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Sieben gegen die Hölle - Lai (Teil 4)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Lai (4. Teil)
4. Dort verborgen in meinem Herzen
Ich war in der Schule ein Niemand. Das ist nicht ganz richtig. Ich hatte Freunde, doch wirklich zu den anderen gefunden hatte ich nie. Ich bewegte mich irgendwie immer am Rand. Als wäre ich so anders, dass die anderen unbewusst von mir Abstand nahmen.

Ich war ein scheues Kind. Wenn die anderen sich abwandten, war ich nicht in der Lage, auf sie zuzutreten und ihnen die Hand zu reichen. 


Ich dachte, sie würden mich nicht mögen, mich bewusst ausgrenzen. Ich habe lange gebraucht zu lernen, dass es nicht so war, dass Menschen einfach andere Menschen mochten und andere wiederum nicht.

Als die wenigen Freunde, die ich hatte, anfingen sich für das andere Geschlecht zu interessieren, war ich noch mehr verloren. Als Spätzünder hatte ich die anderen damals wenig verstanden. Ich hatte mich durchaus auch verliebt. Doch blieb es bei einer recht unschuldigen Kinderliebe, ohne wirkliche sexuelle Gefühle. Wieder war ich anders und konnte mit den anderen nicht wirklich mithalten.

Dann kam Paul in unsere Klasse. Wir waren 15 oder 16 Jahre alt, fühlten uns erwachsen oder taten zumindest so. Paul war auch anders, nicht so anders wie ich, aber anders anders. Zumindest nicht so wie meine Klassenkameraden. Er fügte sich zwar ein, wurde aufgenommen, so wie ich auch Teil der Klasse war. Doch sein Blick suchte immer etwas Anderes, Verborgenes. So wie ich.

Wir beide sahen, was die anderen nicht sahen, und was ich lange Zeit verlernt hatte. Geister, Schatten, Illusionen, Lichttänzer, Feen. Wie auch immer man sie nannte. Meine Oma hatte immer gemeint, jeder würde einen eigenen Namen für sie finden. Namen, die sie für immer in ihrem Herzen halten würden und nie mehr losließen.

Es war eine Lüge. Wir alle vergaßen die Namen irgendwann, wenn wir uns dem Erwachsensein zuwandten und alles verdrängten oder vergaßen, was einst mit der Kindheit zu tun hatte.

Ich lächelte, er lächelte eines Tages zurück; und wir fanden die Feen und Gestaltwandler, die Blumentänzer und Springfische, die Baumsurfer und Fallwichtel in den Wäldern und dem See.

Die anderen bemerkten recht schnell, dass wir meistens zusammen unterwegs waren. Seitenblicke und Bemerkungen fingen an, die ich nicht so recht verstand, die ihn aber zu treffen schienen. Worte wurden gesagt, Streits geführt. Ich heulte. Er verpasste eine Verabredung, die ich alleine in einem stürmischen Wald mit tanzenden Schatten verbrachte, in tiefster Dunkelheit, ehe ich am nächsten Morgen den Weg nach Hause fand. Er würdigte mich keines Blickes mehr. Bald war er wieder verschwunden, wieder weggezogen, so hörten auch die Seitenblicke auf.

Doch hatte ich in jener Nacht nicht nur wirklich Angst gehabt, sondern auch verlernt zu sehen oder besser: verdrängt.

Damit hatte er mir eigentlich noch etwas viel Wichtigeres genommen als nur eine Freundschaft.

Im Hier und Jetzt hielt sich Paul die Nase und fluchte nur leise. Die Hexe beugte sich über ihn und murmelte leise Worte. Ich stand über ihnen und fühlte meinen Zorn nur langsam verrauchen. Dort, wo er schwand, blieb nur Stille und Leere zurück.

Ich war müde.

Ich drehte mich um, ging durch die Tür und den Flur zurück, in das kleine Zimmer und legte mich auf das Bett. Ich starrte an die Decke. Die Sekunden verstrichen. Draußen zog ein Sturm um die Häuser, den ich davor noch nicht vernommen hatte. Er schwoll an und flachte ab, ständig immer wieder, in einem Rhythmus, der wohl nur für ihn Sinn machte. Sekunde um Sekunde, sie wurden zu Minuten. Meine Augen wurden schwer. Ich blinzelte in einem Versuch, sie offen zu halten, doch es wurde nahezu unmöglich. Wie von selbst fielen sie letztendlich zu, zogen mich hinab in eine wirre Traumwelt aus Nebel und Trommeln, Feuer und Schreien. Es waren nicht die Wikinger, es war älter, mächtiger.

Ich hörte Eisen, das auf Eisen niederfuhr. Spürte Hitze, den Gestank nach Rauch und Schweiß, heißem Feuer und kaltem Metall. Ein Zischen. Wieder das Klirren.
Ich sah einen gedrungenen Schatten an der Wand, der einen Hammer hob und niedersausen ließ. Ich war in einer Schmiede erwacht, ein mächtigen Schmiede.

