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Kollateralschaden - Leseprobe Gotham Noir Band 1

LeseprobeKollateralschaden
Leseprobe Gotham Noir Band 1

Von oben sah man nur die Lichter. Die Stadt funkelte und strahlte, als wolle sie den Nachthimmel herausfordern. Stein, Metall, Glas und Stahl ragten mit nahezu trotzig scheinender, amerikanischer Selbstverständlichkeit aus ihren Straßenschluchten empor. Unten schoben sich unzählige Fahrzeuge im immergleichen Schrittverkehr über die Avenues, lebten gut acht Millionen Menschen ihre hektische Eintönigkeit. Unten regierten der Lärm, der Dreck, der Smog und die Uhr, jeden Tag und jede Nacht.


Gotham NoirVon oben betrachtet war die Stadt, die niemals schlief, jedoch prachtvoll. Eine Bühne aus Licht, die sich bis zum Horizont erstreckte und auf den Morgen und den Beginn des nächsten Stücks wartete.

New York Citys funkelndes Meer aus Edelsteinen, von oben war es wunderschön.

Es sei denn, man stürzte.


Kapitel 1
Vom Ende aller Dinge
Gregory Boswick starrte in das Dunkel der Nacht, und das Dunkel starrte zurück. Zumindest kam es Greg so vor. Verflucht, seit wann war er so schreckhaft? Jedes Rascheln des Windes in den Büschen, jedes Plätschern des Wassers am Inselufer war eine Zerreißprobe für seine angespannten Nerven.

Und das alles wegen Mitch.

»Sind Sie wirklich sicher, dass Sie allein hier warten wollen, Sir?«, fragte Anslin. Es klang ungläubig – und mehr als ein bisschen angewidert.

Greg wandte sich um. Sein Assistent trug einen langen, braunen Mantel, der leicht im Nachtwind wehte. Hinter ihm konnte Greg die Skyline Manhattans glitzern sehen, so nah und doch wie aus einer anderen Welt.

Greg nickte seufzend. »Ganz sicher. Mitchs Nachricht war eindeutig: Er und ich, unter vier Augen auf Ellis Island.«

»Um Mitternacht, Sir?«

Verdammt, was wollte der Glatzkopf von ihm hören? Dass New York Citys oberster Mann weitaus Besseres zu tun hatte, als sich an einem gottverlassenen Ort wie diesem seine alten Knochen steif zu frieren? Dass dieser Hang zur Dramatik, den Mitch manchmal an den Tag legte, lächerlich war? Mitch war eben Mitch. Einem wie ihm widersprach man nicht, man rollte höchstens mit den Augen.

»Was der Mensch braucht, das muss er haben«, antwortete Greg gottergeben und winkte ab. »Gehen Sie ruhig, Anslin. Ich komme schon klar. Sowie die Besprechung vorüber ist, kehre ich aufs Boot zurück.«

Sie waren mit einer kleinen Jacht gekommen, die im Besitz der Stadt war. Normalerweise diente sie Empfängen und Partys, die die Grenzen des Protokolls sprengten, als extravaganter Rahmen.

Anslin nickte gehorsam und wandte sich in Richtung Steg um. Nach wenigen Schritten verschmolz seine gertenschlanke Gestalt mit dem Dunkel, und Greg war allein mit der Nacht.

Schweigend schlug er seinen Kragen hoch und rieb sich die Hände. Die Kälte war wirklich unmenschlich. Verblüffend, wie stark sie sich von der Tageshitze, die jetzt im Sommer vorherrschte, unterschied. Nicht einmal neunzehneinundneunzig in den Armeezelten vor Kuwait war es nachts so kalt gewesen. Wenn der Alte nicht bald auftaucht, dachte Greg grimmig, bin ich ein Eisblock.

Anslin, dieser Stiefellecker, hatte nicht Unrecht: Was sie hier taten, war lächerlich. Mitch wollte vermutlich aus der Sache aussteigen. Warum sonst hätte er vor dem eigentlichen Termin melden sollen? Aber dafür hätte auch ein Anruf genügt oder ein Treffen irgendwo in Manhattan. Tagsüber.

