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Loncon3 - The World Science Fiction Convention 2014 in London

0Loncon3
The World Science Fiction Convention 2014 in London

Einen Bericht soll ich schreiben. Das ist gar nicht so einfach. Denn diese LonCon dürfte sich für jeden einzelnen Anwesenden anders dargestellt haben. Das Programm war so vielschichtig, dass man fünf Tage lang auf der gleichen Veranstaltung sein konnte, ohne jemals das gleiche zu erleben. Wenn man jede Stunde die Auswahl zwischen 10 bis 20 Programmpunkten hat, geht schon allein dafür Zeit verloren, dass man überlegt, wohin man als nächstes seine Schritte lenkt.


Auch trifft man immer wieder nette Leute, die man schon lange nicht mehr gesehen hat, und geht schließlich nirgendwo hin außer gemeinsam auf ein Schwätzchen und einen Cappuccino.

Dieser Bericht ist folglich nur mein höchst eigener Eindruck, ein paar ganz subjektive Impressionen, die ich von Mittwochabend bis Montagabend mitgenommen habe. Und schon einmal vorab: es war sehr schön.

Mittwochabend war erst einmal nur die Registration offen für diejenigen, die schlauerweise nicht am ersten Tag (Donnerstag) selbst anreisten. Der Unterschied waren etwa zwei bis drei Stunden, die ich nicht anstehen musste, denn am Donnerstag war der sprichwörtliche Gottseibeiuns los, der sich in seiner angestammten Form als Schlange durch die ganze Eingangshalle, die Treppe hinauf durch den ersten Stock und auf der anderen Seite wieder hinunter erstreckte. Während ich Donnerstag früh also bei einem Tee im "Fan-Village" saß, konnte ich hinter der Glasscheibe meine Freunde sehen, die sich in mühevoller Langsamkeit Zoll um Zoll (in England rechnet man noch nicht in Zentimetern) der Registration entgegenschoben. 10.000 Besucher. Das dauert eine Weile.

Damit sind wir auch schon bei Punkt 1: Das Fan Village. Hier waren in kleinen Partyzelten Veranstalter zukünftiger Cons und Vereine der verschiedenen Länder untergebracht. Ein Rollenspielzelt gab es auch und eines zum Abhängen für Teenager. Ob dort irgendwann jemand einen Jugendlichen zur Kühlung in der "Chill Area" abgehängt hat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es ist gut zu wissen, dass die Möglichkeit bestand. Natürlich war auch "Schland" da mit einem entsprechend ausgestalteten Stand des SFCD, der der Welt "Raumschiff Orion" und andere deutsche SF vorstellte und für die EuroCon 2017 in Dortmund warb. Gute Sache das!

0Der Stand nahm netterweise auch ein paar Promokarten von mir und ca. 50 Sticker (ribbons). Diese Klebesprüche sind eine Con-Tradition. Man lässt Stoffstreifen mit irgendwas bedrucken, und die Fans kleben das dann an ihre Ausweis-Badges. Ich hatte "Join the fight against racist unicorns" anfertigen lassen und war erstaunt, dass die Dinger, die sich auf mein im englischen Sprachraum völlig unbekanntes Buch "Die Quellen der Malicorn"  bezogen, reißenden Absatz nahmen. Wildfremde Menschen liefen mir hinterher und fragten, ob ich noch rassistische Einhörner für sie hätte. Sehr bald musste ich alle enttäuschen. Sogar in einen Cartoon des "Private Eye" schaffte es der Sticker .

Beim Werbestand für die WorldCon 2017 in Helsinki schenkte man mir als Unterstützerin ein Buch. Es hat den "Troll" im Titel und ist dankenswerterweise auf Deutsch und nicht auf Finnisch.

Die Treppe hoch ging es in den Dealers' Room. Dort dealte man in allem, was das Fan-Herz erfreut: Bücher, T-Shirts, Memorabilia, Fan-Artikel, Gewandungsaccessoires, Mini-Drohnen (für ganz kleine Kriege), Abzeichen, Bücher, hatte ich schon Bücher erwähnt? Auch ein paar Spinner aus Deutschland waren hier zu finden. Das ist keine Beleidigung. Die Damen boten handgesponnene Wolle an und erfreuten sich großer Aufmerksamkeit (www.pallia.net ).

