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Der Fluch der fliegenden Schädel - Eine Geisterjäger John Sinclair Story (Teil 2/3))

FanfictionDer Fluch der fliegenden Schädel
Eine Geisterjäger John Sinclair Story (Teil 2/3)

Sie trafen praktisch zeitgleich beim Revier ein. MC beäugte die beiden Hauptstadtcops.

Ein langer dünner, der allerdings langsam anzusetzen schien; sowie ein etwas kleinerer, der dabei jedoch immer noch einen guten Kopf größer war als sie. Der Kleinere war dafür doppelt so breit wie der lange. Hongkong-Chinese. Mit Ethnien kannte MC sich aus.

Bei dem Langen tippte sie auf finsterstes Schottland. Westküste. Er roch ganz leicht nach Fish & Chips.

Sie begrüßten und stellten einander vor.

"Was haben Sie mit Ihrer Heckscheibe gemacht?", fragte der Chinese mit Blick auf MCs demolierten Dienstwagen.

"Was haben Sie mit der Frontverglasung angestellt?", fragte MC anstatt einer Antwort mit Blick auf den Audi.

"Ist uns was reingeflogen", sagte der Lange, Oberinspektor John Sinclair.

"Das muss aber ein großer Vogel gewesen sein. Und ich seh´ auch gar keine Federn", wunderte sich MC.

"Wir glauben, das liegt daran, dass es vielleicht gar kein Vogel war, Deputy Corbijn", sagte Inspektor Suko und biss sich auf die Lippe.

MC sah den Chinesen an und nickte nur stumm. Der nickte zurück. Sie wandte sich um und ging auf das Wachgebäude zu.

"Kommen Sie mit. Ich hab´ da was im Kühlschrank, das sollten Sie sich ..."

Ein lautes Krachen aus dem inneren des Gebäudes unterbrach sie, gefolgt von einem markerschütternden Schrei.

***

Deputy Corbijm hatte sofort reagiert, war zur Tür gelaufen und hatte sie aufgeschlossen. Mit gezogenen Waffen, nach allen Seiten sichernd, betraten wir das Gebäude.


Ebenerdig, mehr oder weniger ein Bungalow. Das Innere wirkte freudlos, schon weil kaum Licht von außen hineinfiel.

Wir sicherten das gesamte Gebäude.

In den Toilettenräumen wurden wir schließlich fündig.

Die Leiche war männlich und trug eine Polizeiuniform. Wo das Gesicht gewesen war, war nur mehr eine blutige Masse.

Der Kollege musste sich vom Wachraum bis hierher geschleppt haben, wohl auf allen Vieren.

Oder aber er war geschleift worden.

Die Blutspuren auf dem Boden markierten deutlich sichtbar den Weg.

Das kleine Fenster in der Außenwand hinter der Leiche stand offen.

Ein Mensch hätte dort niemals hindurchgepasst. Nicht mal ein Kind. Bestenfalls ein Säugling, aber den konnten wir als Täter zumindest hier getrost ausschließen.

Ein einzelner menschlicher Schädel allerdings schon.  

"Was ist hier passiert?", fragte Suko.

Deputy Corbijn hatte vom Telefon auf ihrem Schreibtisch aus den Notarzt verständigt., dabei jedoch gleich angemerkt, dass Eile nicht mehr geboten sei. Jetzt deutete sie auf die Kaffeemaschine. "Brewster wollte Kaffee trinken."

"Dafür musste er aber doch nicht unbedingt an den Kühlschrank", sagte ich.

"Brewster trank seinen Kaffee immer mit sehr viel Milch."

Ich erwiderte nichts. Aber insgeheim war ich froh, dass ich meinen immer schwarz trank.

***

"Wir haben es also mit mindestens zwei verschiedenen fliegenden Schädeln zu tun, einem männlichen und einem weiblichen. Den männlichen haben Sie, MC, an der Straße beim Wald gefunden, hierher gebracht, sind von ihm attackiert worden und haben ihn dann in den Kühlschrank sperren können. Der zweite Schädel hat sowohl Sie, MC, im Wald attackiert, an der Stelle, wo sie die drei Leichen gefunden haben; und war es möglicherweise auch, der meinem Partner und mir die Frontverglasung ruiniert hat."

Suko winkte ab. "Vollkasko."  

Ich brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen.

"Gehen wir weiter davon aus, dass Schädel Nummer eins sich aus dem Kühlschrank befreien konnte oder von Deputy Brewster versehentlich befreit wurde -"

Die Kühlschranktür hatte weit offen gestanden, als wir ins Wachbüro gekommen waren. Ich sah MC an, und sie sah weg.

"- dann sind jetzt mindestens zwei, vielleicht aber auch drei oder noch mehr Schädel dort draußen unterwegs. Den Schädel, der Sie, Deputy, im Wald attackiert hat, haben Sie an Ort und Stelle in Stücke geschossen. Allerdings mit konventioneller Munition, weswegen ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen will, dass Sie in der Beziehung wirklich erfolgreich waren ..."

Deputy Corbijn schüttelte den Kopf. "Der Schädel ist hin. Der war nur noch Schaschlik, ach was, Frikassee."

Ich musste lächeln. Immer wieder erlebte ich, wie Außenstehende alltäglich gültige Maßstäbe an Phänomene des Magischen, besonders des Schwarzmagischen, anlegten; und dann erstaunt feststellen mussten, dass die Hölle und ihre Heerscharen in keines der vorgefertigten Raster passen wollte. "Hoffen wir, dass Sie recht haben. - Mindestens einer der fliegenden Schädel hat bereits einen Mord begangen, wobei wir nicht wissen, auf wessen Konto die Leichen auf der Lichtung gehen. Wie, sagten Sie, nennt man hier diesen Ort, MC?"

Deputy Corbijn starrte mich an.

"Den alten Richtplatz. Oder Richtstatt. Richtstatt ist, glaube ich, der altertümlichere Ausdruck." Sie runzelte die Stirn. "Denken Sie, der Ort könnte irgendwas mit den Schädeln zu tun haben?"

"Keine Ahnung", sagte ich. "Wer könnte uns denn was darüber erzählen?"

Corbijn überlegte. "Wahrscheinlich jemand, der schon ziemlich lange hier lebt. In Maidenhead, meine ich. Brewster hätte vielleicht was gewusst."

Sie schluchzte.

Suko und ich starrten in unsere Kaffeetassen.

"Die toten Männer im Wald", sagte unsere junge Kollegin, nachdem sie sich die Nase geputzt hatte. "Was wird mit ihnen?"

"Nun, ich denke, die Kollegen von Yard kümmern sich darum. Sind bereits unterwegs."

"Sicher", gab sie zu bedenken. "Aber der Weg von der befestigten Straße durch den Wald zur Lichtung ist ziemlich leicht zu übersehen. Was, wenn sie ihn nicht finden und stattdessen stundenlang rumkurven?"

Da hatte sie allerdings recht. Außerdem hatte sie erwähnt, dass einer der Leichen der Kopf fehlte.

Kurz hintereinander trudelten das Notarztteam, das sich um den Leichnam von Deputy Emmett Brewster kümmern würde, und zwei weitere Polizisten in Uniform ein. Die Kollegen hatten Ersatz-Bereitschaftsdienst. MC hatte sie herbeordert.

Einen der beiden, einen blasser Jüngling namens Cave, stellte sie als Lotsen für die anrückenden Kollegen vom Yard ab. Er sollte sich an der Abzweigung zur Lichtung im Wald positionieren und dem Tatortteam den Weg weisen.

Den anderen teilte sie als Notbereitschaft ein sowie für den Telefondienst.

Dann trat sie wieder zu Suko und mir.

"Und was haben Sie nun vor?"

"Tja", sagte ich. "Wenn es nach uns ginge: Alle vorhandenen Schädel möglichst schnell und ohne große Kollateralschäden finden und vernichten."

MC grinste. "Search and destroy?"

"Genau. - Da sich in die Richtung aber gerade nichts zu tun scheint, schlage ich vor, wir fahren gemeinsam zum Richtplatz und schauen uns die Leichen mal an."

MC seufzte. Der Anblick und die folgende Attacke durch den fliegenden Schädel hatten sie wahrscheinlich mehr mitgenommen, als sie zeigen wollte.

"Alles klar. Fahren Sie mir einfach nach."

Draußen standen wir dann vor unseren Wagen. Deputy Corbijns Streifenmobil war mit der geborstenen und zersplitterten Heckscheibe eindeutig nicht mehr straßentauglich. Und unser Audi, den es von vorn getroffen hatte, erst recht nicht.

"Heute ist Sonntag, da haben alle Werkstätten geschlossen", sagte die junge Polizistin. "Ich werde Gordy anrufen." Sie ging ein paar Schritte zur Seite und telefonierte mit ihrem Mobilgerät.

Wer immer auch Gordy sein mochte - wenn er den Audi wieder auf Vordermann brachte, war er mir willkommen.

