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Interview mit Georg Pagitz über Francis Durbridge, Paul Temple und einen multimedialen Helden

Interview mit Georg Pagitz über Francis Durbridge, Paul Temple und einen multimedialen Helden

Georg Pagitz ist einer der Experten für den verstorbenen britischen Autor Francis Durbridge. Der in Österreich lebende Sprachwissenschaftler engagiert sich mit vollem Herzen dafür, die Werke von Durbridge lebendig zu halten, teilweise erstmals oder wieder aufzulegen. Durbridge (1912-1998) schrieb Romane, Theaterstücke und Hörspiele, aber auch Drehbücher für das Fernsehen.

In Zusammenhang mit der Rezension eines Durbridge Krimis kam es zu diesem Interview.


Zauberspiegel: Hallo Georg, bitte stell dich doch unseren Lesern mal vor und erkläre, was du mit Francis Durbridge zu tun hast.
Georg Pagitz: Ich bin begeisterter Durbridge-Fan seit meinem 13. Lebensjahr. Mein Erstkontakt war der TV-Mehrteiler „Tim Frazer“ und diese Kriminalgeschichte hat mich sofort fasziniert. So sehr, dass ich versucht habe, an alles, was Francis Durbridge geschrieben hat, heranzukommen und das war damals gar nicht leicht. Über mehr als 30 Jahre hinweg konnte ich allerdings sehr viel Material – auch dank der Hilfe anderer Fans – sammeln und eines Tages kam ich mit den Söhnen von Francis Durbridge in Kontakt. Für ein Interview mit Nicholas Durbridge flog ich nach London und seither haben wir uns mehrfach getroffen und stehen in häufigem Austausch. Ich bekam dadurch Zugriff auf die Originalunterlagen seines Vaters – die Originalmanuskripte, aber auch die Korrespondenz – und auf seine persönlichen Aufzeichnungen wie sein Einnahmen- oder sein Tagebuch. Als dann 2016 in einem Schreibtisch verloren geglaubte Unterlagen auftauchten, die auf verschollene Kurzgeschichten hinwiesen, habe ich sofort gesagt „Das übersetze ich“ und so erschien 2018 das erste Buch. In der Corona-Zeit habe ich mich an die zweite Übersetzung gemacht und irgendwann hat das nicht mehr aufgehört. Bis dato sind rund 50 Bände daraus geworden, wovon rund 40 Stand heute erschienen sind. Zu allen Büchern liefere ich auch immer auf Basis der Originalunterlagen umfangreiche Einleitungen und Nachworte mit Hintergrundinformationen. Außerdem habe ich fast alle deutschen DVD-Veröffentlichungen von Durbridge-Produktionen mitbetreut und war auch sehr eng in die drei neuen Paul-Temple-Hörspiele, die Pidax und HNYWOOD 2022 produzierten, eingebunden.

