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Die sieben Schwestern - Eine Geisterjäger John Sinclair Story (Teil 1/3))

FanfictionDie sieben Schwestern
Eine Geisterjäger John Sinclair Story (Teil 1/3)

Vorbemerkung:
Der Shortstory-Dreiteiler Die sieben Schwestern stellt, wie jeder, der den Film kennt, spätestens nach Mord Nummer zwei unschwer erkennen dürfte, eine Hommage dar an David Finchers "Serienkiller-Großtat" (O-Ton Cinema) Se7en (dt. Sieben) aus der Feder von Drehbuchautor Andrew Kevin Walker. (Zumindest bis zum Showdown, bei dem es dann wieder in altbekannter Geisterjäger John Sinclair-Manier zur Sache geht, inklusive höllischer dea ex machina.)

Walkers und Finchers Film feiert dies Jahr sein 25jähriges Leinwandjubiläum, gilt mittlerweile als Klassiker des Genres und lief seither gefühlte drei Dutzendmal im deutschen Free-TV. Wer ihn halbwegs auf dem Schirm hat, wird im Text vom Setting über die Personenkonstellation bis zu wörtlichen Zitaten allerlei Anleihen finden. (Ich war selbst bislang zu faul, im Einzelnen nachzuzählen, wie häufig ich mich direkt oder indirekt beim großen Vorbild bedient habe, aber unterm Strich dürfte es auch hier in die Dutzende gehen.)

Von den seinerzeit am Film Beteiligten hat der Regisseur noch den einen oder anderen annehmbaren Film gedreht, die vier Schauspieler in den Hauptrollen, also gewissermaßen die role models für John Sinclair, Suko, Shao und Damian, gewannen später alle mit Rollen in anderen Filmen einen Oscar. (Der Bösewicht sogar zwei.)

Autor Andrew Kevin Walker schrieb im Anschluss noch das ziemlich lahme Script zu 8mm von Joel Schumacher und verlegte sich ansonsten aufs Veredeln fremder Stoffe, wobei er unter anderem aus einer Adaption von Wahington Irvings ziemlich hanebüchener Gruselanekdote The Legend of Sleepy Hollow einen recht pfiffigen Gespenster-Krimi bastelte, den Tim Burton äußerst stimmungsvoll verfilmte.

Ansonsten tingelt Walker seit Se7en - und wird dies wohl auch im Jubiläumsjahr tun - munter von Convention zu Convention, um mit Hardcore-Fans seines Kultfilms über die vermeintliche Biographie seines Killers zu spekulieren und sich aus offensichtlichen Drehbuchfehlern rauszureden. Wen so was interessiert, der wird bei youtube.com fündig.

Immerhin konnte Walker für sein Script Anfang der 1990er Jahre eine glatte Viertelmillion Dollar einstreichen. - Eine Summe, von der Geisterjäger John Sinclair-Autoren auch heute noch, 47 Jahre nach der Nacht des Hexers, nur träumen können.

Erster Teil
London ersoff im Regen. Leuchtreklametafeln spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Irgendwo schlug eine Kirchturmglocke. Zwölf dumpfe Schläge.
Mitternacht.

Geisterstunde.

Der Mann war über zwei Meter groß. Er war zu Fuß unterwegs. Er trug einen knöchellangen schwarzen Ledermantel und einen schwarzen Hut, dessen breite Krempe den Regen abhielt und das Gesicht des Mannes in ihrem Schatten barg. Unter dem Arm trug er einen Karton von der Größe einer Hutschachtel. Der Inhalt war noch warm ...

***

Fallbericht Aktenzeichen: ***/***/*
Nur für den internen Dienstgebrauch
Sicherheitskategorie 12
verfasst von: Sinclair, John, Oberinspektor, Abteilung X
leitender Vorgesetzter: Powell, James, Superintendent
Am Dienstag, **/**/2019, gegen 7 Uhr morgens informierte Glenda Perkins, Chefsekretärin unserer Abteilung, mich telefonisch, dass eine Viertelstunde zuvor ein Ersuchen um Amtshilfe vonseiten der Mordkommission der Metropolitan Police beim Leiter unserer Abteilung, Superintendent Sir James Powell, eingegangen sei. Ich möge mich unverzüglich zum Tatort eines Mordes in einer Mietskaserne im Eastend begeben. Nähere Details hierzu konnte mir Miss Perkins zu diesem Zeitpunkt nicht nennen. Auf Nachfrage meinerseits, ob mein Partner im Dienst, Inspektor Suko, mich begleiten solle, teilte Miss Perkins mir mit, dass dieser bereits zum Tatort eines weiteren Mordes abberufen worden sei. Ob und wie beide Verbrechen miteinander in Zusammenhang standen, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar.

Etwa eine Stunde später erreichte ich die Adresse im Eastend. Der Tatort, den ich auf Wunsch der Metropolitan inspizieren sollte, lag im siebten Stockwerk. Da der Fahrstuhl defekt war, ging ich zu Fuß hinauf. Im Treppenhaus begegnete mir ein mir unbekannter Fotoreporter, der mich ohne Genehmigung fotografierte. Es kam zu einem Handgemenge, in dessen Folge ich dem Mann die Kamera aus der Hand schlug und ihn des Hauses verwies.

