Plan bereits in allen Einzelheiten festgelegt.
Er lief durch schmale Wege. Rechts und links ragten Grabsteine und Kreuze aus dem nassen Boden. Dann kam er an einem kleinen Gerätehaus vorüber. Es berei­tete ihm keinerlei Schwierigkeiten, den einfachen Rie­gel mit Gewalt zu öffnen. Er brauchte einen starken Draht. Den fand er im Innern des Hauses. Reisner nahm ihn mit, nachdem er ihn zurechtgebogen hatte. Passende Werkzeuge standen ausreichend zur Verfü­gung. Sein Ziel waren die Familiengruften auf dem Nordflügel des Geländes. Die Gruften hatte man mas­siv, zum Teil aus Marmor errichtet. Die Gittertore oder Holztüren waren mehr Schmuckstücke, als dass sie praktischen Nutzen hatten. Es gab Schlösser daran, doch die hielten nicht viel aus. Schon sein erster Ein­bruchsversuch war erfolgreich. Der zum Dietrich ge­wordene Draht ließ das Schloss aufschnappen. Die Holztür quietschte in den Angeln, als Peter Reisner sie nach vorn zog. Wie ein Schatten huschte er in das fins­tere Innere und wurde ein Teil der Dunkelheit. Mit dem Rücken zur Tür blieb er stehen, blickte sich um und bemerkte auf einer erhöhten Stufe die drei Steinsarko phage. Sie waren beschriftet und mit schweren Platten abgedeckt. Er nahm sich den ältesten Sarkophag vor. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass er hier den meis­ten Platz fand. Je weiter der körperliche Verfall des Bestatteten fortgeschritten war, desto mehr Raum blieb für ihn. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die Stein­platte. Ruckweise warf er sich immer wieder dagegen. Endlich! Es knirschte. Die Platte bewegte sich. Jahr­zehntealter Staub rieselte auf den Boden. Muffiger Ver­wesungsgeruch schlug ihm entgegen. Aber das mach­te ihm nichts aus. Er war ein Untoter. Er schob die massige Steinplatte nur so weit auf die Seite, um bis zum Sarg vordringen zu können. Wie ein lichtscheues Tier, das sich in einer Höhle verkroch, so schlüpfte der Vampir in den Sarg eines Mannes, der vor über hun­dert Jahren hier beigesetzt worden war. Das Knochen­gerippe klapperte unter Reisners Körper. Er schob das Skelett zusammen, um sich ausstrecken zu können. Dann stemmte er beide Arme gegen die Seitenwände und zog die schwere Platte langsam über sich.
In der hintersten Ecke der Familiengruft regte sich etwas. Ein Schatten hatte alles beobachtet. Jemand wusste offenbar genau, was hier geschah. Die Gestalt trat ein paar Schritte nach vorn, die dünnen Arme und Beine passten nicht so recht zu dem gedrungenen Kör­per. Das Gesicht des nächtlichen Besuchers war einge­schrumpft und wirkte uralt. Ein runzliges Antlitz mit verkniffenem Mund. Marotsch! Er war gekommen, um sich seine Beute zu holen.

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 45, 2. Spalte, 14. Absatz - Seite 46, 2. Spalte, 7. Absatz

Wie durch Zauberei hielt er ein Rasiermesser in der Hand.
Die Miene des Marotsch war unbewegt.
Er stand jetzt vor dem alten, steinernen Sarkophag, seine langen dünnen Finger mit den spitzen Fingernä­geln drückten gegen die schwere Steinplatte. Die bewegte sich erst nicht. Auch dem Marotsch fiel es schwer, die Platte zu bewegen. Man traute diesem schmächtigen, muskelschwachen Körper nicht zu, daß er überhaupt da­zu imstande wäre.
Doch der Marotsch schaffte es.
Die Steinplatte bewegte sich. Ein Spalt entstand. Das Mondlicht fiel schräg über das untere Ende des Sarko­phags. Die Füße Peter Reisners waren zu sehen.
Die Platte wurde weiter auf die Seite geschoben. Plötz­lich verlor sie das Übergewicht. Mit Donnergetöse fiel sie auf das breite, steinerne Podest.
Die Platte riß. Ein großer, häßlicher Riß lief fast vom einen Ende bis zum anderen durch.
Der steinerne Sarg, in dem der Vampir Unterschlupf gesucht hatte, lag frei vor den sezierenden Blicken des Marotsch.
Der Vampir hielt die Augen geschlossen.
Wie im Rausch war er sofort in einen tiefen Schlaf ge­fallen, nachdem er ein sicheres Versteck zu finden gehofft hatte.
Der Marotsch beugte sich mit unbewegtem Gesicht über den Rand des Sarges. Das Messer in der Hand des Vam­pir-Killers blitzte auf.
Wie ein Pfahl rammte der Marotsch mit brutaler Ge­walt die Spitze in die Brust.
Der Stoff riß, es knirschte, als das Messer in den Leib des Untoten drang.
Peter Reisner war seinem Meister begegnet!
Der Marotsch hatte ihm dieses satanische Leben ge­schenkt, der Marotsch nahm es ihm wieder...
Der Vampir-Killer schnitt dem im Sarg Liegenden das Herz aus der Brust.
Ein Strahl frischen roten Blutes ergoß sich aus der Brust, spritzte dem Marotsch ins Gesicht, und auf dem kalten, gelblichen Marmorboden entstand eine häßliche Lache.
Ein Ruck ging durch den Körper des Vampirs. Dann war es zu Ende.
Zum Nutzen von Marotsch, der das faustgroße, blu­tige Herz in der Hand hielt, das langsam und gleich­mäßig schlug.

* * *

Das unheimliche Wesen kümmerte sich nicht mehr um den Sarkophag und um den schlaffen, leblosen Körper.
Der Marotsch warf einen Blick auf das Vampirherz.
"Es ist das achte", kam es aus dem kleinen, runzligen Mund. "Das achte Herz! Damit wird die zweite Siebe­nerreihe eingeleitet."
In den vor ihm liegenden sechs aufeinander folgenden Nächten brauchte er regelmäßig ein Vampirherz, um den Kreislauf nicht zu unterbrechen.
Wie ein Schatten verschwand er in der Nacht.

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 83, 1. Spalte, 2. Absatz - Seite 84, 1. Spalte, 1. Absatz

Die Miene des Marotsch war wie versteinert. Das Wesen stand vor dem Sarkophag, dünne Finger drück­ten gegen die schwere Platte. Der massive Schutz be­wegte sich wie von selbst. Ein Spalt entstand. Das Mondlicht fiel schräg über das untere Ende des Sar­kophags. Reisners Füße waren zu sehen. Die Platte wurde weiter auf die Seite geschoben und rutschte donnernd ab. Der Sarg, in dem Reisner Unterschlupf gesucht hatte, lag frei vor den sezierenden Blicken des Marotsch. Reisners Augen waren geschlossen. Wie im Rausch war er sofort in einen tiefen Schlaf gefallen, nachdem er ein sicheres Versteck gefunden hatte. Der Marotsch beugte sich über den Rand des Sarges. Ein Messer blitzte in seiner Hand auf. Mit brutaler Gewalt rammte der Marotsch Reisner die Klinge in die Brust. Der Marotsch hatte ihm dieses satanische Leben geschenkt, der Marotsch nahm es ihm wieder. Der Vampir-Killer schnitt Reisner das Herz aus der Brust. Blut spritzte dem Marotsch ins Gesicht. Auf dem Mar­morboden entstand eine breite Lache.
Reisners Körper zuckte, das Ende kam rasch. Ma­rotsch hielt das schlagende Herz in seiner Hand und betrachtete es interessiert. "Das achte Herz!", kam es aus dem runzligen Mund. "Damit wird die zweite Sie­bener Reihe eingeleitet." In den vor ihm liegenden sechs Nächten brauchte er regelmäßig ein Vampirherz, um den Kreislauf nicht zu unterbrechen.

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 46, 2. Spalte, 8. Absatz - Seite 47, 1. Spalte, 12. Absatz

Iwan Kunaritschew hatte noch drei Streichhölzer in der Schachtel.
Er riß eines an. Er wollte diesen unheimlichen Tempel mit den neunundvierzig Herzen genau kennen, er wollte wissen, was hier vorging.
Es war ihm klar, daß der Ort, wo er sich aufhielt, verhext war. Satanische Kräfte wirkten sich hier aus. Eine Kuppel des Bösen war über das Haus gestülpt, eine unsichtbare geistige Kuppel, unter der eine beklemmende vergiftete Atmosphäre herrschte.
Die kleine Flamme an dem Hölzchen flackerte.
Kunaritschew konnte sich nicht satt sehen an der ma­kabren Sammlung menschlicher Herzen, von denen sie­ben zu einem gespenstischen Leben erwacht waren und allen Naturgesetzen zum Trotz schlugen, kraftvoll und rhythmisch.
Was aber war mit den zweiundvierzig anderen Her­zen? Warum waren sie ausgetrocknet und sackartig?
Er spürte die zunehmende Vergiftung der finsteren Atmosphäre. Fremde, böse Gedanken legten sich auf sei­nen Geist, manchmal glaubte er, leise Stimmen zu hören, dann ein unheimliches Gemurmel, als würde ein Magier beschwörende Formeln flüstern.
Die Luft war angereichert mit fremden, unbeschreib­lichen Gefühlen, die er beinahe körperlich wie eine Wand spürte, die langsam auf ihn zukam.
Das Hölzchen war zur Hälfte heruntergebrannt, als et­was Eigenartiges passierte.
Ein fluoreszierendes Leuchten hüllte plötzlich das erste Herz in der zweiten Reihe ein.
Das graubraune, runzlige sackähnliche Gebilde zuckte, als würde es plötzlich von geheimnisvollem Leben erfüllt.
Der Sack wurde praller und nahm eine andere Farbe an. Bum ...
Der Muskel sprang an, ganz kurz, und das pochende Geräusch war noch ganz leise.
"Bum... bumbummm... bum... bumbumm
Zweimal, dreimal schlug dieses Herz und paßte seinen Rhythmus den anderen an, den sieben in der ersten Reihe.
Iwan Kunaritschew blickte wie im Fieber auf das alte Herz, dessen Kraft neugeboren wurde, das zum Leben erwachte, während er in diesem unheimlichen, unerklärlichen Tempel ausharrte und die bösartigen Stimmungen ihn wie ein Rausch überfielen. Das achte Herz schlug!
Klar, rhythmisch und kraftvoll!
Iwans Zündholz verlöschte...

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 84, 1. Spalte, 2. Absatz - Seite 85, 1. Spalte, 5. Absatz

Iwan Kunaritschew hatte noch drei Streichhölzer in der Schachtel. Eins davon riss er an. Er musste diesen un­heimlichen Tempel mit den neunundvierzig Herzen genau kennenlernen. Ihm war bewusst, dass der Ort, an dem er sich aufhielt, verhext war. Satanische Kräfte be­saßen hier die Oberhand. Eine Kuppel des Bösen hatte sich über das Haus gestülpt und war dabei, eine vergif­tete Atmosphäre zu verbreiten. Die kleine Flamme an dem Hölzchen flackerte. Iwan betrachtete mit Abscheu die makabre Sammlung menschlicher Herzen, von denen sieben zu einem gespenstischen Leben erwacht waren. Allen Naturgesetzen zum Trotz, schlugen sie kraftvoll und rhythmisch. Doch warum waren die zwei­undvierzig anderen Herzen ausgetrocknet und schlaff?
Iwan spürte die finstere Atmosphäre. Böse Gedanken legten sich auf seinen Geist, manchmal glaubte er Stim men zu hören, dann wieder ein unheimliches Gemur­mel, als würde ein Magier Formeln beschwören. Die Luft war angereichert mit unbeschreiblichen Gefühlen, die Iwan beinahe körperlich wie eine auf sich zu kom­mende Wand spürte.
Das letzte der drei Hölzchen war zur Hälfte herun­tergebrannt, als etwas Eigenartiges passierte. Ein fluo­reszierendes Leuchten hüllte das erste Herz in der zweiten Reihe ein. Das runzlige Gebilde zuckte, als würde es von geheimnisvollem Leben erfüllt. Der Sack wurde praller und nahm eine andere Farbe an. Der Muskel sprang an, nur kurz, das pochende Geräusch war noch ganz leise. Bum ... bumbumm ... bum ... bum­bumm
Das Herz schlug und passte seinen Rhythmus den anderen an, den sieben in der ersten Reihe.
Iwan blickte gebannt auf das alte Herz, dessen Kraft gerade neu geboren wurde und zu Leben erwachte, während er in diesem bizarren Tempel ausharrte und ihn die bösartigen Stimmungen regelrecht überfielen. Das achte Herz schlug! Klar, rhythmisch und kraftvoll!
Iwans letztes Zündholz verlöschte ...

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 47, 1. Spalte, 13. Absatz - Seite 47, 2. Spalte, 12. Absatz

Das achte Herz im unterirdischen Tempel des Ma­rotsch-Hauses war nur deshalb zum Schlagen gekommen, weil die Schlange das Herz angenommen hatte.
Der Marotsch stand in einem dunklen Raum, in dem als einzige Lichtquelle eine rotgefärbte Birne brannte.
Die Kammer war nicht größer als acht Quadratmeter. Darin standen ein einfacher Sessel und ein klobiger Tisch. Auf dem Tisch stand ein hohes, etwa zwei Meter langes Terrarium, das fast die ganze Wand einnahm.
In dem großen Glasbehälter ragte ein dicker, knorri­ger, mehrfach verzweigter Ast nach oben und zur Seite. Auf den blattlosen Zweigen glitt eine Schlange, die Ähn­lichkeit mit einer Mamba hatte.
Das rote, schwache Licht fiel in das Terrarium und goß seinen blutigen Schein über den dunklen Körper der Schlange und über den faustgroßen Fleischbrocken, der zwischen zwei kleinen Ästen festgeklemmt hing.
Auf den ersten Blick war nicht zu sehen, daß es sich dabei um das Herz handelte.
Erst bei genauerem Betrachten war bei der schwachen Beleuchtung zu erkennen, daß dieser kleine faustgroße Fleischbrocken noch zuckte, daß er lebte. Er sah aus wie eine abgezogene Maus, aber es war das Herz, das der Ma­rotsch aus der Brust des Vampirs genommen hatte.
Die Schlange glitt lautlos darauf zu.
Der Marotsch, der wie eine Statue in der dunklen Kammer stand, blickte mit glitzernden Augen auf das Tier, das sich der Beute näherte.
Kein Mensch wurde in jener Nacht Zeuge von dem, was in dem siebzehn Stockwerke hohen Hochhaus in der Wiener Innenstadt vorging. Das Geschehen im zwölften Stock, das sich in der Wohnung eines gewissen Dr. Leo­pold Starsky abspielte, gehörte zum Ritus.
Das Herz schlug noch schwach.
Der Atem des Marotsch stand fast still.
Dann biß die Schlange zu.
Ehe das Vampirherz versagte, hatte die Schlange es angenommen.
Sie schlang es herunter. Es war jener Augenblick, in dem Iwan Kunaritschew Zeuge davon wurde, wie das achte Herz der makabren Sammlung zu schlagen begann.

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 86, 1. Spalte, 1. Absatz - Seite 87, 1. Spalte, 2. Absatz

Das achte Herz im unterirdischen Tempel des Ma­rotsch-Hauses war zum Leben erwacht, weil die Teu­felsschlange das Herz angenommen hatte.
Der Marotsch stand in einem dunklen Raum, in dem eine rote Lichtquelle brannte. Die Kammer war nicht größer als acht Quadratmeter. Darin befanden sich ein einfacher Sessel und ein klobiger Tisch. Auf dem Tisch stand ein Terrarium, das fast die ganze Wand ein­nahm. In dem großen Glasbehälter ragte ein knorri­ger Ast nach oben und zur Seite. Auf den blattlosen Zweigen lag eine Schlange, die Ähnlichkeit mit einer riesigen Würgeschlange hatte. Das rote Licht fiel in das Terrarium und goss seinen blutigen Schein über den dunklen Körper der Schlange und über den faust­großen Fleischbrocken, der zwischen zwei kleinen Ästen fest eingeklemmt hing. Auf den ersten Blick war nicht zu sehen, dass es sich dabei um ein Herz han­delte. Erst bei genauerem Betrachten war zu erken­nen, dass dieser faustgroße Fleischbrocken zuckte. Es war das Herz von Peter Reisner. Die Schlange glitt lautlos darauf zu. Der Marotsch, der wie eine Statue in der dunklen Kammer stand, blickte mit glitzernden Augen auf das Tier. Kein Mensch wurde in jener Nacht Zeuge von dem, was in dem siebzehn Stock­werke hohen Haus in der Wiener Innenstadt passier­te. Das Geschehen im zwölften Stock, das sich in der Wohnung des Dr. Leopold Starsky abspielte, gehörte zum Ritus.
Das Herz schlug noch schwach. Der Marotsch war­tete angespannt. Dann biss die Schlange zu. Ehe das Herz versagte, hatte die Schlange es angenommen und würgte es hinunter. Es war jener Augenblick, in dem Iwan Zeuge davon wurde, wie das achte Herz der makabren Sammlung zu pochen begann.