Zauberspiegel: Wenn man bisher Durbridge nicht kennt, was sollte man über ihn und sein Werk wissen?
Georg Pagitz: Francis Durbridge ist für das Hörspiel und den mehrteiligen Fernsehkrimi das, was Agatha Christie, Edgar Wallace oder Sir Arthur Conan Doyle für den Kriminalroman sind. Diese Worte stammen nicht von mir, sondern von einer renommierten englischen Zeitung. Durbridge kam 1912 in Hull zur Welt und war schon als Jugendlicher ein großer Fan von Edgar Wallace. In seiner Familie kursiert die Geschichte, dass sein Lehrer ihn einmal fragte, was er werden wollte, und einer von Durbridges Mitschülern antwortete für ihn: „Er wird der nächste Edgar Wallace, Sir!“ – Durbridge wollte immer schreiben und verfolgte dieses Ziel hartnäckig, steckte Niederlagen ein, blieb aber stur. Als Martyn C. Webster, sein Entdecker bei der BBC, eine neue Detektivfigur suchte, kam Durbridge mit der Idee des Paul Temple, eines Schriftstellers, der auch Kriminalfälle klärt. Die erste Hörspielserie 1938 war so erfolgreich, dass die BBC – was völlig neu war – tausende Fanbriefe erhielt, die sofort eine Fortsetzung forderten. So kam es dann auch. Später war Durbridge derjenige, der den seriellen TV-Krimi erfand, als die BBC 1952 auch Spannung im Fernsehen haben wollte. Insofern ist er der Vater dessen, was Netflix & Co. heute mit ihren horizontalen Erzählstrukturen bei Krimiserien produzieren – inklusive der atemberaubenden Cliffhanger. Er war der allererste Autor Europas (und wahrscheinlich weltweit), der im Fernsehen Spannung in Serie gemacht und gezeigt hat, wie man das Publikum über viele Folgen hinweg bei der Stange hält.
Durbridge sah sich auch nie als Romanautor, eher als Dramatiker, weil seine Stärken im Plot, unerwarteten Drehungen und Wendungen, atemberaubenden Cliffhangern und starken, glaubwürdigen Dialogen lagen. Dementsprechend ist sein Werdegang – er war über 50 Jahre sehr erfolgreich – vom Hörspielautor am Beginn seiner Karriere, über den Fernsehautor in der Mitte, bis hin zum Verfasser von Theaterstücken in seiner letzten Schaffensphase nicht verwunderlich. Seine Romane, Kurzgeschichten und Kinodrehbücher waren für ihn eher zweitrangig. Bei den Romanen, die fast ausschließlich auf seinen Drehbüchern für Radio und TV oder Kino basieren, beschäftigte er auch immer einen Mitarbeiter, der ihm half, das Skript in Romanform zu gießen.
Durbridges Drehbücher wurden in viele Sprachen übersetzt und waren weltweit erfolgreich, die Popularität, die er allerdings in Deutschland hatte, war ihm unheimlich. Die deutsche Sprache verdankt ihm sogar ein Wort: den Begriff „Straßenfeger“, der Anfang der 60er-Jahre entstand, als alle Straßen leer waren, weil man vor dem TV-Gerät saß und mitfieberte, wie es im Durbridge-Krimi weitergeht. Die Einschaltquote von 93%, die beim letzten Teil von „Tim Frazer“ erzielt wurde, ist bis heute unerreicht.

Zauberspiegel: Was ist es, das dich an Francis Durbridge so fasziniert? Warum sollte man deiner Meinung nach Durbridge heute noch lesen?
Georg Pagitz: Durbridge schreibt keine konventionellen, klassischen Krimis im Sinne der Geschichte eines Mordes, der dann von einem Ermittler aufgeklärt wird, indem er zahllose Verdächtige nach ihrem Alibi befragt. Durbridge schafft vielmehr unglaubliche Situationen, meist mit einem unschuldigen Protagonisten, der in einen Teufelskreis hineingezogen wird. Er fesselt sein Publikum durch unerwartete Drehungen und Wendungen und gibt ihm dadurch gar keine Möglichkeit, darüber nachzudenken, wer es war. So wird oft verschleiert, dass es manchmal nur wenige Verdächtige gibt. Es sind auch selten Beziehungstaten, vielmehr stehen meistens große kriminelle Organisationen im Mittelpunkt. Das macht es auch leicht, den Täter beliebig auszutauschen – wie es der Autor ja oft in unterschiedlichen Versionen seiner Werke (und davon gibt es einige) getan hat.
Durbridge ist heute lesenswert, weil er uns in eine klassische Märchenkrimiwelt entführt. Es gibt klare Linien zwischen Gut und Böse, die Figuren werden nicht zu tief gezeichnet, wirken aber glaubhaft und zeitlos. Das Publikum bekommt von Anfang bis Ende einen reinen Krimi geboten. Die Handlung wird nicht durch soziale Probleme oder andere gesellschaftsrelevante Themen unterbrochen – Durbridge wollte das auch gar nicht. Ihm geht es nicht darum, eine Botschaft zu transportieren. Er will sein Publikum spannend unterhalten. Von Anfang bis Ende, pausenlos, ohne dass man dazu kommt, Luft zu holen. Und das gelingt ihm. Plötzlich geschehen ganz unglaubliche Dinge, mit denen keiner rechnet. In der sehr komplexen Auflösung wird dann jedoch alles logisch erklärt. Ein englischer Regisseur, der selbst Durbridge inszeniert hat, beschrieb es mal so: „Francis Durbridge hieß für mich, dass jemand, der am Ende der ersten Episode ermordet wird, bei der dritten Folge wieder zur Tür hereinspaziert.“ Man könnte auch sagen, dass Durbridges bekanntes Leitmotiv „Jeder lügt – nichts ist, wie es scheint“ seine Arbeitstechnik wohl am besten beschreibt.