Corbijn beendete das Gespräch und trat wieder zu uns.

"Alles klar, der Reparaturdienst ist unterwegs. Wollen wir warten?"

Ich schüttelte den Kopf. "Nutzen wir lieber die Zeit."


 
***

Also hatten wir uns zu dritt in einen anderen Streifenwagen gequetscht, und Deputy Corbijn chauffierte Suko und mich zu jenem mitten im Wald gelegenen ehemaligen Richtplatz, der offenbar jetzt wieder in Betrieb war. Die Beschreibung des Tatorts und des Zustands der Leichen, wie Corbijn sie geliefert hatte, ließen kaum einen anderen Schluss zu.

Corbijn fuhr, ich saß auf dem Beifahrersitz, während Suko es sich im Fond bequem gemacht hatte.

Deputy Corbijn erkundigte sich während der Fahrt nach der Londoner Polizei. Wie sich herausstellte, hatte sie bis vor einem Jahr ebenfalls in der Hauptstadt gedient. Offenbar war sie nach Maidenhead zwangsversetzt worden. Ganz deutlich wurde sie in der Beziehung nicht. Irgendwas mit Insubordination in Tateinheit mit Beleidigung eines Vorgesetzten.

Sie machte auf mich den Eindruck einer zupackenden, selbstbewussten Frau. Wenn sie sich mit einem Vorgesetzten angelegt hatte, mochte es dabei ordentlich zur Sache gegangen sein.

Plötzlich verlangsamte sie den Wagen. Ich blickte nach vorn. Ein dunkler Wagen, der uns entgegen gekommen war, bog vielleicht zweihundert Yards vor uns gerade in den an die Straße grenzenden Wald ab. Ich tippte auf einen Chevrolet. Aus der Distanz war das nicht richtig zu erkennnen gewesen.

Corbijn sah mich an. "Waren das Ihre Kollegen vom Yard?"

Ich schüttelte entschieden den Kopf. "Die kommen mit mehr als einem Wagen, so viel ist sicher."

Sukos Kopf erschien zwischen Corbijn und mir. Er deutete nach vorn.

"Da lang geht´s zu diesem Richtplatz?"

Corbijn nickte.

"Gutes Timing", sagte ich. "Dann mal hinterher. Aber auf Abstand. Schleichfahrt."

***

Sie hatten den selben schwarzen Chevy genommen, mit dem Milton am Morgen schon einmal hierher gefahren und kurz darauf Hals über Kopf wieder getürmt war. Diesmal saß er am Steuer. Morgens hatte Tony den Wagen gefahren. Tony lag nun auf der Lichtung im Wald in der Sonne, mit zerkautem Gesicht und zerfetztem Hals.

Hillbilly hatten sie den Kopf abgeschnitten. Dann hatte er, Milton, die Leiche präpariert. Damit die Bullen weder Finger- noch Gebissabdrücke mit denen in ihrer Datenbank abgleichen konnten und so ratzfatz gewusst hätten, dass die Leiche sich ehedem als ein gewisser Hillbilly Hill durch London gegaunert hatte. Bis er gierig geworden war. Und seinem Boss eine knappe Million geklaut hatte. Was dieser spitzgekriegt hatte. Pech für Hillbilly.

Was mit Frank passiert war, hatte Milton nicht mehr mitgekriegt. Er hatte seinen Kumpel in das halb ausgehobene Grab, das sie für Hillbilly gegraben hatten, stürzen sehen. Dann hatten sich mehrere dieser gruseligen, mordsgefährlichen fliegenden Schädel auf Frank gestürzt.

Wenn Milton sich vorstellte, was die Schädel wahrscheinlich mit Frank gemacht hatten, wurde ihm schlecht. Vor Angst.

Denn genau dorthin, wo all das passiert war, waren sie nun unterwegs. Er und Pinky und Rollo. Zwei tumbe Muskelmaschinen, die taten, was man ihnen sagte, und keinerlei Fragen stellten.

Wie gemacht, um Knochen zu brechen, Schädel zu zertrümmern - oder um möglichst schnell  ein Loch zu buddeln, in dem man drei Leichen verschwinden lassen konnte.

Wobei es ihm, Milton, oblag, auch noch die Leichen von Frank und Tony zu präparieren.

Keine Frage, der Tag war einer von der rabenschwarzen Sorte.

Sie tuckerten durch den sich rasch verdichtenden Wald. Pinky und Rollo saßen nebeneinander auf der Rückbank, mit dem Ergebnis, dass der Chevy nach hinten mächtig durchhing. Alle naslang schlug der Boden am Heck auf dem unebenen Waldboden gegen eine Wurzel oder einen Stein. Jedesmal rummste es. Pinky und Rollo verzogen keine Miene.

Einmal, als es ein paar Dutzend Yards geradewegs geradeaus ging, meinte Milton, im Rückspiegel etwas funkeln gesehen zu haben. Wurden sie etwa verfolgt?

Er beschloss, es nicht darauf ankommen zu lassen, bremste den Wagen aus Mangel an Alternativen mitten auf dem Weg und hielt.

Das Muskel-Doppelgebirge auf der Rückbank sah einander fragend an.

"Was ist?", fragte Pinky, der Glatzköpfige. Rollo hatte schulterlange Locken. Deswegen nannte O´Bannon ihn manchmal scherzhaft Rudi Völler. Anfangs hatte Milton geglaubt, das sei Rollos richtiger, bürgerlicher Name. Bis Hillbilly ihn aufgeklärt hatte. Milton hatte nur die Achseln gezuckt. Er interessierte sich nicht für Fußball.

"Wartet", sagte Milton, sah kurz auf die Uhr im Armaturenbrett und behielt danach wieder den Rückspiegel im Blick.

"Sicher ist sicher."

Als sich nach drei Minuten noch nichts und niemand im Rückspiegel gezeigt hatte, war Milton überzeugt, dass das Funkeln, das er beobachtet hatte, harmlos gewesen war. Er startete den Wagen und fuhr weiter.

Pinky und Rollo hatten die ganze Zeit über still auf der Rückbank gesessen und geschwiegen.

Wahrscheinlich war ihnen nichts eingefallen, was sie hätten sagen können.

Die Lichtung sah noch immer aus, wie Milton sie mittags, halb irr vor Grauen und Angst, verlassen hatte. Nur die Sonne war weitergewandert. Das Licht fiel nun in einem flacheren Winkel. Die Schatten des Waldes griffen nach dem Ort, um ihn sich einzuverleiben. Milton erschauderte.

Rollo und Pinky hatten bereits die Schaufeln gefunden, mit denen Frank und Tony zuvor gegraben hatten.

"Grabt das angefangene Grab weiter", wies Milton sie an. "Aber holt vorher Franks Leiche raus."

Da muss ich noch ein wenig Anonymisierungsarbeit leisten, dachte er bei sich selbst, während er seinen Werkzeugkasten holte, der immer noch dort stand, wo Hillbillys Leiche aufgestanden war und -

Milton schielte zu Hillbillys kopflosem Körper hinüber, den Pinky und Rollo ebenfalls aus dem Grab gehievt hatten. Er schien jetzt vollends tot zu sein.

Schien.

Immerhin: Mit Hillbilly war Milton so weit fertig. Also wandte er sich Tonys Leiche zu. Auch der sah übel aus. Die eine Gesichtshälfte hing in Fetzen. Der Hals war an einer Seite so tief aufgerissen, dass Milton bei genauem Hinsehen die blanken, in Anspannung und letztendlich im Tod erstarrten Sehnen erkennen konnte. Er war froh, seit dem Frühstück nichts mehr gegessen zu haben.

Er griff nach der Geflügelschere und machte sich an den Tonys Fingern zu schaffen. Dabei warf er immer wieder einen Blick nach oben, in die Lüfte. Im Gegensatz zu Pinky und Rollo war ihm bekannt und gewusst, in welcher Gefahr sie allesamt schwebten ...

***

Linus McWright liebte es, den Rasen hinterm Haus zu mähen. Und seine Eltern ließen ihn gern mähen. Bekam der übergewichtige Sechzehnjährige so doch wenigstens ein wenig Bewegung. Ansonsten saß er entweder vor seinem Computer und spielte Spiele, die ab 18 waren und eifrig auf dem Pausenhof seiner Schule kursierten, natürlich mit decodiertem und geknacktem Kopierschutz. Oder er las kleine Hefte, in denen angeblich jeweils ein ganzer Roman steckte. Er las Horror, Fantasy, Science-Fiction, Krimis und Western. Auch Ärzte-, Berge- und Fürstenromane hatte seine Mutter schon in Linus´ Zimmer gefunden.

Zu allem Übel hatte Linus kürzlich verkündet, selbst Schriftsteller werden zu wollen, und seinen Eltern seine ersten eigenen Versuche in diversen Genres präsentiert.

Die Eltern waren danach ziemlich ratlos gewesen.