0Ich selbst kaufte mir einen Hut. Es ist ein sogenannter Dead Man's Hat. Warum heißt der so, fragte ich den netten Steampunk-Verkäufer, der mir den Kurzzylinder feilbot und mir – ohne Spiegel – viele unbewiesene Komplimente machte (es war ein teurer Hut). Ah, sagte der Dealer. Im 19. Jahrhundert sei es in gehobenen Kreisen üblich gewesen, sich nach dem Ableben in angemessenem Outfit begraben zu lassen, also keinesfalls ohne Hut. Die äußerst langen Zylinder verlangten allerdings nach Sarg-Sonderanfertigungen und extralangen Gräbern. Um dem verblichenen Gentleman die Mode seiner Wahl und seines Standes angedeihen zu lassen, ohne bei den Friedhöfen anbauen zu müssen, entwickelte man eben für dieses besondere modische Ereignis den Kurzzylinder (Dead Man's Hat).

0Auf dem gleichen Stockwerk befand sich noch die Kunstausstellung und in einer Ecke Teddys Chaos Costuming. Teddy – ein Costumer von besonderer Güte – betrieb dort eine Stoffreste-Ecke, um Leuten, die sich spontan gewanden wollten, ebenso spontan etwas zu zaubern. Er kann das richtig gut. In meinem Schrank hängen auch noch Gewandungen von ihm.

0Es gab natürlich auch schon fertige Schaustücke – von den verschiedensten Gewandungskünstlern hergestellt - ,die ausgestellt wurden. Später gab es auch die Maskerade (Kostümwettbewerb), bei dem man leider nicht fotografieren durfte.

0Mein erstes Panel war bereits gleich nach der Opening Ceremony angesetzt. Panels – das sind Programmpunkte im Talkshow-Format: ein Moderator und drei bis vier Diskutanten. Unser Thema war "The World at Worldcon: German-language SF/F" mit Martin Stricker (Moderator), Ju Honisch, Oliver Plaschka, Volker Tanger, Stefanie Zurek (= Romy Wolf)  . Das Panel war gut besucht, und wir schlugen uns wacker.

Abends hatte ich dann einen "Kaffeeklatsch". Die heißen tatsächlich so, denn das Wort hat es in den englischen Sprachgebrauch geschafft. Ein Kaffeeklatsch auf einer WorldCon bedeutet, dass Fans sich mit Autoren zu einer vorgegebenen Zeit bei einem Getränk unterhalten können. (Ich wünschte, es wäre tatsächlich Kaffee gereicht worden, leider aber ging die Versorgung nicht über Wasser im Pappbecher hinaus.) Die Fans - nie mehr als acht - müssen sich vorher anstellen und in Listen einschreiben. Die Schlange (da war es wieder, das lästige Reptil) für Berühmtheiten wie Patrick Rothfuss oder andere Bestseller-Autoren ist dabei ziemlich lang. Die Schlange für im englischen Sprachraum völlig unbekannte deutsche AutorInnen ist, wie man sich denken kann, entsprechend kurz. Doch ich hatte ein paar sehr nette Leute aus Leipzig da, die ich brav und redlich mit meinem Co-Panellisten David Towsey davidtowsey.blogspot.co.uk/, einem eben erst brandneu veröffentlichten britischen Jungautor, teilte.

Der Freitag hatte gleich mehrere Highlights. Am Nachmittag war ich zu Charles Stross' Geburtstagsparty eingeladen, die irgendwo in den Innereien des ExCel-Kongresszentrums stattfand. Das Kongresszentrum selbst ist an Hässlichkeit nur schwer zu überbieten, hatte aber den Vorteil, Tardis-gleich von innen weitaus größer zu sein als von außen. Das Gebäude bietet viele Möglichkeiten und "funktioniert", wenngleich man sich fragt, auf welchem Wertstoffhof der Architekt seine Materialien zusammengeraubt hat. Das Bauwerk ist von außen so lang, dass es von einer U-Bahn-Haltestelle bis zur nächsten reicht. Die Erfindung von Blasenpflastern für die Füße war als segensreich zu vermerken.