Am Tatort selbst erwartete mich Inspektor Frank Kopelson von der Mordkommission der Metropolitan. Kopelson leitete die Ermittlungen und hatte auch das Ersuchen um Amtshilfe gestellt. Auf Nachfrage meinerseits, was er sich von meiner Beteiligung an dem Fall versprechen würde, teilte der Inspektor mir wortreich mit, wie sehr er mich und meine Arbeit schätze und bewundere. Seine Schwärmerei bezüglich meiner Person befremdete mich, und so wies ich ihn entsprechend zurecht.

Das Mordopfer war ein junger Mann namens Andy Walker. Laut Kopelsons Angaben alleinstehend, Lagerarbeiter bei den Docks. Walker war siebenfach vorbestraft, unter anderem wegen Beleidigung, Körperverletzung, schwerer Körperverletzung und Widerstand gegen Polizeibeamte. Seine diversen Haftstrafen summierten sich auf 34 Monate.

Walker war mit Stacheldraht auf einen Küchenstuhl gefesselt worden. Sein Oberkörper war nackt. In der linken Brust klaffte ein faustgroßes Loch. Es war augenscheinlich, dass man sein Herz entfernt hatte. Blutspritzer an den Wänden wiesen darauf hin, dass er währenddessen bei Bewusstsein gewesen war und sich verzweifelt gewehrt haben musste.

Die Wohnung war bereits durchsucht worden. Offenbar hatten der oder die Täter das Organ mitgenommen.

Über dem Kopf des Opfers war - mutmaßlich mit dessen Blut - die Buchstabenfolge IRA geschrieben worden. Da es sich hierbei um ein Akronym handelt, das für Irish Republican Army, die offiziell als Terrororganisation eingestufte irisch-republikanische Armee, steht, äußerte ich Kopelson gegenüber die Möglichkeit, dass der Mord politisch motiviert sein könnte.

In diesem Zusammenhang wies ich Inspektor Kopelson darauf hin, dass weder Mord noch Terrorbekämpfung in meinen Zuständigkeitsbereich fallen. Weder hatte mein silbernes Kreuz, das ich mit mir führte, sich erwärmt, noch wies der Tatort weitere Hinweise auf schwarzmagische Aktivitäten auf. Ich stellte Kopelson zur Rede und wollte wissen, warum er mich hierher beordert hatte. Inspektor Kopelson versicherte mir daraufhin ein weiteres Mal, wie sehr er mich bewundere und dass ich daher der Erste gewesen sein, an den er gedacht habe, als er - Zitat - "die Schrift auf dem Spiegel" gesehen habe.

Ich wies ihn daraufhin zurecht, dass wir uns nicht in einem Hollywoodfilm befänden und er sich gefälligst klar und verständlich ausdrücken solle. Inspektor Kopelson führte mich daraufhin ins Bad des Apartments. Auf dem Spiegel über dem Waschbecken stand, ebenfalls mutmaßlich mit dem Blut des Opfers geschrieben: Halt´ Dich Raus, SINCLAIR!!!

***

Fallbericht Aktenzeichen: ***/***/*
Nur für den internen Dienstgebrauch
Sicherheitskategorie 12
verfasst von: Suko, Inspektor, Abteilung X
leitender Vorgesetzter: Powell, James, Superintendent
Am Dienstag, **/**/2019, gegen 6 Uhr 45 informierte mich Glenda Perkins, Chefsekretärin unserer Abteilung, telefonisch, dass ich mich unverzüglich zum Tatort eines Mordes begeben möge. Sie nannte mir die Adresse. Einer der Bankentower an der Canary Wharf. Die offiziellen Ermittlungen oblagen der Mordkommission der Metropolitan Police. Unser Abteilungsleiter, Superintendent Sir James Powell, habe jedoch persönlich erwirkt, dass ich Zugang zum Tatort haben würde. Weitere Details konnte Miss Perkins mir zu diesem Zeitpunkt nicht nennen. Ich solle lediglich den Tatort inspizieren. "Auf Auffälligkeiten achten", wie Superintendent Powell es Miss Perkins gegenüber formuliert hatte. Auf meine Nachfrage, ob mein dienstlicher, mir gegenüber ranghöherer Partner, Oberinspektor John Sinclair, mich begleiten solle, teilte mir Miss Perkins mit, dass soeben ein Ersuchen um Amtshilfe vonseiten der Mordkommission der Metropolitan eingegangen sei, mit dem sie meinen Partner betrauen wolle. Daraufhin begab ich mich unverzüglich zu der mir mitgeteilten Adresse.

Da ich weder wusste, warum ich allein zum Tatort eines Mordes beordert worden war, noch worauf ich mein Augenmerk dabei richten sollte, konstatierte ich die groben Fakten.

Das Opfert war Mister Dao Kobayashi, 62 Jahre alt, seit sieben Jahren CEO einer der umsatzstärksten Banken der Welt. Seine Sekretärin hatte ihn frühmorgens tot in seinem Büro aufgefunden.

