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Der Berlinale-Skandalfilm - »o.k.«

o.k.Der Berlinale-Skandalfilm
»o.k.«

Als bei der 20. Berlinale im Jahr 1970 Michael Verhoevens kleine Independentproduktion „o.k.“ als deutscher Wettbewerbsbeitrag ausgewählt wurde, konnte niemand ahnen, dass genau dieser Film das renommierte Filmfestival sprengen und zum frühzeitigen Abbruch bringen würde. Jurypräsident George Stevens brachte den Stein ins Rollen, der schließlich dazu führte, dass im Jahr 1970 keine Bären in Berlin verliehen wurden.

o.k.Der Amerikaner Stevens (1904-1975), der als Regisseur Klassiker wie „Mein großer Freund Shane“, „Giganten“ oder „Die größte Geschichte aller Zeiten“ verantwortet hatte, fühlte sich durch den Film „o.k.“ offensichtlich schwer verunglimpft und warf Michael Verhoevens recht billig produzierter Satire auf den Vietnamkrieg vor, sie würde „die Verständigung zwischen den Völkern verletzen“ und somit gegen die Regularien der Berlinale-Auswahlkriterien verstoßen. Ein breites Medienecho war die Folge, das von Verhoeven und seinem Produzenten Rob Houwer zusätzlich fleißig befeuert wurde. Alles gipfelte schließlich in der Auflösung der Berlinale-Jury und im kurzzeitigen Rücktritt des damaligen Berlinale-Leiters Dr. Alfred Bauer, weswegen das Festival vorzeitig abgebrochen und keine Preise vergeben wurden. Nun ist der Skandalfilm erstmals in einer üppig ausgestatteten Auflage in der „Edition Filmmuseum“ auf DVD zugänglich gemacht worden.

o.k.Im Jahr 1966 fand während des Vietnamkriegs ein Verbrechen statt, das weltweit für Schlagzeilen sorgte. Eine Gruppe amerikanischer Soldaten vergewaltigte und ermordete ein vietnamesisches Mädchen aus purer Langeweile heraus. Ein unfreiwillig Beteiligter hatte die Ereignisse daraufhin vors Kriegsgericht gebracht, wodurch eine breite Öffentlichkeit davon Kenntnis erlangte. Daniel Lang hatte in einem Buch darüber berichtet (das schließlich 1989 von Brian De Palma als „Die Verdammten des Krieges“ verfilmt wurde), Artikel in Nachrichtenmagazinen folgten. Daraus zimmerte sich auch Michael Verhoeven ein Theaterstück, das zwar nie aufgeführt wurde, das er aber 1970 in das Drehbuch zu „o.k.“ umschrieb. In Brecht’scher Verfremdungsmanier hat er die Handlung von Vietnam in den bayerischen Wald verlegt, wo die G.I.s nun von bayerisch sprechenden Schauspielern dargestellt werden. Die Privates Rafe (Wolfgang Fischer), Eriksson (Michael Verhoeven selbst), Diaz (Ewald Prechtl) und deren Vorgesetzte Corporal Clark (Hartmut Becker) und Sergeant Meserve (Friedrich von Thun) langweilen sich in ihrer Stellung in Vietnam. Sie spielen Karten, erzählen sich Witze und beginnen schließlich, Rafe gewaltsam seines Schnurrbartes zu entledigen. Als die junge Vietnamesin Phan Ti Mao (Eva Mattes) ihre Wege kreuzt, wird auch sie ein Opfer ihrer Unterbeschäftigung.

Michael Verhoeven beginnt seinen Film als eine Art Work in Progress, schaut mit der Kamera hinter die Kulissen, wo sich die Schauspieler ihre Kostüme anziehen und sich kurz selbst vorstellen. Auch das ist schon ein Verfremdungseffekt, der das Publikum zum Nachdenken anregen soll. Ungefähr bis zur Hälfte des Films passiert darüber hinaus nicht viel, Verhoeven bebildert die Langeweile und die Machtgefälle innerhalb der strengen Militärhierarchie. Mit dem Auftauchen der Vietnamesin entgleitet die Situation dann völlig, da die Männer an ihr ihre aufgestaute sexuelle Energie und ihre Unterdrückung in der Männertruppe abreagieren. Mit dynamischer Kamera wird das Grauen der Vergewaltigung auf schockierend realistische Weise eingefangen. Noch verstörender ist dann der weitere Verlauf der Dinge. In dieser zweiten Hälfte hat „o.k.“ kaum etwas von seinen Qualitäten eingebüßt. Ein experimenteller, provokanter und in seiner politischen Aussage unmissverständlicher Film zur Sinnlosigkeit des Vietnamkrieges und dessen grauenvoller Verbrechen.

o.k.Die DVD-Erstveröffentlichung kann mit einem gut restaurierten Schwarz-Weiß-Bild (im Widescreen-Format 1,66:1) und einem stets gut verständlichen deutschen Synchronton (in Dolby Digital 2.0 Mono, optional mit deutschen, englischen und französischen Untertiteln) überzeugen.

Zu den umfangreichen Extras gehören ein im Jahr 2019 aufgezeichnetes Interview mit Verhoeven und Produzent Rob Houwer (34 Minuten), der Original-Kinotrailer zum Film, eine kleinere animierte Fotogalerie sowie der 1969 ebenfalls zum Vietnamkrieg von Verhoeven inszenierte Kurzfilm „Tische“ (10 Minuten). Im zwanzigseitigen Booklet rekonstruiert Stefan Drößler detailliert die Rezeptionsgeschichte des Films, auch anhand etlicher zeitgenössischer Zeitschriften- und Zeitungsartikel. Der Hauptteil seines Textes liegt darüber hinaus auch in englischer und französischer Übersetzung vor.

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