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... der Ego-Shooter

Verteidigung... der Ego-Shooter

In dieser Kolumne möchte ich im Sinne des Autors und Journalisten Gilbert K. Chesterton eine Kolumne  mit kurzen Texten einrichten für diejenigen literarischen Objekte und Subjekte, die im allgemeinen schlecht wegkommen in der gezielten Beurteilung ihrer Kritiker. Deshalb der Titel in Anlehnung an den Pater-Brown-Erfinder. Auch etwas Ironie schadet nicht. Andere Autoren sind ebenfalls willkommen.

Heute die vierte Verteidigung:


Das älteste Kriegsspiel ist das Schachspiel...und obwohl es eher ein Strategiespiel ist, als taktisch, wird dennoch kein Schachspieler der Gewalt bezichtigt. Die  Spieler der Games der Moderne hingegen wie Counter Strike, DOOM oder anderen Ego-Shootern werden sofort von den älteren Autoritäten kriminalisiert. Es werden absurde, pseudokausale Zusammenhänge zwischen Aggression, Gewalt und dem Spielen solcher Games herbeigeredet, sogar amoklaufende Personen werden darauf untersucht, ob sie Ego-Shooter gespielt haben, und wenn es denn so war, wird flugs ein Zusammenhang konstruiert zwischen Tat und Freizeitverhalten, anstatt die sozio-psychologische Familiensituation bzw. den Erfolg im gesellschaftlichen Umfeld des Täters zu untersuchen.

Viele ältere Kritiker, insbesondere aus dem Politikbereich, haben auch noch nie wirklich ein Game in ihrem Leben gespielt, und wissen eigentlich gar nicht, wovon sie reden. Ego-Shooter werden zu Tausenden, ja weltweit zu Millionen Exemplaren verkauft und gespielt. Hier einen Zusammenhang mit Amoklauf zu suchen, ist nicht nur absurd, sondern sogar statistisch widerlegbar. Der Großteil der Gamer hingegen ist friedlichen Charakters, will nur Frust und Aggression auf kanalisiertem Wege abbauen, ja, das Gamen dient sogar der seelischen Gesundheit, weil es vom Alltagsstress befreit.

Dass Ego-Shooter auch von der Militärpsychologie entworfen und auf den Markt gebracht werden,um Rekruten für die Truppe zu werben, führt noch lange nicht zu Akten ungezügelter Aggression. Im Gegenteil, der Proband, hier der Gamer, lernt die kontrollierte Ausübung der Gewalt. Der typische Spieler weiß ja, dass es ein Spiel ist, er kann hier also auch Dinge tun, die er in der Wirklichkeit nie tun würde, wie etwa ungestraft Nonkombattanten abschießen, Bot-Figuren, die nicht wirklich am Game teilnehmen. Bevor es Video-Games gab, auch der aggressiven Sorte, wurde auch „Cowboy und Indianer“ auf den Straßen gespielt, gab es Zinnsoldaten oder Modellbauarmeen von Panzer, Flugzeug und Infanterie.

Eigentlich ist der Begriff "Ego-Shooter" ja auch falsch gewählt...und nur der Perspektive geschuldet. In Multiplayer-Games herrscht Kooperation und die Gamer lernen, zusammenzuarbeiten in der eigenen Gruppe. Das schafft auch eine Art von sozialem Zusammenhalt, selbst dann, wenn jeder räumlich vom anderen Teilnehmer  weit entfernt ist.

Keiner dieser klassischen Spieler ist deshalb zum Massenmörder geworden, alle sind friedliche Mitglieder der Gesellschaft. Deshalb sollte nicht so ein Brimborium um die Existenz von Ego-Shootern gemacht werden, erst recht nicht von Leuten, die nichts davon verstehen...oder noch nie ein solches Game gespielt haben...

Deshalb plädiere ich dafür, auch hier mehr Toleranz zu gewähren. Die erzählten Stories, die Handlungen, selbst die handelnden Charaktere haben sich inzwischen auch weiterentwickelt...natürlich bleibt ein Shooter immer ein Shooter, aber die Ballerei muss ja nicht ununterbrochen erfolgen. Es können Action-Adventure-Sequenzen miteingebaut werden, die das Spiel auflockern, und vom reinen Geballere entfernen. Dadurch verbessert sich mit der Qualität auch der Ruf solcher Games.