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 47, 2. Spalte, 13. Absatz - Seite 48, 2. Spalte, 3. Absatz

Der Ansturm der Gefühle war so heftig, daß X-RAY-7 die Nähe der unheimlichen Wand nicht länger ertragen konnte.Er wollte nochmal ein Streichholz anreißen, doch dazu war er nicht mehr in der Lage.
Iwan wurde das Gefühl nicht los, daß sein Leben ver­wirkt war, wenn er in diesem makabren Gewölbe noch länger blieb. Böse Vorstellungen und Ahnungen erfüllten ihn, und er glaubte, die Beklemmungen und furchtbaren Bilder, die auf ihn einstürmten, müßten ihn töten. Der Moment, wo das achte Herz zu schlagen begon­nen hatte, schien ein neuer entscheidender Wendepunkt in einem Ereignis zu sein, wovon er noch sehr lücken­hafte Vorstellungen hatte.
X-RAY-7 begann zu laufen. Hier unten im Raum der pochenden Herzen schien ihm die Luft knapp zu werden.
Das Klopfen und Pochen im Ohr, jagte er durch den Gang, durch den er gekommen war.
In seinem Schädel dröhnte es.
Wie Stakkato hämmerte es in seinen Ohren, in seinem Gehirn. Sein eigenes Herz nahm den Rhythmus an. Die Schläge wurden immer hektischer, schneller, und Iwan hatte das Gefühl, als wolle ihm sein Herz die Brust sprengen.
Er taumelte die Treppen hoch. Seine Schritte hallten durch das kühle, feuchte Gewölbe, und das Geräusch mischte sich unter das Pochen und Wispern, das die Luft erfüllte.
Hier vorn aber, wo der Gang zu Ende war, wurde es schon besser. Er konnte freier atmen.
Wie von Furien gehetzt, jagte er die Stufen hoch. Das war nicht einfach. In der absoluten Finsternis, die ihn umgab, mußte er damit rechnen, zu straucheln und zu fallen.
Plötzlich passierte es tatsächlich.
X-RAY-7 rutschte ab.
Instinktiv streckte Kunaritschew noch die Hände nach vorn, um den Fall abzufangen. Vor der drittletzten Stufe trat er aber ins Leere. Wie ein Geschoß stürzte er nach vorn.
Er konnte, den Schwung nicht mehr abfangen.
Im Bruchteil einer Sekunde erfüllte sich sein Schicksal. Es gab einen Schlag, als würde das ganze Haus einstürzen. Iwan Kunaritschew knallte mit dem Kopf voll gegen die schwarze, massive Tür. Er flog förmlich zurück und wurde noch mal zur Seite gerissen.
Unsichtbare Kräfte tobten sich in diesem kurzen, ent­scheidenden Sturm aus.
Kunaritschew krachte mit dem Hinterkopf gegen die Kellerwand.
Die Augen des Russen verdrehten sich, und ein Stöh­nen kam über seine Lippen.
Schlaff fiel er zusammen, blieb auf der Treppe liegen und rührte sich nicht mehr.

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 87, 1. Spalte, 3. Absatz - Seite 88, 1. Spalte, 2. Absatz

Der Ansturm der Gefühle war so heftig, das X-RAY-7 die Nähe der unheimlichen Wand nicht länger ertra­gen konnte. Er wollte noch mal ein Streichholz anrei­ßen, doch inzwischen waren alle aufgebraucht. Iwan wurde das Gefühl nicht los, dass er dem Tode nahe war, wenn er noch länger in diesem makabren Gewölbe blieb. Böse Vorstellungen und Ahnungen erfüllten ihn. Er glaubte, die Beklemmungen und furchtbaren Bilder, die auf ihn einstürmten, würden ihn töten. Er begann zu laufen. Im Raum der pochenden Herzen schien die Luft knapp zu werden. Das Klopfen noch im Ohr, jag­te er durch den Gang, durch den er gekommen war. Wie ein Stakkato hämmerte es nun in seinen Ohren, tief hinein in sein Gehirn. Sein eigenes Herz nahm den glei­chen Rhythmus an. Die Schläge wurden hektischer. Iwan spürte den Druck in seiner Brust. Er taumelte die Treppen hoch. Seine Schritte dröhnten durch das feuch­te Gewölbe. Hier, wo der Gang zu Ende war, ging es ihm besser. Er konnte wieder freier atmen.
Wie von Furien gehetzt, jagte X-RAY-7 die restlichen Stufen hoch. Doch in der absoluten Finsternis, die ihn umgab, musste er damit rechnen, zu straucheln. Und dann passierte es, er rutschte ab. Instinktiv streckte Iwan die Hände nach vorn, um den Fall abzufangen. Er trat ins Leere, konnte seinen Schwung nicht mehr abbremsen und krachte mit dem Kopf gegen die mas­sive Tür. Er prallte zurück, wurde zur Seite gerissen und schlug dann mit dem Hinterkopf gegen die Kel­lerwand. Die Augen des Russen verdrehten sich, ein Stöhnen kam über seine Lippen. Er blieb auf der Trep­pe liegen und rührte sich nicht mehr.

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 48, 2. Spalte, 4. Absatz - Seite 51, 1. Spalte, 3. Absatz

Es war wenige Minuten vor zwei Uhr morgens, als Larry Brent und Dr. Kersky sich entschlossen, ihre Wache aufzugeben.
Nichts hatte sich ereignet. Die Stunden waren mit Warten verstrichen.
Auch die Fledermaus, auf die sie beide gewartet hatten, war nicht mehr aufgetaucht.
Larry Brent begab sich hinaus auf den großen Balkon und ak­tivierte die Sendeanlage in seinem PSA-Ring.
In New York war es jetzt acht Uhr abends. Nicht zu spät, um kurz mit X-RAY-1 zu sprechen und sich zu in­formieren, ob es vielleicht neue Hinweise und Fakten gab. Schließlich arbeitete auch Iwan Kunaritschew am glei­chen Fall, und so konnte es gut möglich sein, daß der PSA neue Fakten vorlagen.
Es war nicht ausgeschlossen, daß die Leitung bereits schon versucht hatte, Kontakt zu ihm aufzunehmen, daß dies aber nicht funktioniert hatte, da er sich seit Stunden in einem verschlossenen Raum aufhielt.
Unter diesen Umständen war es stets unmöglich, daß ihn eine Funkbotschaft über den PSA-eigenen Satelliten erreichen konnte. Es war auch ausgeschlossen, daß er selbst einen Bericht funkte. Die eingebauten Antennen in der Miniatursendeanlage waren nicht dazu in der Lage, dickes Mauerwerk zu durchdringen.
Die Verbindung kam sofort zustande, und sie war von ausgezeichneter Qualität.
X-RAY-3 gab einen umfassenden Bericht über die Vor­fälle der letzten Stunden. Seine Informationen waren knapp und präzise wie immer.
Jeder Agent, der über den PSA-eigenen Satelliten eine Nachricht weitergab, wurde — wenn er einen hochbrisan­ten Fall bearbeitete — automatisch mit X-RAY-1 verbun­den, vorausgesetzt, daß der Chef erreichbar war. In der ganzen Zeit seiner Mitarbeit bei der PSA hatte Larry Brent es noch nicht erlebt, daß X-RAY-1 nicht erreichbar gewesen wäre.
Noch ehe er nach Neuigkeiten fragen konnte, die mög­licherweise für ihn von Bedeutung waren, wies X-RAY-1 schon von selbst darauf hin.
"In Wien braut sich etwas zusammen, daran gibt es nicht mehr den geringsten Zweifel, X-RAY-3. Von Ihrem Kollegen haben wir keine weiteren besonderen Hinweise erhalten. Die letzte Nachricht, die er gab, hat zum Inhalt, daß er alles versuchen wolle, noch heute mehr über das legendäre Marotsch-Haus zu erfahren. Er hat den Eindruck gewonnen, daß der unheimliche kleine Mann, dessen Beschreibung sich so sehr mit der Gestalt auf einem Wiener Friedhof in der letzten Nacht deckte, von großer Bedeutung ist. Diese Gestalt stand eindeutig im Mittel­punkt."
Larry wurde eingehend über den Stand von Iwans Nachforschungen informiert.
Der geheimnisvolle Leiter der PSA fuhr fort: "Aber da gibt es noch etwas, das uns Kopfzerbrechen verursacht, X-RAY-3. Über unseren Nachrichtendienst erhielten wir vor etwa zwei Stunden Mitteilung von einer Sache, über die ich Sie unterrichten möchte. Noch sind nicht alle Fakten durch die Computer ausgewertet und die Ernsthaftigkeit steht noch nicht fest. Dennoch wäre es vielleicht gut, daß Sie darüber Bescheid wissen. Wir haben Kenntnis gewonnen von der Erzählung einer Frau, die sie in der Nachbarschaft gemacht hat. Diese Rederei wurde allgemein als 'Spinnerei' angesehen. Ich muß aus­führlicher werden: Die Wohnung eines gewissen Dr. Leopold Starsky im zwölften Stock eines neuerbauten Apartmenthochhauses in der Wiener Innenstadt wurde bis vor drei Wochen von einer Putzfrau betreut. Der Name dieser Frau ist Melanie Gauer. In der Wohnung von Starsky soll ihr etwas Merkwürdiges passiert sein, behauptet sie. Nachgeprüft wurde das nie und alles, was ich Ihnen jetzt sage, müssen Sie mit äußerster Skepsis genießen, X-RAY-3! Die Frau ist Alkoholikerin, man kann nicht alles ernst nehmen, was sie sagt. Aber selbst wenn wir fünfzig Prozent als Unsinn abrechnen, als un­haltbare Fantasie eines kranken, vom Alkohol umnebel­ten Gehirns, bleibt doch noch etwas übrig, was man viel­leicht überdenken sollte. Melanie Gauer also behauptet, in der Wohnung von Starsky gäbe es eine Kammer, in die sie nie einen Blick hätte werfen dürfen, die sie nie geputzt hätte. Starsky hätte ihr verboten, je in diese Kammer zu gehen. Der Raum sei als Dunkelkammer gekennzeichnet. Das ist noch nichts Besonderes. Schließlich ist Starsky Werbefotograf, und wenn man bedenkt, daß hier Material liegt, mit dem die Konkurrenz einiges an­zufangen wüßte, kann man Starskys Vorsicht verstehen. Aber die gute Frau Gauer ließ sich eines Tages doch von ihrer Neugierde treiben. Und das ist erst einige Stunden her. Als sie allein in der Wohnung war, konnte sie nicht widerstehen, doch die Dunkelkammertür zu öffnen."
X-RAY-1 machte eine kurze Sprechpause, die Larry nutzte, um eine Bemerkung zu machen. "Sie wird doch wohl keinen modernen Blaubart entdeckt haben?"
"Nein, aber sie behauptet, eine Schlange gesehen zu haben..."
”Nun versteh' ich gar nichts mehr. Was macht 'ne Schlange in der Dunkelkammer, frag' ich mich da. Hätt' er 'ne Freundin versteckt, würd' ich's noch verstehen, Sir."
"Dazu muß ich noch etwas sagen. Frau Gauer erwartete eigentlich, daß in der Dunkelkammer nicht nur Wer­befotografien entwickelt würden, sondern auch andere Bilder: Pornografie. Sie war der Meinung, daß man mit Werbung allein nicht soviel Geld verdienen könne, um ein solches Leben zu führen, wie Starsky das tat und noch immer tut. Der langen Rede kurzer Sinn: es gab eben keine Pornobildchen in der Dunkelkammer, sondern eine gefangene Schlange. Ein rotes Licht brannte. Im Schein dieser Lampe konnte sie sehen, daß die Schlange auf einen Fleischbrocken zuglitt, der zwischen den Ästen hing. Sie gab eine detaillierte Schilderung von diesem Moment in der Nachbarschaft. Aber niemand nahm sie ernst. Jeder hielt diese Erzählung für ein Produkt ihrer überspannten Fantasie. Der dickste Hund nämlich kommt jetzt: sie beschrieb den Fleischbrocken als 'herzähnliches Gebilde', und sie war felsenfest davon überzeugt, daß es sogar noch geschlagen hätte! Ganz deutlich sei die Muskelbewegung wahrzunehmen gewesen... Dann habe die Schlange das Herz verschlungen."
"Na, das ist doch schon etwas", murmelte Larry. "Jetzt haben wir wenigstens eine Vorstellung davon, weshalb einer die Herzen braucht."
X-RAY-1 fuhr fort: "Im ersten Moment klingt das auf eine seltsame Art lächerlich und makaber, nicht wahr? Aber wenn man die Hintergründe kennt, fängt man an, stutzig zu werden. Und dieses Gefühl wird noch stärker, wenn man die Erzählung weiter verfolgt, welche die Putzfrau zum besten gegeben hat und die allgemeine Heiterkeit hervorrief. Danach soll in der düsteren Kam­mer plötzlich ein Männchen aufgetaucht sein, das sie an einen nackten Zwerg erinnerte."
"Also doch etwas Pornografisches, Sir. Ein nackter Zwerg — das ist doch mal was anderes." Er pfiff leise durch die Zähne. "Es wird doch nicht unser Gnom vom Friedhof sein, der ebenfalls nackt herumgesprungen ist? Dann sieht das Ganze ja schon anders aus. In diesem Fall gibt es plötzlich Zusammenhänge, die nachdenklich stimmen. Der Zwerg, den Peter Reisner sah, pflückte einem Vampir das Herz aus der Brust. Melanie Gauer bekommt durch ihre Neugierde eine Szene zu sehen, die allgemeines Lachen hervorruft. Niemand nimmt sie ernst, denn alles, was sie da von sich gibt, paßt zu dem Gefasel einer Alkoholikerin, die nicht mehr weiß, was sie sagt. Was aber ist nun wirklich dran? Das müssen wir wissen. Ich werde mich drum kümmern, Sir."
Larrys Stimme klang frisch.
X-RAY-1 nannte ihm noch die Adresse von Melanie Gauer und bezeichnete auch das Apartmenthaus genauer, in dem der Werbefachmann Dr. Leopold Starsky wohnte. Dieses Apartmenthaus war als "Manhattan-Haus" in Wien bekannt und nicht schwer zu finden.
"Was ist Wahrheit, was ist Dichtung?" fragte der ge­heimnisvolle Leiter der PSA abschließend. "Sie sind in jener Stadt, wo plötzlich ein Mosaiksteinchen nach dem anderen auftaucht. Versuchen Sie Ihr möglichstes, Larry! Setzen Sie die Steine zusammen!"
"Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, Sir. Ich werde Melanie Gauer aufsuchen und mir einen Ein­druck über ihre Glaubwürdigkeit und ihre geistige Ver­fassung machen. Ich werde auch Dr. Starsky einen Besuch abstatten, dabei mich als Auftraggeber einer Firma aus­geben, die eine große Werbekampagne starten will. So komme ich am ehesten mit ihm ins Gespräch. Bei dieser Gelegenheit werde ich alles daransetzen, seine Dunkel­kammer zu sehen. Ich werde nach der Schlange Ausschau halten, Sir, und nachprüfen, ob sie wirklich Herzen frißt."
"Was ist Ihr erster Eindruck von der Sache, X-RAY-3?"
"So merkwürdig es klingt, Sir: ich glaube, Melanie Gauer ist weniger verrückt, als man allgemein glaubt. Erst werden in Wien Menschen zu Vampiren, dann pas­siert ein paar Tage lang gar nichts, dann werden die Gräber aufgebrochen und den Vampiren das Herz her­ausgeschnitten. Melanie Gauer wird Zeuge, wie eine Schlange ein Herz verspeist, das der Marotsch offensichtlich in das Terrarium gelegt hat.
Wenn man die einzelnen Pöstchen zusammenzieht, kommt plötzlich eine ansehnliche Summe dabei heraus, Sir. Ich werde diesen Dr. Starsky, der sehr gut über den Inhalt seiner Dunkelkammer Bescheid wissen muß, gründlich unter die Lupe nehmen. Vielleicht verbirgt sich bei ihm im Haus der Marotsch? In diesem vertrackten Fall, den man an hundert Enden gleichzeitig anpacken müßte, ist doch alles drin. Die Schlange geht mir nicht mehr aus dem Sinn, Sir. Sie wäre die Erklärung dafür, wo die Herzen bleiben, daß etwas mit ihnen geschehen muß; denn: es geschieht nichts ohne Grund."
X-RAY-3 verabschiedete sich von seinem großen Chef.
Eine Viertelstunde später war Larry Brent im Bett des Gästezimmers, das Kersky ihm für die Nacht zur Ver­fügung gestellt hatte.
Seine Gedanken drehten sich im Kreis, denn Sorgen und Überlegungen erfüllten ihn. Er konnte nicht gleich einschlafen, doch dann zwang er sich dazu. Er hatte das unbestimmte Gefühl, daß der nächste Tag einige Aufregungen und Überraschungen brachte.