Zauberspiegel: Für jemanden, der bisher Durbridge nur irgendwie mal gehört hat, sich aber jetzt mit den Romanen beschäftigen möchte ... Was sollte man als typischsten der Krimis lesen, und was ist das ausgewöhnlichste Werk von ihm, über das man wahrscheinlich keinen echten Einstieg in sein Hauptwerk bekommt, aber etwas wirklich Gutes von ihm lesen kann?
Georg Pagitz: Da fällt mir die Antwort schwer. Ich mag zum Beispiel „Ein Mann namens Harry Brent“ oder „Wie ein Blitz“ besonders, weil diese Geschichten sehr viele typische Durbridge-Zutaten beinhalten. Auch „Mein Freund Charles“ ist sehr spannend, bietet Überraschungen auf jeder Seite und ist daher zum Einstieg sehr gut geeignet. „Das Halstuch“ (das übrigens eigentlich auf Deutsch „Der Schal“ heißen müsste), Durbridges wohl bekanntestes Werk, finde ich zum Beispiel total überbewertet, aber das ist Kritik auf hohem Niveau.
Wer bei Paul Temple einsteigen möchte, ist gut mit „Paul Temple und das Genfer Rätsel“ bedient, oder auch mit „Paul Temple und die Schlagzeilenmänner“, einem fast 40 Jahre lang vergriffenen Roman, der im August bei Williams & Whiting. neu erscheint.
Wer etwas Ungewöhnliches lesen will, dem empfehle ich „Die Frau im Hintergrund“ aus dem Jahr 1950. Es ist der einzige Nicht-Whodunit von Durbridge und ein Roman, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Cornwall spielt. Das Thema ist auch hochaktuell: Es geht um Krieg und dessen Nachwirkungen sowie die Gefahr eines dritten Weltkriegs. Im Mittelpunkt stehen englische Helden, die die Welt vor bösen Ex-Nazis retten müssen, die eine Atomrakete stehlen und damit die Weltherrschaft erzwingen wollen. Dieses Buch ist unter literaturwissenschaftlichem Aspekt deshalb interessant, weil es wohl eines der ersten ist, das die Gefahr eines Atomkriegs und dessen Auswirkungen thematisiert. Außerdem hat es eine starke Frauenfigur als Protagonistin. Bemerkenswert ist auch, dass Durbridge diese Geschichte um einen Geheimagenten, der gegen Superverbrecher kämpft, drei Jahre vor Ian Flemings erstem James-Bond-Roman auf den Markt brachte.

