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Sieben gegen die Hölle - Lai (Teil 3)

Sieben gegen die HölleSieben gegen die Hölle

Lai (3. Teil)
3. Der Morgen in der Fremde
Licht und Schatten wechselten einander ab, während ich versuchte, meine Gedanken wieder in eine Startposition zu bringen. Ich glaube, ich brauchte eine ganze Weile, um alles so  weit zu ordnen, dass ich wieder halbwegs wusste, wo ich war und was ich dort überhaupt tat. Die tanzenden Schatten wurden weniger, ein Murmeln drang dafür durch den Nebel, der noch immer über allem zu liegen schien. 


Das Murmeln wurde lauter, formten sich zu Wörtern und Stimmen, zu geflüsterten Sätzen, die sich tief in mir niederließen, sie griffen nach etwas, von dem ich nicht einmal wusste, dass es da war, tiefer und tiefer. Ich versuchte mich dagegen zu wehren, doch sie waren stärker und stießen unbarmherzig in die Tiefen hinab, die wohl so etwas wie meine Seele darstellten. Ich versuchte zu schreien. Doch die Stimme blieb mir versagt, ich wollte mich dagegen aufbäumen, doch kein Muskel wollte mir am Ende gehorchen, mein Körper hatte sich gegen mich verschworen.
Doch kurz bevor es zu unerträglich wurde, legte sich etwas Kühles an meine Stirn und dann Stille.

Als ich das nächste Mal erwachte, schlug ich ohne Probleme die Augen auf und fand mich in einem kleinen Zimmer wieder. Ich lag angezogen auf einem Bett, eine Wolldecke über mich geworfen, mein Kopf versunken in einem riesigen Kissen. Ich blinzelte gegen die Sonne, die durch ein kleines Fenster ihr Licht in den Raum warf. Mein Blick schweifte weiter zu einer abstoßenden Tapete, die ihre beste Zeit, wenn überhaupt jemals, wohl in den Tiefen der 70er Jahren gesehen hatte. Ich richtete mich auf, und horchte in mich hinein. War das Murmeln und das andere nur ein böser Traum gewesen? Ich fühlte mich zumindest nicht anders.


Vorsichtig stand ich auf, meine Muskeln gehorchten mir wieder. Ich faltete die Decke zusammen und wiederstand der Versuchung, in den Schubladen einer nahen Kommode herumzustöbern, oder die Türen des antik wirkenden Schrankes aufzureißen. Ein paar verstreute Bilder, ein paar davon hingen schief, zeigten nur halb verblasste Schwarzweiß-Bilder von unbekannten Menschen und Orten.


Wo genau war ich und wie war ich dahin gekommen? Ich erinnere mich noch an das Bahnhofscafe, an die Vision(?) von den Wikingern, an das dumpfe Dröhnen, blaue Augen und ein goldenes Schloss.

Der Torhüter war zu mir gekommen und hatte seine Aufgabe an mich abgegeben, denn mit einem offenen Schloss brauchte es keinen Hüter mehr. Doch was war dann passiert? In Gedanken starrte ich die Bilder vor mir an. Sie schienen auszufransen, zu wabern und sich zu verändern, liefen ineinander? Ich rieb mir über die Augen und musste mich einen Moment an der Wand abstützen.

War ich doch noch müder als ich dachte?

Ich kannte Zeiten mit sehr wenig Schlaf und noch mehr Stress, doch nie hatte ich zu Halluzinationen geneigt. Zwar hatte ich damals durchaus das Gefühl, dass die Welt um mich herum nicht ganz richtig war, doch nie hatte ich mir Dinge wirklich eingebildet. Ich schüttelte den Kopf und wandte mich ab, vielleicht fand ich jenseits der Tür Antworten auf die vielen Fragen, die sich langsam ansammelten.

Ich trat näher und drückte die Klinke, für einen Moment erwartete ich, dass sie abgeschlossen war, und ich in einem Film gleich, in diesem Raum bis auf alle Zeit gefangen war, nicht zu wissen, wo und was genau um mich herum geschah. Doch sie gab ohne Laut nach und die Tür schwang nahezu von selbst nach innen auf. Der Flur war schummrig und mit der gleichen abscheulichen Tapete bedeckt.

Ich ging ihn entlang und nickte im vorbeigehen der erstarrten Dame in der Küche zu. Ich stoppte, drehte mich um und macht zwei schnelle Schritte zurück. Und richtig, in der Küche, im Begriff nach einer Kanne auf der Arbeitsplatte zu greifen, stand eine alte Dame, Lockenwickler in den gräulichen Haaren, ein bunten Kittel in einem schreienden Muster über dem dünnen Körper, die Augen glasig, die Bewegung erstarrt im Augenblick.

Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was genau ich da sah, zögerlich griff ich mit meiner Hand nach meinem Hinterkopf und tastete dann den kompletten Kopf ab, auf der Suche nach der Beule, die ich haben musste, um mir so etwas in real vorzustellen. Dann kniff ich mich, ein-, zweimal hart, um zu testen ob ich nicht doch noch träumte. Doch nichts, dies schien die Realität zu sein, irgendwie, oder eine Abart.

Ich wandte mich ab und ging weiter. Vielleicht fand ich jemanden, der mir das Ganze erklären konnte.

Ich fand eine weitere Tür, eine kleines Bad, zum Glück mit niemandem Erstarrten drin. Gegenüber, war eine Glastür. Durch das Muster im Glas, konnte ich dunkle Schatten ausmachen Die Personen auf der Gegenseite mussten wissen, dass jemand vor der Tür war, ich war sicherlich gut zu erkennen. Ich kannte solche Türen aus der Zeit, als ich jünger war, bei alten Bekannten meiner Eltern, diese Art war weit verbreitet gewesen. Heute fand man sie nicht mehr, aber damals überall.