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 88, 1. Spalte, 3. Absatz - Seite 93, 1. Spalte, 2. Absatz

Es war kurz vor zwei Uhr morgens, als Larry Brent und Dr. Kersky sich entschlossen, ihre Wache aufzugeben. Nichts hatte sich ereignet. Die Stunden waren mit War­ten verstrichen. Auch die Fledermaus, auf die sie bei­de gehofft hatten, war nicht mehr aufgetaucht.
Larry trat hinaus auf den großen Balkon und aktivier­te die Sendeanlage in seinem PSA-Ring. In New York war es jetzt acht Uhr abends. Nicht zu spät, um sich kurz mit X-RAY-1 auszutauschen, ob es neue Hinwei­se gab. Schließlich arbeitete Iwan am gleichen Fall, und so konnte es gut möglich sein, dass der PSA neue Fak­ten vorlagen. Die Verbindung kam sofort zustande. Larry berichtete umfassend über die Vorfälle der letz­ten Stunden. Seine Infos waren wie immer knapp und präzise. Jeder Agent, der über den Satelliten der PSA eine Nachricht weitergab, wurde, wenn er einen hoch­brisanten Fall bearbeitete und der Chef erreichbar war, automatisch mit X-RAY-1 verbunden. Während seiner Mitarbeit bei der PSA hatte Larry es noch nicht erlebt, dass X-RAY-1 für ihn nicht zur Verfügung stand.
Und X-RAY-1 hatte Neuigkeiten für ihn. "In Wien braut sich etwas zusammen. Daran gibt es nicht mehr den geringsten Zweifel, X-RAY-3. Von Iwan haben wir keine weiteren Hinweise mehr erhalten. Die letzte Nachricht von ihm war, dass er alles versuchen wolle, mehr über das legendäre Marotsch-Haus zu erfahren. Offenbar hat X-RAY-7 den Eindruck gewonnen, dass der kleine Mann, dessen Beschreibung sich mit der Gestalt auf einem Wiener Friedhof in der letzten Nacht deckt, von großer Bedeutung ist." Dann wurde Larry eingehend über den Stand von Iwans Nachforschun­gen informiert. "Aber da gibt es noch etwas das uns Kopfzerbrechen verursacht. Über unseren Nachrichtendienst erhielten wir vor zwei Stunden Mitteilung von einer Sache, über die ich Sie unterrichten möchte. Noch sind nicht alle Fakten durch die Computer aus­gewertet. Wir konnten noch nicht alles gegenchecken. Dennoch ist es meiner Ansicht nach wichtig, dass Sie darüber Bescheid wissen. Die Wohnung eines gewis­sen Dr. Leopold Starsky, er lebt im zwölften Stock eines noblen Apartmenthochhauses in der Wiener Innen­stadt, wurde bis vor drei Wochen von einer gewissen Melanie Gauer betreut. Und diese Reinemachfrau hat Anzeige mit höchst merkwürdigem Hintergrund bei der Polizei gestellt. Wir haben herausgefunden, dass die Frau Alkoholikerin ist, man sollte also nicht alles ernst nehmen, was sie behauptet. Aber selbst bei eini­gen Abstrichen bleibt genug übrig, das man überden­ken sollte. Melanie Gauer behauptet, in der Wohnung von Starsky gäbe es eine Kammer, in die sie nie einen Blick hätte werfen dürfen. Starsky hätte ihr strengstens verboten, diese Kammer zu betreten. Der Raum sei als Dunkelkammer gekennzeichnet. Nicht ungewöhn­lich, schließlich ist Starsky Werbefotograf, und wenn man bedenkt, dass hier Material liegt, mit dem die Konkurrenz einiges anzufangen wüsste, kann man Starskys Vorsicht verstehen. Nun, die gute Frau Gau-er ließ sich dann doch von ihrer Neugierde treiben. Als sie allein in der Wohnung war, konnte sie nicht widerstehen, die Dunkelkammertür zu öffnen." X-RAY-1 machte Pause. "Sie behauptet, eine Schlange gesehen zu haben ..."
"Eine Schlange in der Dunkelkammer?", fragte Lar­ry, sein Ton klang gelangweilt.
"Frau Gauer erwartete wohl, dass in der Dunkelkam­mer außer Werbefotografien noch interessantere Din­ge entwickelt würden. Vielleicht Pornografie. Sie ist jedenfalls der Meinung, dass man mit Werbung allein nicht so viel Geld verdienen könne, um ein solches Leben zu führen, wie Starsky es tut. Lange Rede kur­zer Sinn. Es gab keine Pornobilder in der Dunkelkam­mer, sondern nur eine Schlange. Und ein rotes Licht brannte. Im Schein dieser Lampe konnte die Frau sehen, dass die Schlange auf einen Fleischbrocken zu glitt, der zwischen den Ästen hing. Sie schilderte die­sen Vorgang sehr detailliert. Nur: Jeder hielt ihre Erzäh­lung für Unsinn. Und es kommt noch besser. Sie beschrieb den Fleischbrocken als herzähnliches Gebilde. Weiterhin behauptet die Frau, dass das angebliche Herz sogar noch geschlagen hätte! Ganz deutlich sei die Muskelbewegung wahrzunehmen gewesen. Zum Schluss soll die Schlange das Herz verschlungen haben."
"Allerdings eine bizarre Story, Sir", murmelte Larry. "Im ersten Moment klingt das alles nur lächerlich",fuhr X-RAY-1 fort. "Aber wenn man die Hintergründe kennt, fängt man an, stutzig zu werden, und dieses Ge­fühl wird noch stärker, wenn man Gauers Erzählung weiter verfolgt. Zusätzlich soll in der Kammer ein nack­ter Zwerg aufgetaucht sein, dessen Beschreibung exakt auf unseren Gnom passt."
Larry horchte auf. "Nun bekommt die Geschichte Sinn, Sir. Der nackte Zwerg, den Peter Reisner sah, pflückte einem Vampir das Herz aus der Brust."
X-RAY-1 nannte noch die Adresse von Melanie Gau-er, sowie die vom Apartment, das der Werbefachmann Dr. Leopold Starsky bewohnte. Dieses Haus war als Manhattan-Haus in Wien bekannt und nicht schwer zu finden.
"Sie sind in jener Stadt, in der plötzlich ein Mosaik­steinchen nach dem anderen auftaucht", sagte X-RAY-1 zum Abschluss. "Versuchen Sie Ihr möglichstes, Larry! Viel Glück!"
"Geht klar, Sir. Ich werde Melanie Gauer aufsuchen und mir einen Eindruck über ihre Glaubwürdigkeit verschaffen. Ich werde auch Dr. Starsky einen Besuch abstatten und mich als Auftraggeber einer Firma aus­geben, die an einer lukrativen Werbekampagne interes­siert ist. So komme ich mit ihm ins Gespräch. Sollte es eine herzfressende Schlange geben, werde ich sie fin­den." Larry machte eine kurze Pause. "Vermutlich ist Melanie Gauer nicht verrückt, sondern nur das, was gerade hier in Wien passiert."
Eine Viertelstunde später lag Larry im Bett des Gäs­tezimmers das Kersky ihm für die Nacht zur Verfügung gestellt hatte. Seine Gedanken drehten sich im Kreis.

