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Sieben gegen die Hölle - Lena (Teil 4)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Lena (Teil 4)
4. Knocking on Heaven´s Door
Udo, Lenas Kollege, war in höchster Sorge. Er konnte sie nicht erreichen. Ihr Handy war offenbar außer Betrieb. Seit dem Vortag hatte er keinen Kontakt mehr herstellen können und wusste nicht, wo Lena sich befand und wie es ihr ging.

Mit Kurts betagtem Moped hatte Udo sich auf den Weg gemacht, heimlich auf Feld- und Waldwegen die Straßensperren umfahren und die Höhen des Meißners erklommen.


Das altersschwache Gefährt tuckelte quälend langsam die steilen Straßen hinauf, hatte aber gegenüber einem Auto den Vorteil, dass er leichter die auf der Fahrbahn liegenden Felsbrocken umfahren konnte.

Nach den Beschreibungen seiner Verwandten fand er schließlich die Schäferei, aber die Gebäude waren verlassen. Er spähte durch das Küchenfenster. Auf dem Tisch lag Lenas Mappe. Also war sie tatsächlich hier gewesen. Da die Tür verschlossen war, konnte er nichts tun als zu klopfen und zu rufen. Keine Antwort. Es war niemand hier, so dass er weiter fuhr.

Am Nachmittag bemerkte Udo, dass auch sein Handy keinen Empfang mehr hatte. Er stand auf der Kalbe. An der Seite der Kuppe, wo das Bergwerk eine große, tiefe Mulde geschaffen hatte, lag der Kalbesee, über dessen Wasserspiegel die Steilhänge fast senkrecht aufragten. Alles war gespenstisch still. Udo versuchte sich vorzustellen, was passieren würde, wenn der Wall, der dieses Gewässer auf der Außenseite eindämmte, auch wegbrechen würde. Dann musste eine gewaltige Flut aus Steinen, Erde, Bäumen und Wasser zu Tal stürzen und riesige Schäden anrichten. Der Journalist schüttelte sich bei der Vorstellung und machte sich wieder auf die Suche.

Kurz darauf kam er an den Frau-Holle-Teich. Die Stille, die sich ausbreitete, nachdem der knatternde Motor ausgeschaltet war, wirkte ohrenbetäubend. Vorsichtig erkundete Udo das Gelände. Im langen Gras fand er Fußspuren von mehreren Personen. Wer war noch hier gewesen? An einer schlammigen Stelle konnte er Schuhabdrücke erkennen. Lena trug zwar derbes Schuhwerk, aber nicht so groß. Hier waren glattere Sohlen in den Dreck eingesunken. Männerschuhe, aber keine Arbeitsstiefel. Und große Füße musste der Kerl haben, mindestens Größe 49. Udo folgte der Spur, soweit das möglich war für einen Mann jenseits der Fünfzig, der nie Pfadfinder gewesen war.

Am Ufer des Teiches war eine Stelle, wo die hohen Sumpfpflanzen sehr zerdrückt waren. Offenbar hatte sich hier jemand versteckt. Er entdeckte Spuren, die zu Lenas Wanderschuhen passen konnten. Sie führten zum Wasser hin, aber nicht wieder zurück. Alarmiert sah Udo sich um und entdeckte etwas Blaues, das halb unter einem Strauch verborgen lag. Er bückte  sich und zog den Gegenstand hervor. Es war Lenas Notizbuch.

Sie sah einen Tunnel und Licht am Ende. Sie bewegte sich langsam darauf zu. Wo war sie? Sie fror nicht, sie hatte keine Schmerzen. Nichts erschien ihr bedrohlich. Das Licht kam näher. Es sah so freundlich aus, dass sie am liebsten schneller darauf zugelaufen wäre. Aber sie konnte nichts bewegen, nur abwarten, bis sie von selbst dort ankam. Wie eine Seifenblase trieb sie in Zeitlupe dahin.

Ihr Gehirn war wie vernebelt, sie strengte sich aufs Äußerste an, um sich zu erinnern, wo sie eben noch gewesen war und wie sie hierhin gelangt war. Aber da war nichts als Watte ... Dann sah sie undeutlich vor ihrem inneren Auge den Teich, in den sie gestiegen war auf der Flucht vor ... ja, vor was eigentlich? Ihr Erinnerungsvermögen weigerte sich noch, das preiszugeben. Aber sie war in den Teich gestiegen. Müsste sie nicht nass sein? An Luftnot leiden? Nichts davon verspürte sie.

