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Russen im Weltall - Teil 1 von 2: Spacewalker

Russen im WeltallRussen im Weltall
Teil 1 von 2: Spacewalker

Alles stand immer im Schatten des Juri Gagarin, der 1961 als erster Mensch mit seiner Raumkapsel in den Weltraum startete. Auch danach gab es bedeutende Ereignisse in der russischen Raumfahrt, doch heute erinnert sich kaum noch jemand daran. Zwei Filme aus dem letzten Jahr versuchten sich, mit filmischen Mitteln diese Glanzlichter in die Moderne zu transportieren. Dabei lief bei den Missionen nicht immer alles so glatt wie es gewünscht war.

Heute dürfen sie das zeigen was ihnen damals verboten war.

Alexei LeonovAlexei Archipowitch Leonov zum Beispiel war im März 1965 der erste Mensch, der im Weltraum seine Kapsel verließ und nur von einem Seil gehalten frei schwebte. Ja, es ging durch die Weltpresse, aber die Schwierigkeiten, die es dabei gab und ihn wie seinen Piloten Pawel Beljajew an den Rand des Todes führten, verschwiegen die russischen Nachrichten. Das positive Image wäre bitter angekratzt worden, denn das zu dem Zeitpunkt noch unsichere Projekt wurde von der Sowjet-Führung arg unter Druck gesetzt, um das gesteckte Ziel noch vor den Amerikanern zu erreichen.

Der Film VREMYA PERVYKH (Spacewalker) erzählt die Geschichte dieses Raumfluges. Es wurde ausführlich recherchiert und der heute 94jährige Leonov stand während der Dreharbeiten in beratender Funktion am Set. Natürlich hat man die eine oder andere kleine Wendung hinzu gefügt, aber den Pfad des authentischen Geschehens nicht verlassen.

Pawel BeljajewLeonov wird für diese Mission ausgewählt, weil er als "Verrückter" bekannt ist und deshalb jene auch erfüllen kann. Er besteht jedoch darauf mit seinem Freund Beljajew zu fliegen, der eigentlich außer Dienst gestellt wurde, weil er sich bei einem Fallschirmsprung den Fuß verknackste. Man willigt ein und es folgen Wochen harten Trainings. Eine unbemannte Rakete gleichen Typs geht bei einem Testflug verloren, worauf Sergei Korolev, der Chef der Abteilung, den Flug absetzt. Präsident Brezhnew persönlich schaltet sich ein und setzt ihn unter Druck. Die beiden Kosmonauten willigen ein in den Weltraum zu starten, trotz aller Risiken die damit verbunden sind. Zunächst verläuft alles reibungslos, Leonov schwebt in den Raum. Plötzlich aber bläht sich der Raumanzug auf, er verliert die Kontrolle über seine Bewegungen. Im letzten Moment kann er manuell einen Druckabbau herstellen und in die Kapsel zurückkehren. Dort zeigen sich nun schnell die Mängel in der Konstruktion.

ErdumlaufbahnDie Männer sind auf sich allein gestellt und wider aller Befehle und Vorschriften tun sie alles Nötige, um der Situation Herr zu werden. Die automatische Steuerung versagt und ihnen droht eine ewige Umkreisung der Erde. Leonov und Beljajew setzen sich über alle Vorgaben hinweg und schalten auf eine nie erprobte Handsteuerung. Der Kontakt zur Erde reißt ab. Während man dort bald jede Hoffnung aufgibt schaffen die Kosmonauten den Eintritt in die Erdatmosphäre und gehen schließlich nahe Perm im Ural runter. Den Berechnungen nach lassen die Russen in dem Gebiet weiträumig suchen. Es ist kalt und schneit ununterbrochen, sodass die Überlebenschancen schlecht stehen. Sie werden aber nicht gefunden. Erst ein Funkamateur, der die Morsezeichen der Männer auffängt, bringt die Wende und sie werden gerettet.

Allein im WeltraumWas davon wirklich der Realität entspricht lässt sich für uns nur erahnen. In einem Interview mit Alexei Leonov, das auf der Disc enthalten ist, wird das ganze Geschehen bestätigt, von kleinen Abweichungen abgesehen. Wie "klein" mögen diese sein? Nun, ich vermute mal wirklich nicht allzu groß. Diverse Aussagen und die Sichtung des internen Materials kommen unabhängig voneinander zu fast gleichen Ergebnissen. Somit wird hier ein Abenteuer geschildert, welches normalerweise nur in Film oder Literatur stattfindet. Gleichwohl, da man sich an Fakten kettet, ist der Spielraum gering. So heroisch die Aktionen der Kosmonauten auch waren/sind, sie sind an die Örtlichkeit und die Zeit gebunden. Da gibt es dann keine actiongeladenen Flugsequenzen, kernige Typen mit markig coolen Sprüchen, keinen abenteuerlichen Marsch auf der Erde zur nächsten Stadt. Die Männer wirken unscheinbar, machen sich vor Angst in die Hose und würden in den Schneewehen elendig verrecken, wenn sie sich nicht gegenseitig am Leben erhalten würden.

Sergei KorolevNatürlich gibt es eine deftige Prise nationalen Stolzes. Das sollte durchaus jedem verständlich sein, denn immerhin haben die Beiden wahre Heldentaten vollbracht. Ich behaupte mal, nirgendwo würde ein Filmemacher so etwas ohne diese Nebengedanken machen. Es wird auch zu keiner Zeit in den Vordergrund gestellt und wenn man sich auf den Film einlässt, dann fiebert man bald mit den Kosmonauten, ob sie nun Russen oder Amerikaner sind.

