Krupp - Eine deutsche Familie - Perfektion und Pflicht
Krupp – Eine deutsche Familie
Perfektion und Pflicht
Die kreative Zusammenarbeit zwischen der Schauspielerin Iris Berben und dem Regisseur Carlo Rola reicht bis Mitte der 1980er Jahre zurück, als letzterer als Herstellungsleiter für den Kinofilm „Sigi, der Straßenfeger“ fungierte und auch Drehbücher für die Serie „Sketch-up“ beisteuerte. Ein Jahrzehnt später intensivierte sich dann das Teamwork der beiden, als sie gemeinsam die Krimireihe „Rosa Roth“ auf den Bildschirm brachten, von denen Carlo Rola fast alle der über 30 Filme inszenierte und Berben die Titelrolle verkörperte. Der Sohn der Schauspielerin, Oliver Berben, fungierte dabei als Produzent. Alle drei gemeinsam realisierten noch über ein Dutzend weiterer Fernsehfilme, von denen der Dreiteiler „Krupp – Eine deutsche Familie“ aus dem Jahr 2009 sicherlich ein Highlight darstellt. Erstmals hatte man sich damals bei den öffentlich-rechtlichen Sendern auf die Nacherzählung der Familiengeschichte der Krupps eingelassen, einer der bedeutendsten Kapitalistenfamilien des 20. Jahrhunderts, deren Erfolgsgeschichte bereits im späten 19. Jahrhundert begann. Damals fanden die Krupps einen Weg, aus Stahl Räder für die Eisenbahn zu produzieren, die widerstandsfähig, belastbar und ausdauernd waren. Die jeweiligen deutschen Regierenden erkannten die Wichtigkeit der Fabrik. Im Ersten Weltkrieg war es Kaiser Wilhelm II., der Kriegsgeräte bei Krupp produzieren ließ, im Zweiten Weltkrieg setzte Adolf Hitler auf die Unterstützung durch den Stahlbauer aus Essen. Auch diese negativen Aspekte klammert der Dreiteiler in der Rekonstruktion der Ereignisse zwischen 1900 und 1957 nicht aus, konzentriert sich aber überwiegend auf die privaten Schicksale der Familienmitglieder.
Die verschachtelte Handlung setzt im Jahr 1957 ein, als sich die Matriarchin Bertha Krupp (Iris Berben) mit ihrem ältesten Sohn Alfried (Benjamin Sadler) verkracht, als dieser ihr vorwirft, ihn immer nur herumkommandiert zu haben und sie auch für das Scheitern seiner Ehe mit Anneliese Bahr (Mavie Hörbiger) verantwortlich macht. Bertha treffen diese Anschuldigungen hart, mit ihrer Gesundheit geht es rapide bergab. Während ihr Sohn Harald (Barnaby Metschurat) versucht, Alfried davon zu überzeugen, noch einmal in der Villa Hügel in Essen vorbeizuschauen und sich bei seiner Mutter zu entschuldigen, entfaltet Carlo Rola die Vorgeschichte der Industriellenfamilie. Dabei bekommt man als Zuschauer auch Einblicke in Berthas Erziehung, als deren Vater Fritz Krupp (Fritz Karl) die Firma zu ersten großen Erfolgen führte. Während die Krupps zum Liebling Kaiser Wilhelm II. (Michael Schenk) werden, muss Fritz seine homosexuellen Leidenschaften heimlich auf Capri ausleben. Als seine Gattin Margarethe (Barbara Auer) dennoch dahinterkommt, nimmt sie selbstbestimmt die Zügel in die Hand, was aber neue Probleme heraufbeschwört.
Carlo Rola ist es mit diesem Dreiteiler eindrucksvoll gelungen, die prägenden Jahre der Familie Krupp plastisch wieder Gestalt annehmen zu lassen. Mit sehr viel Detailliebe in Kostümbild und Ausstattung werden hier lange zurückliegende Epochen wieder zum Leben erweckt, teilweise an Originalschauplätzen im Ruhrgebiet und im österreichischen Blühnbach, teilweise frappierend echt in Studiokulissen. Durchweg hochkarätig und passend besetzt, bleibt man als Zuschauer gebannt an den tragischen Vorkommnissen dran, die von der Familie ein ambivalentes Bild zeichnen und den Druck deutlich machen, der auf den Firmenerben lastete. Ein hervorragendes Fernsehgroßereignis, das menschliche Einblicke in ein Großunternehmen liefert, ohne die damit verbundenen kritischen Aspekte zu verschleiern. Die DVD-Wiederveröffentlichung in der Reihe „Pidax Historien-Klassiker“ bietet ein sehr gutes Bild (im Widescreen-Format 1,78:1) und einen passenden deutschen Originalton (in Dolby Digital 2.0 Stereo). Die Extras aus der Erstveröffentlichung hat man übernommen. Diese bestehen aus einem interessanten Making Of (28 Minuten) sowie dem Special „Auf der Suche nach Familie Krupp“ (30 Minuten), in dem die Darsteller bei ihren Recherchen zu den Dreharbeiten mit Zeitzeugen sprechen.



