Das Haus am Watt - Die raffinierte Mörderin
Das Haus am Watt
Die raffinierte Mörderin
Bei den Filmen des Münchner Regisseurs Sigi Rothemund (1944-2024) empfiehlt es sich, genau hinzuschauen, in welcher Phase seines Schaffens diese entstanden sind. Nach ersten Meriten, die er sich als Unterhaltungsregisseur bei der Spielshow „Der goldene Schuß“ mit Lou van Burg respektive Vico Torriani verdient hatte, waren Rothemunds erste Kinofilme im Softsexbereich angesiedelt. Unter dem Pseudonym Siggi Götz war er einer der vielbeschäftigsten Regisseure für den österreichischen Erfolgsproduzenten Karl Spiehs. „Geh, zieh dein Dirndl aus“, „Alpenglühn im Dirndlrock“ oder „Bohr weiter, Kumpel“ sind einige der Titel der entsprechenden Kollaborationen. Ende der 1970er Jahre verlagerte Rothemund seinen Schaffensschwerpunkt dann wieder aufs Fernsehen und schuf mit Serienklassikern wie „Timm Thaler“, „Silas“ oder „Jack Holborn“ Sternstunden der Familienunterhaltung. Parallel entstanden einige letzte Kinofilme für Karl Spiehs, die nun eher alberne Klamotten aus der Rumpelkammer darstellten und mit Auslaufen der 1980er Jahre gänzlich eingestellt wurden. In jene Zeit fällt die Produktion von „Das Haus am Watt“, der kurz nach Rothemunds ZDF-Film „Affäre Nachtfrost“ entstand. Der Thriller mit Gudrun Landgrebe und Hansjörg Felmy markiert den Auftakt von Rothemunds Krimikarriere, der er schließlich bis zum Ende seines Lebens treu bleiben sollte. Nachhaltig in Erinnerung geblieben sind dabei seine Inszenierungen für die Reihen „Die Männer vom K3“, „Der Clown“, „Commissario Laurenti“ oder „Ein Fall für den Fuchs“. Nicht zu vergessen natürlich auch Rothemunds Donna-Leon-Verfilmungen um deren Meisterkommissar Brunetti, von denen er in den Jahren 2002 bis 2019 24 der insgesamt 26 Fernsehfilme inszenierte.
Lena Golborn (Gudrun Landgrebe) macht mit ihrem Mann Ulrich (Hanns Zischler) Urlaub im gemeinsamen Ferienhaus an der Nordsee. Ulrich hat seine Ehefrau gerade mit einer anderen betrogen, aber das von Lena geäußerte Verzeihen ist nur geheuchelt. Denn sie hat die Cornflakes ihres Mannes mit Gift versetzt, weswegen er das Frühstück am nächsten Morgen nicht überlebt. Die Mörderin entsorgt Ulrichs Leiche im Brunnen vor dem Haus und verfolgt nun einen penibel ausgearbeiteten Plan. Vor etlichen Zeugen erweckt sie glaubhaft den Eindruck, Ulrich sei für ein paar Tage mit dem Zug nach Hamburg gefahren. Als er nicht wie geplant zurückkommt, mimt Lena die besorgte Ehefrau, die sich nicht erklären kann, wo ihr Mann abgeblieben ist. Das ruft schließlich Ulrichs Bruder Max (Hannes Jaenicke) auf den Plan, der das genaue Gegenteil von Ulrich und gar nicht so unglücklich darüber ist, dass dieser verschollen ist. Schließlich ist er bereits seit mehr als zehn Jahren in Lena verliebt und wittert nun die Chance, endlich bei dieser landen zu können. Lena gibt bei der Polizei sogar eine Vermisstenanzeige für ihren Ehemann auf. Kriminalkommissar Marquardt (Ulli Kinalzik) kommt es rasch ungewöhnlich vor, dass Max Golborn sich so intensiv um seine Schwägerin kümmert. Hat er am Ende seinen Bruder aus dem Weg geräumt, um sich selbst die hübsche Lena zu schnappen?
„Das Haus am Watt“ ist ein ungewöhnlicher deutscher Fernsehthriller, der auf weite Strecken geschickt und spannend inszeniert wurde. Gudrun Landgrebe legt ihre undurchsichtige Rolle glaubhaft und raffiniert an und unterstreicht durch ihre Darstellung noch die Kniffe der Drehbuchautorin Sabine Thiesler („Kasse bitte!“, „Drei Damen vom Grill“). Birger Heymanns Soundtrack weckt schon in den ersten Minuten eine unheilschwangere Atmosphäre, die Sigi Rothemund bis zum überraschenden Ende effektvoll am Köcheln halten kann. Die DVD-Erstveröffentlichung bietet ein passables Bild (im Vollbildformat 1,33:1), das aber nur minimal über VHS-Niveau hinauskommt. Der deutsche Originalton (in Dolby Digital 2.0) ist durchweg gut zu verstehen und entspricht dem Standard zur Entstehungszeit. Extras sind keine mit aufgespielt.