Mister Kobayashi war mit Stacheldraht an seinen Bürostuhl gefesselt worden. Sein Hemd war geöffnet, die linke Brustseite wies eine großflächige Verletzung auf, die den Schluss nahelegte, dass man sein Herz entfernt hatte. An die Wand in Kobayashis Rücken, über seinem Kopf, war - augenscheinlich mit dem Blut des Opfers - in Versalschrift das Wort AVARITIA geschrieben worden. Eine Beamtin vor Ort wies mich darauf hin, dass es sich dabei um eine lateinische Vokabel mit der Bedeutung Habsucht handelt. Das englische Wort avarice leitet sich hiervon ab.

Ich hielt nach Hinweisen auf schwarzmagische Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Mord Ausschau, konnte jedoch am Tatort keine entdecken. Daraufhin begab ich mich zum Dienstgebäude von New Scotland Yard, um meinem Vorgesetzten, Superintendent Powell, vorerst mündlich Bericht zu erstatten.

***

Superintendent Sir James Powell stand am Fenster, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und starrte hinaus in den Regen. Laut Vorhersage sollte das Wetter die ganze Woche so mies bleiben. "Dao Kobayashi, ausgerechnet." Er schüttelte den Kopf. "Seine Sekretärin, Miss Givens, hat mich heute morgen angerufen. Das muss so gegen halb fünf gewesen sein. Sie hatte einen Anruf von Dao erhalten, mitten in der Nacht. Sie sollte sofort ins Büro kommen. Dao klang irgendwie gehetzt, sagte sie, dachte sich aber nichts dabei. Offenbar arbeitete er öfter mal die Nacht durch. Sie dachte, er hätte womöglich einen faulen Kreditposten oder so was entdeckt, wo es an den Börsen unter Umständen auf Minuten und Sekunden ankommt. Also eilte sie zum Tower am Canary Wharf. Dort fand sie Dao. So, wie Sie ihn gesehen haben, Mister Suko." Er drehte sich zu uns um. "Ich rief sofort Glenda an und kam selbst hierher. Kaum war ich hier, erreichte mich der Anruf von diesem Kopelson von der Metropolitan, der darauf beharrte, dass Sie, John, seinen Tatort höchstpersönlich in Augenschein nehmen."

So weit die Vorgeschichte. Sir James nahm hinter seinem Schreibtisch Platz und goss sich ein Glas kohlensäurefreies Mineralwasser ein.

Nun war es an Suko und mir, Rapport zu erstatten.

Dass Suko am Tatort "seines" Mordes einen Hinweis in Form einer lateinischen Vokabel, geschrieben mit dem Blut des Opfers, gefunden hatte, wusste ich bereits. Dass die Lettern IRA an "meinem" Tatort keinen Hinweis auf die irischen Unabhängigkeitskämpfer darstellten, war ebenfalls mittlerweile klar. Dass beide Opfer mit weniger als 24 Stunden Abstand auf die selbe Art hingerichtet worden waren, war uns zudem Hinweis genug, dass beide Fälle nicht nur zusammenhingen, sondern in beiden Fällen mutmaßlich der selbe Killer am Werk gewesen war.

Beiden Opfern war bei lebendigem Leib und vollem Bewusstsein das Herz herausgeschnitten worden.

Die Herzen waren verschwunden.

Die einzige Erklärung: Der Mörder hatte sie mitgenommen.

In beiden Fällen war bei den Opfern am Tatort ein lateinisches Wort hinterlassen worden, geschrieben mit dem Blut der Opfer.

IRA und AVARITIA.

Zorn und Habsucht.

"Laut diesem Inspektor Kopelson von der Metropolitan war das IRA-Opfer mehrfach vorbestraft", gab ich zu bedenken. "Lauter Vergehen, die auf einen zornigen Charakter schließen lassen".

Sir James sah mich an. "Und jetzt wollen Sie von mir wissen, ob Dao Kobayashi ein habsüchtiger Typ war?" Unser Vorgesetzter lächelte milde und schüttelte den Kopf. "Dao war Banker. Einer der besten der Welt. Banker sind von Natur aus gierig. So wie Polizisten neugierig sind. Sonst könnten sie den Job gar nicht machen."

Er drehte das Wasserglas in den Händen. Betrachtete versonnen den Inhalt. Ich schluckte trocken. Offenbar schwante uns beiden dasselbe.

Es war Suko, der als nächster sprach. "Sind Zorn und Habsucht nicht zwei der sieben Todsünden?"

Powell nickte, ohne aufzublicken. "Hm. Allerdings."

"Na toll. Dann ist da draußen also ein Killer unterwegs, der seine Opfer nach dem Prinzip der sieben Todsünden ermordet?" Suko zuckte mit den Schultern. Blickte abwechselnd mich und unseren Vorgesetzten an. "Schön und gut, aber was in aller Welt geht uns das an? Für so etwas gibt es schließlich die Mordkommission."

Powell seufzte. "Ich schätze, so einfach ist das nicht, Mister Suko." Er sah mich an. "Was denken Sie, John?"