Ich ging in die Hocke und legte meine Geisterhand auf den harten Stein, dunkel und warm war er. Er hatte einen Herzschlag, der im gleichen Rhythmus wiederhallte, in dem der Hammer auf dem Amboss schlug.

Ich drehte mich um mich selbst, ich sah einen Tisch, ein Glänzen zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein glatter Ring lag dort, ohne Schnörkel, ohne Stein, dunkel und hell zu gleich. Sein Name hallte wie von selbst durch meine Gedanken, Draupnir, für Odin geschmiedet. Ich streckte meine Finger danach aus. Gerade als ich mit meinen Fingerspitzen dagegen gestoßen wäre, fand ich mich zurück in dem Bett und umgeben von der grauenhaften Tapete.


Paul saß in einem Stuhl neben mir. Die Nase sah normal aus, das Blut war fort gewaschen worden. Er sagte nichts über meinen Blick und ich entschuldigte mich nicht.

"Ich habe Draupnir gesehen. Damals an dem Tag seiner Entstehung. Es geht also ohne Todesangst." Paul seufzte.

"Es baucht starke Emotionen. Der Zorn oder die Wut von eben haben wahrscheinlich die kurze Erinnerung heraufbeschworen. Aber wir brauchen alles, wir müssen wissen, wo er ist. Und dafür braucht es eine übermächtige Emotion, die ermöglicht, alles offen zu legen. Du weißt sicherlich, dass Menschen im Angesicht ihres eigenen Todes in der Lage sind, Kräfte zu entfalten, die weit über das hinaus gehen, was als normal gilt."

Ich nickte nur, jeder kannte die Geschichten von Müttern, die ganze Autos anhoben, um Kinder zu retten oder sich selbst zu befreien. Oder Menschen, die Dinge überlebten, die sie eigentlich nie hätten überleben dürfen.

"Was wollt ihr tun? Mich vor einen Bus stoßen, von einem Gebäude schubsen oder mich abstechen?" Doch Paul schüttelte nur den Kopf.

"Das wäre alles ein wenig, sagen wir, drastisch. Wir wollen es auf eine andere Weise versuchen." Er winkte in Richtung Tür und die Hexe trat hindurch. Sie betrachtete mich mit einem Blick, der alles andere als freundlich war.

"Muss ich wirklich?" Sie verschränkte die Arme und zog die Augenbrauen zusammen.

"Klara, wir haben darüber gesprochen, es gibt keinen anderen Weg mehr." Die Hexe Klara, ich musste fast lächeln bei dem Gedanken, warf die Hände in die Luft und fing dann an zu sprechen.

Wie, jetzt? Ich riss panisch die Augen auf, was immer sie vorhatten, ich war nicht vorbereitet, was wahrscheinlich auch so beabsichtigt war, aber wenigstens eine kleine Vorwarnung? Ich spürte für einen Moment eine warme Hand auf der meinen. Ich blickte hoch und sah als letztes Pauls besorgten Blick, dann war alles schwarz. Wieder einmal.

Ich atmete durch und öffnete die Augen. Doch alles blieb schwarz, ich zwang mich noch einmal die Augen zu öffnen. Doch nichts wollte sich ändern, mir kam der Verdacht, dass meine Augen offen waren. Als Beweis hob ich meine Hände und tastete nach meinem Gesicht. Die Lieder waren oben, ich befand mich vollkommen alleine in absoluter Dunkelheit.

Alleine.

In absoluter Dunkelheit.

Dieser Gedanke alleine reichte, um meinen Herzschlag ein gutes Stück nach oben zu treiben. Ich atmete durch, doch die Panik ging nur ein Stück zurück. Sie blieb am Rande meines Bewusstseins, bereit, jeden Moment zuzuschlagen. Ich war nicht gewillt, in das Spiel der anderen nachzugeben, aber ich wusste nicht, ob ich meinen Körper von diesem Gedanken überzeugen konnte.

Ich versuchte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, mein Körper ließ mich. Wenigstens etwas. Ich begann zu wandern. Doch einen wirklichen Unterschied machte es nicht. Nichts änderte sich. Die Schwärze um mich herum hielt sich mit gleicher Konsistenz aufrecht. Nirgendwo konnte ich einen Schatten ausmachen, der sich von allem anderen absetzte.

Meine Beine wurde nicht müde, egal wie lange ich zu wandern schien. Oder bildete ich mir die Bewegung nur ein und befand mich eigentlich immer noch an der gleichen Stelle, wie noch wenige Minuten, Sekunden zuvor oder waren es Stunden? Alles schien in einander zu fließen, oben und  unten ergaben auf einmal keinen Sinn mehr. Die Welt um mich herum reduzierte sich auf mich. Meinen Atem, der plötzlich unnatürlich laut klang, mein Herzschlag, der die ganze Umgebung zum Erbeben zu bringen schien.

Alles fiel in sich selbst.

Ich atmete ein.

Dann hörte ich das Knurren.

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