Stattdessen schlich Greg nun zur Geisterstunde um die altehrwürdigen Mauern der ehemaligen Einwanderungsstation herum. Noch dazu um deren südliche Bauten, die von der Renovierung und Umgestaltung in ein Museum ausgenommen worden waren. Wo am Nordende der Insel roter Backstein, militärisch streng gestutzter Rasen und polierte Fahnenmasten dominierten, die ab Sonnenaufgang wieder von Heerscharen von Touristen heimgesucht würden, herrschten hier halbe Ruinen vor, deren Fenster wirkten wie dunkle, glotzende Augen. Dichtes Buschwerk wucherte wild.

Die Stille war beinahe ohrenbetäubend. Wären da nicht der Wind und die leise Andeutung von Verkehrslärm aus der Battery gewesen, die über den Hudson herüberwehten, Greg wäre sich vorgekommen wie der letzte Mensch auf Erden.

Langsam fuhr er mit der Hand unter den Mantel und tastete nach dem Revolver. Er führte stets einen bei sich, aus Prinzip. Als Oberbürgermeister einer der größten Städte der Welt musste er wachsam sein, Bodyguards hin oder her.

Andererseits: War nicht auch das lächerlich? Vor wem fürchtete er sich denn? Etwa vor Mitch und dem Wind?

Greg zuckte zusammen, als seine Armbanduhr piepste. Punkt Zwölf. Weit und breit keine Spur von …

»Guten Abend, Mr Mayor.«

Im ersten Schreckmoment hätte er fast aufgeschrien. Dann fasste er sich, ignorierte sein wild pochendes Herz und drehte sich um. Fahler Mondschein fiel durch die Wipfel der Bäume und zauberte ein stetig wogendes Bild aus Nacht und Licht vor ihn. Inmitten dieses Bildes stand jemand.

»Mitch?«, fragte Greg und kniff die Lider enger zusammen. War das wirklich sein alter Partner?

»Erwartest du jemand anderen?«, erklang die vertraute Stimme. Noch immer konnte Greg sein Gegenüber kaum erkennen. Hier, wo nicht einmal mehr Straßenlaternen brannten, war alles Schemen und Schatten.

»Nein. Ich … ich hab dich nur nicht kommen hören.« Greg schüttelte den Kopf, verscheuchte die Skepsis. »Also, was gibt’s? Was kann nicht bis morgen warten und auf dem Festland besprochen werden? Warum dieser irre Aktionismus, hm?«

Wolken zogen vor den Mond. Die Schatten wurden wieder dichter. Fast schien es Greg, als stünde ihm doch niemand gegenüber. Dann sprach Mitch weiter. »Es muss hier beginnen.«

Greg stutzte. Klang so jemand, der aussteigen wollte? »Wovon redest du?«

»Von Ellis Island. Tor zur Neuen Welt. Symbol und Hoffnungsträger. Der perfekte Platz für einen Anfang.«

»So pathetisch«, murmelte Greg nur halb im Scherz. Der Wind frischte auf und zerrte an seinem dünnen, grauen Haar. »Wirst du sentimental auf deine alten Tage? Überhaupt: Welcher Anfang? Sollte das nicht längst in der Stadt geschehen sein und …«

Greg verstummte, als Mitch einen Schritt näher trat und er sein Gesicht besser erahnen konnte. Weißes Haar, fahle Haut, dunkle Augen?

Pechschwarze Augen. Ohne Weiß.

»Mitch? Was in aller Welt ist mit dir?«

Die Äste wogten weiter im Wind, raubten hier Mondlicht und schenkten es dort. Mitch wanderte mit ihnen. Hatte er Greg eben noch gegenüber gestanden, befand er sich einen Augenblick später rechts von ihm, dann links. Als wäre er ein Teil der Nacht und über Naturgesetze erhaben.

Was passiert hier?, dachte Greg Boswick. Er ahnte es, doch diese Wahrheit schien zu grauenvoll, sie ernsthaft zu erwägen. »W… wer sind Sie?«, stotterte er die Schatten an, und ihm war plötzlich, als gleite eine Hand aus Eis über seinen Rücken und besudele seine Seele. »Nicht Mitch, so viel ist klar. Also, was wird das hier?«

»Ein Anfang«, antwortete das Ding in der Finsternis. Sehnsucht und Verlangen lagen in den zwei Worten. Entschlossenheit. Dann schritt es wieder auf Greg zu – und New Yorks Bürgermeister sah!