Ich verstand, was er meinte. Versuchte, mich zu erinnern. Ich rieb mir das Kinn. Die Rasur war am Morgen aus Zeitgründen ausgefallen.

Sukos Blick wurde misstrauisch, er runzelte die Stirn. "Hab´ ich was verpasst?"

"Vermutlich denke ich das gleiche wie Sie, Sir", sagte ich.

"Die sieben Schwestern", sagte Powell.

"Die sieben Schwestern", bestätigte ich.

"Sieben Schwestern?", echote Suko. "Was für sieben Schwestern?"

Sir James hob endlich den Blick. Er wirkte müde. "Mit den sieben Todsünden liegen Sie richtig, Mister Suko. Aber es ist ganz anders, als Sie denken. Es geht nicht um Serienmord. Eher ums Gegenteil."

Die sieben Schwestern, dachte ich, und ein kaltes Händchen kitzelte mich im Nacken. Es war alles richtig gewesen. Ich an diesem Mord-Tatort mit diesem Inspektor Kopelson und seinem toten Hafenarbeiter und Ex-Knacki. Suko und der tote Banker. Denn dies war ohne Zweifel einer der Fälle, für die es unsere Abteilung bei New Scotland Yard gab. Wofür sie überhaupt geschaffen worden war. Womöglich war dies sogar der Fall, für den sie einst geschaffen worden war.

Sir James zog eine Schublade an seinem Schreibtisch auf, nahm ein Pillendöschen heraus, schüttete sich ein paar Pillen in die offene Handfläche und griff zum Wasserglas. "Wie war das mit den sieben Schwestern, John?"

***

Die sieben Todsünden. Sieben Schwestern, Töchter Luzifers. Gezeugt, die Menschen zum Bösen zu verführen, zu verwirren und ins Unglück zu stürzen, um Chaos und Schrecken zu verbreiten und zur Herrschaft zu führen, und dadurch das Ende aller Zeiten, die Apokalypse, den Höllensturz der Menschheit einzuleiten.

Sie existierten tatsächlich, der Höllenfürst hatte sie in dunkelster Vorzeit mit der Ursünde zusammen gezeugt, der personifizierten Ursünde, die den Menschen einst, in körperlicher Gestalt einer Schlange, das Paradies gekostet hatte.

Und nun saßen sie zusammen mit ihm in der Hölle, die sieben Schwestern, aber es gab eine Prophezeiung, dass sie dereinst, am ersten der letzten Tage, die Hölle verlassen und auf Erden wandeln würden. Sie würden die Menschen verführen, zur Sünde, zum Bösen, bis das Böse überhand nehmen und die Menschheit in den Dienst der Hölle zwingen würde.

"So steht es geschrieben", raunte Sir James.

"Klingt nach mächtig Ärger", bemerkte Suko. "Aber was hat das mit den Morden zu tun?"

"Es braucht ein Ritual", setzte Sir James meine Ausführungen fort, "um die sieben Schwestern zu beschwören und zu erwecken. Sieben Herzen für die sieben Schwestern. Sieben Herzen von sieben Sündern."

Sir James sah mich an. Ich nickte. Und versuchte mich zu erinnern, wann und wo ich zum ersten Mal von der Existenz der sieben Schwestern, den leibhaftigen Verkörperungen der sieben Todsünden, erfahren hatte.

"Das heißt also, die zwei Toten heute morgen, das war bloß der Anfang", schlussfolgerte mein chinesischer Partner.

Wieder konnte Ich nur nicken. "So, wie´s aussieht."

"Das heißt, wir können noch mit fünf weiteren Morden rechnen. Fünf weiteren Opfern."

Sir James nippte an seinem Wasserglas. "Darauf sollten Sie wohl oder übel vorbereitet sein." Unser Vorgesetzter sah uns eindringlich an. "Und alles geben, dass es nicht so weit kommt. Setzen Sie Himmel und Hölle in Bewegung, wenn es sein muss.  Die sieben Schwestern dürfen auf keinen Fall auferstehen."

Suko runzelte die Stirn und schüttelte unwillig den Kopf. "Eins versteh´ ich noch nicht. Der Mörder tötet also Menschen, die sich einer bestimmten Todsünde schuldig gemacht haben, schneidet ihnen das Herz heraus ..."

"Weil die Sünden selbst kein Herz besitzen", erklärte ich. "Körper ja, aber kein Herz. Sie brauchen ein Herz, das ihrem jeweiligen Charakter entspricht." Das alles hatte ich vor langer Zeit irgendwo gelesen oder gehört, konnte mich jedoch partout nicht erinnern, wann, wo und bei welcher Gelegenheit.

"Also letztendlich doch eine Art Serienkiller", fasste Suko zusammen. "Wenn auch einer, der ein praktisches Ziel verfolgt."

Ich zuckte die Achseln.

"Bleibt die Frage: Womit haben wir es bei unserem Täter überhaupt zu tun? Mit einem Dämon? Womöglich einem Urdämon?", stellte Suko die naheliegende Frage.