Doch zurück zu Charlie. Er hatte netterweise Kollegen der schreibenden Zunft eingeladen, und so machten sich denn auch auf Joseph aus der Stadt … hoppla. Falsches Buch. Joey, Tanya Huff http://de.wikipedia.org/wiki/Tanya_Huff , Fiona Patton http://de.wikipedia.org/wiki/Fiona_Patton, und ich stürzten uns in das Abenteuer, den Raum zu finden, in dem besagte Party stattfinden sollte.

0Ein Ordner winkte uns in einen Seitengang, und auf einmal fanden wir uns in einem riesigen, leeren Hangar wieder. Unwillkürlich hielten wir an.

Tanya: "Ihr findet Euch in einem leeren Hangar wieder. Was macht ihr?"
Fiona: "Ich spanne meinen Bogen".
Joey: "Ich schaue nach, ob Fallen da sind."
Ich: "Ich nehme mein Schwert …"

0Wir erreichten den Ort des Geschehens ohne weitere Kampfhandlungen und wurden mit netter Gesellschaft, gutem Bier und äußerst innovativem Knabberkram begrüßt. Das Bier war einheimisch, doch der Knabberkram schien mir aus den Dungeon-Dimensions zu stammen, was seiner Beliebtheit freilich keinen Abbruch tat. Laugenbrezeltaschen mit Erdnussbutterfüllung sind eindeutig außerirdisch. Charlie ist schließlich Fachmann für die Dimensionen, aus denen die Tentakelmonster kommen. Tatsächlich hat er gerade einen neuen Vertrag für den nächsten Band aus seiner "Laundry"-Reihe unterschrieben.

Abends war Konzert. Die WorldCon Philharmonic Orchestra (zusammengestellt aus Mitgliedern des London Symphonic Orchestra, Royal Philharmonic Orchestra, BBC Symphony Orchestra, BBC Concert Orchestra, London Philharmonic Orchestra und Britten Sinfonia) spielten Filmmusik-Suiten und klassische Werke. Hier das Programm: John Williams: Superman March; Joseph Haydn: The Representation of Chaos; Ron Grainer&Murray Gold: Doctor Who Main Title; Antonin Dvorak: song to the Moon; Marin O'Donnell&Michael Salvatori: Halo Main Theme; Yoko Shimomura: Kingdom of Hearts; Tan Dun: The Eternal Vow (Crouching Tiger); Gustav Holst: Mars & Jupiter; Courage; McCarthy, Chattaway& Goldsmith: Star Trek through the Years; Charles Ives: The unanswered Question; Igor Stravinsky: Berceuse&Finale from Firebird Suite; Gary Lloyd: The Bridge Redux (in memoriam Iain Banks) and John Williams: Star Wars Suite.

Das Orchester war riesig und die Musik beeindruckend. Leider war die Halle so kalt, dass sie den Grundstock für ein paar Hundert Erkältungen legte, die wir (ja, ich auch) ab dem nächsten Tag großzügig in bester Outbreak-Manier an die restlichen Con-Besucher weiterverteilten. Die Engländer haben einen eigenen Ausdruck für derlei Infekte; sie nennen sie "Con crud". Und bei 10.000 Menschen im gleichen Gebäude und der freundlichen Sitte, alle alten Freunde stets mit ausgiebigem Knuddeln zu begrüßen, hatten wir alsbald die philharmonischen Viren erfolgreich unters Volk gebracht.

Nach dem klassischen Konzert hab es "Ceilidh" – also eine englische Folk Dancing Veranstaltung. Eine gute Hundertschaft sonst vermutlich eher unsportlicher Fans ließ sich die Tänze erklären und hüpfte fröhlich zu den Klängen der Liam Robinson Dance Band durch den Saal. Es hat sehr viel Spaß gemacht.

0Am Samstag diskutierte ich dann in einem weiteren Panel "Always Outside, Looking In?" mit noch drei nicht englischsprachigen Autoren über die Möglichkeit, sein Werk dem englischen Markt näherzubringen – und die Schwierigkeiten, auf die man dabei stößt. Mit dabei waren Thomas Olde Heuvelt, Aliette de Bodard, Floris M. Kleijne. Thomas Olde Heuvelt hat es bislang als einziger geschafft, sein Buch "Hex" an TOR Publishing zu verkaufen.