Ich atmete einmal tief ein und aus und drückte die Klinke. Auch hier erwartete ich für einen Augenblick ausgesperrt zu sein, doch das machte irgendwie noch weniger Sinn als mich in einen kleinen Raum einzusperren.

Die Köpfe der anwesenden Personen ruckten sofort zu mir. Ich registrierte die gleiche abscheuliche Tapete, ein altes Sofa, das mit dem Muster an der Wand in Konkurrenz trat, eine dunkle Schrankwand, die alles zu überragen schien und versuchte, die Menschen einzuschüchtern. Mein Blick streifte die Gesichter. Ich erkannte den Torwächter, dessen blaue Augen, sich in meine Seele zu bohren schienen, ein weibliches Gesicht mit lila Augen und kurzen Haaren, und dann unerwartet ein vertrautes Gesicht. Kurze blonde Haare, helle bläuliche Augen, ein Schulkamerad. Fast vergessen. Lang verdrängte Erinnerungen.


Ich musste grinsen und dann lachen. Ich fing schallend an zu lachen. Ich war mir sicher, dass ich in diesem Moment wahnsinnig geworden war. Das schien zumindest ihr Blick zu sagen, den sie miteinander austauschten. Ich versuchte, mich wieder unter Kontrolle zu kriegen, was gar nicht so einfach war. Ich winkte ab, als sich das Mädchen erhob und auf mich zu treten wollte. Ich begann, die Luft in mich einzusaugen und zwang mich zur Ruhe. Ich brauchte ein oder zwei Minuten, dann konnte ich zumindest die anderen ansehen, ohne wieder hysterisch zu werden.

"Also gut. Wo bin? Wie bin ich hierhergekommen? Und was macht eine erstarrte Frau in der Küche?" Ich verschränkte die Arme vor der Brust und wartete.

Der Türwächter zuckte nur mit den Schultern. Was war eigentlich sein Name? Hatte er ihn jemals genannt, oder war er mir einfach nur wieder entfallen? Dabei konnte ich mir eigentlich gut Namen merken.

"Vereinfacht gesagt, habe ich Zeit angehalten. Komplizierter habe ich unsere Existenz auf eine andere Ebene verschoben, in der Zeit auf eine andere Art und Weise vergeht." Sprach eine weibliche Stimme.

Ich blickte sie ungläubig an. Doch sie zuckte nur mit den Schultern und lächelte.

 

Mein alter Schulkamerad, der Paul hieß, wie ich mich erinnerte, rollte nur mit den Augen. "Ich glaube, wir sollten am Anfang beginnen."

Ich verkniff mir eine entsprechende Bemerkung.


Er kramte in er Hosentasche und zog ein abgefranstes Stück Papier hervor. Er legte es auf den Tisch zwischen uns und strich es glatt. Ich trat einen Schritt nach vorne und ging in die Hocke. Ich zog das Stück heran, das sich als Zeitungsausschnitt herausstellte. Ich überflog es schnell. Es berichtete davon, das irgendwo in Nordhessen ein Hang drauf und dran war abzurutschen. Menschen waren evakuiert worden und die Behörden waren dabei, die Situation entsprechend zu sichern. Ich zuckte mit den Schultern und schaute hoch.

"Und?" Der Zusammenhang war mir nicht ganz klar.

"Im Grunde ist die Sache einfach. Tief dort unten befindet sich der Mundus, das Tor zur Hölle. Wenn der Hang weg ist, öffnet sich das Tor und der Rest wird dann wahrscheinlich Geschichte sein, die Menschen werden dann Geschichte sein."

"Lass mich raten: Ich bin auserkoren mit einer Gruppe Getreuen den Weltuntergang zu verhindern?" Schweigen. Na, das hätte ich mir von Anfang an denken können.

"Und wo ist die Superwaffe, mit der ich das hinkriegen soll?" Paul zuckte mit den Schultern.

"Das wissen wir leider nicht. Wir wissen, was wir brauchen. Doch wo, ist unklar." Ich seufzte, doch Paul sprach weiter. "Es gibt Geschichten über den Ort, den Verbleib, Legenden und Anhaltspunkte. Doch wir wissen nicht wo wir anfangen sollen zu suchen. Das Einzige, das wir mit Sicherheit wissen, ist, das es hier in Hamburg liegt."

"Und ihr braucht - mich?"

"Deine Erinnerung." Meine Augenbrauen schossen nach oben.


"Die Erinnerung der Geschichtenweber. Nur du kannst das kollektive Gedächtnis deiner Ahnen erreichen, denn du alleine bist von der direkten Blutlinie." Mein Blick wanderte zum Torwächter.
"Er stammt von einer Seitenlinie, er kann nicht, was du kannst."

Ich rieb mir über die Nase.

"Also ich soll, auf welche Art auch immer, mich versuchen zu erinnern, ob jemand meiner Ahnen weiß, wo die Superwaffe, gegen das Höllentor versteckt ist?"

"Ein Ring."

"Natürlich, ein Ring.", murmelte ich und fragte mich einen Augenblick, ob Irre mich gekidnappt hatten, wenn ich nicht die alte Frau mit eigenen Augen gesehen hätte.

"Und wie soll ich das ganze anstellen?" Wieder tauschten die drei einen Blick, eigentlich mehr sie, die Hexe, und Paul. Der Torwächter, ich sollte wohl nach seinem Namen fragen, musterte mich weiterhin aus seinen unergründlichen Augen. Es war als würde ein Schatten beständig darin hin und her wandern.

"Wir müssen dich in Todesangst versetzen.", sagte Paul letztendlich und strahlte mich über das ganze Gesicht an.

Ich brach ihm die Nase.

 

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