Darum hatten sie auch nichts dagegen, wenn Linus alle drei Tage den Rasen mähte. Auch wenn das auf Dauer für den Rasen alles andere als gut sein würde.

Wenn Linus den Rasen mähte, bekam ihr Sohn Bewegung und schriftstellerte nicht.

Der Rasen hinter dem adretten Haus im Grünen maß gut und gern ein Viertel Fußballfeld. Wenn Linus´ Rasenmähspleen nicht gewesen wäre, hätte sein Vater wohl einen jugendlichen Arbeitslosen oder einen armen Schüler anhauen müssen, damit der ihm für zwei Pfund fünfzig die Stunde alle zwei bis drei Wochen den Rasen kürzte.

Dank seines Sohnes konnte er sich das Geld sparen.

Linus schob lässig den elektrischen Mäher übers Gras. Er hatte keine Freunde, und er wollte auch gar keine. Am liebsten war er allein und versank in fremden Welten, in Computerspielen und fantastischen, spannenden Romanen. Die besten waren in letztem Fall auch gleich die billigsten. Sein Taschengeld reichte für gut zwei Dutzend Stück pro Monat.

Die Spiele waren allesamt Raubkopien. Alle in seiner Klasse kopierten sie. Alle hatten Doom, die ganze Palette, auch das allerneueste. Besonders in den unteren Klassen, von der zweiten an aufwärts, waren alle ganz wild auf Doom. Besonders die Mädchen.

Linus spielte lieber Tomb Raider. Er war immerhin schon Sechzehn. Und da er keine Freunde hatte, hatte er folgerichtig auch keine Freundin. Lara Croft wäre allerdings genau die Richtige für ihn gewesen. Tough, gut gebaut; und sie tat alles, was er wollte. Zumindest auf dem Computermonitor.

Lara war zwar etwas gröber gepixelt als einige ihrer jüngeren Kolleginnen, aber das kam Linus durchaus entgegen.

Es ließ der Fantasie entschieden mehr Spielraum.

Linus kam an den Rand des Rasens, machte eine scharfe 180-Grad-Kehrtwende und marschierte in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Nur um eine Rasenmäherspur versetzt.

Rasenmähen beruhigte ihn. Die stumpfe, systematische Arbeit, dabei der eintönige Lärm des Elektro-Mähers. Das alles war wie eine Massage fürs Hirn. Außerdem freuten sich seine Eltern offensichtlich jedes Mal, wenn er ihnen gegenüber ankündigte, wieder mal zur Tat schreiten zu wollen. Vermutlich freuen sie sich, weil sie denken, dass ich mehr Bewegung brauche, dachte Linus. Außerdem gefällt ihnen nicht, was ich schreibe.

Aber, dachte er weiter, ihnen gefällt auch nicht, was ich lese. Also zählt ihr Urteil nicht. Aber vielleicht sollte ich mal was ausdrucken und in der Schule verteilen ...

So dachte Linus, merkte, dass er dabei die ganze Zeit auf den Rasenmäher vor sich hinab gestarrt hatte, und hob den Kopf.

Und blieb wie angewurzelt stehen.

Nur wenige Yards vor ihm, auf Augenhöhe, schwebte körperlos ein Schädel. Er sah aus wie ein Zombie in den einschlägigen Filmen, die Linus natürlich ebenfalls kannte. Auf seiner Festplatte nahmen sie mit Abstand den meisten Speicherplatz ein.

Nein, korrigierte sich Linus. Er sieht eher aus wie der Schädel einer Hexe. Einer Zombie-Hexe, falls es so etwas gibt.

Zuerst dachte Linus an einen makabren Scherz. Jemand - wahrscheinlich hatten die Thompson-Zwillinge von nebenan die Finger im Spiel - hatte eine Flugdrohne, wie sie jetzt allerorts durch die Luft schwebten, als Zombietotenschädel präpariert und verkleidet. Doch dann hätte der Kopf irgendwo einen Propeller oder Flügel aufweisen müssen. Das war nicht der Fall.

Linus blickte sich hilfesuchend um. Aber er war allein. Allein auf dem Rasen, allein im Garten. Seine Eltern, das wusste er, hielten sich im Haus auf. Doch bis dahin war es weit, und Linus war dank seiner Rasenmäherei zwar ein ausdauernder Flaneur, aber kein überragender Sprinter.

Genau genommen konnte er überhaupt nicht sprinten.

Nicht mal rennen.

Bestenfalls laufen.

Im weitesten Sinne.

Und auch das kaum lange und weit genug.

Der fliegende Schädel schwebte jetzt genau eine Armlänge entfernt in Augenhöhe vor ihm. Blutige, pupillenlose Augen starrten ihn an. Der Mund öffnete sich, Leichenwürmer wanden sich heraus und fielen in schleimigen Bündeln zu Boden. Die langen, strähnigen Haare wehten leicht im Wind.

Auf einer Wange des Schädels zeichnete sich ein rosa Fleck ab, der aussah wie eine frisch vernarbte Wunde.

Linus dachte nicht groß nach. Er hätte auch gar nicht gekonnt, selbst wenn er gewollt hätte. Angesichts dessen, was da vor ihm schwebte und ihn mit mahlenden Kiefern anglotzte, hatte sich sein Verstand bis auf weiteres empfohlen.

Linus schob den Rasenmäher mit laufendem Motor zur Seite, breitete die Arme aus, als wolle er den Schädel umarmen, spannte Schultern und Oberarme an und schlug zu. Er verpasste dem Schädel eine knallharte beidseitige Doppelbackpfeife. Der Schädel riss das Maul auf, und Leichenschleim und Würmer spritzten Linus ins Gesicht. Der Schädel geriet ins Trudeln. Der Sechzehnjährige, über dessen Hängebauch sich das Dämonenkiller Dorian Hunter-T-Shirt spannte, ballte eine Hand zur Faust und ließ sie von oben auf den Schädel krachen. Er war neben Lara Croft und Dorian Hunter auch Fan von Bud Spencer, und dies war eine von Bud Spencers bevorzugten Kampftechniken, um einen Gegner ins Reich der Träume zu schicken. Bud Spencer machte das in praktisch jedem seiner Filme.

Und es funktionierte auch hier. Wie ein Stein fiel der Schädel zu Boden, rollte noch ein paar Meter und lag dann still.

Linus atmete tief durch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.  

Dann drehte er sich um und lief so schnell wie noch nie in seinem Leben. Dabei schrie er aus Leibeskräften, aber seine Schreie gingen unter im Motorenheulen des elektrischen Rasenmähers, der verwaist auf dem Rasen zurückblieb.

Der Schädel schüttelte sich, rollte sich ein paarmal im Gras hin und her, schoss wieder in die Höhe und verharrte dort. Er blickte dem dicken Jungen nach, der schwerfällig Richtung Haus stolperte.

Er fletschte die nadelspitzen Zahnstümpfe zu einem höllischen Grinsen - und jagte der fliehenden Beute nach, die nicht die geringste Chance hatte ...

***

Deputy Melanie Corbijn trat abrupt und ohne Vorwarnung auf die Bremse. Der Wagen bockte und blieb stehen. Suko, der hinten saß und nicht angeschnallt war, krachte mir ins Kreuz.

"Sie haben angehalten", sagte Deputy Corbijn auf meinen fragenden Blick hin, ohne mich anzusehen. Sie spähte unverwandt durch die Frontverglasung hinaus auf den kaum erkennbaren Weg vor uns.

 

Ich folgte ihrem Blick. "Sorry, aber ich seh´ überhaupt nichts. Nur Wald."

"Sie haben angehalten. Ich schätze mal, sie warten. Ob sie verfolgt werden. Entweder sie machen das routinemäßig, oder sie haben uns irgendwie bemerkt."

Ich versuchte weiterhin, in all dem Grün und Braun etwas, das einem dunklen Wagen ähnelte, zu entdecken. Ohne Erfolg.

Schließlich, nach ein paar Minuten, die wir schweigend geharrt hatten, ließ Deputy Corbijn den Wagen wieder an und fuhr weiter.

"Sie fahren weiter", sagte sie, ohne den Blick vom Weg vor uns zu nehmen, "also fahren wir auch weiter."
 

Nochmal zwei oder drei Minuten später schien sich der Wald weit vor uns zu lichten.

Corbijn bremste wieder den Wagen.

"Wie machen wir´s?", fragte sich mit Blick auf mich und Suko. "Mit Blaulicht und Tatütata Sturmangriff - oder lautlos anschleichen wie die Indianer?"

Sie grinste. Ich lüpfte eine Braue.

"Was schlagen Sie vor, MC?"

Sie überlegte keine Sekunde.

"Da wir weder wissen, wer unser Gegner ist, noch wie zahlreich er ist und über welche Waffen er verfügt, würde ich sagen - anschleichen."