Jetzt schüttelten Sir James und ich synchron die Köpfe. "Nein", kam mein Vorgesetzter mir zuvor, "Soweit ich weiß, braucht es einen menschlichen Gehilfen, die sieben Schwestern zu rufen. Ein Mensch, ein menschlicher Diener der Hölle, mit einem menschlichen Herzen. So schwarz, dass er nicht davor zurückschreckt, die ganze Menschheit ins Unheil zu stürzen."

Er sah mich an. Ich nickte. "Ich denke auch, dass unser Gegner ein Mensch ist. Jemand, der das Ritual kennt."

"Also kein Dämon", resümierte Suko. "Und was ist mit dem Ritual?"

Da konnten auch Sir James und ich nur mit den Schultern zucken. "Es steht irgendwo notiert", sagte der Superintendent. "Weiß der Teufel, wo. Die Hölle wird es kennen."

"Okay." Mir ging das Gerede doch so langsam ein wenig auf den Geist. Theorie hin und her, in der Praxis werden Fakten geschaffen. "Fassen wir zusammen. Jemand hat offenbar vor, die personifizierten sieben Todsünden in die Welt zu schicken, um Chaos zu stiften und die Apokalypse einzuläuten. Dieser jemand steht womöglich mit den Mächten der Hölle in Verbindung, ist aber wahrscheinlich ein gewöhnlicher Mensch. Um seinen Plan zu erfüllen, braucht er sieben Herzen von sieben Menschen, die sich in einer der sieben Todsünden besonders hervorgetan haben. Zwei Herzen hat er bereits. Zorn und Habsucht. Fehlen noch fünf. Das heißt, die Uhr tickt. So weit einverstanden?"

Niemand äußerte Einwände, und so fuhr ich fort. "Es gilt also jetzt unter allen Umständen, diesen gewissen jemand aufzuspüren. Er ist - wie die Amerikaner sagen würden - unser John Doe. Der große Unbekannte."

"Es könnten auch mehrere Täter sein; oder eine Jane Doe", gab Suko zu bedenken.

"So oder so", schloss Sir James. "Sie wissen, was Sie zu tun haben. Finden Sie den Mörder oder die Mörderin. Und beenden sie die Serie. Je eher, desto besser. Es dürfen auf keinen Fall sieben Herzen zusammenkommen."

"Aber wo sollen wir ansetzen?" Suko warf verzweifelt die Hände in die Luft. "Es gibt keinerlei Spuren an den Tatorten, keine Fingerabdrücke, keine Augenzeugen, keinerlei Hinweise ..."

"Keine Bange, Mister Suko." Sir James lächelte säuerlich. "Am ersten Tatort wurde eine Nachricht an John hinterlegt. - Richtig?" Er sah mich an. Ich nickte. Tatsächlich. Das war bei der ganzen Debatte noch gar nicht zur Sprache gekommen. Mein Partner zog fragend die Augenbrauen hoch.

"Wir sollten also davon ausgehen", fuhr unser Vorgesetzter fort, "dass unser Gegner - John Doe oder wer oder was auch immer - ziemlich genau weiß, wer seine Feinde sind."

Ich kam nicht dazu, den Gedanken zuende zu denken, denn in diesem Augenblick klingelte auf Superintendent Powells Schreibtisch das Telefon.

Etwas hatte begonnen. Wir jagten ein Phantom, einen Serienkiller, der tötete und Herzen sammelte, um die Apokalypse über die Welt zu bringen.


Ich fragte mich, wie es enden würde ...

Superintendent Powell nahm den Anruf nach dem dritten Läuten entgegen.
 
***

Fallbericht Aktenzeichen: ***/***/*
Nur für den internen Dienstgebrauch
Sicherheitskategorie 12
verfasst von: Sinclair, John, Oberinspektor, Abteilung X
leitender Vorgesetzter: Powell, James, Superintendent
Fortsetzung
Mittlerweile hatte unsere Abteilung offiziell die Ermittlungen im Fall der sieben Schwestern übernommen, so dass alle Fälle von vermeintlich oder tatsächlich amputierten Herzen und lateinischen Inschriften am Tatort automatisch an uns weitergeleitet wurden. So auch der Notruf des St. Thomas´ Hospital. Dort war ein Patient brutal ermordet worden. Inspektor Suko und ich begaben uns unverzüglich zum Tatort.

Das St. Thomas´ Hospital ist bekanntlich nach Thomas von Aquin benannt, einem mittelalterlichen Theologen, der auch über die sieben Todsünden geschrieben hat.

Inspektor Suko und ich waren uns einig, dass dies kein Zufall sein konnte.

Gegen 13 Uhr 30 erreichten wir den Zielort. Den Dienstwagen parkten wir in der Tiefgarage des Hospitals. Hier kam es zu folgendem Zwischenfall.

Wir beobachteten, wie ein Mann, den seine Kleidung als Pflegekraft der Klinik auswies, vergeblich versuchte, ein sperriges, etwa beistelltischgroßes technisches Gerät in den Fond eines Rettungswagens zu hieven. Inspektor Suko und ich gingen dem Mann hilfreich zur Hand, und mit vereinten Kräften gelang es uns, die Gerätschaft in den Wagen zu laden. Der Mann schüttelte uns beiden zum Dank die Hände.