Einen Sekundenbruchteil später wirbelte Greg herum und rannte panisch ins Dunkel. Nein, dachte er flehend. Unmöglich. Das ist un-möglich. Jedes Wort war wie ein Rettungsring im Meer des Chaos, dessen Wellen über ihn zu schwappen drohten. Wahnsinn und Verzweiflung zerrten an seinem Geist, nackte Angst an seinem Herzen. Anslin – das war es. Er musste Anslin finden, und dann würde schon alles normal werden, sich fügen. Selbstverständlich würde es das. Was denn sonst?

Doch die Schatten waren überall. Hinter jeder Hausecke, um die Greg eilte, neben jedem Busch, den er umrundete – das grauenvolle Ding war bereits da, erwartete ihn im Spiel des Mondlichts mit den Wolken und den Bäumen. Und es schien zu grinsen.

»Anslin!«, schrie Greg panisch, peitschte sich weiter. »Anslin, wo sind Sie?«

Keine Antwort. Da waren nur der Wind und die Wellen und die Nacht.

Die Nacht.

Greg war, als riefe sie nach ihm. Jeder dunkle Winkel, den er bei seiner Flucht passierte, schien plötzlich tentakelartige Auswüchse zu besitzen und ihn packen zu wollen. Was eben noch der breite Schatten eines Baumstamms auf dem Kiesweg gewesen war, mutete nun an wie ein klaffendes Loch in der Wirklichkeit – ein Abgrund, der gierig auf ihn wartete. Mannshohe Büsche mutierten vor seinen schreckensweit aufgerissenen Augen zu sinistren Ungeheuern, die sich auf ihn stürzen und ihm die Seele rauben würden, wenn er ihnen zu nahe kam. Findlinge, die nachtschwarz auf dem Rasen standen, wurden zum überdimensionierten Gelege einer ihm unvorstellbaren Höllenbrut.

Das bildest du dir nur ein, redete der analytische Teil seines Verstandes ihm zu.

Und trotzdem ist es echt, erwiderte seine Furcht.

»Anslin!« Ein neuer Versuch, schriller und flehender als zuvor. So schrien Kinder, keine mächtigen Politiker. »Ansliiin!«

Nichts. Der Anlegesteg mochte genauso gut auf der Rückseite des Mondes liegen. Greg rannte und rannte, und mit einem Mal wusste er, dass er die Jacht nie erreichen würde. Die Schatten ließen es nicht zu. Sie hatten ihn herbestellt – zu dieser Stunde, an diesen verlassenen Ort –, und nun würden sie ihn nie wieder frei geben.

»Anslin«, keuchte er, einen kalten Stein der Erkenntnis in seinen Eingeweiden. Dann stolperte er über einen echten und fiel der Länge nach ins Gras.

Als der erste Schmerz verging, stand das Ding direkt über ihm. Eine Gestalt aus Mondschein und Finsternis, die ihre unheiligen Arme nach ihm auszustrecken schien. Ihr Mund öffnete sich, weiter als es menschenmöglich schien, und Greg war, als sähe er in dieser Öffnung das Ende aller Dinge.

Ars, flüsterte der Unheimliche, und irrte Greg sich, oder hörte er es plötzlich in seinem Kopf? Ars diavoli …

Das genügte. Die eindeutig spöttisch gemeinte Formulierung riss Greg aus seiner Starre – und einen Herzsschlag später riss er den Revolver empor! Laut hallten die Schüsse durch die Stille der Nacht.

Sie trafen … nichts.

Unmöglich, keuchte Gregs Logik entsetzt, Schutzschild vor dem Wahnsinn.

Tödlich, ahnte sein Instinkt.

Und das Ding beugte sich unbeirrt zu ihm nieder. Die gierigen Hände kamen näher und näher. Gregory Boswick starrte in das Dunkel der Nacht, und das Dunkel starrte zurück. Er wusste, dass er es nicht aufhalten konnte. Es gab keinen Ausweg mehr.

Oder?

Ars diavoli …, hallte die elende Stimme erneut in seinem Geist wider.

Dann ging alles ganz schnell. Greg riss den Mund auf und schloss die Augen. Der Lauf seiner Waffe schmeckte nach Rauch und Ewigkeit, doch als er ihn erst einmal an den Lippen spürte, vergingen sein Zittern und seine Furcht. Selbst die Kälte fiel von ihm ab. Mit einem Mal gab es nur noch Sicherheit, nur noch Halt.

Gregs letzter Gedanke galt seiner Stadt. Vergib mir, bat er und drückte ab, sowie die Tränen kamen.

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