Dead Man’s Wire - Der gute Geiselnehmer
Dead Man’s Wire
Der gute Geiselnehmer
Gus Van Sant war international erstmals im Jahr 1989 einem breiteren Publikum aufgefallen, als er mit „Drugstore Cowboy“ einen stylischen Gangsterfilm mit Matt Dillon inszenierte. Am Drehbuch hatte damals sogar der Beat-Generation-Autor William S. Burroughs mitgeschrieben. Van Sants endgültiger Durchbruch kam zwei Jahre später mit „My Private Idaho“, in dem er die beiden Nachwuchsstars River Phoenix und Keanu Reeves als Straßenstricher inszenierte. Als Videoclipregisseur, u.a. für Superstars wie die Red Hot Chili Peppers („Under the Bridge”), Tracy Chapman (“Bang Bang Bang“), Elton John („The Last Song“) oder David Bowie („Fame `90“) festigte der Filmemacher sein Standing in der Branche. Ende der 1990er überzeugte er dann mit „Good Will Hunting“ oder einem Szene-für-Szene-Remake von Alfred Hitchcocks „Psycho“. Menschliche Gewalt hat Gus Van Sant immer wieder fasziniert, man denke nur an seinen Survivalfilm „Gerry“ oder die erschreckend detailreiche und intensive Rekonstruktion des Schulmassakers an der Columbine Highschool in Littleton, Colorado, die er vier Jahre nach der Tat 2003 in seinem Spielfilm „Elephant“ thematisierte. Auch „Dead Man’s Wire“, der 2025 seine Weltpremiere auf dem Filmfestival von Venedig feierte, basiert auf realen Vorkommbissen, die sich 1977 in Indianapolis abspielten.
Tony Kiritsis (Bill Skarsgård) hat alles verloren, weil er in die Fänge eines gierigen Kreditunternehmens geraten ist. So sieht er es jedenfalls selbst, als er an einem kalten Februarmorgen in die Zentrale von Meridian Mortgage geht, um seinen düsteren Plan umzusetzen. Firmenchef M.I. Hall (Al Pacino), mit dem er eigentlich einen Termin vereinbart hat, weilt in einem Urlaub in Florida. Stattdessen empfängt ihn dessen Sohn Richard (Dacre Montgomery), der Vizepräsident des Unternehmens. Der muss alsbald erkennen, dass für Kiritsis die Zeit der Gespräche vorbei ist. Stattdessen bindet er Richard Hall eine Schrotflinte mit einem Totmanndraht um den Hals, der verhindern soll, dass Richard flieht oder Kiritsis selbst von der Polizei erschossen wird. In beiden Fällen würde die raffinierte Konstruktion zum Tod der Geisel führen, entweder durch das Auslösen der Schrotflinte oder durch eine Strangulation mit dem Draht. Noch im Firmengebäude verständigt Kiritsis die Polizei und lässt sich von deren Streifenwagen in seine Wohnung eskortieren, wo er Hall in den folgenden Tagen gefangen hält. Seine Forderungen sind eindeutig und unmissverständlich: Kiritsis möchte, dass seine Schulden bei Meridian Mortgage vollständig gelöscht werden und dass er straffrei aus der ganzen Sache herauskommt. Noch wichtiger ist ihm allerdings, dass sich M.I. Hall öffentlich persönlich bei ihm entschuldigt und seine Verfehlungen einräumt – live im Fernsehen, dass es die gesamte Nation mitbekommt.
Wenn man die skurrilen Ereignisse aus dem Jahr 1977 heute sieht, kann man kaum glauben, dass sich das alles tatsächlich so abgespielt haben soll. Vor allem die Gesetzeshüter erscheinen einem hier unsäglich naiv und unbeholfen, aber man darf auch nicht vergessen, dass derartige Verbrechen zu dieser Zeit noch weitaus seltener verübt wurden und es kaum Erfahrungswerte gab, auf die man zurückgreifen konnte. Gus Van Sant hat das kammerspielartige Geiseldrama über die gesamte Laufzeit sehr straff und überwiegend spannend in Szene gesetzt. Unterstützt wird er dabei von einigen Topstars. Bill Skarsgård („Es – Kapitel eins & zwei“, „Boy Kills World“) darf wieder einmal überzeugend einen Fiesling geben, Dacre Montgomery („Stranger Things“) ist unter einem entstellenden Spießer-Make-up kaum mehr zu erkennen, und Kinolegende Al Pacino kann in seinen kurzen Gastauftritten einem emotionslosen Karrieristen eine hässliche Visage geben. Die Bebilderung eines unglaublichen Verbrechens, das in den USA auch zu Änderungen im Rechtssystem führte. Der hierzulande nicht im Kino ausgewertete „Dead Man’s Wire“ ist nun bei Leonine erstmals fürs Heimkino auf BluRay (parallel auch auf DVD) erschienen. Das Bild (im Widescreen-Format 1,66:1) und der (recht unspektakuläre) Ton (Deutsch und Englisch im DTS HD Master Audio 5.1, optional mit deutschen Untertiteln für Hörgeschädigte) sind nicht zu beanstanden und lassen keine Wünsche offen. Außer einem Trailer zum Film sind aber leider keinerlei Extras mit auf die Disc aufgespielt.