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
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Um sechs Uhr begann für Larry der neue Tag.
X-RAY-3 hörte, wie Dr. Kersky im Bad rumorte. Der Arzt stand schon früh auf.
Larry war sofort hellwach.
Um halb sieben kam das Hausmädchen.
X-RAY-3 kam gerade aus dem Bad, als er hörte, wie draußen die Tür aufgeschlossen wurde. Das Mädchen war Mitte zwanzig, sah gut aus, und Larry sagte sich, daß er mit ihr eigentlich mal essen gehen könnte, wenn er die unangenehme Sache hier in Wien endlich hinter sich hatte.
Er flirtete mit dem Goldkind, und die junge Gehilfin war charmant und nicht prüde.
Bis zum Frühstück bekam Larry Brent Dr. Rolf Kersky nicht zu Gesicht.
Gegen sieben Uhr schließlich trat der Arzt aus dem Schlafzimmer.
Er machte einen ausgeruhten und recht zufriedenen Eindruck. Kersky begrüßte das Mädchen und Larry.
"Wie geht es Ihrer Frau?" wollte der Amerikaner wissen.
Kersky antwortete: "Ich bin sehr zufrieden, Mister Brent. Die Tatsache, daß es heute nacht zu keinem Zwi­schenfall gekommen ist, hat Viola körperlich und seelisch weiter gestärkt. Zum ersten Mal seit Tagen ist ein Zustand eingetreten, den ich als zufriedenstellend — den Umständen entsprechend — nennen darf. Viola ist heute morgen zum ersten Mal bei Bewußtsein. Normalerweise ist es so, daß die Nächte sehr unruhig sind und daß sie nachts wach liegen würde, bekäme sie keine Schlafmittel. Mit Tagesanbruch aber dann überfällt sie eine beinahe todesähnliche Müdigkeit, wie sie typisch ist für Vampire. Heute morgen aber konnte sie mit mir sprechen, und auch die unnatürliche Blässe, unter der sie die ganze Zeit litt, ist einer gesunden Frische gewichen." Kersky sprach sehr leise. Carla, das Hausmädchen, konnte ihn nicht hören. Sie hantierte in der Küche und im Speisezimmer, wo sie den Tisch deckte.
Kersky war zuversichtlich und schrieb den Fortschritt Larrys Anwesenheit zu.
"Wir waren gemeinsam im Haus", sinnierte der Arzt. "Zum ersten Mal konnte der unheimliche Widersacher nicht eindringen, weil er von zwei Seiten beobachtet wurde. Wir sollten auch weiterhin zusammenbleiben, Mister Brent."
"Wenn es daran liegt, werde ich alles unternehmen und Ihren Kampf unterstützen, Doktor."
"Auch meine Entscheidung, Bluttransfusionen zu ver­abreichen, um die Schwächeperioden zu überbrücken, war richtig gewesen. Ich muß mit Hofstetter darüber spre­chen. Vielleicht können wir allgemein so vorgehen, so­bald Vampire eingeliefert werden. Es muß nur rechtzei­tig geschehen, den entscheidenden Augenblick dürfen wir nicht verpassen."
Gemeinsam nahmen sie das Frühstück ein. Sie ließen sich eine gute halbe Stunde dafür Zeit. Wenige Minuten nach halb acht gingen sie gemeinsam aus dem Haus. Larry verabschiedete sich auch von Viola Kersky, die in der Tat einen gestärkten Eindruck machte und wach war.
Der Arzt schärfte Carla, dem Hausmädchen, ein, die Augen offen zu halten und jede Veränderung sofort te­lefonisch zu melden. Zu seiner Frau gewandt, bat er da­rum, daß sie heute auf jeden Fall noch mal im Bett blieb. Er würde um die Mittagsstunde noch mal nach Hause kommen, und dann sollte sie mit seiner Hilfe die ersten Schritte durch das Haus unternehmen.
Viola Kersky nickte und lächelte glücklich.
Vor dem Haus am Waldrandweg trennten sich die Wege von Larry und Dr. Kersky.
X-RAY-3 fuhr ins Polizeirevier zu Anton Sachtler und dem Arzt der Hofstetter-Klinik.
Larry führte ein eingehendes Gespräch mit dem Kommissar und ließ sich in allen Details den letzten Abend schildern.
Dabei fiel ihm auf, daß Sachtler nervöser und unru­higer war. Er rauchte seine geliebte Havanna zu schnell, seine Blicke waren unsicher, seine Sprache unklar.
Larry merkte das sofort.
Er wartete den richtigen Moment ab, um den beleib­ten Kommissar zu fragen, ob etwas nicht in Ordnung sei.
Sachtler meinte: "Ich habe mir alles noch mal durch den Kopf gehen lassen. Ich denke, daß wir ganz anders vorgehen müssen, daß alles, wie wir es bisher angepackt haben, falsch gewesen ist. Wir müssen die Vampire in die Gräber legen."
Larry kniff die Augen zusammen. "Worauf ist dieser plötzliche Meinungswechsel zurückzuführen, Kommissar? Ich kann mich lebhaft daran erinnern, daß Sie gestern noch ganz anders darüber dachten?"
Sachtler stand am Fenster. Die Unruhe, die er aus­strahlte, spürte Larry Brent beinahe körperlich.
Der Kommissar druckste herum. "Ich habe eben ein­gesehen, daß es falsch war, Mister Brent."
"Was bedrückt Sie, Kommissar?" fragte Brent direkt. Sachtler drehte sich um. Er kaute auf seiner Havanna. Der Mann wirkte grau und übernächtigt.
"Hat man Sie bedroht, Kommissar?" Auch die zweite Frage kam aus Larrys Mund wie aus der Pistole ge­schossen.
Sachtler blickte auf, als würde er aus einem Traum erwachen. "Ich habe Vertrauen zu Ihnen, Mister Brent", sagte er plötzlich. "Wenn es mir auch schwerfällt."
"Wenn es Ihnen schwerfällt?" Larry begriff nicht, was der Österreicher damit sagen wollte.
"Ich weiß einfach nicht mehr, wen ich vor mir habe, verstehen Sie? Nein, natürlich können Sie das nicht ver­stehen! Schließlich wissen Sie nicht, was gestern abend passiert ist, unmittelbar nach der Rückkehr in meine Wohnung. Ich will es Ihnen sagen und gehe damit ein großes Risiko ein! Aber vielleicht habe ich so oder so mein Leben bereits verwirkt."
Stockend berichtete er von seiner Begegnung mit dem Fremden, der sich ihm als Kasparek vorgestellt hatte. Er verschwieg auch nicht die ungewöhnlichen Vorgänge während und nach der Abwesenheit Kaspareks. Und er erwähnte auch den Marotsch, der schließlich anstelle von Kasparek mehrere Sekunden lang im Hausflur unten ge­standen hätte.
Larry war ein aufmerksamer Zuhörer und konnte nach dieser ausführlichen Darlegung der Dinge Sachtlers Ver­halten besser verstehen.
"Ich kann mit Mördern umgehen, mit Dieben und Verbrechern jeglicher Kategorie. Da komme ich mit, da weiß ich, worum es geht. Aber dieser Fall ist mehrere Nummern zu groß für mich, Mister Brent", sagte der Kommissar abschließend. "Ich weiß nichts von Vampiren und Geistern, von Dämonen und Hexern. Aber damit habe ich es mit einem Mal zu tun. Ich versuche nicht aufzugeben. Mein Leben ist bedroht. Aber es geht hier nicht allein um mein Leben und dem, was ich will. Un­schuldige Menschen geraten in Not, in Angst und schreck­liche Dinge ereignen sich hier, die vielen den Tod bringen. Ich bin soweit anzunehmen, daß es einen Gegner gibt, der sich in mehreren Masken zeigen kann. Ich hoffe, Sie sind der Brent, den ich meine..."
"Ich bin's, Kommissar."
"Ich habe meine Anordnungen in der Tat umgeworfen. Ich lasse die Vampire beerdigen, Mister Brent. Aber es geschieht nicht, um dem seltsamen Besucher von gestern Gehorsam zu beweisen, sondern einzig und allein darum, die Dinge endlich in den Griff zu bekommen." Seine Stimme wurde unwillkürlich leiser. "Ich gehe zum Schein darauf ein. Jetzt. Ich bin mir jetzt ganz sicher. Heute nacht hätte ich es noch getan, um mein Leben zu scho­nen... Aber es geht hier um mehr! Die Vampire werden vergraben, und ich werde auf allen Friedhöfen meine Leute haben, welche die Gräber unter Beobachtung halten, in denen die Vampire liegen. Und dann muß er kommen — dieser Kasparek, der in einer falschen Maske zu mir in die Wohnung kam. Er braucht die Herzen! Sieben mal sieben Stück! Und ich werde herausfinden, was er damit macht!"
Larry stimmte sich mit Sachtler ab. Er hatte viel Ver­trauen zu dem Kommissar. Sachtler trat den Weg nach vorn an. Ein Weg, der viele Risiken barg. Aber er tat das einzig richtige. Larry Brent hätte nicht anders gehandelt.
X-RAY-3 brachte das Gespräch auf Melanie Gauer und Dr. Leopold Starsky. Sachtler war weder der eine noch der andere Name bekannt.
Der Nachrichtendienst der PSA war wieder ein paar große Schritte voraus, und Larry versprach sich von der Information, die X-RAY-1 ihm gegeben hatte, sehr viel.
Je intensiver er sich damit beschäftigte, desto wahr­scheinlicher wurde es für ihn, daß hier mehr zu finden war, als auf den ersten Blick schien. Nur der Zusammen­hang wurde ihm noch nicht klar, und den hoffte er durch seine Gespräche mit Melanie Gauer und Dr. Starsky zu finden.
Es war wenige Minuten vor neun, als er vor dem Haus ankam, in dem Melanie Gauer wohnte.
Die Frau, die bis vor wenigen Tagen Starkys Woh­nung in Ordnung gebracht hatte, lebte im dritten Stock.
Brent konnte ungehindert ins Haus gehen, die Tür war nicht verschlossen. Rasch eilte er die hölzerne Treppe empor.
Im Flur roch es nach Kaffee. Irgendwo schimpfte eine Mutter mit ihrem Kind. Der Kleine brüllte wie am Spieß.
Im dritten Stock gab es links und rechts je eine Wohnung. Rechts wohnte Frau Gauer.
X-RAY-3 drehte an der altmodischen Klingel.
In der Wohnung wurde ein Stuhl gerückt, dann waren Schritte zu vernehmen.
Hinter der verglasten Tür tauchte ein Schatten auf.
Es wurde geöffnet.
Auf der Schwelle stand eine etwa fünfzigjährige Frau mit einer grau-rot-grün gemusterten Kittelschürze. Das Haar war einfach nach hinten gebunden. Die Haut von Melanie Gauer war teigig und bleich.
"Ja, bitte? Was wollen S'?" fragte Melanie Gauer.
Sie roch nach Schnaps. Offenbar hatte sie schon zwei oder drei Korn gekippt, um ihrem trüben Alltag zu ent­fliehen, oder sie pflegte ihren Kaffee damit zu würzen.
"Kriminalpolizei", sagte Larry und wies einen entspre­chenden Ausweis vor.
Kriminalpolizei?" hauchte Melanie Gauer. Dann wurde sie blaß.
"Sie brauchen keine Angst zu haben", hakte Larry sofort nach. "Ich habe nur ein paar Fragen an Sie. Wegen Dr. Starsky."
X-RAY-3 wurde eingelassen. Es wurden mehr Fragen, als er sich gedacht hatte. Er stellte fest, daß Melanie Gauer den Vorfall, den ihr seinerzeit niemand abneh­men wollte, in allen Einzelheiten wiedergeben konnte und daß die Schilderung sich genau mit dem Bericht deckte, den die PSA-Nachrichtenagenten aufgespürt hat­ten.
Es klang alles recht ungewöhnlich, als sie über die Si­tuation in der Dunkelkammer sprach. Aber sie verwic­kelte sich nicht ein einziges Mal in Widersprüche. Ob­wohl sie eindeutig am Tag mehr Alkohol verkonsumierte als mancher in einem ganzen Monat, sprach sie mit er­staunlicher Klarheit.
"Wie hat Dr. Starsky darauf reagiert, nachdem er er­fahren hat, daß Sie trotz seines ausdrücklichen Verbotes die Dunkelkammer betreten haben, Frau Gauer?"
Sie winkte ab und griff mit der anderen Hand nach ihrem lose zusammengesteckten, stark ergrauten und dünnen Haar, das sich aus der Spange lösen wollte. "Er hat mich auf der Stelle entlassen."
"Ah! War er denn in der Wohnung, als Sie die Be­gegnung mit dem — Zwerg hatten?"
Melanie Gauer stieß hörbar die Luft aus der Nase.
"Das ist ja das Komische! Ich rannte wie von Sinnen aus der Kammer. Ich glaube, ich hab' sogar vor Schreck geschrien. Ich wollte sofort zur Wohnungstür und ins Freie flüchten. Aber da rief mich jemand. Es war Dr. Starsky. Er stand wie aus dem Boden gewachsen plötzlich hinter mir."
Larry kniff die Augen zusammen. Er dachte scharf nach. "Aber dann muß doch auch er den Zwerg gesehen haben?"
Melanie Gauer seufzte. "Das ist ja das Merkwürdige! Er hat ihn nicht gesehen, aber er muß wissen, daß so ein komischer Kerl bei ihm in der Wohnung haust. Stars­ky hat nur gesagt, ich kann gehen und ich brauche nicht wiederzukommen. Jemand, der wie ich sein Vertrauen mißbrauche, hätte in seiner Wohnung nichts verloren. Kein Wort über den Zwerg, nichts!"
Starkys Verhalten beschäftigte Larry ungemein.
Es war ungewöhnlich und durch nichts zu erklären.
"Noch eine Frage, Frau Gauer."
"Ja, bitte?"
"Als Sie in der Wohnung waren, gingen Sie doch von dem Gedanken aus, daß kein Mensch sie beobachten kann, nicht wahr?"
Melanie Gauer blickte Larry ängstlich an. "Ich habe eine Dummheit gemacht, nicht wahr?" murmelte sie. Ich wollte nichts stehlen, Herr Kommissar, ich..."
"Nennen Sie mich nicht Kommissar! Ich bin nur ein Mitarbeiter von Kommissar Sachtler. Und Sie brauchen nichts zu befürchten. Daß Sie keine strafbare Handlung begehen wollten und keine begangen haben, das wissen wir. Aber wir wissen verdammt wenig über Starsky und seine wirklichen Geschäfte. Wir hoffen, daß Sie uns weiterhelfen können."
Sie nickte. Larrys Worte hatten ein Aufatmen bei ihr zufolge. Sie kam sich mit einem Mal sehr wichtig vor. "Ich wußte natürlich, daß Dr. Starsky außer Haus war. Deshalb riskierte ich ja einen Blick in die Kammer. Ich weiß nicht, wieso mir entgangen ist, daß Starsky sich doch in der Wohnung aufhielt!"
Sie leckte sich über ihre Lippen.
"Sie haben Dr. Starsky nicht kommen hören?"
"Nein."
"Noch ein Wort zu dem Zwerg, den Sie gesehen ha­ben. Frau Gauer: kam er immer noch hinter Ihnen her, als Dr. Starsky Sie plötzlich anrief und Sie sich um­wandten?"
"Nein. Nur Starsky stand da."
"Danke, das wär's dann schon." X-RAY-3 verabschie­dete sich.
Er fuhr umgehend zum Manhattan-Hochhaus in die Innenstadt. Larry parkte auf dem Platz vor dem Beton­riesen und ging dann in die nächste Telefonzelle an der Ecke. Starskys Nummer hatte er sich bereits im Büro Sachtlers herausgeschrieben. Da es ihm jedoch noch zu früh erschien, hatte er Starsky bisher nicht angerufen. Jetzt hielt er den Zeitpunkt für gekommen.
Nur knapp zweihundert Meter vom Hochhaus ent­fernt, stand er in der Zelle und rief Starsky an. Der Werbefachmann meldete sich nach dem zweiten Klingel­zeichen.
Larry Brent gab sich als Produzent eines neuen Ar­tikels zu erkennen. Diesen wollte er auf den Markt brin­gen und die Werbekampagne dazu durch Starsky aus­arbeiten lassen. Angeblich, so behauptete Larry, der sich als Frank Johnson ausgab, habe er Starskys Telefonnum­mer und Anschrift von einem Bekannten erfahren, der mit Starskys Werbeideen große Erfolge errungen hatte.
Wann eine Begegnung und ein ausführliches Gespräch möglich sei, wollte X-RAY-3 gerne wissen. Zufällig sei er ganz in der Nähe von Starskys Wohnung. Wenn mög­lich, sollte die Begegnung noch heute erfolgen. Schon im Lauf des morgigen Tages sei Larrys Weiterreise nach Ber­lin vorgesehen...
X-RAY-3 sponn eine Geschichte zusammen, die hieb-und stichfest war.
Starsky hatte eine angenehme, um nicht zu sagen sympathische Stimme am Telefon. Das Geschäft inter­essiere ihn. Worum es denn ginge? Darüber aber gab Larry keine Auskunft. Er benahm sich ganz wie ein Ge­schäftsmann, der am Telefon über ein gewisses Maß an Andeutungen nicht hinausging.
"Also gut, Mister Johnson. Wenn Sie schon in der Nähe sind, warum kommen Sie dann nicht gleich hier­her? Besprechen wir alles in Ruhe. Ich kann meine ande­ren Termine verschieben."
"Okay, Mister Starsky. Das ist ein Wort! Ich werde in einer Viertelstunde bei Ihnen sein. Vielen Dank! Bis später."
Larry hängte ein. Er hätte in drei Minuten bei Starsky sein können, doch das wäre ihm zu verdächtig gewesen. So schlug er eine Viertelstunde mit Abwarten tot, ehe er den Klingelknopf an der großen gläsernen Tür des Hochhauses betätigte und er sich über die Sprechanlage bei Starsky meldete. Der Türsummer öffnete das Portal.
Mit dem Aufzug ließ sich Larry in den 12. Stock tra­gen.
Als die Lifttür zurückglitt, stand Dr. Leopold Starsky bereits im Gang, um seinen Gast willkommen zu heißen.
Er trug eine helle Sommerhose und ein großgemuster­tes Sporthemd. Starsky war fast so groß wie Larry. Er hatte eine kühle, vornehme Art an sich, und man sah ihm an, daß er Geld hatte. Es gibt Leute, denen man das auf den ersten Blick ansieht. Starsky war so ein Mensch, der Erfolgstyp, der wußte, wie man es im Leben anstellen mußte, um es zu etwas zu bringen.
"Mister Johnson? Angenehm... Bitte, treten Sie nä­her!" Er war leutselig, wußte gleich etwas zu erzählen und geleitete seinen Besucher in die luxuriös eingerich­tete Wohnung.
Larry betrat die Diele zuerst. Von hier aus konnte man in den großen, hellen Arbeitsraum sehen, der etwas von einem Studio an sich hatte. Links stand die Tür zu dem riesigen Wohnzimmer auf, von dem aus man auf einen großen Balkon hinausgehen konnte.
Moderne Bilder hingen an den Wänden, Bilder, mit denen Larry nichts anfangen konnte. Weder die Form noch die Farbkompositionen gefielen ihm.
"Gehen Sie geradeaus! Dort können wir uns dann in aller Ruhe unterhalten, Mister Brent!" Starsky lachte leise.
Wie vom Blitz getroffen, wirbelte Larry herum. Starsky hatte seinen wahren Namen genannt! Er wußte also Bescheid, aber wieso...?
Er starrte dem hochgewachsenen Mann in die Augen.
"Tja, Mister Brent... Wie das Leben so spielt! Nun begegnen wir uns also doch noch. Allerdings anders, wie ich und wahrscheinlich auch wie Sie es sich vorgestellt haben. Aber es ist gut, daß es so gekommen ist. So ersparen wir uns beide Ärger. Seit Ihrer Ankunft muß ich befürchten, daß die Jagd auf mich erfolgreich sein wird. Sie sind ja ein richtiger Jäger." Es sollte scherzhaft klingen, aber es klang bitterernst.
Instinktiv spürte Larry, daß er in die Höhle des Lö­wen geraten war.
Dieser Mann wußte alles!
"Woher wissen Sie, wer ich wirklich bin?" Larry sah ein, daß es keinen Sinn hatte, die Maske aufrecht zu er­halten und den Erstaunten zu spielen.
"Ich weiß nicht nur, wer Sie sind, ich weiß auch, was Sie wollen! Ich erkenne meine Feinde, und Sie sind mein größter! Wären Sie nicht hierher gekommen, wir hätten uns dennoch spätestens heute kennengelernt. Ich hätte Sachtler dazu gebracht, Sie mir auszuliefern. Sobald seine Mitarbeit angefangen hat, wären Sie mir im Weg gewesen."
"Sie sind Kasparek!"
"Nicht nur das. Ich bin der Marotsch! Und den woll­ten Sie doch kennenlernen, nicht wahr?"
Die Worte verklangen mit einem spöttischen Kichern, und plötzlich stand nicht mehr Dr. Starsky vor Larry Brent, sondern der Marotsch...
Larry sah den Marotsch zum ersten Mal, und doch kam es ihm so vor, als hätte er ihn schon öfters gesehen.
Das war die Gestalt, die Reisner als den Vampir-Killer erkannt, die gleiche Gestalt, die Melanie Gauer als Zwerg bezeichnet hatte.
Aus Starsky war der Marotsch geworden!
Starsky und der Marotsch waren einunddieselbe Person!
Ein Magier! Ein Hexer, der nach Belieben sein Aussehen verändern konnte.
Larry griff blitzschnell nach seiner Waffe. Doch er kam nicht dazu, sie aus der Halfter zu ziehen.
Seine Arme wurden mit einem Mal schwer wie Blei.
Seine Muskeln und Sehnen versagten ihm den Dienst, und seine Hand, welche die Smith & Wesson Laser hatte herausziehen wollen, fiel schwer und kraftlos herunter.
Der Marotsch lachte leise, als er Brents vergebliche Versuche sah, doch noch die Waffe zwischen die Finger zu bekommen.
"Es wird Ihnen nicht gelingen, Brent", sagte der kleine verwachsene Mensch. "Es wird sogar noch mehr geschehen. Sie wollten mich vernichten, deshalb sind Sie hierher gekommen. Doch genau das Gegenteil wird eintreten: Ich werde Sie vernichten!"
Larry wollte etwas sagen. Aber er bekam in diesen ersten Minuten nach seinem Eintritt in die Wohnung des Hexers die ganze magische Macht zu spüren, mit der Starsky alias Marotsch operierte.
X-RAY-3 war außerstande, dieser Wucht des Bösen, die ihn traf, etwas entgegenzusetzen. Unsichtbare Hände schienen ihn ins Studio zu schieben. Obwohl er sich mit aller Kraft dagegenstemmte und den unsichtbaren Kräf­ten Widerstand entgegenzusetzen versuchte, blieben seine Versuche erfolglos.
Er taumelte, stolperte und fiel gegen einen Stuhl neben dem breiten, überladenen Arbeitstisch. Der Marotsch folgte ihm auf Schritt und Tritt, das runzlige kleine Spitzmausgesicht war zu einer abstoßenden, häßlichen Fratze verzerrt.
Larry Brent konnte es nicht verhindern, daß er auf den Stuhl plumpste. Der Marotsch ließ sich auf kein Ri­siko ein. Er wußte, daß er diesem Gegner nicht die kleinste Chance geben durfte. Brent war gefährlich, er war anders als andere Menschen.
Als X-RAY-3 auf dem Stuhl saß, hatte er das Gefühl, als würden mächtige Arme ihn umschlingen und festhal­ten. Er konnte nicht aufstehen.
Die kühle Luft, die von der offenstehenden Balkontür hereinwehte, fächelte seine erhitzte Stirn.
Larry kam sich vor wie ein hilfloses Kind.
Der Marotsch meinte: "Ich hätte das Spielchen noch ein bißchen weitertreiben können, aber das kostet un­nötig Kraft und Zeit."
Das geschlechtslose nackte Wesen umkreiste ihn. Von irgendwoher holte der Marotsch eine dünne Nylon­schnur und fesselte den Agenten kunstgerecht am Stuhl. Die Beine wurden einzeln fest gezurrt, die Arme auf die Rückenlehne gebunden. Hart und brutal schnitten die festgezogenen Schnüre in Larrys Fleisch.
Larrys Körper war noch immer matt und kraftlos, als hätte ihm etwas Fremdes, Unsichtbares die Kräfte ausgesaugt. Doch sein Gehirn war frei, und in seinem Bewußtsein fing er an, Steinchen für Steinchen anein­anderzufügen.
"Sie haben es verdammt eilig, mich von der Bildfläche verschwinden zu lassen", stieß er hervor. "Ich hätte eigentlich mehr damit gerechnet, daß Sie mir ein Angebot machen würden, wie Sie es bei Sachtler versucht haben. Sie sind nicht nur der Marotsch, nicht nur Starsky, Sie waren auch Kasparek..."
"Richtig", fiel der unheimliche Inhaber dieser Woh­nung Larry ins Wort, noch ehe der seine Ausführungen fortsetzen konnte. "Und ich bin auch als Dr. Hofstetter in der Klinik gewesen und war auch der Fahrer des schwarzen Chevrolet. Ich bin ein Marotsch, ich kann meine Gestalt wechseln, so oft ich das möchte, wie ein Chamäleon die Farbe. Und ich werde in Kürze Bruno Nowak sein."
Larry erwiderte den Blick aus den dunklen, bösartigen Augen. "Bruno Nowak?" fragte er irritiert.
"Ein Immobilienhändler, ja. Ein Marotsch wird immer reich sein, immer erfolgreich, immer achtenswert. Meine Rolle als Starsky geht zu Ende. In wenigen Wochen werde ich die Wohnung hier aufgeben und alles verkaufen, was ich als Starsky gebraucht habe. Dann wird meine Verpuppung in Nowak weitere Fortschritte machen."
"Sind Sie verwandt mit den Maikäfern?" fragte Larry eisig.
"Galgenhumor haben Sie! Und den brauchen Sie auch, Brent! Denn all das, was ich Ihnen sage, interessiert Sie ja brennend, aber Sie werden keine Gelegenheit mehr finden, mit irgendjemand darüber zu sprechen. Die letz­ten Stunden Ihres Lebens haben begonnen. Ich bin ein Marotsch, ich bin der Sohn einer ungarischen Hexe und eines Ghuls. Ich wurde in der Nähe von Jolischka ge­boren, in einem alten Haus, in einem richtigen Hexen­haus wohlbemerkt." Wie ein Gnom umkreiste der Ma­rotsch den gefesselten Agenten. Larry spürte, daß die magischen Kräfte, die zuerst wirksam geworden waren, nachgelassen hatten. Aber die Fesseln, die der Wider­sacher ihm angelegt hatte, waren zu fest, um auf Anhieb gesprengt zu werden.
"In diesem Haus gibt es sieben mal sieben Herzen. Die Herzen von Magiern, Hexen und Hexern, die meiner Mutter unterlagen", fuhr der Marotsch fort. Er schwelgte im Triumph. Es bereitete ihm Freude, diese Dinge zu erwähnen und zu wissen, daß es niemand gab, der mit diesem Wissen etwas anfangen konnte. Der Marotsch wollte seinen ungebetenen Gast erschrecken und ihn seine Macht fühlen lassen. "Alle fünfzig Jahre — die Länge einer Generation — muß die magische Kraft dieser Herzen neu aufgeladen werden. Sie versagen dann ihren Dienst, und ich muß meine menschliche Gestalt aufgeben, um als Marotsch die Bedingungen zu erfüllen. Ich werde zum Vampir, zum Vampir-Killer, um mich schließlich in den Besitz jener Herzen zu bringen, welche Malok, die Schlange, die zu Satans Füßen lebt, als einzige Nahrung annimmt. Vampirherzen müssen es sein. Vampirherzen bringen die Herzen der Besiegten im Schwarzen Tempel meiner Eltern wieder zum Schlagen. Damit wird die ge­samte magische Kraft wieder erweckt, über die ich dann verfügen kann. Jetzt bin ich nur zeitweise dazu imstande, magische Kräfte auszuüben. Erst acht Herzen sind wie­der zum Schlagen gekommen, aber in jeder Nacht wird ein neues Herz dazukommen, das meine Macht weiter festigt. Malok, Satans Schlange, wird die Herzen an­nehmen. Das alles klingt erstaunlich, nicht wahr, so voll­kommen unmenschlich. Aber es ist so! Die Menschen kön­nen mich nicht davon abhalten, das zu tun, was getan werden muß. Eine Entwicklung geht zu Ende. Starsky wird untertauchen — und Bruno Nowak, eine neue Ge­stalt, wird ins Leben eintreten und fünfzig Jahre lang erfolgreich unter den Menschen leben als ein geachteter Mann, ein Mensch, der sich jeden Wunsch wird erfüllen können, dem nichts unmöglich sein wird, stehen ihm doch die Mächte der Hölle auf Abruf zur Verfügung. Fünfzig Jahre lang wird es keinen Marotsch mehr geben. Fünf­zig Jahre lang wird ein erfolgreicher Geschäftsmann na­mens Nowak um die Welt reisen, und niemand wird genau wissen, woher er kommt und wer er wirklich ist. Und nach fünfzig Jahren wird jene Nacht des 30. Mai kommen, wo alle fünfzig Herzen im Haus meiner Eltern wieder aufhören werden zu schlagen. Eine neue Gene­ration von Vampirherzen muß Malok geopfert werden. Und Marotsch wird wieder auftauchen, wird eine Zeit­lang in seiner Originalgestalt unter den Menschen wan­deln und seine Opfer mit sicherer Hand auswählen."
"Sie sind sich Ihrer Sache sehr sicher", entgegnete Larry Brent, der diese Eröffnungen verdauen mußte. "Sie planen fünfzig Jahre voraus, ohne zu wissen, wie dieser erste Gang ausgehen wird. Noch ist nicht aller Tage Abend. Die Menschen beginnen sich zu wehren."
"Was nützt ihnen das? Sie müßten mich ausschalten. Sie hätten auf mich schießen können, und nichts wäre geschehen. Da müßten Sie schon die Herzen in der Schußlinie haben. Doch erstens kennen Sie diese Stelle nicht, und zweitens haben Sie keine Gelegenheit mehr, sie ausfindig zu machen, Brent. Heute abend werde ich Sie persönlich zum Vampir machen. Sie werden von diesem Moment an nur noch eins im Sinn haben: Ihr Le­ben als Untoter so lange wie möglich zu führen. Sie werden erfüllt sein von einem Blutdurst, der Ihnen jetzt noch nichts bedeutet und den Sie sich nicht vorstellen können. Und wenn Sie Ihren Blutdurst gestillt haben, werde ich kommen und Ihnen das Herz aus der Brust schneiden, Ihr Vampirherz, das Malok verspeisen wird. Nichts und niemand kann den Lauf dieser Dinge stop­pen oder verändern, Brent. Sie sind verloren, so wahr ich der Marotsch bin!"