"Bin ich tot?" Die Frage schlich ganz langsam und unaufgeregt durch ihre Gehirnwindungen. Keine Panik war damit verbunden, nur leichtes Erstaunen über ihren Zustand.

Dann erkannte sie vor sich eine wunderschöne Landschaft im Sonnenlicht. Berge und Täler, grünes Gras, Bäume, Tiere, die auf der Wiese spielten. Sie trieb gemächlich darauf zu. Das musste das Paradies sein. Im Hintergrund erhob sich gewaltig und majestätisch ein Regenbogen, so prachtvoll, wie sie nie einen gesehen hatte. Ihr Blick wurde magisch angezogen davon, sie konnte nirgendwo sonst hinsehen. Erst als ihre Füße sanft auf der Wiese landeten, wurde ihr bewusst, dass sie noch einen Körper hatte, der unversehrt war und auch wieder Sinneswahrnehmungen an ihren Verstand sandte. Sie spürte den Boden unter den Sohlen, konnte ihre Arme bewegen und atmete tief eine saubere, würzige Luft ein. Die Sonne wärmte ihre Haut angenehm und Vögel zwitscherten in den Bäumen. Unmengen von Grillen zirpten im Gras um sie herum. Eine Gruppe Rehe äste nur wenige Meter von ihr entfernt und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, selbst dann nicht, als Lena vorsichtig ein paar Schritte auf den Holunderbusch zuging, der in voller Blüte stand und einen verführerischen Duft verbreitete. Im Schatten des Strauches saß ein Hase, der eine Fackel trug.

Moment mal ...! Ein Hase, der eine Fackel trägt? Ein Holunderbusch, der um diese Zeit blüht? Wo hatte sie das schon gehört? Ihr Verstand wurde langsam wieder klarer, sie erinnerte sich, dass sie das vor Kurzem erst gelesen hatte. In einem Buch, das auf einem Schreibtisch gelegen hatte, in der Schäferei am Hohen Meißner. Sie sah den Bergrutsch vor sich, den Mundus, Loki und die Zombies, und Silas, der von den Polizisten abgeführt wurde. Wie eine Zentnerlast senkte sich die Erinnerung auf ihr Gemüt und wollte sie erdrücken. Die große Verantwortung und die Trauer darüber, dass sie Silas wohl nie wieder sehen würde, waren zu viel. Aber dann siegte doch ihr Kampfgeist. Noch war nicht aller Tage Abend! Sie musste irgendwie den Mjölnir holen, daran führte kein Weg vorbei.

Lena schüttelte den Kopf in dem Bemühen, sich dann besser konzentrieren zu können. Das Buch, in dem sie gelesen hatte, was hatte da über den Hasen mit der Fackel gestanden? Ach ja, er war ein Begleiter von Holda. Holda, der die Holunderbüsche heilig waren. Holda, Frau Holle, Perchta, Bertha, Percht oder wie sie noch alles hieß. Die ihre Betten schüttelte und damit Schneefall auf der Erde auslöste. Die die fleißigen Mädchen belohnt und die faulen bestraft. Die für Wohlstand und Fruchtbarkeit sorgen kann, aber auch mit Odin auf der Wilden Jagd in den Raunächten durch die Lüfte zieht. Holda, die Segen oder Tod bringt. Holda, die in vielerlei Gestalt erscheinen kann, als schöne, junge Frau und als hässliche Alte. Die sich gern an Seen, Teichen und Brunnen aufhält. Lena war in ihren Teich gestiegen, bevor sie das Bewusstsein verloren hatte. Manche der Autoren, die über Holda geschrieben hatten, setzten sie auch mit Frigga, Odins Gemahlin, gleich, andere widersprachen dieser These. Holda, die die faulen Mädchen bestraft und die fleißigen belohnt.

Ein freundliches Lachen aus dem Schatten des Holunders erschreckte Lena mehr, als dass es sie beruhigt hätte. Eine Gestalt erhob sich und kam auf sie zu. Ein langes, helles Gewand, lange blonde Haare, die bis über die Hüften fielen. Holda hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Hutzelweiblein aus dem Märchenbuch. Sie war strahlend schön, aber nicht auf so eine künstliche, kalte Art, wie die Models, die die modernen Medien als schön verkaufen wollen. Lena musste sie wieder und wieder ansehen. Trotz all ihrer Eloquenz fand sie keinen Ausdruck für das, was die Göttin ausstrahlte. Erhabenheit, Macht, Güte, aber auch eine Stärke, der man sich nicht in den Weg stellen sollte. Ein Selbstbewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes. Die Göttin war sich ihrer selbst bewusst und ließ sich nicht beirren. Und sie stand noch für vieles, das Lena nicht greifen und benennen konnte.