Mal ganz davon abgesehen, dass wir nicht einmal wussten, ob wir es überhaupt mit einem oder mehreren Gegnern im funktionalen Sinne zu tun hatten. Vielleicht saßen in dem Wagen, dem wir gefolgt waren, auch bloß ein paar harmlose Kiffer, denen die Lichtung Platz und Gelegenheit bot, um unbeobachtet in freier Natur mal ordentlich einen durchzuziehen. Das Wetter war schließlich gut. Da konnte man sich die Sonne gleich direkt ins Herzen scheinen lassen.  

"Eine hervorragende Wahl", lobte ich, und wenn mich nicht alles täuschte, wurde Deputy Corbijn dabei sogar einen Anflug lang rot im Gesicht. "Ausfächern können wir nicht groß, Suko und ich können uns bestenfalls auf den letzten Metern ein wenig in die Büsche schlagen. Sei´s drum. Den Auftritt überlassen wir ihnen, MC. Dies ist Ihr Revier. Wir sind Ihre Rückendeckung. Die Kavallerie, sozusagen."

MC überlegte kurz. "Einverstanden."
 

***

Wir waren bis auf gut zwei Dutzend Yards an die Einfahrt zur Lichtung heran, da sahen wir schon durchs Dickicht, was dort passierte.

Wir sahen drei Schatten am Boden liegen, die wohl die Leichen waren, die Corbijn gefunden hatte. Dazu zwei bullige Typen, wahre Muskelberge, die mit Schaufeln in Handarbeit eine Grube aushoben. Sowie einen dritten Mann, der neben einer der Leiche kniete und offenbar an ihr herumhantierte.

"Das sind keine Kiffer", flüsterte die Deputy. "Die wären viel zu faul, um eine Grube auszuheben. Ich tippe darauf, dass die Killer zurückgekehrt sind, um die Spuren, also die Leichen, zu beseitigen."

"Dem schließen wir uns an", sagte ich, und Suko nickte.


***

Milton war gerade mit Tonys Zähnen fertig geworden. Nun hockte er neben Franks Leiche. Ein paar Meter weiter schnauften Pinky und Rollo wie Pferde, während sie unablässig die Grube verbreiterten und vertieften. Nicht mehr lange, dann würden sie die Leichen hineinwerfen, auf dem Rückweg Zähne, Fingerspitzen und Augäpfel in der Themse versenken, und dann würde dieser Alptraum hoffentlich für immer vorbei sein. Hoffte zumindest Milton inständig.

Seit sie die Lichtung erreicht hatten, rauchte er Kette. Franks Leiche wies kaum noch einen Fetzen heilen Fleisches auf. So muss man aussehen, wenn man in einen riesigen Fleischwolf gerät, dachte Milton. Nur dass es so große Fleischwölfe wahrscheinlich gar nicht gab.

Plötzlich riss ihn ein Geräusch aus seinen Gedanken. Ein Wagen. Das Geräusch eines fahrenden Wagens. Es wurde lauter. Das konnte nur eins bedeuten.

Er kam auf die Lichtung zu.

Milton sprang auf, spuckte die brennende Zigarette aus, die zwischen seinen Lippen gehangen hatte, und zog gleichzeitig seine Waffe aus dem Schulterholster unter der Jacke. Pinky und Rollo hoben die Köpfe und starrten in Richtung der Zufahrt zur alten Richtstatt.

Dort fuhr ein Streifenwagen der Polizei auf die Lichtung. In gemäßigtem, ja geradezu entspanntem Tempo.

Milton sackte das Herz in die Hose.

Das war´s, dachte er.

Die Streife stoppte, die Fahrertür wurde geöffnet, jemand in Uniform ging dahinter in Deckung, und dann erscholl eine weibliche Stimme, durch das Megafon auf dem Wagendach verstärkt.

"Lassen Sie alles, was Sie in Händen halten, fallen und legen Sie die Hände hinter den Kopf. Bewegen Sie sich nicht. Sie sind hiermit verhaftet."

Milton schoss ohne zu zögern und ohne jede Vorwarnung.

 
***

Damit hatten wir nun so nicht gerechnet. Die Kugel des Gangsters hieb in die Fahrertür, hinter der Deputy Corbijn sich verschanzt hatte. Dem Echo des Schusses folgte ein Aufschrei.


Suko und ich sprangen gleichzeitig vor. Wir hatten uns in der Deckung des Waldes rings um die Lichtung herumgeschlichen und waren nun im Rücken der Gangster. Dass es sich um Gangster handelte, war so klar wie Kloßbrühe. Abgesehen davon, dass ich nach all den Jahren bei New Scotland Yard zwei Meilen gegen den Wind riechen konnte, wenn ich es mit Typen aus dem Dunstkreis der organisierten Kriminalität zu tun hatte, war das Trio hier immerhin gerade offensichtlich dabei, drei Mordopfer im Waldboden verschwinden zu lassen. Die Vermutung lag nahe, dass die Totengräber auch die Mörder waren.

Wir hatten kurz überlegt, zwei oder drei von Corbijns Kollegen als Verstärkung herbeizurufen, aber das hätte uns zu viel Zeit gekostet. Außerdem würde bald das Tatortermittlerteam vom Yard aus London eintreffen. Und die Kolleginnen und Kollegen würden uns bei einer zünftigen Schießerei alles andere als eine Hilfe sein. Im Gegenteil. Ich wollte das hier über die Bühne gebracht haben, wenn sie eintrudeln würden.

Corbijn schoss zurück. Der Gangster, der das Feuer eröffnet hatte, ließ sich fallen, wobei er die über und über blutige Leiche neben sich als Deckung nutzte. Die beiden Muskelberge, die in dem halb ausgehobenen Massengrab standen, zogen die Köpfe ein.

Suko und ich eröffneten ebenfalls das Feuer. Plötzlich sahen sich die Gangster umzingelt. Auch aus dem Grab wurde jetzt gefeuert, und zwar in Sukos und meine Richtung. Wir hechteten nach vorn, raus aus dem Dickicht und auf die Lichtung, ließen uns auf die Bäuche fallen und schossen im Liegen weiter.

Ein Schatten glitt dicht über mich hinweg. Im ersten Moment dachte ich, ein aufgeschreckter Vogel habe sich in den Kugelhagel verirrt.

Und dann noch einer.

Dann sah ich sie.

Zwei Schädel.

Körperlos, flügellos, und doch so flink und agil wie Turmfalken.

Gleichzeitig spürte ich eine nur allzu vertraute Wärme auf der Brust.

Das Kreuz, mein Talisman, Beschützer und Waffe, aus reinstem Silber geschmiedet vom Propheten Hesekiel, reagierte auf die Gegenwart schwarzmagischer Umtriebe.

Die Köpfe kreisten über uns, als wollten sie sich erst einmal orientieren. Das gab uns Gelegenheit, sie näher in Augenschein zu nehmen.

Der eine Kopf war zweifelsfrei der eines Mannes. Er sah noch relativ frisch aus.

Anders der andere. Der war genauso zweifelsfrei weiblich, befand sich jedoch bereits im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung.

Die Haut spannte sich wie vergilbtes Pergament über die Gesichts- und Schädelknochen. Die milchigen Augen lagen in tiefen Höhlen. Das farblose Haar war dünn und verfilzt und flatterte strähnig im Wind.

Der männliche Schädel schoss auf den Gangster zu, der als erster geschossen und hinter dem blutigen Leichnam Schutz gesucht hatte. Der Gangster hatte die Schädel ebenfalls bemerkt und sich auf den Rücken gerollt. Er hielt die Waffe mit beiden Händen, zielte und schoss dem auf ihn zurasenden Schädel entgegen, erwischte ihn auch ein ums andere Mal, was den Schädel jedes Mal kurz aus der Bahn trudeln ließ. Dann war das Magazin des Gangsters leer geschossen, er schrie auf und schleuderte dem Schädel die Waffe entgegen, traf ihn sogar. Dann war der Schädel bei ihm.

Das Schreien des Gangsters ging in ein Kreischen über. Noch schwebte der Schädel über ihm. Ich legte an, nahm Maß und schoss.

Der Schädel ruckte zur Seite, als habe ihm jemand ins Gesicht geschlagen. Ich hatte ihn in die Schläfe, zwischen Ohr und Auge, getroffen. Er trudelte ein paar Meter durch die Luft. Und plumpste wie ein Stein zu Boden.

In der Zwischenzeit hatte sich der andere Schädel, der weibliche, in die Grube zu den beiden Muskelbergen gestürzt. Wir hörten schrille Schreie, fast schon ein Quieken. Blut spritzte in einem dünnen Strahl über den Grubenrand, gefolgt von einer abgerissenen Hand. Ein Schuss krachte. Dann noch einer.

Dann war es still. Bis auf feuchte, schmatzende Laute, die aus der Grube drangen.

Mein Partner und ich erhoben uns langsam und sondierten die Lage.