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 93, 1. Spalte, 3. Absatz - Seite 108, 1. Spalte, 3. Absatz

Der nächste Tag begann für Larry um sechs Uhr früh. Er hörte, wie Dr. Kersky im Bad rumorte. Um halb sie­ben kam das Hausmädchen. X-RAY-3 verließ gerade das Bad, als draußen die Tür aufgeschlossen wurde. Das Mädchen sah verflixt gut aus, und Larry musste seinen momentanen Mangel an Freizeit bedauern. Gegen sieben Uhr, pünktlich zum Frühstück, trat der Arzt aus dem ehelichen Schlafzimmer. Er machte einen ausgeruhten und recht zufriedenen Eindruck.
"Wie geht es Ihrer Frau?", wollte Larry wissen.
"Sie ist wohlauf. Die Tatsache, dass es heute Nacht zu keinem Zwischenfall gekommen ist, hat Viola kör­perlich und seelisch weiter gestärkt. Seit Tagen ist erst­malig ein Zustand eingetreten, den ich zufriedenstel­lend nennen darf. Viola ist heute Morgen sogar bei Bewusstsein. Üblicherweise verhält es sich so, dass die Nächte sehr unruhig sind. Mit Tagesanbruch überfällt sie eine beinahe todesähnliche Müdigkeit, ganz typisch für Vampire. Heute Morgen konnte sie jedoch mit mir sprechen, auch die unnatürliche Blässe, unter der sie die ganze Zeit litt, ist gewichen." Kersky sprach sehr leise. Das Hausmädchen konnte ihn nicht hören. "Zum ersten Mal konnte der unheimliche Widersacher nicht eindringen, weil er von zwei Seiten beobachtet wurde. Wir sollten auch weiterhin zusammenbleiben."
"Wenn es damit getan ist, werde ich alles tun, um Ihren Kampf zu unterstützen, Doktor."
"Auch meine Entscheidung, Bluttransfusionen zu verabreichen, um die Schwächeperioden zu überbrü­cken, war richtig. Ich muss unbedingt mit Hofstetter darüber sprechen. Wir sollten allgemein so vorgehen, sobald ... Vampire eingeliefert werden."
Sie frühstückten, und um halb acht verließen sie ge­meinsam das Haus. Larry verabschiedete sich auch von Viola Kersky, die in der Tat einen gestärkten Ein­druck machte und recht munter wirkte. Ihr Mann schärfte dem Hausmädchen ein, die Augen offen zu halten und jede Veränderung sofort telefonisch zu mel­den. Zu seiner Frau gewandt, bat er darum, dass sie heute auf jeden Fall noch im Bett bleiben sollte. Er ver­sprach, mittags nach Hause zu kommen, dann sollte sie mit seiner Hilfe die ersten Schritte durch das Haus unternehmen.
Seine Frau nickte und lächelte glücklich.
Vor dem Haus am Waldrandweg trennten sich die Wege von Larry und Dr. Kersky. Der Arzt fuhr in die Hofstetter-Klinik, und X-RAY-3 ins Polizeirevier zu Sachtler. Dort führte er ein langes Gespräch mit dem Kommissar und ließ sich in allen Details den letzten Abend schildern. Dabei fiel ihm Sachtlers Unruhe auf. Er rauchte seine geliebte Havanna zu schnell, seine Bli­cke waren unsicher und seine Sprache undeutlich. Lar­ry wartete den richtigen Moment ab, um zu fragen, ob etwas nicht in Ordnung sei.
"Ich habe mir alles noch mal durch den Kopf gehen lassen, Brent. Ich denke, dass wir ganz anders vorge­hen müssen. Wir sollten die toten Vampire unbehelligt in Gräber legen."
Larry kniff die Augen zusammen. "Wieso dieser plötzliche Sinneswandel, Kommissar? Ich kann mich daran erinnern, dass Sie gestern noch ganz anders da­rüber dachten."
Sachtler stand am Fenster. Die Unruhe, die er aus­strahlte, war für Larry deutlich zu spüren.
Der Kommissar druckste herum. "Ich habe nachge­dacht und musste einsehen, dass meine ersten Überle­gungen falsch waren."
"Was ist los, Kommissar?", fragte Larry direkt. Sachtler fuhr herum. Sein Gesicht war grau. Stumm kaute er auf seiner Havanna.
"Hat man Sie bedroht, Kommissar?", hakte der PSA­-Agent nach.
Sachtler fuhr zusammen, als würde er aus einem Traum erwachen. "Ich habe Vertrauen zu Ihnen, Brent, auch wenn es schwerfällt."
"Schwerfällt? Was wollen Sie damit andeuten?"
"Ich weiß einfach nicht mehr, wen ich vor mir habe, verstehen Sie? Nein, natürlich können Sie das nicht ver­stehen! Schließlich wissen Sie nicht, was gestern Abend passiert ist. Ich werde es Ihnen sagen und gehe damit ein großes Risiko ein." Stockend berichtete Sachtler von seiner Begegnung mit dem Fremden, der sich ihm als Kasparek vorgestellt hatte. Er verschwieg auch nicht die ungewöhnlichen Vorgänge während und nach der Abwesenheit Kaspareks. Und er erwähnte auch das Wesen, das schließlich anstelle von Kasparek mehrere Sekunden lang im Hausflur zu sehen war.
Larry war ein aufmerksamer Zuhörer und konnte Sachtlers Verhalten nach dieser ausführlichen Darle­gung besser verstehen.
"Ich kann mit Mördern umgehen, mit Verbrechern jeglicher Kategorie. Da weiß ich, woran ich bin. Aber dieser Fall ist einige Nummern zu groß für mich", sag­te der Kommissar abschließend. "Ich weiß nichts von Vampiren, und mit Dämonen und Hexern kenne ich mich nicht aus. Mein Leben ist bedroht. Aber es gehtnicht nur um mein Leben. Im Augenblick sind in Wien viele Menschen in Lebensgefahr. Es existiert ein Geg­ner, der sich in mehreren Masken zeigen kann. Ich hoffe, Sie sind wirklich ... Larry Brent."
"Ich bin's wirklich", antwortete Larry lapidar. Was hätte er auch sonst sagen sollen.
Sachtler nickte. "Ich werde meine Anordnungen tat­sächlich ändern. Ich lasse die Vampire beerdigen. Aber es geschieht nicht, um dem seltsamen Besucher von gestern Gehorsam zu beweisen, sondern einzig und allein darum, die Dinge endlich in den Griff zu bekom­men." Seine Stimme wurde leiser. "Ich gehe zum Schein darauf ein. Die Vampire werden begraben, und ich wer­de auf allen Friedhöfen meine Leute postieren, die die Gräber unter Beobachtung halten, in denen die Vam­pire liegen. Und dann muss er kommen. Er braucht die Herzen! Sieben mal sieben Stück! So werden wir he­rausfinden, was er damit macht!"
Larry stimmte sich mit Sachtler ab. Der Kommissar trat den Weg nach vorn an. Ein Weg, der viele Risiken barg. Aber er tat das einzig richtige. Larry hätte nicht anders gehandelt. Er brachte das Gespräch auf Mela­nie Gauer und Dr. Leopold Starsky. Sachtler war weder der eine noch der andere Name bekannt. Der Nachrich­tendienst der PSA war wieder mal ein paar Schritte voraus. Und Larry musste diese heiße Spur nutzen. Die wahren Zusammenhänge hoffte er durch Gespräche mit Melanie Gauer und Dr. Starsky zu finden.
Es war kurz vor neun Uhr, als Larry vor dem Haus ankam, in dem Melanie Gauer wohnte. Ungehindert konnte er das Mietshaus betreten. Frau Gauer wohnte im dritten Stock. X-RAY-3 drehte an der altmodischen Klingel. In der Wohnung wurde ein Stuhl gerückt, Schritte. Hinter der verglasten Tür tauchte ein Schat­ten auf, dann wurde geöffnet. Auf der Schwelle stand eine etwa fünfzigjährige Frau in Kittelschürze. Das Haar war schlicht nach hinten gebunden. "Ja bitte? Was wollen's?", fragte die Frau und roch dabei nach Schnaps. Offenbar hatte sie schon zwei oder drei ge­nommen, um ihrem trüben Alltag zu entfliehen.
"Kriminalpolizei", sagte Larry und zückte seinen Ausweis. "Keine Angst. Ich habe nur ein paar Fragen an Sie. Wegen Doktor Starsky."
X-RAY-3 wurde eingelassen, und dann wurden es mehr Fragen, als gedacht. Larry stellte fest, das Mela­nie Gauer den Vorfall, den ihr seinerzeit niemand hat­te abnehmen wollte, in allen Einzelheiten präzise wie­dergeben konnte und das die Schilderung sich genau mit dem Bericht deckte, den die PSA aufgespürt hatte. Es klang recht ungewöhnlich, als sie über die Situati­on in der Dunkelkammer sprach. Aber sie verwickel­te sich nicht ein einziges Mal in Widersprüche. Obwohl sie am Tag wohl mehr Alkohol verkonsumierte als mancher in einem ganzen Monat, sprach sie mit er­staunlicher Klarheit.
"Wie hat Dr. Starsky darauf reagiert, nachdem er er­fahren hat, dass Sie trotz seines ausdrücklichen Verbo­tes die Dunkelkammer betreten haben", hakte Larry nach.
Frau Gauer winkte ab. "Er hat mich auf der Stelle ent­lassen."
"Und war er in der Wohnung, als Sie die Begegnung mit diesem ... Zwerg hatten?"
Sie schnaufte. "Das war seltsam! Ich rannte wie von Sinnen aus der Kammer. Ich glaube, ich hab sogar geschrien. Ich wollte ins Freie flüchten, aber da rief mich jemand. Dr. Starsky. Wie aus dem Boden gewach­sen stand er plötzlich hinter mir."
Larry nagte an seiner Unterlippe. "Aber dann muss er den Zwerg doch auch gesehen haben!"
"Er hat ihn angeblich nicht gesehen. Dabei er muss doch wissen, wenn so ein komischer Kerl durch seine Wohnung läuft. Starsky hat nur gesagt, ich kann gehen und ich brauche nicht wiederzukommen. Jemand, der wie ich sein Vertrauen missbrauche, hätte in seiner Wohnung nichts verloren. Kein Wort über den Zwerg! Nichts!"
"Noch eine Frage, Frau Gauer."
Sie hob die Augenbrauen. "Bitte!"
"Als Sie in der Wohnung waren, gingen Sie doch von dem Gedanken aus, dass kein Mensch sie beobachten kann, nicht wahr?"
Die Frau blickte Larry ängstlich an. "Ich habe eine Dummheit gemacht, nicht wahr?", murmelte sie. "Ich wollte nichts stehlen, Herr Kommissar, ich ..."
"Ich bin nur ein Mitarbeiter von Kommissar Sacht­ler. Und Sie brauchen wirklich nichts zu befürchten. Wir hoffen nur, dass Sie uns weiterhelfen können."
Sie nickte dankbar. "Ich wusste natürlich, dass Dok­tor Starsky außer Haus war. Deshalb riskierte ich einen Blick in die Kammer. Ich weiß nicht, wieso mir entgan­gen ist, das Starsky sich doch in der Wohnung auf­hielt!"
"Sie haben Dr. Starsky nicht kommen hören?"
"Nein."
"Noch eine Frage zu dem ... Zwerg, den Sie gesehen haben. Kam er immer noch hinter Ihnen her, als Dok­tor Starsky Sie so unvermittelt rief?"
"Nein. Nur Starsky stand da."
"Danke, das war alles." X-RAY-3 verabschiedete sich und fuhr umgehend zum Manhattan-Hochhaus in die Innenstadt. Er parkte auf dem Platz vor dem Betonrie­sen und betrat eine Telefonzelle in unmittelbarer Nähe. Starskys Nummer hatte er sich bereits in Sachtlers Büro notiert. Nur knapp zweihundert Meter vom Hochhaus entfernt, rief er Starsky an. Der Werbefach­mann meldete sich nach dem zweiten Klingelzeichen. Larry gab sich als John Johnson aus, ein amerikanischer Warenproduzent. Er wolle eine Werbekampagne kau­fen. Angeblich, so behauptete Larry, habe er Starskys Telefonnummer und Anschrift von einem Bekannten bekommen, der mit dessen Werbeideen große Erfolge errungen hatte. Wann eine Begegnung und ein aus­führliches Gespräch möglich seien, wollte Larry wei­ter wissen. Zufällig sei er ganz in der Nähe. Wenn mög­lich, sollte die Begegnung noch heute erfolgen. Schon im Lauf des morgigen Tages sei Larrys Weiterreise nach Berlin vorgesehen.
Problemlos entwickelte X-RAY-3 eine glaubwürdige Geschichte.
Das Geschäft interessiere ihn, sagte Starsky der über eine äußerst sympathische Stimme verfügte. Worum es denn genau ginge? Darüber aber gab Larry keine Aus­kunft. Er benahm sich wie ein Geschäftsmann, der am Telefon über ein gewisses Maß an Andeutungen nicht hinausging. Starsky willigte ein, ihn ohne vorherigen Termin zu treffen.
"Vielen Dank, Herr Starsky. Sie sind ein Mann nach meinem Geschmack. Ich werde in einer Viertelstunde bei Ihnen sein." Larry hängte ein. Er hätte in drei Minu ten bei Starsky sein können, doch er wartete eine Vier­telstunde, ehe er den Klingelknopf an der gläsernen Tür des Hochhauses betätigte. Der Türsummer öffne­te. Mit dem Aufzug ließ sich Larry in das gewünschte Stockwerk tragen. Dort stand Dr. Leopold Starsky be­reits im Gang, um seinen Gast willkommen zu heißen. Er trug eine legere Sommerhose und ein edles Sport­hemd.
"Herr Johnson? Angenehm ... Bitte, treten Sie näher!" Starsky war leutselig, wusste gleich was zu erzählen und geleitete seinen Besucher in die luxuriös eingerich­teten Büroräume.
Larry betrat die Diele. Von hier aus konnte man auch den Wohnbereich erkennen. Die Tür zu dem riesigen Wohnzimmer stand offen, von dort gelangte man auf einen geräumigen Balkon.
"Gehen Sie bitte geradeaus! Dort können wir uns in aller Ruhe unterhalten, Herr Brent!"
Larry fuhr herum und fixierte sein Gegenüber. Star­sky hatte seinen echten Namen genannt!
"Tja, lieber Herr Brent ... Wie das Leben so spielt! Nun begegnen wir uns also doch noch. Allerdings anders, wie wir beide uns das wahrscheinlich vorgestellt ha­ben, hm? Seit Ihrer Ankunft muss ich befürchten, dass die Jagd auf mich erfolgreich sein wird." Sein Ton wur­de unvermittelt bitterernst.
Larry wusste, dass er in die Höhle des Löwen gera­ten war. "Woher wissen Sie, wer ich wirklich bin?" Er sah ein, dass es keinen Sinn hatte, die Maskerade auf­rechtzuerhalten und den Erstaunten zu spielen.
"Ich weiß nicht nur, wer Sie sind, ich weiß auch, was Sie wollen! Ich erkenne meine Feinde leicht, und Sie sind mein größter! Wären Sie nicht hierhergekommen, wir hätten uns dennoch spätestens heute kennenge­lernt. Ich hätte Sachtler dazu gebracht, Sie mir auszu­liefern. Sobald ich ihn gefügig gemacht hätte, wären Sie mir im Weg gewesen."
"Sie sind dieser ... Kasparek!", stieß Larry hervor.
"Und ich bin auch der Marotsch! Den wollten Sie doch kennenlernen, nicht wahr?" Diese Worte verhall­ten in einem spöttischen Kichern und plötzlich stand nicht mehr Dr. Starsky vor Larry Brent, sondern der Marotsch!
X-RAY-3 sah den Marotsch zum ersten Mal. Das war eindeutig das Wesen, das Peter Reisner und Melanie Gauer unabhängig voneinander identifizieren konn­ten. Aus Starsky war der Marotsch geworden! Ein Ma­gier! Ein Gestaltwandler, der nach Belieben sein Aus­sehen verändern konnte. Larry griff nach seiner Waffe. Doch er kam nicht dazu, sie aus dem Holster zu zie­hen. Seine Arme waren schwer wie Blei, die Muskeln versagten ihren Dienst. Seine Hand, die den Smith &Wesson-Laser hatte herausziehen wollen, fiel kraftlos herunter.
Der Marotsch lächelte spöttisch, als er Larrys vergeb­liche Versuche sah, doch noch die Waffe zwischen die Finger zu bekommen. "Es wird Ihnen nicht gelingen, Brent! Sie wollten mich vernichten, deshalb sind Sie hierhergekommen. Doch genau das Gegenteil wird eintreten. Ich werde Sie vernichten!"
X-RAY-3 war außerstande, dem Bösen, das ihn mit Wucht traf, etwas entgegenzusetzen. Eine unsichtbare Macht schob ihn zurück. Obwohl er sich mit aller Kraft dagegenstemmte, blieben seine Versuche erfolglos. Er taumelte, stolperte und fiel gegen einen Stuhl neben dem breiten Arbeitstisch. Der Marotsch folgte ihm, das runzlige Spitzmausgesicht hatte sich zu einer hässli­chen Fratze verzerrt. Larry konnte nicht verhindern, dass er brutal auf den Stuhl gedrückt wurde. Der Ma­rotsch ließ sich auf kein Risiko ein. Offenbar wusste er, dass er diesem Gegner nicht die geringste Chance gewähren durfte. Brent war gefährlich, er war anders als andere Menschen.
Larry klebte förmlich auf dem Stuhl und konnte sich kaum noch bewegen.
"Ich könnte das Spielchen noch unendlich ausdeh­nen", griente der Marotsch, holte von irgendwoher eine dünne Nylonschnur und fesselte den Agenten kunst­gerecht am Stuhl. Die Beine wurden einzeln festge­zurrt, die Arme auf die Rückenlehne gebunden. Hart und brutal schnitten die Schnüre ins Fleisch, das sich noch immer matt und kraftlos anfühlte. Doch Larrys Gehirn war frei und hatte längst mit seiner Arbeit be­gonnen.
"Sie haben es verdammt eilig, mich von der Bildflä­che verschwinden zu lassen", stieß X-RAY-3 hervor. "Ich hätte eigentlich mehr damit gerechnet, dass Sie mir ein Angebot machen, wie Sie es bei Sachtler ver­sucht haben. Sie waren auch Hofstetter! Richtig?"
"Natürlich! Und ich war auch der Lenker des schwar­zen Chevrolets. Ich bin ein Marotsch, ich kann meine Gestalt wechseln, so oft ich möchte. Wie ein Chamäle­on die Farbe. Und in Kürze werde ich Bruno Nowak sein."
"Bruno Nowak?", fragte Larry. Er musste Zeit gewin­nen.
"Ein Immobilienhändler. Ein Marotsch wird immer reich sein, immer erfolgreich, immer achtenswert. Mei­ne Rolle als Starsky geht zu Ende. In wenigen Wochen werde ich diese Wohnung aufgeben und alles verkau­fen, was ich als Starsky gebraucht habe. Dann wird mei­ne Verpuppung in Nowak weitere Fortschritte machen."
"Mit welchen Käfern sind Sie denn verwandt?", frag­te Larry eisig.
"Bewahren Sie sich getrost weiter Ihren Galgenhu­mor, Brent! Den werden Sie brauchen! Denn all das was ich Ihnen sage, interessiert Sie ja brennend, aber Sie werden keine Gelegenheit mehr bekommen, mit ir­gendjemand darüber zu sprechen. Die letzten Stunden Ihres Lebens haben begonnen. Ich bin ein Marotsch, der Sohn einer ungarischen Hexe und eines Ghuls. Ich wurde in der Nähe von Jolischka geboren, in einem alten Haus." Der Marotsch umkreiste den gefesselten Larry wie ein Tier. Der Agent spürte, dass die magi­schen Kräfte nachließen, doch die realen Fesseln, die der Widersacher ihm angelegt hatte, waren zu fest, um gesprengt zu werden.
"In diesem Haus gibt es sieben mal sieben Herzen. Die Herzen von Magiern und Hexen, die meiner Mut­ter unterlagen", fuhr der Marotsch fort und schwelgte dabei im Triumph. Es bereitete ihm sichtbar Freude, diese Dinge zu erwähnen und zu wissen, dass es nie­mand gab, der mit diesem Wissen etwas anfangen konnte. Der Marotsch wollte dem ungebetenen Gast seine Macht fühlen lassen. "Alle fünfzig Jahre, eine Ge­neration lang, muss die magische Kraft dieser Herzen neu aufgeladen werden. Sie versagen ihren Dienst, und ich muss meine menschliche Gestalt aufgeben, um als Marotsch die Bedingungen zu erfüllen. Ich werde zum Vampir, um mich schließlich in den Besitz jener Herzen zu bringen, die die Schlange Malok, die zu Satans Füßen lebt, als einzige Nahrung annimmt. Nur Vampirherzen bringen die Herzen der Besiegten im Schwarzen Tempel meiner Eltern wieder zum schla­gen. Damit wird die gesamte magische Kraft erneut erweckt, über die ich verfügen kann. Jetzt bin ich nur zeitweise dazu imstande, magische Kräfte auszuüben. Erst acht Herzen schlagen wieder, aber in jeder Nacht wird ein neues Herz dazukommen. Meine Macht wird weiter gefestigt. Malok, Satans Schlange, wird die Her­zen annehmen." Seine Augen glühten. "Das alles klingt unglaublich, doch die Menschen können mich nicht davon abhalten, das zu tun, was getan werden muss. Eine Entwicklung geht zu Ende. Starsky wird unter­tauchen und Bruno Nowak wird neu in dieses Leben eintreten und fünfzig Jahre lang erfolgreich und als geachteter Mann unter den Menschen leben. Fünfzig Jahre lang wird es keinen Marotsch mehr geben. Fünf­zig Jahre lang wird ein erfolgreicher Geschäftsmann namens Nowak um die Welt reisen, und niemand wird wissen, woher er kommt und wer er wirklich ist und nach fünfzig Jahren wird die Nacht kommen an dem alle fünfzig Herzen im Haus meiner Eltern wieder auf­hören werden zu schlagen. Eine neue Generation von Vampirherzen muss wiederum Malok geopfert wer­den, Marotsch wird wieder auftauchen, wird eine Zeitlang in seiner Originalgestalt unter den Menschen wandeln und die Opfer mit sicherer Hand auswäh­len."
"Sie sind Ihrer Sache sehr sicher!" Larry musste die­se ungeheuerlichen Geheimnisse erst einmal verdau­en. "Sie planen fünfzig Jahre voraus, ohne zu wissen, was der Augenblick bringen wird. Noch ist nicht aller Tage Abend. Die Menschen beginnen sich zu wehren."
"Wer will mich ausschalten?" Der Marotsch lachte dröhnend. "ich bin nahezu unverwundbar. Eine Mög­lichkeit allerdings wäre, die Herzen zu vernichten. Doch dies wird unmöglich gelingen, Brent. Heute Abend werde ich Sie zum Vampir machen. Sie werden von die­sem Moment an nur noch eins im Sinn haben: Ihr Leben als Untoter so lange wie möglich zu führen. Ein unstill­barer Blutdurst wird sie erfüllen. Und wenn Sie Ihre Arbeit verrichtet haben, werde ich kommen und Ihnen das Herz aus der Brust schneiden. Ein Vampirherz, das Malok verspeisen wird. Sie sind verloren, so wahr ich der Marotsch bin!"