Die Knie in den Jeans wurden weich und begannen, langsam einzugzuknicken. Eine Göttin, wirklich und leibhaftig, stand nur ein paar Schritte entfernt. Noch vor drei Tagen hätte Lena ihre Existenz entschieden abgestritten.

"Fürchte dich nicht. Wenn du in mein Reich gekommen bist ohne den Tod zu finden, dann hat das eine Bewandtnis. Oder anders ausgedrückt: Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du hast noch eine Aufgabe zu erledigen, die sehr wichtig ist. Hab keine Angst!", sprach Holda beruhigend. "Ich habe nicht die Absicht, dich an der Erfüllung deiner Aufgabe zu hindern, indem ich dir Böses antue."

Jetzt sackten Lena die Knie gänzlich weg und sie glaubte, wieder ohnmächtig zu werden. Doch sie blieb bei Bewusstsein, bei einer Art höherem Bewusstsein sogar. Denn als sie zu Boden sank, fiel direkt vor ihr ein Zweig auf das weiche Gras. Es war das weiche Holunderholz, ein senkrechtes, gerades Stück, von dessen oberen Ende auf der rechten Seite ein kürzeres Stück schräg nach unten abzweigte. Lena erkannte das Zeichen sofort: Die Rune lögr. Lautwert L, Wortbedeutung Wasser.

Wasser und Holunderholz. Lena brauchte sich nicht mal umsehen, um zu wissen, dass Holda ihr zufrieden zulächelte. Und dann war da wieder die Stimme, die weiter sprach: "Die L-Rune dient sehr effektiv zur Stärkung der Intuition, entwickelt die eigene Lebenskraft, hilft bei schweren Prüfungen, die zu bestehen sind. Das Unbewusste ist nicht weit entfernt, Wachstum und gute Möglichkeiten zur Entwicklung sind in greifbarer Nähe."

"Du musst nur den Mut haben, die Möglichkeiten zu ergreifen", sagte Holda, als hätte sie die Stimme der Rune in Lenas Kopf gehört. Verwirrt sah diese zur Gottheit auf, aber ihr fiel nichts ein, was sie hätte sagen oder fragen können. Dann bemerkte sie einen anderen Zweig, der halb unter ihrer Hand verborgen gelegen hatte. Sie hob ihn auf und betrachtete ihn nachdenklich. Ein gerades Stöckchen senkrecht, am unteren Ende aufgespalten in drei gleichmäßige Arme, einer verlängerte die Achse, die beiden anderen spreizten sich symmetrisch davon ab. Es war ein sehr viel festeres Holz als der Holunder, aber nicht starr in der Form, sondern die Enden ließen sich umbiegen und schnellten dann an ihre ursprüngliche Position zurück.

"Yr, die Eibe". Lena hatte leise den Namen dieser Rune genannt. Verblüfft darüber, dass sie auch dieses Zeichen erkannt hatte, setzte sie sich auf. Holda nahm neben ihr Platz und betrachtete den Zweig nachdenklich. "Ja, die Eibe. Der Baum des ewigen Lebens und des Todes. Das Holz ist hart und biegsam, geeigent, um Bögen daraus zu bauen. Und ein Bogen, eine Brücke, ist auch seine Bedeutung. Die Eibe steht für die Spannung, die Spanne zwischen Asgard und Midgard, zwischen Leben und Tod. Mädchen, du musst eine sehr große, bedeutende Aufgabe haben."

Die Journalistin konnte nur stumm und mit großen Augen nicken. Dann fuhr Holda fort: "Bei der Galdor-Magie ist die Eibe das Zeichen, dass die Kraft des Lebens sehr stark ist, aber auch die Bedrohung durch den Tod. Die Rune bedeutet, dass ein Prozess zu Ende geht, möglicherweise in eine Erleuchtung führt. Sie hat die Kraft, das Leben eines Menschen zu schützen. Magische Hilfe kann vor dauerhaftem Schaden oder bleibender Verwirrung schützen."

Noch immer war Lena keines Wortes fähig und nickte nur zu den Worten der Göttin. Als hätte es ihr zugestanden, Holda zu widersprechen! Der Gedanke kam ihr absurd vor. Dabei war doch die ganze Situation, in der sie sich befand, noch viel absurder! Am Grund eines dunklen Teiches mit einer Göttin in der Sonne sitzen und plaudern, das war zu verrückt, um wahr zu sein.