Der Kopf, den ich mit der Silberkugel aus meiner Waffe erwischt hatte, lag weiter leblos - wie tot - im Sand. Der Gangster, den er attackiert hatte, lag auf dem Bauch, die Hände hinterm Kopf verschränkt. Deputy Corbijn, die ihre Deckung verlassen hatte, stand über ihm und hielt ihn mit ihrer Waffe in Schach. Corbijn blutete am linken Oberarm, ließ sich jedoch nichts anmerken. Sie nickte Suko und mir zu.

Mit den Berettas im Anschlag schlichen mein Partner und ich auf die Grube zu. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Chinese die Pistole in die andere Hand wechselte und die Dämonenpeitsche zückte. Eine tausendfach geübte Bewegung aus dem Handgelenk, und die drei Riemen, die aus der Haut des Dämonen Nyrana gezogen waren, glitten aus dem Griffstück.

Ein Hieb mit dieser Peitsche reichte aus, um dem meisten, was schwarzes Blut in den Adern hatte, den Garaus zu machen.

Allein die schmatzenden Geräusche waren so ekelhaft, dass mir die Magensäure in den Hals stieg.

Wir lugten über den Grubenrand.

Den Anblick werde ich nie vergessen.

Von den beiden Muskelbergen war nur noch eine rohe, blutige Masse über, aus der nur noch hier und da etwas menschliches - ein Fuß, ein Finger, ein halbes Gesicht - herausragte.

Der Schädel schwebte über der rohen Fleischmasse. Wir blickten von oben hinab auf den Hinterkopf, aber die Geräusche ließen nur einen Schluss zu.

Der Schädel fraß.

Suko und ich sahen einander an. Ein Hauch von Grün lag über seinem Gesicht, was verriet, dass es ihm genauso ging wie mir.

Er sah mich fragend an, und ich nickte grimmig.

Wir zwangen uns, wieder in die Grube hinab zu blicken.

Suko pfiff durch die Zähne.

Der Schädel drehte sich langsam um und blickte zu uns hinauf.

Das Gesicht war über und über voller Blut. Zwischen den Zähnen hing etwas, das aussah wie ein roher Fetzen Muskelfleisch.

Der Schädel glotzte uns an, während seine Kiefer weiterkauten.

Suko ließ die Peitsche knallen. Die Riemen fuhren in die Grube und wickelten sich stramm um den Schädel. Der Schädel kreischte und fuhr aus der Grube auf, bis die Peitsche, die Suko unbeirrt festhielt, bis die Riemen sich sirrend spannten und ihn abrupt stoppten. Schwarzer Rauch stieg von dem Schädel auf, den Suko mit der Peitsche in der Luft zu hielt wie einen Winddrachen. Im nächsten Moment züngelten bläuliche Flammen um den Schädel, dann zerstieb er lautlos zu einer Wolke pechschwarzen Rauchs, die ein Windstoß in Fetzen riss.

Die Peitschenriemen fielen leer und schlaff zu Boden.


***

Deputy Carlo Caves Geleit für die Spurensicherung des Yard hatte sich damit erledigt, dass MC und die beiden Copper aus London selbst zum alten Richtplatz gefahren waren. Er hatte daraufhin Deputy Waldo Eberhardt, der auf dem Revier Telefon- und Wachdienst schob, mitgeteilt, er werde bis auf weiteres die übliche Streife fahren. Eberhardt, der faule Sack, war damit natürlich einverstanden. Bloß nicht zu sehr bewegen, und sei´s motorbetrieben, auf dem Fahrer- oder Beifahrersitz eines Streifenwagens.

Carlo tuckerte gerade durch eine trutschige Wohngegend. Ein- und Zweifamilienhäuser. Grüne Vorgärten. Hier und da Sonntagsspaziergänger, meist in Kleingruppen. Eltern schleiften kleine Kinder mit. Manche der Kinder schrien.

Carlo hatte als Kind auch jeden Sonntagnachmittag mit seiner Familie den üblichen Sonntagnachmittagsspaziergang absolvieren müssen. Er hatte es auch gehasst.

"Hey Waldo, was denkst du? - Ich und MC?"

Es knackte im Funkgerät, dann päpte Waldo: "Was?! Melde dich gefälligst vorschriftsmäßig! Der Funkverkehr wird schließlich aufgezeichnet ..."

Carlo lachte. "Klar. Und irgendwer hört sich den ganzen Mist sicher auch an."

Dann hörte er ein klackendes Geräusch in der Leitung. Er wusste, was es war. Waldos Zippo-Feuerzeug. Waldo rauchte also wieder in der Wachstube. Carlos Stimme bekam einen drohenden Unterton.

"Du lötest schon wieder, Waldo. Ich kann´s bis hier riechen."

Waldo hustete. "Ich steh´ am Fenster. Der Rauch zieht raus." Nochmal husten. "Und du wirst tunlichst die Klappe ..."

Waldo verstummte.

"Warten wir´s ab", sagte Carlo, während er vor einer roten Ampel stoppte. "Also, was denkst du, Alter? Ich und MC? Ich meine, die Kleine ist zwar aus der Stadt, aber wenn wir mal ehrlich ..."

"Pausentaste", unterbrach sein Gesprächspartner ihn, "Halt mal kurz die Luft an. Hier kommt gerade ein Triple-Nine rein ..."

Triple-Nine stand für die Ziffernfolge 999.

Den allgemeinen telefonischen Notruf.

***

Kaum war auch der zweite Schädel unschädlich gemacht beziehungsweise vernichtet, rollten zwei schwarze Transporter und ein städtischer Leichenwagen auf die Lichtung. Die Tür des vorderen Transporters wurde geöffnet, und Inspektor Franklin sprang heraus. Wir kannten einander hinlänglich - und schätzten einander als Kollegen, um es mal so zu formulieren.

"Wie lange habt ihr da im Busch gelauert und zugesehen?", fragte ich halb im Scherz.

"Wir dachten, wir warten, bis ihr mit eurem Geballer fertig seid", lachte Franklin.


"Ihr seid ja Helden", spottete Suko.

"Von Amtshilfe haltet ihr also nichts", stellte ich fest.

Franklin hob abwehrend die Hände. "Hey, hey! Wir kommen unbewaffnet und in Frieden."

Sein Blick schweifte über die Lichtung. "Na, hier sieht´s ja aus."

Er sah Suko und mich an. "Vielen Dank auch."

"Gern geschehen", sagten Suko und ich fast gleichzeitig.

Franklin grinste säuerlich und machte sich daran, seine Leute einzuteilen. Mein Partner und ich gingen zu Deputy Corbijn.

"Alles okay?", fragte ich mit Blick auf das Blut an ihrem Arm.

"Streifschuss, schätz´ ich", sagte sie und zuckte die Achseln. Nach wie vor hielt die den dritten Gangster in Schach. Er schien unverletzt. Er lag immer noch auf dem Bauch, die Hände hinterm Kopf verschränkt.

Ich ging vor ihm in die Hocke. Verzichtete darauf, mich vorzustellen.

"Euer Gangsterkram und wer hier wen umgebracht hat und verschwinden lassen wollte - das alles interessiert mich nicht die Bohne. Damit wird sich die Staatsanwaltschaft eingehend beschäftigen. Was mich interessiert, sind diese fliegenden Schädel. Also - was können Sie mir dazu sagen?"

Er hob den Kopf, so gut es ging, und blickte mich an.

"Wir sollten nur Hillbilly töten, wegen dem Geld, und das haben wir auch. Aber dann hat Hillbilly plötzlich wieder gelebt, und Frank hat ihm den Kopf ab ... den Kopf abgeschlagen, aber der Kopf hat trotzdem noch gelebt und ..."

Ich unterbrach ihn und deutete auf den männlichen Schädel, den ich mit der Silberkugel erwischt hatte und der ein paar Yards weiter regungslos am Boden lag. Das Einschussloch war deutlich erkennbar. Ein dünner Faden schwarzen Blutes lief hinaus und versickerte im Boden.

"Ist das Hillbilly?"

Der Gangster verdrehte den Hals, starrte zu dem Kopf herüber und nickte stumm.

"Und der andere Kopf? Der gut abgehangene Frauenschädel?"

Er schüttelte den Kopf. "Keine Ahnung, wo der herkommt. Damit haben wir nichts zu tun."

Er sah mich verzweifelt an. "Ich schwör´s."

"Sparen Sie sich Ihren Eid für den Richter", sagte ich und erhob mich wieder.


Wir übergaben den Gefangenen den Kollegen von der Tatortermittlung. Die konnten ihn dann gleich beim Yard abliefern.

"Den hier kenne ich", sagte Corbijn und kickte den Schädel mit der Fußspitze an, sodass er zur Seite rollte und mit dem Gesicht nach oben liegen blieb. "Den hatte ich schon im Kühlschrank. Die Lebensmittel kann man jetzt alle wegschmeißen." Sie blickte auf, sah mich an, und Tränen schimmerten in ihren Augen. Vermutlich dachte sie wieder an ihren toten Kollegen, Deputy Emmett Brewster. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter.