Daraufhin begaben wir uns in die Abteilung für Langzeit-Komapatienten. Hier erwartete uns bereits Dr. Morton, die leitende Stationsärztin. Dr. Morton erklärte uns die groben Hintergründe. Das Opfer war weiblich und hatte seit 42 Jahren, seit seinem siebten Lebensjahr, ununterbrochen im Koma gelegen.

Wie der Mord am hellichten Tag unbemerkt und ohne Zeugen geschehen konnte, konnte Dr. Morton sich nicht erklären. Der Täter war offenbar ungehindert eingedrungen und ebenso ungehindert wieder verschwunden.

Dann führte uns Dr. Morton zu dem Opfer.

Das Opfer war nicht bewegt worden. Es war offensichtlich, dass reanimierende Maßnahmen nicht mehr greifen würden.

Auch hier war wieder durch eine offene Wunde in der Brust das Herz entnommen worden. An der Wand überm Bett des Opfers stand, in den mittlerweile vertrauten Großbuchstaben geschrieben, ACEDIA.

Trägheit.

Dr. Morton brach beim Anblick des Schriftzugs in Tränen aus. Wir wollten uns bereits wieder verabschieden, als eine Pflegeschwester Dr. Morton mitteilte, dass ein sogenanntes "Künstliches Herz" vermisst werde. Offenbar war es gestohlen worden. Auf meine Nachfrage hin erklärte mir Dr. Morton, dabei handele es sich um eine Maschine, die beispielsweise bei Herztransplantationen den Blutkreislauf anstelle des organischen Herzens zwischenzeitlich aufrecht hält. Dr. Morton beschrieb uns auch das Aussehen der Maschine. Ein sperriges Gerät. Etwa beistelltischgroß.

Inspektor Suko und ich rannten unverzüglich auf schnellstem Wege zurück in die Tiefgarage. Der Parkplatz, auf dem der Wagen gestanden hatte, in den wir geholfen hatten, das "Künstliche Herz" zu verladen, war leer.

***

"Wir hatten ihn und haben ihn laufen lassen." Suko trat vor Frust gegen ein Bein seines Schreibtischs und verzog das Gesicht. "Ho, Ho", sagte ich. "Davon wird´s auch nicht besser."

Tatsächlich war auch ich mittlerweile mit meinem Latein am Ende, umgangssprachlich gesprochen. Nicht einmal Glendas Kaffee vermochte es, meine Laune zu heben.

Wir waren wieder zurück im Yard. Glenda hatte eine große Schiefertafel aufgestellt und darauf, in alphabetischer Reihenfolge, die sieben Todsünden notiert:

ACEDIA - Trägheit
AVARITIA - Habsucht
GULA - Maßlosigkeit
INVIDIA - Neid  
IRA - Zorn
LUXURIA - Wollust
SUPERBIA - Hochmut

ACEDIA, AVARITIA und IRA waren durchgestrichen. Ich starrte auf die Wörter. Suko tigerte vor der Tafel auf und ab.

"Wir suchen einen Killer. Der jederzeit wieder zuschlagen kann. Wieso hocken wir hier rum, anstatt uns auf die Suche nach dem Irren zu machen?"

Ich schüttelte den Kopf. "Du unterschätzt ihn, wenn du ihn einen Irren nennst. Wer immer er ist - der Typ weiß genau, was er tut. Woher auch immer."

"Ach, wo." Mein Partner blieb vor der Tafel stehen und starrte sie an. "Wie vielen Höllenjüngern, die das Jüngste Gericht herbeizaubern wollten, haben wir in den letzten Jahren auf die Finger geklopft? Der Typ ist bloß einer unter Tausenden ..."

Das Telefon auf Sukos Schreibtisch klingelte. Der Inspektor griff zum Hörer.

"Wer ruft mich hier eigentlich ..." Er verstummte. Sah mich an. Runzelte die Stirn. "Shao? Was ist los, Schatz? Geht´s dir nicht ..." Er verstummte wieder. Hörte zu, den Hörer am Ohr. Sah mich an. "Ich weiß nicht, ob das in dieser Situation eine gute ..." Lauschte wieder. Und hielt mir den Hörer entgegen. "Es ist Shao. Sie möchte mit dir sprechen."

Um´s kurz zu machen: Shao hatte zwischenzeitlich mit ihrem Lebensabschnittsgefährten Suko telefoniert und von der Brisanz und Dringlichkeit unseres aktuellen Falls erfahren. Um uns  etwas Gutes zu tun, hatte sie spontan entschlossen, abends für Suko und mich ein gediegenes Dinner zu kochen. Ich nahm die Einladung gern an. Ein wenig Ablenkung konnte nur guttun.