Holda hatte offenbar wieder ihre Gedanken erraten und lächelte beruhigend. "Keine Angst!", wiederholte sie. "Du hast von mir nichts zu befürchten. Es ist eindeutig, dass du einen Auftrag hast, der von fundamentaler Wichtigkeit ist. Willst du mir davon erzählen? Vielleicht kann ich dir helfen. Es ist meine Aufgabe, diejenigen zu bestrafen, die sich vor ihren Aufgaben drücken und die zu belohnen und zu unterstützen, die ihre Arbeit tun. Du kennst doch sicher die Geschichte von Goldmarie und Pechmarie?" Sie lächelte freundlich. "Du scheinst mir keine Pechmarie zu sein, sondern nimmst das ernst, was du zu tun hast. Aber es scheint, dass das eine große Sache ist, sonst wärest du nicht hier. Irgend jemand hält jedenfalls schon eine Weile die Hand schützend über dich."  

Leise begann Lena zu erzählen, was sie über die Bedrohung am Berg wusste und wie Silas zu der Auffassung gekommen war, nur Thors Hammer könnte Loki davon abhalten, großen und nicht wieder gutzumachenden Schaden anzurichten. Holda hörte zu, stellte Fragen, hörte weiter zu und dachte nach.

Dann wollte sie wissen: "Ist da wirklich ein Mundus? Wie sieht er aus?" Lena zuckte die Schultern. "Ich habe ihn fotografiert, aber ich fürchte, das Teichwasser hat die Kamera beschädigt. Sonst könnte ich dir Bilder zeigen." Sie hob ihre Tasche auf die Knie und nahm den Apparat heraus. Doch der sah aus wie immer und ließ sich auch ohne Probleme anschalten.

Holdas Lächeln verriet, dass sie ihre Finger im Spiel gehabt haben musste.  Aber als sie die Fotos auf dem Display sah, verging ihr die Heiterkeit.

Dabei sagte sie erst einmal nichts. Lena schien dieses Nachdenken lange anzudauern, aber vermutlich galten hier nicht die selben Zeitverhältnisse wie in ihrer Welt. Sie rührte sich jedenfalls nicht, bevor die Göttin zu einem Schluss gekommen war.

Deren Stimme klang noch immer nachdenklich, aber auch entschlossen. "Dein Schäfer hat recht. Der Mundus muss unbedingt geschlossen bleiben. Was auch immer Loki damit bezwecken will, es kann nichts Gutes sein, weder für Midgard noch für Asgard. Gut möglich, dass Thors Hammer geeignet wäre, ihn in die Schranken zu weisen, aber solange ich Thor kenne, hat der den Mjölnir nie freiwillig aus der Hand gegeben. Er braucht ihn nicht nur zum eigenen Schutz, sondern auch, um die Reiche von Göttern und Menschen gegen andere Gefahren zu beschützen. Eine Ironie des Unendlichen Schicksals, dass ausgerechnet ein Artefakt, das Loki von den Zwergen fertigen ließ, um die Asen zu beschämen, das einzige sein soll, das ihn im Zaum halten kann. Besonders, wenn es ihm mal wieder gelungen ist, aus seinen Fesseln zu entwischen."

Lenas Blick verriet, dass sie die Anspielungen nicht verstand. Geduldig begann Holda, von der Entstehung des Hammers zu berichten. "Offenbar hat Thors Gattin Sif ihren Mann mit Loki betrogen, jedenfalls fand er eine Gelegenheit, ihr im Schlaf die Haare abzuschneiden. Thor war sehr wütend und bekam Loki zu fassen. Um sich vor seinem Zorn zu schützen, versprach Loki, von den Schwarzalben - ihr nennt sie Zwerge - neues goldenes Haar für Sif anfertigen zu lassen. Die Schwarzalben führten den Auftrag aus und gestalteten auch gleich noch den Speer Gungnir, den Odin seitdem trägt, und das Schiff Skidbladnir, das man, wenn man es nicht braucht,  klein zusammenklappen und in die Tasche stecken kann."