Zauberspiegel: Heute geht es in dem Interview ja um die Paul-Temple-Romane von Francis Durbridge, insbesondere um das Genfer Rätsel. Wer ist Paul Temple?
Georg Pagitz: Paul Temple ist um die 40 Jahre alt – und das konstant über 50 Jahre, denn seinen ersten Fall löst er 1938, sein letzter erschien 1988. Er ist ein Oxford-Absolvent, der zunächst als Journalist arbeitete und sich auf Kriminalberichterstattung spezialisierte. Sein erster Kriminalroman schlägt ein wie eine Bombe. Er löst einige Fälle – anfangs zum Missfallen von Scotland Yard und Sir Graham Forbes, dem Chefkommissar. In seinem ersten großen Fall, dem Fall Max Lorraine, fordern Zeitungen, dass er die Sache untersucht. Auf diese Weise begegnet er auch seiner späteren Frau. Der renommierte Schriftsteller ist ein begeisterter Angler, sammelt Erstausgaben von Büchern, mag Komponisten wie Debussy und Beethoven sowie französische Maler. Er bewohnt ein Landhaus und eine schicke Wohnung im Londoner Nobelviertel Mayfair, später in der City of Westminster. Temple ist überall bekannt und bei Ganoven gefürchtet. Er trinkt gerne trockene Martinis und raucht in den frühen Fällen gerne Pfeife. Er legt Wert auf eine distinguierte Wortwahl und liebt (wie sein geistiger Vater Francis Durbridge) Reisen nach Südfrankreich und vor allem in die Schweiz. Er ist ein liebevoller Ehemann und versucht jegliche Gefahr von seiner Frau fernzuhalten. Er ist kein begnadeter Tänzer, führt seine Frau aber regelmäßig aus. Was die Fälle betrifft, so kann Temple durch seine langjährige Tätigkeit als Autor und Kriminologe auf viele nützliche Kontakte in der Londoner Unterwelt zurückgreifen und erhält dadurch immer topaktuelle und nützliche Informationen. Bei seinen Ermittlungen geht er höchst diskret vor und verrät nicht einmal seiner Frau, wer der große Drahtzieher ist.

Zauberspiegel: Paul ermittelt ja nicht alleine, Durbridge hat seinem Helden ein kleines eigenes Universum "spendiert", wie zum Beispiel auch bei Sherlock Holmes. Um wen handelt es sich da?
Georg Pagitz: Paul Temple ist verheiratet. Seiner Frau Steve begegnet er in seinem ersten Fall. Sie heißt eigentlich Louise Harvey und ist Journalistin. Da sie als Frau jedoch in einer Männerdomäne kaum Chancen hat, verwendet sie das männliche Pseudonym Steve. Dieser Name bleibt ihr. Ihr Bruder wird in Fall 1 von einem gefährlichen Kriminellen ermordet und sie bittet Paul, den Täter zu suchen. Steve ist eine unglaublich starke und moderne Frau. Wie sehr sie emanzipiert ist, manifestiert sich auch darin, dass sie es ist, die den Heiratsantrag übernimmt. Das ist für die damalige Zeit äußerst bemerkenswert. Sie ist nicht das Heimchen, das hinter dem Herd steht und kocht, sondern sie begleitet ihren Mann unerschrocken in alle Gefahren und ist stets an seiner Seite. Nach dem fünften Temple-Fall ist sie schwanger, der gemeinsame Sohn Timothy taucht aber dann nur noch sporadisch in ein, zwei Nebensätzen auf. Aber auch da kommt durch: Sie arbeitet weiter, während das Kind bei der Tagesmutter ist. Steve liebt neue Kleider, ist stets etwas unpünktlich und fährt sehr rasant Auto. Ihre weibliche Intuition ist in Pauls Fällen oft lebensrettend. In einer späteren Schaffensphase von Durbridge ist sie nicht mehr Journalistin, sondern Modezeichnerin. Für diese starke Frauenfigur gab es auch ein Vorbild: Steve hat ihre Charaktereigenschaften von Norah Durbridge, der Ehefrau des Autors.
Ein wichtiger Charakter im Temple-Universum ist außerdem Sir Graham Forbes von Scotland Yard, der Temple immer wieder um Mithilfe in schwierigen Fällen bittet. Er war früher beim Militär, hat – zumindest im Original – oft ein resches Auftreten, trägt ein Monokel und einen Schnurrbart. Sein Mitarbeiter Vosper, der ab dem 7. Temple-Fall auftaucht, gehört später auch zu den Stammfiguren. Er ist anfangs bei Steve nicht sehr beliebt, ist über viele Jahre hinweg dann mit den Temples gut bekannt, bevor er in den späteren Phasen der Romane wieder mehr auf Distanz zu Temple geht und seine Einmischung nicht goutiert.
Schließlich muss man noch den Diener Charlie erwähnen, der so etwas wie das Comic-Relief ist. Er ist ein rund 30jähriger Cockney, der flink ist, aber Temple auch mit seinen flapsigen Sprüchen zur Weißglut bringt. Sein „Okay“ oder „Okedoke“ versucht Paul ihm ständig abzugewöhnen. Charlie ist ein begeisterter Tänzer, hat eine Freundin und ist häufiger Gast im Palais de danse. In vielen Fällen ist er auch in irgendwelcher Weise in den Fall verwickelt, so zum Beispiel in der Gregory-Affäre, wo er am Ende dem Haupttäter sogar einen Kinnhaken verpassen darf.