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 58, 1. Spalte, 2. Absatz - Seite 60, 2. Spalte, 6. Absatz

"Hallo X-RAY-7, bitte melden! Hier X-RAY-1. Kön­nen Sie mich hören? Hallo, X-RAY-7, X-RAY-7!"
Die Stimme drängte. Sie meldete sich immer wieder. Wie eine permanent laufende Durchsage.
Iwan Kunaritschew alias X-RAY-7 hörte die Stimme wie aus weiter Ferne, und im ersten Moment vermochte er nichts damit anzufangen.
Doch dann schlug eine Alarmglocke in ihm an.
Die Zentrale meldete sich. X-RAY-1!
Der Russe bewegte die Lippen und brummte etwas Unverständliches vor sich hin. Es war wie im Schlaf, wie im Traum.
Aber er schlief nicht, und er träumte nicht.
Iwan schlug die Augen auf.
Die ferne Stimme erreichte wieder sein Gehör, dies­mal klarer und deutlicher. "X-RAY-7, bitte melden!"
Doch Iwan war zu benommen, um sofort antworten zu können.
Er glaubte in seiner Unterkunft in Jolischka zu sein und gerade aus tiefem Schlaf zu erwachen.
Da grellte wie ein Blitz die Wirklichkeit in sein Be­wußtsein.
Er befand sich doch im Marotsch-Haus!
Sofort mußte er an die unheimlichen und durch nichts erklärbaren Vorgänge denken. Das Haus hatte sich in der Nacht verändert. Es hatte plötzlich wieder Wände gehabt, wo es zuvor keine gegeben hatte. Auch ein Dach war plötzlich wieder da.
X-RAY-7 hob den Kopf. Der Russe lag zwischen Schutt und Unkraut, über ihm hing eine morsche Tür in den Angeln.
Sonnenlicht blendete seine Augen, und Iwan mußte sie schließen.
"X-RAY-7, bitte melden!" Die Stimme aus dem Laut­sprecher des PSA-Ringes klang dringend.
Kunaritschew stöhnte leise und rollte sich herum. Er lag auf den oberen, ausgetretenen Treppenstufen zu dem geheimnisvollen Keller, in den er letzte Nacht durch das Pochen der Herzen gelockt worden war.
"Hier X-RAY-7, Sir." Kunaritschew hielt den Ring dicht vor die Lippen.
Aus den winzigen Rillen des Lautsprechers erklang ein erleichtertes Aufatmen.
"Hier X-RAY-1. Ich bin froh, daß ich Sie erreiche. Ich habe schon gedacht, Sie schlafen noch."
"Ich habe auch noch geschlafen, Sir. Und ich muß froh sein, daß ich aus diesem Schlaf noch mal erwacht bin. War ein bißchen hektisch, was in der letzten Nacht auf mich eingestürmt ist."
"Sind Sie einsatzfähig? Es geht um Larry Brents Leben! In Ihrem letzten Bericht erwähnten Sie etwas von einem Marotsch-Haus. Es scheint wichtiger für uns zu werden, als es anfangs schien. Könnten Sie sich umgehend dort­hin begeben, X-RAY-7?"
"Die Fahrkarte habe ich bereits gelöst, X-RAY-1", er­widerte Iwan. "Ich befinde mich in dem besagten Haus, Sir. Und ich habe auch schon meine Erfahrungen mit ihm. Nachts scheint's hier nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Diese Erfahrung habe ich zwar schon des öfteren wäh­rend meines Jobs gemacht, aber hier ist es etwas ganz Besonderes!"
Er wischte sich Spinnweben von der Stirn, das eine Spinne, die oben in der dunklen Ecke der Kellertür krabbelte, in der Zeit seiner Bewußtlosigkeit auf seinem Kopf und in seinem Bart zu spinnen begonnen hatte.
"Ich bin einsatzfähig, Sir. Was kann ich tun?"
"Die Zeit drängt, X-RAY-7. Hören Sie genau zu!"

* * *

Iwan Kunaritschew hörte genau zu. Was X-RAY-1 mitzuteilen hatte, war mehr als bemerkenswert.
"Ich nehm' mich der Sache sofort an", knurrte X­RAY-7. Der Russe hockte auf der obersten Stufe und starrte hinab in die Dunkelheit, aus der in der letzten Nacht seltsame, unsichtbare Geister aufgestiegen waren und ihn bedroht hatten. Er war bewußtlos geworden. Und diese Bewußtlosigkeit hatte bis weit in diesen herr­lichen Sommermorgen hineingereicht.
Kunaritschew konnte kaum fassen, daß er noch am Leben war. Das mystische Geschehen war ihm nicht zum Schicksal geworden, und jetzt, wo sein Dialog mit X­RAY-1 zu Ende war, begriff er auch, weshalb dies so war.
Er kam auf die Beine und schüttelte sich wie ein Hund, machte sich aber nicht die Mühe, seine verstaubte und verdreckte Kleidung abzuklopfen. Iwan rannte die mor­schen, knarrenden Holztreppen hinauf, fand auf Anhieb die Taschenlampe, die er in der letzten Nacht einfach hatte fallen lassen. Sein Verdacht, daß die Lampe durch geistige, parapsychische Kräfte ausgefallen war, schien sich zu bestätigen. Er schaltete die Lampe ein, und sie funktionierte. Ohne sich einen Moment länger aufzuhal­ten, eilte er nach unten. Im Sonnenlicht sah er, wie morsch und baufällig die Treppe war, die er hochge­stiegen war. Und er mußte auch daran denken, wie sie ihm erschienen war, als er nach der Wirksamkeit der magischen und bösartigen Einflüsse erschienen war.
Dies war ein Hexenhaus! Man mußte es fürchten, so­bald es dunkel wurde. Wie Gewürm krochen dann die bösen Gedanken und die grausamen Ideen, die in diesem Haus vor langer Zeit gedacht und nach denen gehandelt worden war, aus dem Gemäuer.
Iwan passierte wenig später die Kellertür. Er mußte sich wieder bücken, um mit dem Kopf nicht an die Decke zu stoßen.
Das Sonnenlicht wurde schwächer, je tiefer er in den Keller vordrang. Dann völlige Finsternis, als er den la­byrinthähnlichen Gang erreichte, durch den er in der letzten Nacht gegangen war.
Völlige Stille umgab den PSA-Agenten. Er ließ den Strahl der Taschenlampe vor sich herwandern. Die schwarzen Wände, die sich links und rechts neben ihm auftürmten, schluckten das Licht.
Dann lag der makabre Tempel vor ihm.
Kunaritschew fand das bestätigt, was er wie im Rausch erlebt hatte.
Es gab sie wirklich, die Wand mit den neunundvierzig Hexenherzen, von denen acht durch das schändliche Ver­halten des Marotsch, des Vampir-Killers, wieder aktiv geworden waren.
Sie schlugen auch jetzt noch, aber es schien, als würden sie sich in einer Art Ruhezustand befinden. Sie schlugen langsamer, ruhiger, leiser.
Kunaritschew zögerte keine Sekunde.
Wie durch Zauberei lag seine Smith & Wesson Laser plötzlich in seiner Hand. Er wußte, wie er sich zu ver­halten hatte.
Je stärker diese teuflische Sammlung hier unten wurde, desto aussichtsloser wurde der Kampf dagegen. Er, Ku­naritschew, hatte die Erstarkung schon am eigenen Kör­per in der Nacht zu spüren bekommen. Die unheimlichen Geister würden so mächtig werden, daß die bösen Ge­danken tödliche Wirkung auf den haben würden, der dann hier eindrang.
Iwan zielte auf das erste Herz — und drückte ab. Der Laserstrahl bohrte sich in das sackähnliche Gebilde.
Das Herz blieb sofort stehen. Es wurde in seiner gan­zen Breite von der wie ein Schweißgerät wirkenden La­serwaffe aufgeschlitzt.
Da merkten die schlafenden Geistermächte, daß sie ausgelöscht werden sollten.
Das Pochen wurde heftiger und lauter. Es pochte und klopfte wieder in Kunaritschews Ohren wie in der zu­rückliegenden Nacht. Die Atmosphäre füllte sich mit bö­sen Gedanken.
Kunaritschew drückte ab und schoß zum zweiten Mal. Das zweite Herz starb.
Die Geistermächte formierten sich. Unheimliches Ki­chern und Stöhnen, wie in einem Spukschloß, sollten ihn erschrecken und davonjagen.
Ein Sturm kam auf. Es pfiff und heulte, und Kuna­ritschew merkte, wie er angeweht wurde. Das Haar auf seinem Kopf bewegte sich, die Hosenbeine flatterten um die Waden. Der Russe führte den Strahl unbeirrt weiter.
Das dritte, das vierte, das fünfte Herz... Eines nach dem anderen starb...
Die gespenstischen Einflüsse wurden schwächer. Ein fürchterliches Klagen hallte an seine Ohren, schien aus dem gesamten morbiden und vergifteten Mauerwerk zu kommen, als das letzte Herz zugrunde ging...