Spontan schoss es Lena durch den Kopf, dass diese Eigenschaft für ein Fahrzeug sehr nützlich sein könnte, besonders wenn man wie sie als Privatauto einen großen Pick-up fuhr, für den alle Parklücken zu klein waren. Aber sie zwang sich, nicht abzuschweifen und lauschte weiter Holdas Worten:  

"Als Loki mit diesen Sachen auf dem Weg nach Asgard war, begegnete ihm ein anderer Schwarzalbe, nämlich Brokk. Der betrachtete die Dinge, die Loki bei sich hatte, und meinte, sein Bruder Sindri könnte ebenso kunstvolle Dinge erschaffen. Loki wettete seinen Kopf dagegen.

Also fingen Sindri und Brokk an zu arbeiten. Brokks Aufgabe war es, den Blasebalg ohne Pause zu bestätigen und damit das Feuer in der Esse  in Gang zu halten. Natürlich musste Loki sich etwas einfallen lassen, weil er seine Wette nicht verlieren wollte. Er verwandelte sich in eine Fliege, die Brokk unablässig ärgerte und in die Hand stach, während Sindri einen Eber mit goldenen Borsten schuf. Brokk ließ sich den Stich der Fliege gefallen, weil er beide Hände für den Blasebalg brauchte. Das nächste Werk Sindris war der Ring Draupnir, von dem jede neunte Nacht acht neue Ringe abtropfen. Loki stach Brokk in den Hals, aber auch hier blieb er bei der Arbeit. Beim dritten Werkstück, dem Hammer, stach die Fliege Brokk in die Augen und das war dann doch zu viel. Er verscheuchte den Plagegeist und ließ für den kurzen Moment seine Arbeit im Stich. Dadurch ist der Stiel an diesem Hammer zu kurz geraten.

Als Schiedsrichter in dem Streit zwischen Loki und den Zwergen fungierten die Asen und der Hammer wurde zum besten Werkstück ernannt. Brokk gab ihn Thor, der auch gleich die Vorzüge erkannte. Loki, der seinen Kopf nicht abgeben wollte, machte sich aus dem Staub, aber Thor fing ihn wieder ein. Loki redete sich heraus, dass Brokk zwar seinen Kopf gewonnen hätte, aber nicht das Recht, ihm den Hals zu beschädigen, wie es bei einer Enthauptung unvermeidlich war. Daher begnügte Brokk sich damit, Loki den Mund zuzunähen, damit der verhungern müsste. Loki blieb dann nichts anderes übrig, als die Naht schmerzhaft wieder aufzureißen, wenn er am Leben bleiben wollte.

So jedenfalls kam es dazu, dass Loki eigentlich für die Erschaffung von Thors Hammer verantwortlich ist. Thor passt gut darauf auf, besonders, nachdem ihm ein Riese mal den Hammer gestohlen hatte und damit eine Hochzeit mit Freya erzwingen wollte. Thor und Loki mussten als Braut und Zofe verkleidet zum Riesenbräutigam reisen. Die Tarnung wäre fast aufgeflogen, weil Thor in seiner Gefräßigkeit das  Hochzeitsmenü für die ganze Festgesellschaft allein verschlungen hat, aber Loki fand eine Ausrede und die Riesen waren nicht besonders helle im Kopf. Sobald Thor den Mjölnir in die Hand bekam, erschlug er die ganze Hünensippe damit. Seitdem passt er aber besser darauf auf."

"Dann habe ich also keine Chance? Wir können nichts tun, um den Mundus zu schließen?" Lena mochte es nicht glauben, dass all ihr Bemühen vergeblich gewesen sein sollte.

"Das will ich nicht sagen." Holda wollte ihr nicht allen Mut nehmen, wenn doch noch eine gewisse Hoffnung bestand. "Das beste wird sein, wenn du selbst nach Asgard gehst und mit Odin, Thor und den anderen redest.

Lokis Körper ist zur Strafe für seine Untaten auf spitze Felsen gekettet. Die Fesseln sind die Eisen gewordenen Eingeweide seiner Söhne und nur seine Gattin Sigyn kann verhindern, dass das Gift einer Schlange, die über ihm hängt, ihn verätzt. Sigyn fängt mit einer Schüssel die Tropfen auf. So kriegt er nur dann von dem Gift ab, wenn die Schüssel voll ist und ausgeleert werden muss. Dann reißt er an seinen Fesseln, dass die die Erde bebt."

