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Sieben gegen die Hölle - Lai (Teil 6)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Lai (6. Teil)
6. Das Ende und der Anfang
Der Rest der Geschichte wäre eigentlich ziemlich einfach gewesen, wäre nicht der Torhüter mit dem Ring auf und davon gerannt.

Ich hielt mir den Kopf, wo sich nun doch eine Beule begann zu formen und starrte an die Stelle wo noch eben der vierte im Bunde gestanden hatte und nun auf und davon war. 


Aber vielleicht sollte ich an dieser Stelle von vorne anfangen. Nein, nicht ganz am Anfang, aber an der Stelle wo wir der alten Dame wieder ihre Wohnung und ihr Leben zurück gaben und wir uns einen ruhigen Ort suchten, an dem ich versuchen konnte, in die Erinnerung meiner Ahnen zu fallen, um herauszufinden, was mit dem Ringen geschehen war, nach dem ihn auch die Wikinger nicht finden konnten.

Jene Kreaturen in meiner ersten Vision, die wohl auch einst jenes sonderbare Zauberod gesucht hatten und auch nicht in der Lage gewesen waren, es zu finden.

Wir fanden einen Platz an der Alster, umgeben von Menschen. Nun, nicht wirklich ein Ort der Ruhe, aber mir sollte es reichen. Ich genoss die Sonne auf meiner Haut und in meinem Gesicht und der leichte Wind, der mit meinen Haaren spielte. Nicht nur Menschen liebten eine gute Geschichte, selbst jene Wesen, die alles zu bevölkern schienen, mochten sie. Und lange schon hatte ich ihnen keine erzählt und so hießen sie mich in ihrer Mitte erneut willkommen, in der Hoffnung, dass ich ihnen schon bald von den sagenhaftesten Abenteuer und wildesten Ereignissen erzählen würde. Ich nahm es mir fest vor, sie diesmal nicht wieder zu enttäuschen. Meine Großmutter wäre stolz auf mich gewesen.

Ich ließ mich in einem Schneidersitz auf den Steinen nieder und schloss mein Augen. Für einen Moment folgte ich den Geräuschen um mich herum, nahm ihre Worte und ihre Stimmung in mich auf. Folgte ihren Stimmungen, ihren Wünschen, ihren Hoffnungen. Dann hörte ich die leisen Stimmen, die leisen Träume, das leise Gekicher. Warum mussten sie auch immer kichern? Ich lächelte.

Ich ging weiter. Lauschte dem Wind, lauschte seinen Weisheiten. Ging weiter. Lauschte dem Wasser, seinen Witzen. Immer weiter lauschend, den Steinen, der Erde, dem Innersten, dann mir, dort drinnen, im Innersten, für immer vererbet, weiter und weiter, für alle Generationen, niemals unterbrochen, immer einen Weg gefunden, die Geschichten und das Erbe weiterzugeben, durch Krieg und Tod, und Lachen, und Trauer, Wut und Angst, Hass und Lachen, weiter.

Die erste Geschichte wurde erzählt, um eine grausame und spontane Welt verständlich zu machen. Gefolgt von weiteren, die einem Hoffnung geben sollte, Sicherheit, Mut, Glaube, Liebe. Sie sollte beruhigen, einschüchtern, belügen. Worte gebunden an den Menschen, gemeistert um zu dienen, zu erfüllen und weiterzugeben. Die unglaubliche Macht.
 
Die Legenden und Mythen, aus Wahrheiten geschmiedet in einer längst vergangenen Zeit, die wir nicht mehr kennen und nie mehr kennen werden. Als Götter noch zu Fuß zwischen uns wandelten.

Odins Ring, Arthurs Schwert, Midas Hand, die Lampe des Djinn, die Armee des Kaisers. Dinge mit Namen, für uns heute ohne Bedeutung, verborgen, in den Geschichten verwoben.

Ich folgte ihren Spuren, verlor eine nach der anderen und sag nur noch den Ring, leuchtend, eine Spur aus Tropfen hinterlassend im Dämmerlicht. Weiter und weiter durch die Zeit, durch die Wirren einer Sagenwelt und Fehden, von Verrat und Betrug, von Hoffnung und Wünschen.