"Der Schädel wird nie wieder jemandem gefährlich. Es ist vorbei."

Suko wackelte unschlüssig mit dem Kopf.

Ich zog fragend die Augenbrauen hoch.

"Wir haben immer noch keinerlei Ahnung, was hier eigentlich vorgefallen ist", gab mein Partner zu bedenken.

"Nun", ließ ich mich auf das dialektische Spiel ein. "Wir hatten zwei gewissermaßen von schwarzer Magie beflügelte Schädel und haben sie neutralisiert." Ich deutete auf die Lichtung ringsum, den alten Richtplatz. "Die Gangster-Episode mal außen vorgelassen."

"Hm", machte Suko, "aber die Ursache, die Quelle dieser schwarzen Magie, ist uns nach wie vor unbekannt."

"Wie sollen wir die noch ermitteln, jetzt, da sowohl Gangster- wie Hexenschädel keine Auskunft mehr geben können?"

Suko zuckte die Achseln. "Und wer sagt überhaupt, dass die beiden Schädel hier die beiden einzigen gewesen sind?"

Ich dachte nach. Mein Partner hatte recht. Bevor ich jedoch etwas erwidern konnte, schaltete sich Deputy Corbijn ein.

"Was haben Sie gerade gesagt? Hexenschädel?"

***

Deputy Waldo Eberhardt lauschte den Ausführungen des Mannes am anderen Ende der Leitung. Der Mann flüsterte in die Sprechmuschel seines Telefons, deswegen verstand Waldo nicht jedes Wort.

Das, was er bisher allerdings verstanden hatte, hatte ihn dazu veranlasst, sich gleich die nächste Zigarette zwischen die Lippen zu klemmen und sie anzustecken.

Und ihm war piepegal, ob MC oder sonst wer nachher was davon roch.

Noch während der Anrufer weiterflüsterte, hatte Waldo den Kanal geöffnet, der ihn mit allen sich zurzeit im Dienst befindlichen Kollegen verband, die auf Streife oder sonst wie unterwegs waren.

Also Carlo und MC.

Waldo versprach dem Anrufer, dass ein Team seiner Kollegen bereits unterwegs sei. Dann berichtete er seinem Kollegen und seiner Kollegin in knappen Worten von dem Notruf.

Und war heilfroh, gerade nicht selbst dort draußen unterwegs zu sein.

Er trat wieder ans Fenster und warf den Zigarettenstummel hinaus.

***

Bevor sich die Leute von der Sani-Abteilung um die Leichen der Gangster kümmerten, hatte man Corbijns Wunde verbunden. Es handelte sich tatsächlich nur um einen oberflächlichen Streifschuss. Die Kugel hatte die Fahrertür ihres Wagens, hinter der sie Schutz gesucht hatte, durchschlagen, war dabei jedoch in ihrer Bahn abgelenkt worden und hatte lediglich die Oberhaut aufgerissen. Der Muskel war unverletzt geblieben.

"Die alte Rutherford aus der Stadtbibliothek hat mir mal was erzählt."

Deputy Corbijn schwieg. Sie schien nachzudenken.

"Stadtbibliothek?", fragte Suko.

Corbijn sah ihn an. "Das einzig Gute in Maidenhead", sagte sie säuerlich. Sie runzelte die Stirn. "Die alte Rutherford hat mir mal was erzählt. Was mit dem alten Richtplatz. Und drei Hexen." Sie kratzte sich am Kinn. "Wie war das bloß nochmal?"

"Eine lokale Legende?", fragte ich.

Sie nickte. "So was in der Art."

Suko fragte: "Hat die Bibliothek heute geöffnet?"

Corbijn nickte wieder. "Heute ist Sonntag. Sonntags ist geöffnet."

Ich begriff, worauf mein Partner hinauswollte. "Also wenn diese Miss Rutherford möglicherweise etwas weiß, was uns weiterhelfen könnte - warum fahren wir nicht zur Bibliothek und fragen sie?"

Corbijn zuckte die Achseln. "Spricht nichts gegen."

Richtplatz. Hexen. Schädel. - Da ließen sich durchaus Zusammenhänge denken.

Wir waren schon auf dem Weg zurück zum Streifenwagen, um zur Stadtbibliothek zu fahren, da meldete sich Deputy Corbijns Mobiltelefon.

Sie nahm das Gespräch entgegen, lauschte kurz. Dann entglitten ihr förmlich die Gesichtszüge. Noch mit dem Telefon am Ohr begann sie, Richtung Streife zu laufen, wobei sie Suko und mir winkte, uns ebenfalls zu sputen.

Wir warfen uns in den Wagen und schlugen die Türen zu, während Corbijn schon anfuhr.

"Das war ein Notruf", sagte sie, während wir in den einzigen Zufahrtsweg zur Lichtung einbogen und der Wald uns verschluckte.

"Eine Familie hat sich in ihrem Haus verbarrikadiert. Der Anrufer hat angegeben, sie würden von einem fliegenden Schädel angegriffen."

Deputy Corbijn warf mir einen kurzen Seitenblick zu, und mir lief es polarnachtkalt den Rücken herunter.

Also hatten wir es tatsächlich mit noch mehr als den beiden Schädeln vom alten Richtplatz zu tun.

Drei Hexen?

Das würde bedeuten ...

"Die Adresse ist ganz in der Nähe", sagte Corbijn.

Suko und ich munitionierten unsere Berettas auf.

***

Emily McWright stand am Panoramafenster zum Garten hinaus und beobachtete ihren Sohn.

Dieser Rasenmäh-Fimmel war entschieden nicht gesund. Da konnte Linus´ Vater noch so sehr abwiegeln und beschwichtigen.

Der Rasen würde eine solche Traktur kaum noch ein Jahr überleben. Dennis würde ihn im Winter neu aussähen müssen. Beziehungsweise aussähen lassen müssen.

Wenn Linus nicht gewesen wäre, hätte ihr Mann auch fürs Rasenmähen jemanden angestellt.
Aber ein neuer Rasen würde immer noch billiger sein als der Fitnesscoach, den sie letzten Sommer für ihren Sohn engagiert hatten. Linus hatte den Sportstudenten schlichtweg ignoriert.

Emily Wright sah zu, wie ihr Sohn mit Schwung den Mäher über den Rasen schob.

Und wie plötzlich etwas vor ihm in der Luft schwebte.

Himmel, war das etwa eins von diesen Drohnendingern, die hier neuerdings überall in der Luft rumflogen? Womöglich mit einer Kamera dran, die gerade ihren Sohn filmte? Oder gar noch schlimmerem?

Und wo war das Ding so schnell hergekommen?

Linus war stehen geblieben.

Emily drehte sich zu ihrem Mann Dennis um, der in seinem Lieblingssessel saß und den Guardian studierte.

"Schau´ mal, Dennis."

Dennis McWright hob nicht mal den Blick von der Zeitung.

"Er mäht den Rasen, ich weiß. Unser Sohn steckt nun mal mitten in der Pubertät. Seien wir froh, dass er sich nicht noch absonderlicher benimmt. Wenn ich mir vorstelle, was ich in der Zeit alles so getrieben ..."

"Sch!" Seine Frau brachte ihn mit einem scharfen Zischen zum Schweigen.

Draußen auf dem Rasen hatte Linus das unbekannte Flugobjekt gerade mit einer beidseitigen Doppelbackpfeife, gefolgt von einem Schlag mit der geschlossenen Faust von oben auf den ...  

Oh Gott, dachte Emily und schlug vor Entsetzen die Hand vor den Mund.

Konnte das wahrhaftig sein?

Was ihr Sohn da gerade vorgeführt hatte, war Emily nämlich durchaus vertraut. Aus den Filmen mit Terrence Hill und Bud Spencer, die Linus so sehr liebte. Und Dennis auch, obwohl er es nicht zugeben wollte.

Bud Spencer machte das in praktisch jedem seiner Filme. Mit dem Kopf seines Gegners.

Dem Kopf.

Emily zwinkerte, und tatsächlich, es gab keinerlei Zweifel.

Was ihr Sohn da zu Boden geboxt hatte, war ein Kopf gewesen. Ein Schädel. Ein Schädel, der auf keinem Rumpf mehr saß. Der frei in der Luft geschwebt hatte. Emily hatte sogar die langen dünnen Haare im Wind flattern sehen.

"Dennis ..?"

Im nächsten Moment drehte sich Linus draußen auf dem Rasen um die eigene Achse und kam schreiend auf die Terrasse und das Haus zugerannt.

So schnell hatte Emily ihren Sohn noch nie laufen sehen.

In seinem Rücken erhob sich der Schädel vom Rasen zurück in die Luft. Er schwenkte ein paar Mal nach links und rechts aus. Und schoss hinter ihrem Sohn her.

"Dennis!"

Hinter sich hörte sie die Zeitung rascheln und die Sesselfedern knirschen.