Beide mussten bei dem Satz an die schroffen Felswände des Meißners denken, von denen ja immer wieder Erde und dicke Basaltbrocken in die Tiefe stürzten. Holda fuhr fort: "Wir haben schon lange den Verdacht, dass er es zumindest zeitweise schafft, dass sein Körper zwar auf den Felsen angekettet bleibt, sein Geist sich aber anderer Personen bemächtigt, die dann an seiner Stelle agieren. Ob es so ist, dafür haben wir noch keinen Beweis gefunden. Denkbar wäre es wenigstens. Die schlechten Charaktereigenschaften der Menschen, also Neid, Habgier und Boshaftigkeit, waren ihm immer ein offenes Tor."

Lena dachte an Silas, sah sein lachendes Gesicht vor sich und bei der Vorstellung, ihn nicht wieder zu sehen, zog sich etwas in ihr schmerzhaft zusammen. Das schlechte Gewissen meldete sich gleich, weil ihr doch eigentlich das Schicksal der ganzen Welt wichtiger sein müsste, aber sie konnte die Prioritäten in ihrem Inneren nicht umkehren.

"Ich muss was tun! Ich kann nicht rumsitzen und zugucken, was da Schlimmes passiert!", murmelte sie und ballte die Hände zu Fäusten. Holda nickte. "Das ist die richtige Einstellung. Wir, die alten Götter, können es nicht leiden, wenn die Menschen nur jammern und klagen, aber nichts tun, obwohl es in ihrer Macht stehen würde, die Welt wenigstens ein bisschen zu verbessern. Das haben sie wohl von den derzeitigen Religionen gelernt. Alles Elend passiv erdulden, niemals aufmucken gegen die Obrigkeit und auf eine Belohnung nach den Tode hoffen! Pah! Dadurch ist Midgard ein Paradies für skrupellose Ausbeuter geworden. Da wird von Jesus und Nächstenliebe gepredigt, aber Loki ist derjenige, der davon profitiert."

"Das mache ich nicht mit!" flüsterte Lena. Ihre Stimme war leise, aber entschlossen. Die Göttin sah sie ernst an. "Du solltest wirklich mit Odin reden." "Dann muss ich nach Asgard? Wie soll ich da hinkommen?" Zweifelnd betrachtete sie den riesigen Regenbogen, der unverändert zwischen Himmel und Erde stand, obwohl es gar nicht regnete. Der Weg dahin schien viele Tagesreisen entfernt.

Holda folgte ihrem Blick. "Wenn du direkt auf Bifröst zuläufst, kommst du niemals an. Der Weg ist verschlungen und voller Gefahren. Leicht kann man sich verirren und endet in einem Dickicht, aus dem es kein Entrinnen gibt. Und wenn du vor Bifröst stehst, ist noch die Frage, ob du hinüber kommst. Es ist Lebenden nicht bestimmt, die Brücke zu überqueren. Es liegt nicht in meiner Macht, dir über die Regenbogenbrücke zu helfen. Aber ich kann dir etwas mitgeben, damit du sie überhaupt findest."

Die Göttin pfiff eine Melodie und bald darauf schwirrte es in der Luft. Zwei Raben kamen geflogen und ließen sich auf einem Ast des Holunders nieder. Lena runzelte verwirrt die Stirn, als sie die Gesichter der Vögel sah. Die waren nicht schwarz wie das übrige Gefieder, sondern weiß. Holda streckte den Arm aus und die beiden Raben ließen sich auf ihrer Hand und dem Unterarm nieder. Aus der Nähe wirkten sie noch befremdlicher.

"Diese beiden hier haben die Gabe, ihre Brüder Hugin und Munin zu finden, wo auch immer die sich aufhalten" erklärte die Gottheit. "Odins Raben?", flüsterte Lena ungläubig. "Ja, die beiden habe ich ihm vor langer Zeit geschenkt. Und diese beiden bei mir behalten. Sie werden dir den Weg weisen. Aber achte gut darauf, dass du sie nicht aus den Augen verlierst. Du muss durch seltsame Gegenden reisen und wirst noch seltsamere Wesen sehen. Geh nicht vom Weg ab. Die Raben sind der einzige Wegweiser, den du hast."

Bevor Lena sich bedanken oder weitere Fragen stellen konnte, war Holda in den Schatten des Holunderstrauches getreten und von einer Sekunde zur anderen verschwunden.

Die Geräusche, die an ihr Ohr drangen, wusste sie erst gar nicht zu deuten. Dann merkte sie, dass es Musik war, die aus den Kopfhörern ihres Players quäkte. Dabei hatte sie ihn gar nicht angeschaltet. Verwundert hob sie die Stöpsel an die Gehörgänge und lauschte dem Gitarrensolo, mit dem das Lied begann. Dann folgte die Stimme von Axl Rose, dem Sänger von Guns ´n Roses: "Knock-knock-knocking on Heaven´s Door" in einer extralangen Version.