Zauberspiegel: Wie viele Paul Temple-Romane gibt es insgesamt? Welcher Roman ist der chronologisch erste?
Georg Pagitz: Die Frage ist schwer zu beantworten. Wie so oft bei Durbridge kommt es darauf an, wie man zählt. Wenn man nur die Romane zählt, in denen Temple die Hauptfigur ist, dann sind es 13, die sich über sechs Phasen erstrecken. Wenn man jene mithinzuzählt, die auf einem Temple-Hörspiel beruhen, aber in der Romanfassung ohne die Temples auskommen, sind es 17 bzw. 19. Ich habe das genau in meinem vierzigseitigen Artikel „Die Romane von Francis Durbridge“ erläutert, der als „Bonus“ im 39. Band von Williams & Whiting, „Die Nylonmorde“, im Juli 2025 erscheint.
Der erste Roman ist „Paul Temple und der Fall Max Lorraine“. Er erschien 2021 bei Pidax erstmals auf Deutsch und beruht auf dem ersten Hörspiel. Gleichzeitig ist dieses Werk ganz stark von Edgar Wallace, Durbridges großem Vorbild, beeinflusst, was man an ganz vielen Dingen bemerkt. Ab dem 2. Fall entwickelt Durbridge dann immer mehr seinen ganz eigenen Stil.

Zauberspiegel: Was ist das Besondere an Paul Temple?
Georg Pagitz: Paul Temple kann als die erste multimediale Kriminalfigur betrachtet werden, die es innerhalb kürzester Zeit in alle damals verfügbaren Medien schaffte: Er war Held in 22 Hörspielen (wovon 20 Mehrteiler waren) und in insgesamt 160 Einzelepisoden, Protagonist in 13 Romanen, in einem Theaterstück, vier Kinofilmen, achtzehn Kurzgeschichten und in 6282 Folgen eines über 20 Jahre fast täglich erscheinenden Comics. Schließlich kamen noch 52 Episoden einer TV-Serie hinzu. Das ist mehr als beachtlich und spricht für die Qualität und die Popularität der Figur.
Außerdem erfuhren die Temple-Hörspiele zahllose Adaptionen in verschiedenen Sprachen: Sie waren im gesamten Commonwealth zu hören – beispielsweise auch in Kanada, Afrika und Australien –, in Deutschland, Frankreich, Italien, Norwegen, Schweden oder den Niederlanden. Aber auch in Griechenland und in Israel waren die Stücke extrem populär. Wie später bei den Fernsehmehrteilern, die auch in allen Ländern einzeln auf Basis von Durbridges Drehbüchern produziert wurden, spielte eine entscheidende Rolle, dass beliebte landeseigene Darstellerinnen und Darsteller in den Stücken sprachen.