Dazu tragen die Schauspieler in wirklich glaubwürdiger und ergreifender Form bei. Evgenij Mironov (Leonov) und Konstantin Kabenskij (Beljajew) sehen alles andere als heroisch aus. Sie sind nach dem Äußeren der originalen Kosmonauten gecastet worden. So kommen sie auch wie normale Kerle 'rüber, die unter den gegebenen Umständen über sich hinaus wachsen müssen. Mir persönlich hat aber vor allen anderen Vladimir Ilin als Korolev zugesagt, der in der Zentrale auf der Erde allen Widrigkeiten zum Trotz an seinen Piloten festhält und sich in halsbrecherischer Weise über alle Vorschriften und Befehle hinweg setzt, es sogar wagt sich gegen die Militärs und die Mächtigen des Kremls zu behaupten. Eine mitreißende und jederzeit glaubwürdige Performance. Ob die Figur so dem Original entspricht? Who cares. Das Ergebnis im Film ist zu brilliant, als dass da eine negative Kritik anzubringen wäre.

Durch die AtmosphäreTechnisch ist SPACEWALKER ein absoluter Hingucker. Die Requisiten wurden original nachgebaut bzw. am Computer generiert. Die Bilder sind beeindruckend, denn zu keiner Zeit bekommt man wirklich das Gefühl, dass der ganze Weltraum samt Schiff CGI sind. Man legte sehr viel Wert darauf originalgetreu zu bleiben. Dennoch wäre früher mit Modellen so etwas kaum möglich gewesen. Allein der Eintritt in die Erdatmosphäre ist visuell berauschend. Der Machbarkeit sind heutzutage keine Grenzen gesetzt. Eine Entwicklung, die ich durchaus skeptisch sehe, denn viel von der klassischen Imagination des Kinos geht verloren. Andererseits – wenn es, wie hier, im Dienst des Filmes steht, dann kann ich es akzeptieren, besonders da es zu einem perfekten Ergebnis geführt hat.

EingeschneitIch sollte nicht verhehlen, dass der Film lang und meistens ruhig daher kommt. Wer sich in das geschaffene Zeitbild und/oder die Charaktere nicht einfühlen kann, der dürfte durchaus mit Phasen der Langeweile zu kämpfen haben. Er schildert ein Ereignis, das für Aufregung sorgte, aber unaufgeregt abgehandelt wird. Und obwohl wir wissen, dass beide Kosmonauten überleben, so ist es doch spannend, wie sie es geschafft haben. Ich blieb dabei, ohne eine Zeit in der ich an etwas Anderes dachte. Am Ende musste ich während des Nachspanns ein leichtes Zittern herunterfahren.

Ein Film wie dieser lässt mir die Hoffnung, dass es auch noch ein Erzählkino innerhalb der Spannungsgenres gibt, und dass CGI-Effekte sich auch diesem unterordnen können. Eine Frage bleibt mir allerdings offen. Ist er nun ein Science Fiction Film oder ein nachgestelltes Drama? Eigentlich Letzteres, wenn ich Alles für bare Münze nehmen soll. In jedem Fall hat sich das Ding gelohnt.

SpacewalkerSpacewalker
(Vremya Pervykh)
mit Evgenij Mironov (Alexei Leonov), Konstantin Khabenskij (Pawel Beljajew), Vladimir Ilin (Sergei Korolev), Anatolij Kotenjov, Aleksandra Ursuljak, Elena Panov, Valerij Grisko.
Produktion: Sergej Ageew, Timur Bekmambetow, Alexandr Gorokhow, Evgenij Mironov für Bazelevs Production
Regie: Dimitri Kieselew
Drehbuch: Sergeij Kaiuzhanow, Jurij Korotkow, Dieg Pogodin
Kamera: Vladimir Bashta
Musik: Jurij Poteenko, Alexandr Vartanow
Russland 2017

Farbe – 2,35:1 – 132 Minuten

Uraufführung: 6. April 2017
Deutsche Erstaufführung: 9. April 2017
Deutscher Vertreiber: Capelight

Cover und Screenshots der deutschen DVD (Capelight)

Russen im Weltall - Teil 2 von 2: Salyut 7 (Am 12.11.2018)

Kommentare  

#1 Thomas C 2018-10-30 16:40
Obigen Artikel nur angelesen, aber wenn es gleich mit einem dicken Fehler beginnt, höre ich auf: Gagarins Flug war nicht 1959 sondern erst im April 1961 ...
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#2 Harantor 2018-10-30 16:50
Ich hatte eigentlich darauf gewartet, dass jemand diesen Fehler bemerkt. In der Einführung zum zweiten Artikel ist Korrektur schon drin. Und es geht hier im Prinzip um einen Film
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#3 Thomas C 2018-10-30 17:15
Okay, verstanden. ... Und der echte Lenov war/ist ein cooler Typ, durfte ihn mal kurz sprechen.
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#4 Harantor 2018-10-30 17:26
Und um Norberts Frage zu beantworten. Ich habe den Film als "historisch" eingestuft. Immerhin behandelt er ein Stück Zeitgeschichte
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