Wieder ein Zeichen. Die prasselten hier ja nur so auf sie ein. Es hätte sie beruhigt, wenn die Band dann im Anschluss beispielsweise Paradise City gespielt hätten, denn das wäre ein gutes Omen gewesen, das ihr im Angesicht der Bedrohung durch die Hölle Mut gemacht hätte. Aber der kleine Kasten blieb nach dem einen Lied stumm.

Trotzdem, es war ein Zeichen gewesen, ganz sicher. Da konnte sie nicht länger zögern, zumal die Raben schon aufgeflogen waren und zielstrebig eine Richtung einschlugen. Sie musste sich sputen, um den Vögeln zu folgen.

Lenas Reise zu Bifröst, der Regenbogenbrücke, kam ihr vor, wie ein sehr langer, wirrer Traum. Waren schon die Ereignisse der letzten Tage mehr als verwirrend gewesen, so konnte ihr Geist die Bilder auf diesem Weg gar nicht mehr richtig erfassen und verarbeiten.

Der einzige rote Faden in all den wechselnden Bildern waren die beiden Raben. Die Landschaft wechselte immer wieder, sie ging durch Urwälder, lichte Flussauen, über Wiesen im Sonnenschein, dann wieder stieg sie über Berge, die von Schnee und Eis bedeckt waren. Die Raben ließen ihr keine Zeit zum Verschnaufen oder um sich über das zu wundern, was sie sah.

Von Zeit zu Zeit begegneten ihr die Bewohner dieser seltsamen Welt. Die Geschichten aus Silas´ Büchern wurden um sie her lebendig. Elben, Zwerge, Drachen und andere Fabelwesen - nein, nicht Fabelwesen, sondern reale Existenzformen - zeigten sich hier und da. Einige Male fürchtete sie, angegriffen zu werden, aber sobald es brenzlig wurde, flogen Holdas Raben enge Kreise um sie und den Wesen der Seltsamen Länder wurde, klar, dass sie unter dem Schutz der Göttin stand. Dann wurde der jeweilige Angriff sofort abgebrochen und sie konnte unbehelligt weiter ziehen.

Die Landschaften wechselten ebenso wie das Wetter. Kalt und neblig war es in einem Tal, in dem die dürren Bäume offenbar alle abgestorben waren und deren Äste wie die Finger von Skeletthänden in den Himmel ragten. Unsichtbar im Nebel, aber um so deutlicher zu hören, näherte sich ein Wesen, das sich krachend Bahn durch Bäume und Büsche brach. Es musste sehr groß und schwer sein. Lena starrte angestrengt in die Richtung, aus der das Geräusch kam, aber obwohl sie schon glaubte, den Boden unter den Füßen beben zu spüren, wenn das Monster auftrat, konnte sie es doch nicht sehen.

Dann veränderte sich der Lärm, helles Klirren mischte sich in das Krachen und Toben. Einen flüchtigen Augenblick lang gab der Dunst einen verschwommenen Blick frei auf einen gewaltigen, ja riesenhaften Krieger, der mit einem ebenso gewaltigen Schwert auf eine große, undefinierbare, dunkle Masse einschlug. Als er den freien Arm hob, erkannte Lena, dass ihm eine Hand fehlte. Dann verdichtete sich der Nebel wieder und statt der Kampfgeräusche erklang wieder das Krachen und Poltern, aber dieses Mal entfernte es sich rasch. Der Krieger hatte das dunkle Wesen besiegt.

Durch einen dunklen Tunnel stolperte sie unter einem Berg hindurch und fürchtete ständig, in all der Schwärze den Anschluss an die Raben zu verlieren. Auf der anderen Seite schien eine warme Sonne auf eine liebliche Landschaft, der wilde, zerklüftete Berge folgten. Aus zahlreichen Feuern, die über die kargen Geröllhänge verteilt waren, stoben in Schüben glühende Funken in einen vom Rauch verdeckten Himmel, unter dem die Raben schweigend ihre Bahn zogen. Lena ging und ging, ohne die üblichen Bedürfnisse des Körpers zu verspüren, so wie auch die Raben weder Hunger und Durst noch Müdigkeit zu verspüren schienen.