Zauberspiegel: Was beim Lesen natürlich auffällt, ist die Tatsache, dass die Romane nicht heute spielen, es gibt immer wieder mehr oder weniger Kleinigkeiten, die einen merken lassen, dass die Romane aus den 60er, 70er Jahren stammen. Bei dem Paul Temple-Roman um das Genfer Rätsel ist dies auch der Fall. Das beginnt mit den Pelzen, den die Damen tragen, über die klassische Tatsache, dass die Männer sofort einen Brandy oder Whisky in der Hand halten, die Damen eher Martinis, bis hin zu einem gewissen herablassenden Unterton, der ab und an in den Dialogen doch etwas durchkommt. Wie siehst du das? Die Damen, allen voran Pauls Frau Steve, sind nicht die "kleinen Dummchen", die hinter den erfolgreichen Männern zurückstehen müssen, aber wirklich gleichberechtigte Protagonistinnen sind sie auch nicht. Gleichst du dies bei den Neuübersetzungen vorsichtig an, oder belässt du solche kleinen Schwenker in ihrer ursprünglichen Form?
Georg Pagitz: Nein, ich belasse das im Sinne der Texttreue so. Die Temple-Stoffe wurden immer ihrer Zeit angeglichen, der Genfer Fall beispielsweise ist einer von vier Romanen, die im Fahrwasser der populären TV-Serie Anfang der 1970er aus geschickten marketingtechnischen Gründen erschien. Dementsprechend sind die Figuren der TV-Serie angepasst und auch der Lebensstil entspricht dem Zeitgeist. Die ersten Bücher spielen Ende der 1930er-Jahre und Temple und Steve werden dort auch anders geschildert.

Zauberspiegel: Warum überhaupt Neuübersetzungen? Es gibt doch einen Großteil der Romane von Durbridge in älteren Übersetzungen auf Deutsch.
Georg Pagitz: Das hat neben der rechtlichen Seite vor allem einen Grund: Sämtliche alte deutsche Übersetzungen sind (teilweise sehr stark) gekürzt. Oft fehlen ganze Absätze und Seiten, andere Werke – wie etwa Paul Temple und die Schlagzeilenmänner – vermitteln eher den Eindruck, als habe der damalige Übersetzer nach dem Lesen eines Originalkapitels einfach eine sinngemäße Zusammenfassung geschrieben. Da gibt es beispielsweise Dialoge, wo im Original keine sind und umgekehrt, und ganze Absätze sind in einem Satz zusammengefasst.
Ein weiterer Punkt ist, dass es bei Durbridge oft um Spionage geht, aber Bezüge auf die deutsch-deutsche Teilung, oder etwa den deutschen Bombenangriff auf London während des Zweiten Weltkriegs in den alten Übersetzungen einfach eliminiert oder nicht erwähnt wurden. Auch Stellen, in denen auf zur Zeit der Entstehung bekannte Persönlichkeiten, Werke oder Ereignisse Bezug genommen wird, wurden in den alten Übersetzungen einfach entfernt. In meinen Neufassungen habe ich alle fehlenden Stellen wieder integriert, auch solche, die für Leserinnen und Leser heute nicht mehr begreifbar sind, weil sie die jeweiligen Zusammenhänge nicht mehr verstehen. Hier habe ich in Fußnoten notwendige Erläuterungen eingeführt.

Zauberspiegel: Du übersetzt ja für einen britischen Verlag, der die Bücher in Deutschland verkauft. Wie viele Bände wird es geben, wie viele sind schon erschienen?
Georg Pagitz: Erschienen sind 2018 und 2021 zwei Bände bei Pidax (die Kurzgeschichten und der allererste Paul-Temple-Roman). Bei Williams & Whiting sind im englischen Original seit Anfang 2022 bisher 68 Bände erschienen, auf Deutsch sind bis dato 39 Bände erhältlich (Stand: Juli 2025). Weitere Bücher sind bis Band 46 druckfertig, jeden Monat erscheint ein neues. Wie viele noch kommen, weiß ich nicht genau, aber es könnten schon noch einige werden …

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