Natürlich war ich als alte Filkerin bei einer Menge Filk Konzerte. Falls jemand nicht weiß, was Filk ist: ganz grob vereinfacht – selbstgeschriebene Lieder zu SF, F und Märchenthemen in Stilrichtungen zwischen Folk bis Rock. Katy und ich hatten ein Konzert, das wir zusammen mit Steve Mac ganz erfolgreich hinter uns brachten.

0Playing RapunzelVolker and Kirstin Tanger, Gwen Knighton, Seanan McGuire and Dead Sexy in concert, Angry Ants, Dr. Sib Machat, Talis Kimberley  waren nur einige der wunderbaren Konzerte, die der Filkraum bot und die ich in meinem Plan unterbringen konnte. Sie reichten von romantischer Stahlsaitenharfe über wunderbar witzigen und sprachgewandten Liedsketchen bis hin zu Seanans Band, die zwischen Folk, Jazz und Rock eigentlich alles spielen konnte.

0Krönender Abschluss des Filk Programms war die dreistündige Aufführung des Filk Rock-Musicals "Before the Dawn". Da hatten die englischen Filker etwas wirklich Beeindruckendes auf die Beine gestellt.

Mein letzter aktiver Panel war am Montag "Beyond Blighty: World Steampunk" mit Joseph Remesar, Stefanie Zurek und Jürgen Lautner. Darin hätten wir eigentlich primär internationalen Steampunk reden sollen. Allerdings war uns Herr Remesar an Kommunikationstalent leider so weit überlegen, dass die meiste Zeit nur er redete. Wie er es schaffte, das weitgehend ohne Zwischenatmen oder Pausen zu bewerkstelligen, während er sein Buch werbewirksam mal mit dieser, mal mit jener Hand durch die Luft schwenkte, forderte einem eine gewisse Ehrfurcht ab. Die hingebungsvolle Zielstrebigkeit – und der Akzent - , mit der er dies tat, erinnerte mich ein wenig an "Die Braut des Prinzen" – My Name is Inigo Montoya. I write Steampunk. Preparrrrrre to rrrread!". Schade nur, dass er wirklich schwer zu verstehen war und sich das Publikum in seinen langen Monologen nach und nach verkrümelte.

Und dann war es auch schon vorbei, und ich blickte fassungslos auf mein dickes WorldCon Programmbuch und all die Hunderte von Programmpunkten, die ich verpasst hatte und zu denen ich doch auch noch so gerne gegangen wäre – wenn ich denn der identischen Ganzkörperreduplikationsteilung mächtig gewesen wäre.

  • 0Verpasst: Dutzende von interessanten Literatur-, Geschichts- und Filmdiskussionsrunden.
  • Verpasst: Die Hugo Award Verleihung (da war wieder das Reptil dran schuld. Die ersten hundert Interessierten stellten sich schon drei Stunden vorher am Saal an.)
  • Verpasst: Eins der Kunstwerke der Art Show zu kaufen
  • Verpasst: Learn How to Swing Dance, The 1939 Retro-Hugo Awards Ceremony, Regency Dance, Hallucinating Shakespeare, The Compleat Works of William Shakespeare (Abridged) etc.
  • Verpasst: so ziemlich alle Lesungen
  • Verpasst: Alle Signierstunden der anwesenden Bestsellerautoren
  • Verpasst: Book launching party von Beccon Publishers
  • Verpasst: so ziemlich alle Partys im Fan Village.
  • Verpasst: den gesamten "academic" Teil – literatur- und naturwissenschaftliche Vorlesungen


Nächstes Jahr findet die WorldCon in Spokane im US-Staat Washington statt. Das ist hinter den sieben Bergen, noch hinter den sieben Zwergen und dann am dritten Pilz links. Zu weit weg. Aber mit etwas Glück kommt die WorldCon 2017 vielleicht ja nach Helsinki. Und dann bin ich wieder dabei.

Vielleicht sollte ich dann weniger mit Freunden feiern und mehr auf lehrreiche Panels gehen.


Vielleicht aber auch nicht.


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