Nach einer Zeit, deren Dauer sie nicht einschätzen konnte, trat sie aus einem Wald hinaus auf eine große, lichtdurchflutete Wiese. Hohe Berge erhoben sich auf der anderen Seite majestätisch in den Himmel. Zwischen Wiese und Berghang nahm sie eine tiefe Kluft war, die bis zum Inneren der Erde zu reichen schien. Die Raben flogen einen Kreis und schlugen dann einen Weg an, von dem Lena annahm, dass er nach Norden führte. Dabei hatte sie in dieser seltsamen Welt keinerlei Orientierung, ja, sie wusste nicht einmal, ob es hier die normalen Himmelsrichtungen überhaupt gab. Aber sie hatte den Gedanken im Kopf, dass ihre gefiederten Wegweiser nach Norden zogen und sie folgte ihnen.

Schließlich stand sie am Fuß einer riesigen Brücke, die aus buntschillerndem Nebel zu bestehen schien und oben in einer dichten Wolke verschwand. Leider verhielt sie sich auch wie Nebel, als Lena auf die untere Stufe treten wollte: Ihr Fuß glitt durch die bunten Farben ins Leere und schwebte über dem unendlich tiefen Abgrund zwischen Midgard und Asgard. Gerade noch konnte sie sich nach hinten werfen, um nicht von ihrem eigenen Schwung in die Tiefe gerissen zu werden.

Wie sollte sie nun weiter kommen? Auch mit den Händen konnte sie die Brücke nicht ertasten oder berühren. Sie durchpflügte nur den Nebel, die Brücke hatte keine feste Substanz, um sie hinüberzutragen. Hoch in der Luft kreisten die Raben, als sie merkten, dass ihr Schützling nicht weiter konnte und verzweifelt vor Bifröst auf dem Boden kauerte. Sollte wirklich die Welt untergehen - die Welt und mit ihr Silas -, nur weil Lena nicht über diese Brücke kam?

Dabei kam es auf jede Minute an. Ob es noch einen anderen Weg nach Asgard gab, wusste sie nicht. Holdas Raben jedenfalls flogen etliche Male hinauf in die Wolkenberge, zu denen der buntschillernde Bogen führte, der die Sterbliche nicht trug. Die beiden gefiederten Wegweiser, die ihren Schützling vermissten, kehrten zurück und umkreisten sie vorwurfsvoll, nur um dann erneut über den tiefen Abgrund der Welten hinauf zum Reich der Götter zu fliegen.

Unterdessen konnte am Meißner und im Rest von Midgard das Schlimmste passieren und niemand war da, der es verhinderte. Silas, der Vitki, saß im Gefängnis und Lena stand vor einer Brücke, die sie nicht überqueren konnte. Verzweifelt biss sie auf ihren Fingerknöcheln herum und fand keine Lösung.

Dann bemerkte sie auch noch, dass die Raben nach ihrem letzten Flug nach Asgard nicht zurückgekehrt waren. Also hatte sie auch die verloren. Ratlos lief sie ein Stück weit an dem unendlich tiefen Spalt entlang, fand aber keine andere Möglichkeit, ihn zu überqueren und kehrte zurück.

Dieses Mal war sie nicht allein bei der Regenbogenbrücke. Ein Mann hockte weiter oben auf den Stufen, durch die Lenas Fuß eben noch hindurchgeglitten war. War die Brücke inzwischen zu einem festen Bauwerk geworden? Wie sonst sollte der Mann auf ihr sitzen können? Sie eilte weiter und erkannte im Vorankommen, dass der Kerl von gewaltigem Körperbau war. Dies musste ein Riese sein, und mit dem Wort meinte sie nicht einfach einen Menschen von hohem Wuchs, sondern wirklich einen Riesen. Mittlerweile war sie entweder so abgeklärt oder hatte komplett resigniert, so dass sie die Existenz des Hünen nicht einmal mehr für ein Hirngespinst hielt.

Aus vollem Lauf sprang Lena auf die zweitunterste Stufe der Brücke - und fiel durch den bunten Nebel in die Tiefe.

Ihr Leben raste an ihr vorbei wie die schroffen Felswände. Alles war unbedeutend bis auf ein lächelndes Gesicht, dass unter langen, dichten Haaren und einem breiten Schlapphut hervorleuchtete. Silas ... Jetzt würde sie ihn wirklich nie wieder sehen ... Das war das einzige, was Lena wirklich Leid tat während ihres Sturzes. Nicht einmal das Schicksal der Welt war so wichtig. Aber auch wenn nun alles aus war: Sie war froh, Silas überhaupt getroffen zu haben.

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