An eine Pinnwand neben der Tafel mit den aufgelisteten Todsünden waren diverse Tatortfotos geheftet: Andy Walker auf seinem Stuhl, Kobayashi auf seinem Stuhl, die Frau, die im Alter von sieben Jahren ins Koma gefallen und nie wieder aufgewacht war, auf dem weißen Betttuch, in einer Aureole von Blut. Die Abbildung einer "Künstliches Herz"-Maschine. Fotos von den blutigen Schriftzügen an den Wänden.

Suko starrte auf ein Foto vom Spiegelschrank im Badezimmer des ersten Opfers.

Zorn.

Halt´ Dich Raus, SINCLAIR!!!

"Halt´ dich raus, Sinclair."

Ich zuckte die Achseln. "Anscheinend bin ich mit dem Täter auf Du und Du."

Mein Partner hob belehrend den Zeigefinger. "Du hast seine Anweisung nicht befolgt."

Ich zuckte wieder die Achseln. "Natürlich nicht. Worauf willst du hinaus?"

Suko schüttelte den Kopf. "Weiß ich wohl selber nicht." Er sah mich an. "Ach, pfeif´ drauf. Ich hab´ Hunger. Lass´ uns Feierabend machen."

"Solange man uns noch lässt", ergänzte ich.

***

Ich stellte mich in meiner eigenen Wohnung kurz unter die Dusche, um den Frust des Tages wegzuspülen, zog mir ein frisches Hemd an und ging dann rüber zu Suko und Shao, die gleich nebenan wohnten. Es duftete nach gebratenem Hühnchen, frisch gekochtem Reis und Gemüse und diversen exotischen Gewürzen. Shao war gebürtige Japanerin und eine Meisterin, was die Küche ihrer Heimat betraf. Auf dem Plattenteller drehte sich eine Scheibe von Thelonious Monk.

Während des Essens tranken Shao und ich Wein, Suko Wasser.
 

Shao erkundigte sich nach meinem Patenkind, Johnny Connolly, dem Sohn meines besten Freundes Bill.

"Was ist mit euch beiden?", fragte ich. "Immer noch keine Ambitionen auf Nachwuchs?"

Suko grinste. Ich legte nach. "Ihr seid im perfekten Alter, um Eltern zu werden. Nicht mehr zu jung, noch nicht zu alt ..."

Shao lächelte. "Also ich könnte mir schon vorstellen ..."

Suko und Shao sahen einander an, und ich bereute es, das Thema ausgewalzt zu haben.

***

"Ihr habt also nicht den geringsten Hinweis auf die Identität des Mörders." Shao nippte an ihrem Rotwein. Ich schüttelte den Kopf. "Nicht den allergeringsten."

Das stimmte. Es war bizarr und eigentlich technisch unmöglich. Niemand hatte ihn gesehen. Die Überwachungskameras sowohl in der Bank wie in der Klinik hatten in den betreffenden Zeitfenstern einen verschwommenen Schatten gefilmt, der seelenruhig und ungehindert die Gebäude betreten und wieder verlassen hatte. Im Fall der Bank lag zwischen den Aufnahmen der Kameras am Lieferantenzugang eine Zeitspanne von knapp zwei Stunden. Zwei Stunden, in denen er Kobayashi überwältigt, gefesselt und ihm das Herz aus der Brust geschnitten hatte.

Ob es noch geschlagen hatte, als der Mörder es in der Hand hielt?

Überhaupt die Bank. Beinah so gesichert wie Fort Knox, und doch hatte keines der Überwachungssysteme Alarm ausgelöst.

Was wiederum ein möglicher Hinweis darauf war, dass hier doch Schwarze Magie im Spiel war.

Moment. Hatte ich gesagt, niemand habe den Täter gesehen? Das stimmte natürlich nicht. Suko und ich waren ihm schließlich von Angesicht zu Angesicht begegnet, in der Tiefgarage des St. Thomas´ Hospital. Beide hatten wir danach jeweils einzeln mit Phantombildzeichnern zusammengesessen, die nach unseren jeweiligen Angaben ein ungefähres Porträt der gesuchten Person anfertigten.

Als wir jedoch später unsere jeweiligen Phantombilder des Täters verglichen, mussten wir erstaunt feststellen, dass wir uns offenbar völlig unterschiedlich an dessen Aussehen erinnerten. Die beiden Phantombilder hatten auf jeden Fall keinerlei Ähnlichkeit miteinander. Sie sahen aus wie Bilder von zwei völlig unterschiedlichen Personen.

Nur in zweierlei waren unsere Angaben deckungsgleich: Der Mann hatte pechschwarze, schulterlange Haare gehabt. Und er war so groß gewesen, dass selbst ich zu ihm hatte aufschauen müssen.

Was nochmals die Frage aufwarf: War unser John Doe tatsächlich "nur" ein ganz gewöhnlicher Mensch? Als wir ihm in der Tiefgarage begegnet waren, hatte mein Kreuz nicht auf ihn reagiert. Nicht mal, als wir einander die Hände geschüttelt hatten.

Shao hatte recht. Wir hatten nicht den geringsten Hinweis. Nichts, was uns geholfen hätte zu verhindern, das noch vier weiteren Menschen die Herzen herausgeschnitten und die Apokalypse entfesselt wurde.