Die Wikinger haben Hamburg in Brand gesetzt, um den Ring zu finden, doch blieb er vor ihnen verborgen. Selbst Loki konnte sich seiner nicht mehr bemächtige. Schwarze Augen und Federn, verborgen zwischen den anderen seiner Art, noch immer nicht ganz erwacht. Wie aus der Ferne hörte ich nur ein "Krah!" als Antwort.

Ich sah ihn tief verborgen in der Erde unterhalb des ehemaligen Mariendoms, unter metertiefen Schichten vergraben.

Schlafend seit Jahrhunderten.

Ich öffnete die Augen und blinzelte in die Sonne, sie hatte sich nicht weit von ihrem bisherigen Stand bewegt. Die Windgeister hatten aufgehört zu zupfen und sich auf meinen Schultern niedergelassen, als würden sie lauschen. Konnte sie meine Geschichte hören? Die Welten, die sich in meinem Kopf auftaten?

Paul erhob sich, bevor ich etwas sagen konnte, und hielt mir eine Hand hin. Ich schaute sie ein paar Sekunden an, dann ergriff ich sie und ließ mich mit einem Ruck nach oben ziehen. Ich klopfte den Dreck von meiner Hose.

Ich ging vor, die anderen folgten mir einfach. Über uns, mit kräftigen Flügelschlägen, eine Horde von Raben, angeführt von einem besonders majestätischen Exemplar.

Wir brauchten Stunden, um die richtige Stelle zu finden, zu viele Umwege, Zweitstimmen und Unsicherheiten, die meinen Weg kreuzten. Ich ging auf in dem anderen, konnte mich stellenweise nur schwer konzentrieren, weil ich immer wieder etwas Neues entdeckte, das ich damals als Kind nicht so recht verstehen konnte, oder auch als Jugendliche. Und immer an meiner Seite auch Paul, der nicht leugnete, sondern mit einem wachsamen Auge und einem stillen Lächeln das Geschehen verfolgte, und auch - oder immer noch - zu sehen schien.

Für einen Augenblick, oder auch ein paar mehr, fühlte ich mich, als wären all die Jahre nicht gewesen und all der Schmerz. Vielleicht war es hier auch nicht erfolgt, hier, in dieser perfekten Welt. Dann, wenn ich wieder in der Realität war, konnte ich darüber bitter sein und seine Existenz wieder verfluchen, doch hier war nichts, was die Erinnerung an jene gemeinsame Zeit trüben könnte.

Der Baum war alt, die Wurzeln tief. Und der Ring tief verborgen. Ich hielt an und starrte in das Gras, und zuckte mit den Schultern, während ich mich zu den anderen umdrehte. Klara rollte nur mit den Augen, der Torwächter nickte nur, doch Paul, Paul zog seinen Pullover aus und setzte sich nun seinerseits in den Schneidersitz.

Er atmete ein, und aus, und ein und aus. Und mit jedem Atemzug bebte die Erde ein wenig mehr unter uns. Ich schaute mich zu den anderen Menschen um, doch diese schienen nichts zu bemerken. Ab und an schaute ein Kind zu uns, sein Blick fragend neugierig. Ich lächelte sie an und legte meinen Finger auf die Lippen. Sie nickten in jener ernsthaften Art, wie es nur Kinder konnten, und wandten sich ab. Die meisten würden es sicherlich wieder vergessen, aber vielleicht ein paar wenige würden sich weiterhin daran erinnern und dem anderen eine Chance geben.

Langsam begann sich der Baum zu bewegen, im Takt eines schlagenden Herzens. Die Wurzeln wandten sich erst um sich selbst und schienen sich dann tiefer zu graben. Ich schaute zu Klara, die das Schauspiel mit einem konzentrierten Blick beobachtete und die ganze Zeit etwas zu murmeln schien. Ich blickt zurück zu Paul. Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich sehen, wie ihn ein feiner Schimmer umgab. Dieser ließ sich in einer Spur zur Hexe zurückverfolgen.
Auf irgendeine Art und Weise half sie ihm. Ich fühlte mich nutzlos. Meine Aufgabe war erfüllt, ich hatte sie zum Ort des Ringes geführt und nun würde ich nichts mehr für sie tun können.