Dennis McWright war wie seine Frau Mitte dreißig, hatte im Gegensatz zu dieser allerdings schon einiges an Hüftspeck angesetzt. Was Emily indes zumindest in einer Hinsicht durchaus recht war. Besser du als ich, dachte sie bei sich.

Dann hörte sie die leise Stimme ihres Mannes in ihrem Rücken.

"Ach du heilige Scheiße."

Emily riss die Tür zur Terrasse auf. Linus hatte den Weg zu zwei Dritteln geschafft. Sie hörte ihn Keuchen. Zwei, vielleicht noch drei Yards hinter ihm folgte der Schädel.

Emily und Dennis sahen die grau-weiße, verwitterte Haut, die milchig-öligen, weit aus den Höhlen tretenden Augen, die grinsend geöffneten Kiefer, die schwarzen, gleichwohl nadelspitzen Zahnstummel darin.

Der Schädel gab ein Fauchen von sich wie ein Raubtier.

"Schneller, Schatz!", feuerte Emily ihren Sohn an, der mittlerweile mehr stolperte als lief. "Du schaffst es!" Sie wandte sich zu ihrem Mann um.

"Tu´ doch was, verdammt nochmal! Dennis!! !"

Der starrte nur auf den Schädel.

"Ich? Tun? Was denn?"

"Herrgott!"

Emily wich zur Seite und zog dabei ihren Mann mit, genau in dem Moment, als Linus durch die Glastür von der Terrasse ins Wohnzimmer getorkelt kam. Im nächsten Augenblick schlug Emily die Tür zu und stellte den Griff senkrecht. Damit war die Tür verriegelt.

Der Kopf hatte nicht mehr bremsen können und war mit einem dumpfen Knall gegen das Türglas geprallt.

"Zurück!" Emily drängte Mann und Sohn zurück in die Küche. Linus schnaufte wie ein Nilpferd. Sein Gesicht hatte die Farbe von Ziegenkäse.

Emily riss die Schublade neben dem Herd auf und zog nach kurzem Zögern das größte Messer heraus, das darin lag.

Derweil nahm der Schädel draußen vorm Fenster Anlauf - und rammte mit voller Wucht mit der Stirn gegen die Glastür. Es knackte fies, feine Risse zeichneten sich auf der Scheibe ab.

Der Schädel nahm wieder Anlauf ...

"Die Treppe hoch!"

Die McWrights hechteten von der Küche in den angrenzenden Hausflur und von hier aus die sechsundzwanzig Stufen der hölzernen Wendeltreppe hinauf, die in den ersten Stock des Einfamilienhauses führten. Vom Flur dort oben gingen vier Türen ab. Eine führte ins Bad, die zweite ins Schlafzimmer von Mr. und Mrs. McWright. Hinter der dritten lag Linus´ Zimmer. Und hinter der vierten eins, das mehr oder weniger als Abstellraum benutzt wurde. Ursprünglich hatte hier Linus´ Geschwisterchen einziehen sollen. Dazu war es allerdings nie gekommen, aus welchen Gründen auch immer. Zu dem Geschwisterchen.

Ohne sich absprechen zu müssen, rannten alle drei ins elterliche Schlafzimmer. Unten, im Erdgeschoss, hörten sie Glas splittern. Bevor er die Zimmertür ins Schloss schlug, blickte Dennis McWright noch einmal kurz hinaus, und die Nackenhaare standen im zu Berge.

Der Kopf kam gerade seelenruhig die Wendeltreppe herauf geschwebt. Er drehte das Gesicht nach links und rechts und schien zu schnuppern. Dann hielt er inne, ruckte herum - und starrte Dennis McWright mitten ins Gesicht. Und grinste, wobei ihm irgendwas aus dem Mund fiel, was auf den Treppenabsatz fiel und sich dort zu bewegen schien.

Dennis McWright hatte die Tür zugeknallt und den Schlüssel im Schloss zweimal herumgedreht. Derweil war seine Frau schon damit beschäftigt, die schweren Kunststoffrollos vor den Fenstern herunterzulassen. Ihr Sohn saß auf dem Bett. Rotz lief ihm aus der Nase und Tränen aus den Augen. Aber er gab keinen Ton von sich. Dazu war er immer noch zu sehr außer Atem.

"Das Telefon!" Dennis McWright lief um das Bett herum zum Nachttischschrank und schnappte sich das mobile Gerät aus der Festnetzstation.

Dreimal die selbe Taste.

Von außen rummste es vernehmlich gegen die Zimmertür.

"Kacke und Mondschein", stöhnte Emily und schaltete sämtliche Lampen im Zimmer an.

"Der Stuhl!" Während er sich den Hörer ans Ohr presste, deutete Dennis in Richtung des Möbelstücks neben dem Kleiderschrank, das dort, wie ihm jetzt gerade auffiel, schon immer gestanden hatte, bislang allerdings ohne jedweden praktischen Sinn oder Nutzen.

Emily verstand sofort, packte den Stuhl und klemmte die Lehne unter die Türklinke.

Wieder rummste es gegen die Tür, und Türholz wie Stuhl ruckten und zitterten sichtlich.

"Nun geh´ schon ran", zischte Dennis McWright. "Scheiß Bullen ..."

Emily starrte ihren Mann an, dann ihren Sohn.

"Wo ... wo ist Eloise?"


***

Eloise Duval war im Keller und hatte gerade die Waschmaschine mit Schmutzwäsche aufmunitioniert, als oben im Erdgeschoss das Geschrei und Gerenne einsetzte. Dann splitterte Glas. Entschieden lauter als eine vom Tisch gefallene Blumenvase.

Die siebzehnjährige Austauschschülerin aus Luxemburg hatte in den drei Monaten, die sie jetzt bei den McWrights wohnte, um ein Semester lang eine englische Schule zu besuchen, allerhand Skurrilitäten erlebt. Nicht zuletzt auf zwischenmenschlicher Ebene. Und der Rasenmäh-Tick von Familienstammhalter Linus war regelmäßiges Thema, wenn sie via skype mit ihren auf dem Kontinent zurückgebliebenen Freundinnen chattete. Eloise schob es auf die britische Mentalität.

Sie hörte, wie mehrere Leute schreiend die Treppe zum ersten Stock hinaufrannten.

Irgendwas war da faul.

Eloise griff sich das Erste, was sie fand - ein Kehrblech, massives Metall - und spähte die Kellertreppe hinauf.

Die Kellertreppe befand sich direkt unter der Treppe zum ersten Stock. Ebenfalls eine Wendeltreppe. Beide Treppen umliefen dieselbe massive Stahlsäule, die sich vom Kellerfundament bis unter den Dachfirst erstreckte.

"Emily? Dennis?"

Eloise traute sich nicht, laut zu rufen. Vielleicht war ja ein Einbrecher im Haus. Aber an einem Sonntag? Am hellichten Tag?

Sie schlich langsam die Treppe hinauf, den Griff des Kehrblechs fest umklammert.

Sie spähte über den Treppenabsatz in den Flur.

Und hätte beinah laut aufgeschrien.

Direkt vor ihr, am Rand zur ersten Treppenstufe, saß Gizmo. Der schwarze Kater starrte Eloise mit leerem Blick an, leckte sich ein, zwei Mal die Pfote, hob den Kopf, fletschte die Zähne, fauchte -

- und war im nächsten Moment verschwunden.

Eloise blinzelte kurz.

Dann hob sie ebenfalls den Blick.

Sie brauchte etwa drei Sekunden, um zu verarbeiten, was sie sah.

Und dann schrie sie wirklich.

Direkt vor ihr, einen guten Meter über dem Boden, schwebte etwas, das Eloise erst auf den zweiten Blick als das erkannte, was es war:

ein einzelner menschlicher Schädel.

Lange strähnige Haare. Der Hals unterhalb des Kinns hing in Fetzen hinab.

Der Schädel hatte Gizmo gepackt, hatte sich in dessen Nackenfell verbissen. So sehr der Kater, der immerhin locker vier bis fünf Kilo auf die Waage bringen mochte, auch zappelte, dem eisernen Griff der Kiefer der höllischen Erscheinung vermochte er nicht zu entkommen.

Die Kiefer des Schädels kauten, mahlten. Möglicherweise hatte er den Kater in den Nacken gebissen, um ihm so das Genick zu brechen, aber nur das Nackenfell erwischt.

Als der Schädel merkte, dass er so nicht weiterkam, schleuderte er den Kater mit einer schnellen Drehung zur Seite gegen die Wand.

Der Kater krachte in ein Aquarell von Emily McWright, das die Tower Bridge bei Sonnenuntergang zeigte, und klatschte zu Boden. Dort blieb er in unnatürlich verdrehter Haltung liegen, maunzend, schreiend, während die Vorderpfoten über den Parkettboden kratzten, ein verzweifelter Versuch, wieder auf die Beine zu kommen.