"Und praktisch jeder in London - oder auch sonst wo - könnte das nächste Opfer sein." Wir hatten Wein und Espresso hinter uns und waren bei heißem Sake angelangt. Auch Suko trank ein Schälchen. "Schließlich ist niemand frei von Sünde. Zumindest nach Ansicht der christlichen Kirchen. Stimmt´s, John."

Ich pflichtete bei. "Denn wer von euch frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

"Hm", machte Shao. "Meinetwegen. Aber mal ganz was anderes. Wieso eigentlich London?" Sie blickte uns fragend an. "Ich meine, er, der Täter, könnte seine Sieben-Schwestern-mittels-sieben-Herzen-Wiedererweckungsnummer auch genau so gut woanders abziehen, oder? In New York, Rom, Kalkutta, Shanghai. Auf Island oder den Malediven. Irgendwo, wo´s zumindest nicht so von Geisterjägern wimmelt." Ihr Blick ging zwischen Suko und mir hin und her. "Aber nein, er macht´s in London. Ausgerechnet London."

Suko und ich schauten einander an. Mir schwante, worauf Shao hinaus wollte.

Warum ausgerechnet in London?

Und warum und wozu überhaupt die Hinweise auf die Todsünden an den Tatorten? Dadurch hatte uns der Täter schließlich mehr oder weniger mit der Nase drauf gestoßen, was er im Schilde führte.

Und dann der schriftliche Appell an mich persönlich, mich "rauszuhalten".

"In einer anderen Stadt wäre vielleicht niemandem die Idee gekommen, dass es sich bei der vermeintlichen Mordserie in Wahrheit um ein höllisches Ritual handelt", sprach Suko aus, was ich dachte.

"Und ohne die Hinweise auf die Todsünden an den Tatorten auch nicht", führte Shao den Gedanken fort.

"Allerdings." Suko schüttelte den Kopf. "Die Wahrscheinlichkeit wäre sehr hoch gewesen, dass unsere Abteilung gar nicht von den Morden erfahren hätte. Für so was ist schließlich die Mordkommission zuständig."

"Und in England treiben sich schließlich genug geistesgestörte Serienkiller herum." Shao lächelte säuerlich. "Da fällt ein Typ, der Herzen herausschneidet, gar nicht weiter auf."

Ich kippte den restlichen Sake runter und kam zurück zum Thema. "London. Gezielte Hinweise an den Tatorten. Eine persönliche Nachricht an mich."

Ich sah Suko an. Er nickte.

"Der Täter will uns dabei haben."

"Wir sind Teil des Plans."

***
 
 
Die E-Mail, die nachts im allgemeinen Kontakt-Postfach von Scotland Yard eingegangen war und die Glenda am nächsten Morgen gleich an mich und meinen Partner weitergeleitet hatte, war aus Vatikanstadt, der päpstlichen Enklave in Italien, versendet worden. Das verriet das Kürzel am Ende der Mail-Adresse.

Der Text lautete wie folgt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Vincente Pellegrini, ich bin Pater. Ich lebe und arbeite im Vatikan, in den Archiven. Von hier aus schreibe ich Ihnen. Es geht um die Mordserie im Zusammenhang mit den sieben Todsünden. Ich habe auf der Internetseite einer englischen Tageszeitung davon erfahren.

Möglicherweise kenne ich die Identität des Täters. Wenn meine schlimmsten Befürchtungen zutreffen, mordet er nicht nur aus Lust, Hass oder geistiger Verwirrung. Er verfolgt einen Plan. Wenn es ihm gelingen sollte, sein Werk zu vollenden, wird das für uns alle die grauenhaftesten Konsequenzen haben.

Bitte kontaktieren Sie mich telefonisch, sobald Sie diese Nachricht gelesen haben.

Der Herr sei mit uns allen.

V. Pellegrini

Wann immer sich ein spektakulärer Mordfall oder gar eine ganze Serie ereignet, gibt es hunderte von Spinnern und Spaßvögeln, die der Polizei mit unnützen Hinweisen und falschen Bekennerschreiben unnötig Zeit und Nerven rauben.

Pater Pellegrini hingegen klang überzeugend und glaubwürdig. Er schien tatsächlich über Informationen zu verfügen, die uns weiterhelfen konnten.

Noch immer hatten wir keinerlei Spur zu dem Killer. Dass er weitermachen würde, bis er sieben Herzen zusammen hatte, daran gab es nicht die geringsten Zweifel.

Wann der nächste Mord geschehen würde, war daher bloß eine Frage der Zeit.

Ich machte es mir mit einer Tasse von Glendas herzerwärmendem Kaffee hinter meinem Schreibtisch gemütlich. Suko rückte seinen Stuhl heran. Ich schaltete den Lautsprecher des Telefons ein, damit mein Partner das Gespräch mithören konnte. Dann wählte ich die von Pater Pellegrini angegebene Nummer.

Endlich schien Bewegung in die ganze Sache zu kommen.

Ende des ersten Teils

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#1 Hellhannes 2020-05-27 22:48
Sehr gut!
Besten Dank!
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