Nur die Kritiker kann man wohl nicht überzeugen, man muss warten, bis sie ausgestorben sind. Ego-Shooter sind bereits eine Kunst(-Handwerk)-Form der jetzigen Moderne geworden, sie finden sich sogar gewürdigt in Spiele-Museen. Deshalb, Leute lasst den Gamern, die das wollen, doch ihre Ego-Shooter. Von so einem Spiel wird keiner zum Gewalttäter...

© H. Döring 2015

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2015-10-30 10:46
Zitat:
Es können Action-Adventure-Sequenzen miteingebaut werden, die das Spiel auflockern, und vom reinen Geballere entfernen. Dadurch verbessert sich mit der Qualität auch der Ruf solcher Games.
Stimmt. Zuhälter-Missionen in Grand Theft Auto zu spielen haben den Ruf enorm aufgewertet. (Ironiemodus aus). Natürlich ist die Kritik "Ego-Shooter produzieren Amokläufer" undifferenziert. Ach was. strunzdumm.

Aber die grundsätzliche Kritik und das Unbehagen an den stereotypen Gesellschaftsbildern und dem Gewalt ist cool-Motto der Spiele so leichthin abzubügeln, ist auch nicht viel besser. Klar weiß der typische Spieler, dass es nur ein Spiel ist, aber ob der Elfjährige, der unbeaufsichtigt stundenlang nichts anderes macht, über die nötige Medienkompetenz verfügt, ist doch häufig sehr zweifelhaft. Und es wird sich ja auch kein Bein ausgerissen, für diese Medienkompetenz zu sorgen.
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#2 AARN MUNRO 2015-10-30 11:40
...der Elfjährige kann aber auch nach Belieben Horror-und Splatterromane kaufen...an Filme kommt er allein sicher nicht so leicht ran und natürlich lesen die heutigen Elfjährigen nicht(s)...aber rein theoretisch könnte jeder Elfjährige die Horrorheftchen und Söldatenhefte vom Kiosk mitnehmen...das wird auch nicht kontrolliert...die Beachtung ist nur weniger stark, weil hier passive Teilnahme vorliegt, die aber auch beeinflussen kann (das gilt natürlich auch für Kettensägen-Massakerfilme, die man dem Elfjährigen auch nicht zugänglich machen sollte)...ich kannte einen Vierzehnjährigen, der jahrelang Horrorhefte las und dann einen "Nervenzusammenbruch" bekam...die soziale Kontrolle der Psyche Heranwachsender sollte sich also nicht (fast) ausschließlich auf die Kalibrierung von Ego-Shootern "einschießen". Auch das Argument, zu viel Zeit an PC oder Konsole zu verbringen zieht nicht, denn die Eltern machen es ja vor am TV. Ein Film, eine Nachrichten -und eine Sportsendung...schon sind vier Stunden am Fernseher um, ohne es zu merken...
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#3 Andreas Decker 2015-10-30 16:08
Natürlich ist schon die Medienkompetenz zu vieler Eltern absolut mangelhaft, aber in dem Artikel geht es nicht um Jugendschutz und Bezugswege.

Und die Aussage, dass die Kritiker sich nicht so anstellen sollen bzw die Natur sie ausdünnen wird und die Spieler dann endlich ihre Ruhe haben, ist zumindest mir für dieses komplizierte Thema dann doch zu einfach.

Zitat:
)...aber rein theoretisch könnte jeder Elfjährige die Horrorheftchen und Söldatenhefte vom Kiosk mitnehmen...das wird auch nicht kontrolliert...
Was sollte man da kontrollieren? Noch sind solche Druckerzeugnisse frei verkäuflich. Und mal ehrlich, Softgrusler wie Sinclair oder Zamorra, die einzigen überhaupt noch existierenden Gruselheftchen, die die Selbstzensur zu einer Kunstform erhoben haben, mit einem Ego-Shooter zu vergleichen, kommt das nicht dem Vergleich von Äpfeln und Birnen gleich? ;-)
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#4 Larandil 2015-10-31 13:53
Nur um's mal gesagt zu haben: "America's Army" ist ein Ego-Shooter, entworfen und programmiert von der U.S. Army (wer hätte das gedacht ...).
Und wer in diesem Spiel seine eigenen Kameraden abschießt (zum Beispiel diesen nervigen Drill Sergeant im Boot Camp!), dessen Figur landet in einer Einzelzelle im programmierten Militärgefängnis Leavenworth. Und da bleibt sie auch.
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