Der Schädel hing über der Katze in der Luft und starrte hinab auf das Tier, das trotz des gebrochenen Rückgrats versuchte aufzustehen.

Dann stürzte er sich abermals hinab, verbiss sich in der Schnauze des Stubentigers - und riss dem Tier mit einer schnellen Bewegung das Gesicht vom Schädel.

Blut spuckend kippte das Tier zur Seite und blieb mit zuckenden Vorderbeinen liegen.

Eloise hatte alles mit angesehen. So starr vor Schreck, dass sie das Gefühl hatte, sich nie wieder bewegen zu können.

 Der Schädel starrte hinab auf das verendende Tier. Blut tropfte ihm von der verschmierten Visage. Langsam wandte er sich zu Eloise um.

Beweg´ dich!, schrie alles in dem Mädchen, lauf weg, mach´, dass du wegkommst!


Aber sie konnte nicht.

Der Horror war einfach zu mächtig.

Deswegen registrierte sie auch nicht die Türklingel.

Den Schatten hinter der Milchglasscheibe neben der Haustür.

Erst die Rufe, die von draußen zu ihr drangen, sowie die Faustschläge von außen gegen die schwere Eichentür brachten sie ins Hier und jetzt zurück.

Und sie schrie wieder.

Wie sie noch nie geschrien hatte.

Der Schädel grinste.

Dann raste er direkt auf sie zu.

***

Deputy Carlo Cave hatte die Adresse erreicht, von der der 999er eingegangen war.

Noch bevor er aus seinem Wagen gestiegen war, hatte er den Schrei gehört.

Er stammte entweder von einer jungen Frau oder einem Kind.

Carlo sprintete zur Eingangstür und klingelte.

Dabei fiel ihm auf, dass im ersten Stock des zweigeschossigen Hauses die Rollläden vor den Fenstern hinabgelassen waren.

Neben der Haustür befand sich eine Milchglasscheibe. Carlo versuchte hindurch zu spähen, konnte aber außer einigen vagen Bewegungen im Inneren des Hauses nichts entdecken.

Ein dumpfes Klatschen von drinnen; dann wieder ein Schrei.

Carlo überlegte nicht lange. Er zog seine Dienstwaffe, richtete sie schräg von oben auf die untere Hälfte der Milchglasscheibe und drückte ab.

Die untere Hälfte der Scheibe zersplitterte zu Scherben, die in den Wohnungsflur flogen. Carlo duckte sich, um durch das Loch zu schlüpfen, darauf bedacht, nicht an den spitzen Zacken der oberen, im Rahmen verbliebenen Hälfte der Scheibe hängen zu bleiben.

Im Flur kauernd, hob er den Kopf.

Und gleich darauf die Hand mit der Waffe.

Er sah etwas durch die Luft fliegen, etwas von der Größe eines Fußballs, allerdings mit langen, strähnigen Haaren, die wie ein Schweif hinter ihm her flatterten.

Der Ball flog auf eine junge Frau zu, die etwas wie eine kleine Schaufel in der Hand hielt und gerade ausholte. Als der Ball nah genug heran war, drosch sie ihm das Schaufelblatt entgegen. Wie ein Tennisspieler, der einen gegnerischen Matchball parierte.

Der Ball wurde zurückgeschleudert. Er knallte unter die Zimmerdecke, geriet kurz ins Trudeln - und Deputy Carlo Cave erkannte, worum es sich bei dem Ball tatsächlich handelte.

Als das Gesicht plötzlich direkt vor seinem schwebte.

Die milchig-grauen, pupillenlosen Augen starrten ins Leere. Gleichzeitig schienen sie Carlo zu fixieren.

Der bluttriefende Mund grinste und enthüllte ein Gebiss voller ebenso blutiger, kurzer, nadelspitzer Zähne.

Carlo fühlte sich an das Gebiss eines Piranha erinnert, das er mal in einer Sendung auf National Geographic TV gesehen hatte.

Er hob die Waffe.

Wieder schrie die Frau.

Dann wurde es dunkel. Und der kurze Rest von Deputy Carlo Caves Leben wurde zu einem Potpourri aus Finsternis und Schmerz.

***

Der Schädel hatte sich in sein Gesicht verbissen und fraß. Carlo hatte es geschafft, die Waffe zu heben. Hatte noch gespürt, dass die Mündung des Laufs auf etwas Hartes traf. Der Schädel saugte an seinem Auge, und der Schmerz ließ Carlos Kopf explodieren, als der Augapfel aus der Schädelhöhle gesogen und gleich darauf, noch über den Sehnerv mit Carlos Gehirn verbunden, zerbissen wurde. Trotzdem schaffte Carlo es, den Finger zu krümmen und den Abzug durchzuziehen.

Im nächsten Moment wurden ihm die Gesichtshaut und ein Teil der Kopfhaut vom Schädel gerissen.

Sein verbliebenes Auge, voller Blut und ohne Lider, um es wegzuzwinkern, starrte auf den Schädel, der eine Handbreit vor ihm schwebte, ein rauchendes Loch in der eingefallenen Wange, während er seelenruhig auf Carlos Gesicht herumkaute.

Carlo schluchzte auf. Spuckte Blut. Dann begann er leise zu lachen.

Ein letztes Mal schaffte er es, die Waffe zu heben.

Die Mündung des Laufs, noch warm vom letzten Schuss, fand seine Schläfe.

Der Knall des Schusses zerfetzte Carlos Trommelfell. Aber das bekam der Deputy schon nicht mehr mit.

Die Kugel war schneller als der Schall.

***

Eloise war bei dem Schuss, mit dem Deputy Cave sich selbst gerichtet und gleichzeitig erlöst hatte, zusammengezuckt. Und hatte endlich ihre Erstarrung abschütteln können. Ohne zu zögern war sie die Treppe zum ersten Stock hinaufgerannt.

Der Schädel, für den die Leiche von Carlo Cave uninteressant war, spuckte dessen Gesicht aus, wandte sich um und folgte Eloise. Ohne Eile. Schließlich rannte sie direkt in die Falle.

Aus dem oberen Stockwerk gab es kein Entkommen, es sei denn, sie würde aus dem Fenster springen. Aber auch dann würde er sie kriegen.

Gelegentlich flackerten Gedanken und Fragen, bruchstückhaft und vage, im kaum vorhandenen Bewusstsein des Schädels auf.

Wer bin ich?

Wo komme ich her?

Was tue ich hier?

Gedankenfetzen wehten vorbei.

Ein hölzerner Wagen.

Ein Richtblock.

Eine brennende Grube.

Der Wald ringsum.

Doch hielten sich die Gedankenfetzen nie lange genug, um tatsächlich eine Art Denken in Gang zu setzen.

Der pure Instinkt behielt die Oberhand, trieb den Schädel an.

Der pure Mordinstinkt.

Eloise stolperte in den oberen Flur. Vier Türen, drei standen offen.

Sie lief zu der geschlossenen Tür, rüttelte an der Klinke.

Verschlossen.

Drinnen wurde geschrien. Jemand rief ihren Namen.

Der Schlüssel im Schloss wurde umgedreht. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Im Spalt erschien das Gesicht von Emily McWright.

"Gott, Eloise! Gott sei dank! Du lebst!" Emily war im Begriff, die Tür weiter aufzuziehen, um Eloise ebenfalls ins Zimmer zu lassen - da verzerrte sich ihr Gesicht plötzlich zu einer Maske blanken Entsetzens. Sie schlug die Hand vor den Mund. Und im nächsten Moment die Tür zu.

Eloise drehte sich langsam um.

Vor ihr, auf Augenhöhe, keinen Yard entfernt, schwebte der Schädel.

Eloise hob die Hand mit dem Kehrblech.
 

***

Das Rummsen gegen die Schlafzimmertür hatte aufgehört.

Dann hatten die Schreie begonnen.

Eloise!

Dann war ein Schuss gefallen, und Glas war zersplittert.

Mehr Lärm.

Schreie.

Noch ein Schuss.

Und dann hatte Eloise vor der Tür gestanden. Aber es war der jungen Frau nicht gelungen, den Schädel zu vernichten. Er hatte direkt hinter ihr geschwebt, triefend nass von Blut, und dem Mädchen über die Schulter gegrinst. Da hatte Emily McWright die Nerven verloren und die Tür wieder zugeschlagen. Den Schlüssel im Schloss gedreht, bis er blockierte.

Dann hatte sie in den Abfalleimer neben dem Schuhschrank gekotzt.

Beim Anblick seiner sich übergebenden Frau hatte Dennis McWright ebenfalls zu würgen begonnen. Linus saß weiter auf der Bettkante, starrte auf seine Schuhspitzen und nuschelte unverständliches Zeug vor sich hin, wobei ihm der Rotz aus der Nase lief.

Dann hörten die McWrights von jenseits der Tür die gellenden Todesschreie der Austauschschülerin, die man guten Gewissens ihrer familiären Obhut anvertraut hatte.

Ende des zweiten Teils

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