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 108, 1. Spalte, 4. Absatz - Seite 112, 1. Spalte, 2. Absatz

"Hallo X-RAY-7, bitte melden! Hier X-RAY-1. Können Sie mich hören? Hallo!" Die Stimme drängte, immer wieder. Eine permanent laufende Durchsage. Iwan hörte die Stimme wie aus weiter Ferne, und im ersten Moment vermochte er nichts damit anzufangen. Doch dann riss er sich zusammen. Die Zentrale! X-RAY-1! Der Russe bewegte die Lippen und brummte etwas Un­verständliches. Er musste raus aus diesem teuflischen Schlaf! Er öffnete seine Augen. Die ferne Stimme er­reichte wieder sein Gehör, diesmal klarer und deutli­cher. "X-RAY-7, bitte melden!" Doch Iwan war immer noch zu benommen, um sofort antworten zu können. Wo bin ich? Ich bin im Marotsch-Haus! Wie ein Blitz drang die Wirklichkeit in sein Bewusstsein. Das Haus hatte sich in der Nacht verändert. Es hatte plötzlich wieder Wände gehabt, wo es zuvor keine gegeben hatte. Auch ein Dach war gewachsen. Iwan hob den Kopf. Er lag zwischen Schutt und Unkraut, über ihm hing eine mor­sche Tür in den Angeln.
"Iwan, bitte melden!" Die Stimme aus dem Lautspre­cher des PSA-Ringes wurde energischer.
Der Russe stöhnte leise und rollte sich herum. "Hier X-RAY-7, Sir." Er hielt den Ring dicht an seine Lippen.
Aus den winzigen Rillen des Lautsprechers erklang ein erleichtertes Aufatmen. "Hier X-RAY-1. Ich bin froh, dass ich Sie erreiche, Iwan. Ich habe schon gedacht, Sie schlafen noch."
"Ich habe auch geschlafen, Sir! Und ich muss froh sei, dass ich aus diesem Schlaf noch mal erwacht bin. Warein bisschen hektisch, was in der letzten Nacht auf mich eingestürmt ist."
"Sind Sie einsatzfähig? Es geht um Larrys Leben! In Ihrem letzten Bericht erwähnten Sie etwas von einem Marotsch-Haus. Es scheint wichtiger für uns zu wer­den, als es anfangs schien. Könnten Sie sich umgehend dorthin begeben, X-RAY-7?"
"Nichts leichter als das. Ich befinde mich gerade in diesem Haus. Und ich habe auch schon meine Erfah­rungen mit ihm gemacht. Ich bin einsatzfähig, Sir! Was kann ich tun?"
"Die Zeit drängt, X-RAY-7. Hören Sie genau zu!"
Und Iwan hörte genau zu. Was X-RAY-1 ihm mitzu­teilen hatte klang bizarr. "Ich tu was ich kann, Sir!", knurrte X-RAY-7 nachdem sein Boss geendet hatte.
Der Russe hockte noch einige Sekunden benommen auf der Treppe. Er war froh, die letzte Nacht überlebt zu haben. Und endlich begriff er alles! Er schüttelte sich wie ein Hund, machte sich aber nicht die Mühe, seine verstaubte und verdreckte Kleidung abzuklop­fen, sondern hastete die morsche Holztreppe hinauf. Er suchte nach seiner defekten Taschenlampe, die er in der letzten Nacht hatte liegen lassen. Sein Verdacht, dass die Lampe durch parapsychische Kräfte ausgefal­len war, schien sich zu bestätigen. Er schaltete sie er­neut ein und sie funktionierte. Iwan eilte wieder nach unten. Im Sonnenlicht sah er, wie baufällig die Treppe war, die er hochgestiegen war. Dieses verfluchte Hexen­haus! Man musste es fürchten, sobald es dunkel wur­de. Wie Gewürm krochen die bösen Gedanken, die in diesem Haus vor langer Zeit in die Tat umgesetzt wur­den, aus dem Gemäuer.
Iwan durchschritt die Kellertür. Das Sonnenlicht wurde schwächer, je tiefer er in den Keller vordrang. Dann völlige Finsternis, als er den labyrinthähnlichen Gang erreichte, durch den er in der letzten Nacht ge­gangen war. Völlige Stille umgab den PSA-Agenten, als er den Strahl der Taschenlampe vor sich her wandern ließ. Die schwarzen Wände, die sich links und rechts neben ihm auftürmten, schluckten das Licht. Dann fand er den makabren Tempel wieder. Die Wand mit den neunundvierzig Hexenherzen von denen acht durch das schändliche Verhalten des Marotsch wieder aktiv geworden waren. Sie schlugen auch jetzt noch, aber es schien als würden sie sich in einer Art Ruhezu­stand befinden. Doch je umfangreicher diese teuflische Sammlung hier unten wurde, desto aussichtsloser wur­de der Kampf gegen das Böse. Die Geister würden nach und nach so mächtig werden, dass die bösen Gedan­ken tödliche Wirkung auf jeden haben würden, der hier eindrang. Iwan zögerte keine Sekunde. Er zog seinen Smith & Wesson-Laser, zielte auf das erste Herz unddrückte ab. Der Laserstrahl bohrte sich in das sackähn­liche Gebilde und ließ es platzen. Fast zeitgleich begann Iwans Gehirn zu brüllen. Die schlafenden Geistermäch­te wussten, dass sie ausgelöscht werden sollten. Ein bit­terböser Orkan donnerte in Iwans Ohren. Die Atmo­sphäre füllte sich mit dem Bösen. Der PSA-Agent schoss zum zweiten Mal. Das nächste Herz schmolz dahin.
Die Geistermächte formierten sich. Unheimliches Stöhnen, ein Sturm kam auf. Es pfiff und heulte. Iwan wurde hin und her gezerrt. Sein Haar stand ihm zu Ber­ge, die Hosenbeine flatterten um die Waden. Doch der Russe schoss unbeirrt weiter. Das dritte, das vierte, das fünfte Herz! Eines nach dem anderen starb! Die ge­spenstischen Einflüsse wurden schwächer. Ein fürch­terliches Klagen hallte an seine Ohren, schien aus dem gesamten morbiden und vergifteten Mauerwerk zu kommen. Dann verdampfte das letzte Herz.

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 60, 2. Spalte, 4. Absatz - Seite 61, 2. Spalte, 7. Absatz

Der Schrei, der durch das Haus hallte, war fürchter­lich. Larry Brent warf den Kopf herum.
Warum schrie Starsky? Was war los?
Die Tür zur Dunkelkammer, in die der geheimnisvolle Bewohner gegangen war, wurde aufgerissen.
Stöhnend und sich vor Schmerzen windend, torkelte Starsky heraus. Sein Körper zuckte in Krämpfen.
X-RAY-3, der begonnen hatte, wie ein Wilder an sei­nen Fesseln zu reißen, um dem schrecklichen Schicksal entgegenzuwirken, das ihm angedroht worden war, starrte Starsky an wie einen Geist.
"Marok! Die Höllenschlange... sie ist tot... die Herzen im Tempel versagen... mein Leben... Er gur­gelte und taumelte ins Studio, wo Larry gefangenge­halten wurde.
Starskys Gesicht verzerrte sich zu einer abstoßenden Fratze.
"Wenn ich draufgehe — ich nehm' Sie mit!" stöhnte er. "Das alles... hab' ich Ihnen... zu verdanken. Da steckt mehr dahinter... mehr als ich geahnt habe..."
Starskys Hände kamen zitternd nach vorn, näherten sich Larrys Gesicht und wollten nach der Kehle greifen und sie umschließen.
X-RAY-3 warf sich einfach nach hinten, während er gleichzeitig seinen Kopf anzog, um sich nicht ernsthaft zu verletzen.
Starsky taumelte nach vorn. Seine Kräfte nahmen zu­sehends ab. Er zerfiel sichtlich. Larry Brent atmete den ätzenden Geruch ein, der von Starsky alias Marotsch ausströmte.
Brent setzte alles daran, dem zerfließenden Körper, der sich in große, zähe Tropfen auflöste, nicht zu nahe zu kommen. Die ölige Flüssigkeit fraß sich in den Tep­pichboden und hinterließ große, häßliche, dampfende Stellen, als wäre hier Säure verschüttet worden...
Die Herzen der Hexen und Magier, die über Starskys Leben gewacht hatten, die magische Kräfte entwickelt hatten, in deren Wirkungsbereich sich der Marotsch ent­falten konnte, waren vernichtet. Die herzenfressende Höllenschlange war nicht mehr, sie hatte ihr Leben aus­gehaucht.
Was war geschehen? Welche Kräfte widersetzten sich mit einem Mal dem Wirken des Marotsch?
Larry konnte es nicht mal ahnen.
Er rutschte herum. Starskys Leib war nur noch eine einzige schleimige Masse.
Er rutschte in sich zusammen. Die Lache auf dem Bo­den stank, wurde größer und berührte die Stuhlbeine.
X-RAY-3 kämpfte noch eine halbe Stunde lang mit verbissener Kraft, ehe es ihm gelang, ein Bein vom Stuhl zu lösen. Das andere ging dann sehr schnell. Nach einer weiteren Viertelstunde war er völlig frei.
Für Starsky war nichts mehr zu tun. Seinen Leib hatte der Teppichboden aufgesaugt. und die Lache bewegte sich nicht mehr. Der Welt einziger Marotsch hatte sich aufgelöst...

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 112, 1. Spalte, 3. Absatz - Seite 114, 1. Spalte, 1. Absatz

Der Schrei, der durch das Haus hallte, war fürchterlich. Larry warf den Kopf herum. Die Tür zur Dunkelkam­mer, in die der geheimnisvolle Bewohner gegangen war, wurde aufgerissen. Stöhnend und sich vor Schmer­zen windend, torkelte Starsky heraus. Sein Körper zuckte in Krämpfen. X-RAY-3, der begonnen hatte, wie ein Wilder an seinen Fesseln zu reißen, starrte Starsky wütend an.
"Malok! Die Höllenschlange ... sie ist tot ... die Her­zen im Tempel versagen ... mein Leben ..." Starskys tau­melte Larry entgegen. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer abstoßenden Fratze. "Wenn ich sterbe ... nehm ich Sie mit!", stöhnte er. "Das alles ... hab ich Ihnen ... zu verdanken. Da steckt mehr dahinter ... mehr als ich geahnt habe!" Seine Hände kamen zitternd nach vorn, näherten sich Larrys Gesicht und wollten nach dessen Kehle greifen. Doch X-RAY-3 warf sich nach hinten, während er gleichzeitig seinen Kopf anzog, um sich nicht zu verletzen. Starsky taumelte weiter nach vorn. Seine Kräfte nahmen zusehends ab.
Larry atmete den ätzenden Geruch ein, der von Star­sky alias Marotsch ausströmte. Er setzte alles daran, dem zerfließenden Körper, der sich in zähe Tropfen auflöste, nicht zu nahe zu kommen. Die ölige Flüssig­keit fraß sich in den Teppichboden und hinterließ dampfende Stellen. Die Herzen der Hexen und Magier, die über Starskys Leben wachten und die ihm magi­sche Kräfte verliehen, waren vernichtet. Die Höllen­schlange war nicht mehr, sie hatte ihr Leben ausge­haucht. Starskys Leib war nur noch eine einzige schleimige Masse. Die Lache auf dem Boden begann fürchterlich zu stinken, wurde größer und berührte die Stuhlbeine. Larry kämpfte weiter mit verbissener Kraft, ehe es ihm gelang, ein Bein vom Stuhl zu zerren. Kurz darauf hatte er sich völlig befreit. Starskys Leib hatte unterdessen der Teppichboden aufgesaugt. Die wider­liche Lache bewegte sich nicht mehr. Der Marotsch war verschwunden.

* * *

Martosch, der Vampir-Killer
Larry Brent Nr. 64
Seite 61, 2. Spalte, 8. Absatz - Seite 62, 2. Spalte, 6. Absatz

Am Abend des gleichen Tages erfuhr Larry Brent, wie ihm die Hilfe Iwan Kunaritschews zuteil geworden war und weshalb sich die Dinge dann scheinbar nach ihrer eigenen Gesetzesmäßigkeit entwickelt hatten.
Einem Zufall hatte X-RAY-3 das Eingreifen seines ge­heimnisvollen Chefs zu verdanken.
Er, Larry, hatte in jener Nacht auf dem Balkon Dr. Kerskys vergessen, den PSA-Ring zu inaktivieren. Das Miniaturgerät hatte die ganze Zeit über auf Sendung ge­standen, und so war viele tausend Meilen vom Ort des Geschehens entfernt X-RAY-1 Zeuge des recht ungewöhn­lichen Zwiegesprächs zwischen Larry Brent und Leopold Starsky alias Marotsch geworden!
Die Antennen hatten die Sendung abstrahlen können, da die Balkontür aufgestanden hatte.
Larry kratzte sich am Nacken. "Das sollte man als Prinzip einführen", murmelte er. "Immer auf Sendung, dann weiß man in der Zentrale Bescheid."
"Und immer schön Bescheid sagen, daß die Fenster auch offen bleiben, Towarischtsch. Hättest du dir das zum Prinzip gemacht, wüßtest du vielleicht jetzt schon mehr."
Das Gespräch fand im Flughafenrestaurant von Wien-­Schwechat statt.
"Und wie kann ich das verstehen, Brüderchen?" wollte Larry Brent wissen.
Der Russe grinste von einem Ohr zum anderen und kraulte sich in seinem wilden Bart. "Ich bin bereits wie­der abkommandiert."
"Und deshalb freust du dich so?" wunderte sich X­RAY-3.
"Klar, Towarischtsch. Es wird 'ne Reise ins Vergnügen. Von wegen Vampire, Vampir-Killer und Marotsch­-Geister! Jetzt geht's ab nach China."
"Wahrscheinlich triffst du dort auf einen spukenden Drachen. Von wegen Vergnügungsreise. Lern' mich die PSA kennen, Brüderchen!"
"Wenn du eine attraktive Schönheit als spukenden Drachen bezeichnest, bitte, das ist deine Sache. Ich seh' Su-Hang. Wenn du mich jetzt bittest, ihr einen schönen Gruß zu bestellen, dann bin ich dazu noch bereit. Aber ich werde ihr einen Schmatz geben, der meine Hausmarke ist, und dir würden sich die Haare sträuben, könntest du Zeuge davon werden, Towarischtsch."
"Vielleicht brauchst du mich dort so, wie ich dich hier gebraucht habe, Brüderchen. Und dann werd' ich Ge­legenheit finden, deinen Schmatz in den Schatten zu stellen."
"Bärtige Männer küssen besser, Towarischtsch. Bis du dir einen Bart hast wachsen lassen, vergeht 'ne gewisse Zeit, Milchgesicht." Der rauhe Russe sah auf, als die Durchsage kam, daß sich die Passagiere nach Hongkong zur Abfertigung begeben sollten. "Dann — also auf nach China! Und denk' mal an mich, wenn ich chinesisch speise. Vielleicht Chop Suey?"
"Oder Blop-Ko-Muey."
"Nie gehört. Schmeckt das gut? Was ist das?"
"Keine Ahnung, aber es reimt sich."
"Au, Backe", stöhnte der Russe. "Jetzt hat er 'ne neue Masche. Bei dir hat der Marotsch offensichtlich 'nen Fehlgriff getan. Vielleicht hast du's noch gar nicht be­merkt, und er hat dir das Hirn geklaut!"