Ich hatte keine besonderen Kräfte bis auf das andere und die Erinnerung an damals, an die graue Vorzeit. Ein neuerliches "Krah!" ließ mich nach oben schauen. Der Rabe mit seinen Kameraden beobachtete mich aus seinen dunklen Augen. Wahrscheinlich sollte ich wenigstens ihn beim Namen nennen. Loki warf seinen Kopf zurück, soweit wie er es in der Gestalt eben konnte, und ließ ein Stoß von Krächzern hören. Seine Art des Lachens.

Ich drohte ihm spielerisch mit meinem Zeigefinger, er verstummte, dann öffnete er seine Flügel und segelte die kurz Strecke hinab, bevor sich auf meine Schulter niederließ und seine Klauen ein wenig zu weit in meine Haut bohrte, um nicht wieder herunter zu fallen.

'Du hast mein Versteck also gefunden.' Die Stimme in meinen Gedanken war nichts besonderes, eine Allerweltsstimme, die man schnell wieder vergaß. Ein Lachen antwortete mir.

'Was tust du hier Loki? Willst du den Ring wieder stehlen und was auch immer was damit anstellen?' Das Lachen wurde stärker.

'Ich weiß, warum ich euch Menschen mag. Nun, ich mische mich gerne ein. Aber, wenn die Hölle sich öffnet, muss ich wieder arbeiten, die Welt verteidigen und meine Hände schmutzig machen und verzeih mir, wenn ich darauf nicht wirklich abfahre. Wie ihr es so schön ausdrückt.' Ich lächelte. Nordische Götter, die sich der Alltagssprache der armen kleinen Menschen bedienten.

'Doch, warum mich erinnern lassen? So besteht die Gefahr, dass wir noch lange Zeit eure Schwächen kennen werden und es lange dauert, bis ihr oder besser du, wieder an die Macht kommst.' Loki schwieg einen Moment.

'Dinge sind kompliziert. Das, was du hier siehst, ist nur ein Abbild meiner selbst, meine Kräfte sind versprengt in viele Teile, die diese Welt heimsuchen und handeln, wie sie wollen. Doch der Großteil meiner Macht schläft noch immer, verborgen. Ich kann nicht handeln. Ich brauchte jemanden, der weiß, woran sich dieser Rabe nicht mehr zu erinnern vermag. Die Ruhestätte des Ringes, ist mir im Nebel der Zeit verborgen geblieben.'

Ich nickte. Gerade als ich noch etwas erwidern wollte, schoss eine Wurzel durch die Erde und an ihrer Spitze glitzerte etwas im Sonnenlicht, ein kleiner unscheinbarer Ring. Ich schaute auf Paul, der schwer atmete, mich aber glücklich anstrahlte. Mit einer Handbewegung, ließ er die Wurzel auf mich zu gleiten, gerade als ich meine Hand danach ausstrecken wollte, wurde ich ein Stück zurückgedrückt.

Vor mir stand der Torhüter, sein Blick wild, in seiner Hand der Ring. Ich fing mich und rannte auf ihn zu. Woher ich die Geistesgegenwart nahm, überhaupt zu reagieren, würde mir lange Zeit ein Rätsel bleiben.

Loki löste ich von meiner Schulter und erhob sich mit einem lauten Schrei in die Luft. Ich krachte in den Torhüter und warf ihn zur Seite, meine Schulter schmerzte, doch ich rappelte mich auf und drehte mich um. Der Torhüter stand auch und streckte die Hand in meine Richtung aus. Seine Lippen bewegten sich, doch hörte ich keinen Laut. Etwas traf mich am Kopf und schleuderte mich erneut nach hinten. Hände packten mich, dann war wieder einmal Nacht.

Na toll.

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