Der Vampir-Killer
Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64
Seite 114, 1. Spalte, 2. Absatz - Seite 115, 1. Spalte, 3. Absatz

Noch am gleichen Tag erfuhr Larry, dass es sein Freund Iwan war, der ihm das Leben gerettet hatte. Alles ein­geleitet durch einen Zufall. Larry hatte bei seinem letz­ten Gespräch mit X-RAY-1 auf dem Balkon vergessen, den PSA-Ring zu deaktivieren. Das Miniaturgerät stand somit permanent auf Sendung. Die Aktiven der PSA wurden so, viele tausend Meilen vom Ort des Gesche­hens entfernt, Zeuge des recht ungewöhnlichen Zwie­gesprächs zwischen Larry Brent und Leopold Starsky alias Marotsch. Glücklicherweise!
Viola Kersky war unterdessen binnen nur weniger Stunden vollends gesundet. Sie und ihr Mann hatten Larry zu einem
Abendessen eingeladen. In gemütlicher Runde saßen sie bei einer Flasche Wein beisammen.
"Einen Toast auf meinen Freund Iwan!" Larry hob sein Glas. Ganz im Gegensatz zu seinen sonstigen Gewohnheiten war ihm heute danach, Alkohol zu trinken. "Er hat wieder einmal mein Leben gerettet."
"Auf sein Wohl, unbekannterweise!" Dr. Kersky lä­chelte seine Frau an, dann Larry. "Und auf Ihr Wohl, Herr Brent, denn Sie haben wiederum das Leben meiner Frau gerettet."
Und darauf, dass ich diesen Marotsch niemals wieder begegne, dachte Larry. Auch in fünfzig Jahren nicht!

* * *

Das war meinen Verglech zwischen "Martosch, der Vampir-Killer" (Larry Brent Nr. 64) und "Der Vampir-Killer" (Blitz-Verlag-Paperback Nr. 64). Wie sich gezeigt hat, hat der Bearbeiter des Blitz-Verlages, den Dan Shocker-Text nicht nur arg gekürzt, sondern auch stilistisch verändert. Das Sahnehäubchen findet man an Ende der Blitz-Paperback-Ausgabe. Das typische Dan Shocker-Ende hat der Blitzbearbeiter gestrichen und seine eigene Version-Ende des Romanes geschrieben, ob es besser ist, ist für mich sehr fraglich...

 

Kommentare  

#16 Harantor 2015-01-11 01:29
zitiere Katja:
Harantor lese dir mal absolute Bestseller durch. Alte. Die brauchen keine Bearbeitung, weil sie gut waren. Grisham, Follet etc.


Grisham, Follet im Vergleich zu Shocker. Eine große Ehre, aber deutlich zu hoch gegriffen. Deutlich zu hoch. Das sind nicht die Autoren mit dem Dan Shocker verglichen werden sollte und kein Maßstab für Heftromane. Ich weiß nicht in welcher Welt du lebst.

zitiere Katja:

Aber Dan Shocker war nun mal grottig in seinem Stil. Da braucht man sich doch nur obige Vergleiche anzuschauen.

Das sehen wir anders.
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#17 G. Walt 2015-01-11 12:50
zitiere Katja:
Ich verstehe das alles nicht. Die Sammler dürften doch nun schon alles haben, oder? Und damit glücklich sein.
Nun wird ein Versuch unternommen, LB auch heutigen Lesern zugänglich zu machen, und schon ist da wieder Geschrei.
GUT waren.


Auch ein Sammler möchte vielleicht eine schöne und optisch zeitgemäße Anpassung und die alten Heftchen (zum Teil vielleicht vergilbt) schonen. Ferner sollte man neue Leser gewinnen, indem man das Original unangetastet lässt.
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#18 Katja 2015-01-11 18:27
zitiere G. Walt:

Auch ein Sammler möchte vielleicht eine schöne und optisch zeitgemäße Anpassung und die alten Heftchen (zum Teil vielleicht vergilbt) schonen. Ferner sollte man neue Leser gewinnen, indem man das Original unangetastet lässt.

Tut mir leid. In dem Fall KANN man keine neuen Leser gewinnen. Sorry, aber DAS in der Form liest niemand mehr. Das ist Nostalgie, schön und gut, aber die Zeit ist vorbei. Zumal es ja nicht nur um einen relativ schlechten Stil, sondern auch um oft schlechte Rechtschreibung, Grammatik, Interpunktionsfehler etc. geht. Schlicht unzumutbar.
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#19 Harantor 2015-01-11 18:50
zitiere Katja:
Tut mir leid. In dem Fall KANN man keine neuen Leser gewinnen. Sorry, aber DAS in der Form liest niemand mehr. Das ist Nostalgie, schön und gut, aber die Zeit ist vorbei.

Natürlich ist die große Zeit vorbei. Logisch, Daher ist so eine Ausgabe auch nur für Sammler gut. Aber woher sollen bei einer Auflage von 275 Stück die neuen Leser kommen? Und mit den zahlreichen Formatwechseln hat der Verlag auch die Sammler vergrault und daher fällt dann auch schon seit Jahren die Auflage.
zitiere Katja:

Zumal es ja nicht nur um einen relativ schlechten Stil, sondern auch um oft schlechte Rechtschreibung, Grammatik, Interpunktionsfehler etc. geht. Schlicht unzumutbar.

Mit dem Stil man nicht übertreiben bitte. Da gibt es deutlich Schlimmeres (auch noch heute) auf dem Heftmarkt. die Fehler sind eigentlich Aufgabe des Lektorats. Die gestern von Dir erwähnten Follett und Co, aber übrigens sogar mehrere Durchgänge und Korrekturleser. Der Heftlektor hatte in den Sechzigern unter Umständen nicht einmal einen Tag zum Bearbeiten der Romane.

Aber es bleibt ja nicht beim Lektorat. Es wird umgeschrieben und auf die Hälfte gekürzt. Das hat mit einer gut gemachten Ausgabe nix mehr zu tun...
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#20 Katja 2015-01-11 19:50
zitiere Harantor:
Natürlich ist die große Zeit vorbei. Logisch, Daher ist so eine Ausgabe auch nur für Sammler gut. Aber woher sollen bei einer Auflage von 275 Stück die neuen Leser kommen? Und mit den zahlreichen Formatwechseln hat der Verlag auch die Sammler vergrault und daher fällt dann auch schon seit Jahren die Auflage.Mit dem Stil man nicht übertreiben bitte. Da gibt es deutlich Schlimmeres (auch noch heute) auf dem Heftmarkt. die Fehler sind eigentlich Aufgabe des Lektorats. Die gestern von Dir erwähnten Follett und Co, aber übrigens sogar mehrere Durchgänge und Korrekturleser. Der Heftlektor hatte in den Sechzigern unter Umständen nicht einmal einen Tag zum Bearbeiten der Romane.

Und deshalb konnte ich nie die Leute verstehen, die meinten, Hefte seien auch nichts anderes als Bücher, nur ein anderes Format. Von wegen!
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#21 Harantor 2015-01-11 20:14
zitiere Katja:
Und deshalb konnte ich nie die Leute verstehen, die meinten, Hefte seien auch nichts anderes als Bücher, nur ein anderes Format. Von wegen!

Das ist zum Teil richtig und zum Teil falsch. Was man sagen kann. Ein Heft kostete damals 1,- DM oder 1,20 DM und ein Hardcover bis zum 20 Mark. Heute kosten die Hardcover bis zu 30 € und nen Heft um die 2 €. Da kannste schon sehenw ofür mehr Aufwand betrieben wird.

Und ein gutes Lektorat ist sehr wichtig. Aber wenn Du für nen Roman scjhon aus Kostengründen nen Tag oder zwei hast, dann ist das eine Sache.

Dennoch sage ich mal: Der Blitz Verlag macht es ziemlich falsch.
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#22 Sarkana ~^v^~ 2015-08-30 22:00
Ich will es mal so sagen: Über Shockers Stil kann man ja durchaus geteilter Meinung sein - und Romane aus den sechziger und siebziger Jahren sind heute aus verschiedentlichen Gründen etwas schwierig. Man kann das also durchaus bearbeiten (wobei ich die Beispiele auch nicht als übermäßig gelungen empfinde) - dann sollte man es aber auch fäirerweise draufschreiben. Was ich aber schon drastisch finde, ist der Umfang. So ein Paperback umfaßt im Normalfall gut und gern zwei Heftromane mindestens. Hier wird auf über 150 Seiten nicht einmal 2/3 Heftroman gebracht (umgerechnet auf ein Heft sind das so um die 40 Seiten - statt den üblichen knapp über 60 - oder anders gerechnet fast 4 Paperbackseiten je Heftromanseite) und dafür 10 Euro verlangt. Das finde ich schon ziemlich frech.
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#23 G. Walt 2015-08-30 22:18
Nunja als ebook sparst Du 6 Euro. Aber aufgrund der drastischen Bearbeitungen ist selbst das zuviel für meinen Geschmack.
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#24 Harantor 2015-08-31 00:11
zitiere Sarkana ~^v^~:
Ich will es mal so sagen: Über Shockers Stil kann man ja durchaus geteilter Meinung sein - und Romane aus den sechziger und siebziger Jahren sind heute aus verschiedentlichen Gründen etwas schwierig.

Verlegt Blitz eine Sammlerausgabe? Bei 300 aufgelegten Exemplaren ein ganz klares: Ja. Diese bearbeite ich so knapp wie möglich, denn egal wie alt der Stoff ist. Als Sammler will ich eine Ausgabe so nah wie möglich am Original ...

zitiere Sarkana ~^v^~:
40 Seiten - statt den üblichen knapp über 60 - oder anders gerechnet fast 4 Paperbackseiten je Heftromanseite) und dafür 10 Euro verlangt. Das finde ich schon ziemlich frech.


Ja, das ist es ... Ohne Zweifel
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#25 Ganthet 2015-08-31 17:44
Nö, finde ich nicht zu teuer. Ein Zehner für ein Taschenbuch finde ich durchaus in Ordnung, v.a. bei einer Auflage von nur 275 Exemplaren.

Über die Bearbeitung lässt sich streiten. Aber Derjenige, der die Romane überarbeitet hat, will ja auch noch etwas Geld verdienen.

Der Hinweis, dass dort "nur" Heftromane enthalten sind ist jetzt auch kein Argument für einen niedrigeren Verkaufspreis. Viele Horror-SF-Taschenbücher mit ähnlichen Preisen kommen über Heftromanniveau nicht hinaus (habe neulich Honor Harrington gelesen; da steckt in jedem PR-Heft mehr drin)
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#26 Harantor 2015-08-31 18:35
zitiere Ganthet:
Nö, finde ich nicht zu teuer. Ein Zehner für ein Taschenbuch finde ich durchaus in Ordnung, v.a. bei einer Auflage von nur 275 Exemplaren.

Es geht eher darum, dass vom Heft noch zwei Drittel übrig sind (bzw. das halbe Taschenbuch) ... Dafür ist es zu teuer
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#27 Sarkana 2015-09-08 22:12
zitiere Harantor:
Verlegt Blitz eine Sammlerausgabe? Bei 300 aufgelegten Exemplaren ein ganz klares: Ja.

Nya, dann wären alle Kleinverlage auf Sammlerausgaben spezailisiert - zumindest was hier so im Phantastik-Bereich so existiert. Vielleicht mal von Festa abgesehen, dürfte da kaum einer regelmäßig über dreistellige Auflagen hinauskommen. Einen niedrige dreistellige Auflage scheint da mehr oder weniger sich ins Bild zu fügen. Der erreichbare Kundenkreis ist üblicherweise doch arg begrenzt. Sammlerausgaben würde ich das aber auch nicht zwangsläufig nennen. In diesem speziellen Fall glaube ich sogar, daß altgediente ^^ Fans eher nur einen Teil der anvisierten Kundschaft ausmachen. Insofern macht eine Überarbeitung schon Sinn. In diesem Fall habe ich den Eindruck, ist es nicht sonderlich gelungen - aber das mag täuschen und ist bis zu einem gewissen Punkt wohl auch Geschmackssache.
Aber derartig massiv zu kürzen ist schon ziemlich dreist.

zitiere Ganthet:
Nö, finde ich nicht zu teuer. Ein Zehner für ein Taschenbuch finde ich durchaus in Ordnung.

Ja, nur ist das kein Taschenbuch, was da übrig ist. So ein Heftroman hat heute üblicherweise um die 160-190 tsd. Anschläge (je nach Serie - insofern staune ich, wie Zauberkreis damals 235 tsd reinbekommen hat) - du bekommst hier also vom Textumfang her nicht ganz einen Heftroman (ca. 55 statt 64 Seiten). Und dann ist das schon recht dreist.
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#28 Feldese 2016-04-18 09:47
So, jetzt habe ich auch diese Diskussion nach Monaten nachgeholt. Wieder mal ganz interessant. Skurril die Beiträge der Katja, die ja offensichtlich Dan Shocker zum Kotzen findet (wie Heftromane der 70er ohnehin), weshalb ich mich frage, warum sie die Diskussion über diese Sammlerausgabe überhaupt interessiert. Wer Shocker grottig findet, ist wohl in keinem Fall Zielgruppe einer Shocker-Sammlerausgabe... (Übrigens: Auch und gerade Grisham ist - ohne hier Äpfel und Birnen vergleichen zu wollen - längst von seinem Beliebtheitspodest gepurzelt. Nicht nur hat alles seine Zeit, es gibt auch Trends. Wer erinnert sich noch an den Bestsellerautor der 20er/30er-Jahre, Sabatini, ausser an manche Verfilmung mit Errol Flynn. Und wer hat, auch wenn der Name durchaus noch bekannt ist, in letzter Zeit etwas von Walter Scott gelesen, ausser einer Jugendbuchversion von Ivanhoe?)

Der Punkt hier ist doch (eigentlich oft genug von Harantor betont): es geht um eine Sammlerausgabe in kleinster Auflage. Und was möchte der Sammler und Fan? Eben!

Da auch der Karl-May-Verlag angesprochen wurde: Tatsächlich hat der schon vor Jahren begonnen, viele Bearbeitungen wieder zurückzubearbeiten, also zum Originaltext zurückzukehren. Und für die Fans des echten May gibt es eine Ausgabe mit den Texten erster bzw. letzter Hand Mays. Also das Original.

Zum Thema Taschenbuch: Ein Taschenbuch ist halt ein Taschenbuch, völlig unabhängig vom Inhalt, es gibt dicke und dünne, schlecht- und gutgeschriebene. Und z.B. in Frankreich erscheinen alle sogenannten Trivialromane, in Ermangelung einer Hefteszene, als Taschenbuch. Das Format lässt keine Rückschlüsse auf den Inhalt zu. Konzalik ist sogar im Hardcover erschienen. (Mir persönlich sind dünne TBs, die über 10 Euro kosten, zu teuer, es sei denn ich bin überdurchschnittlich interessiert am Inhalt. Das muss eben jeder selbst mit seiner Geldbörse ausmachen.)
Warum allerdings zwischen Taschenbuch und Paperback (eigentlich ja nur das engl. Wort) unterschieden wird, erschliesst sich mir nicht. Wobei sich der Begriff Paperback im Deutschen eigentlich nur für Wälzer im größeren Format ohne Hardcover durchgesetzt hatte.

Ich hoffe jedenfalls - angesichts der schon hohen Preise für die alten Originale, von denen ich nur sehr wenige besitze - schon auf eine echte Sammlerausgabe der Larry-Brent-Romane. Und zwar natürlich Originaltext, wirklich behutsam lektoriert, d.h. Schreibfehler und Satzzeichenfehler getilgt. Nur Beschreibungsfehler verändert (z.B. Wechsel der Automarke, -farbe, links statt rechts, kleiner Mann plötzlich gross), evtl. Adjektiv/adverbsdoppelung getilgt. Aber da ist dann wirklich Schluss. Keine Veränderung der Textgestalt, damit es "flüssiger" wird, kein Zusammenstreichen, kein Umformulieren. Sondern Achtung vor dem Autor, den Lektor und Verleger nun nicht auch wie Katja für grottig, sondern für einen Meilenstein, den es zu dokumentieren gilt, halten sollten.

Übrigens, der erste Kommentar kam doch von Alfred, der sich hier selbst als Brent-Nicht-Kenner, aber Fan der Neufassung outet. Erinnere ich das falsch, aber hat nicht Westernexperte Alfred auch einen der Neu-Brents verbr... verfasst? (Einer seiner oft hervorragenden Western ist auf jeden Fall vor kurzem in der Arizona-Reihe des Blitz-Verlags erschienen).
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