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... der Heftchenleser

Verteidigung... der Heftchenleser

In dieser Kolumne möchte ich im Sinne des Autors und Journalisten Gilbert K. Chesterton eine Kolumne  mit kurzen Texten einrichten für diejenigen literarischen Objekte und Subjekte, die im allgemeinen schlecht wegkommen in der gezielten Beurteilung ihrer Kritiker. Deshalb der Titel in Anlehnung an den Pater-Brown-Erfinder. Auch etwas Ironie schadet nicht. Auch andere Autoren sind willkommen.

Heute die dritte Verteidigung:


Ach, was ist ein dickes Buch doch seriös, eventuell noch im goldenen oder silbernen Einband...auch platinfarben wurde schon gesehen...doch der sogenannte Groschenroman, der beileibe mehr kostet heutzutage, ist immer noch beliebt bei der lesenden Welt,während das  sogenannte Bildungsbürgertum immer noch etwas mäkelnd darauf herunterschaut, nicht mehr so schlimm wie früher, auch die Germanistik hat die Trivia inzwischen als normativ Faktisches erkannt...Millionen Leser können nicht falsch liegen...würden Hefte als Bestseller gelistet, käme so manche Überraschung heraus für den zuständigen Feuilletonredakteur...und müssten sich die literarischen Magazine damit befassen und die selbst ernannten Literaturpäpste, die ja meist nur lesen lassen...

Ja, für uns Mittelstandsmenschen ist ein Buch ein Kennzeichen der Zivilisation, doch wir hatten ja nicht immer ein Einfamilienhaus, den Mercedes vor der Tür und die Goldprägebibliothek im Schrank. Fingen wir nicht auch einst mit Heftchen in der Studentenbude oder im Lehrlingszimmer an, billiges Papier mit schreiend bunten Titelbildern, wilde Abenteuer aus SF, Horror oder Western? Waren sie nicht herrlich reißerisch aufgemacht, dem schmalen Geldbeutel des Taschengeldes oder erjobbten Lohnes zugetan, stöhnte man nicht über jede 10-Pfennig-Erhöhung? Heftchen kann man rollen, in die Tasche stecken, sie sind leicht, auch leicht zu transportieren, wer mag, kann sie   beim Lesen umknicken (was der wahre Fan nie tun würde...), pflegeleicht, gut zu lagern in Sammelordnern oder Kartons. Man kann sie tauschen mit Gleichgesinnten, über den meist eher mittelmäßig geschriebenen Inhalt diskutieren, oder die schlechte , gekürzte Übersetzung bemäkeln (etwa bei UTOPIA-Großbänden) doch kein wirklicher Fan der phantastischen Literatur möchte sie missen, auch wenn einige von uns heute seriös daherkommen und nur noch Hardcover lesen...oder noch schlimmer, ausschließlich e-books.

Auch Heftchen kann man natürlich elektronisch lesen, doch sind es dann noch welche? Man kann nichts umknicken, das haptische fehlt, das olfaktorische!  Heftchen riechen nämlich auch, neue ganz anders als gebrauchte. Der wahre Fan würde auch nie abonnieren, er ist ein Jäger, der antiquarisch auf die Pirsch geht, wühlen auf dem Con oder bei Deinem „Bouiquiniste“, das läßt das Herz des wahren Fans höherschlagen, bis man eine seltene Heftausgabe von 1960 oder sonstwann ergattert hat, die nur in 1000 Exemplaren erschien oder nur in 10 Bandnummern. Abonnieren ist langweilig. Ganz eitle Freaks lassen sie dann noch von den Autoren, so es diese noch gibt, unterschreiben und hängen diese geschmückte Titelseite an die Wand. Natürlich hat sich auch der Stil des Schreibens bei den meisten Heftchen im Laufe der Zeit verbessert – und so mancher Leser wurde selbst zum Scribenten, der seinen Horror mitternachts  unter die Leser bringt – oder seinen Westernhelden in den Sonnenuntergang reiten läßt.

Es gibt Einzelbände in Reihen, es gibt fortlaufende Serien seit Jahren oder sogar Jahrzehnten, es gibt alte, längst eingestellte Heftgeschichten, einige davon werden in kleineren Projekten, auch als Sammelbände, fortgeführt oder nach einer Weile neu aufgelegt. Dann kommt schnell ein nostalgisches Gefühl  wie eine Art Extrasinn auf, das den kritischen  Verstand des inzwischen längst weiterentwickelten Lesers untergräbt. „Mäkel doch nicht so, hab' noch 'mal Spaß damit!“ Altbekanntes Feeling kommt auf, wenn man ein altes Terra Nova-Heft mit „Kapitän Zukunft“ noch einmal goutiert...sollte es Leserkommentarseiten geben, so findet man manchen Kommentar von Leuten, die später selbst Schreiber wurden, das ist immer sehr lustig. Ach schau, auch XY hatte einst diese Hefte gelesen...ach ja, er schreibt sie ja auch heute – oder tat dies einst später. Kurz, niemand sollte lachen über diese Art der tagtäglich konsumierten Trivialliteratur, die immer noch zu Tausenden erscheint...den Alltag für zwei Lesetunden erträglicher macht, tiefere Analysen  zum Inhalt und der Wirkung auf die Gesellschaft, findet ihr bei den Psychologen und Germanisten , hier nicht.

Hier wollen wir an der Phantasie der Autoren der Hefte teilhaben, und uns entspannen aber auch aufregen...auch nach dem Zeitalter des sogenannten „Heftchensterbens“, als das digitale Zeitalter eingeläutet wurde...wartet man nicht immer noch jede Woche gaaanz dringend auf den Tag, an dem unser Vorzugsheftchen erscheint...ist es denn noch da? Verdammt, schon ausverkauft, weil ich gestern keine Zeit hatte...oder noch nicht geliefert, weil ein Feiertag dazwischenkam – und auch die Spediteure mal Pause machen wollen. Sollte ich es nicht doch abonnieren? Aber dann kommt es geknickt oder gar nicht!...Dann eben das andere Heft noch 'mal reingezogen...

ja, Heftchen sind eine unheilbare Sucht...

© 2015

Kommentare  

#1 Ganthet 2015-10-05 18:35
Ist schon komisch, was das Format so alles ausmacht. Seit der Nummer 2700 lese ich Rhodan wieder; allerdings als EBook. Ich habe nicht das Gefühl einen Heftroman zu lesen, sondern ein Buch, zu dem jede Woche ein neues Kapitel erscheint. Allein, dass schon keine Doppelspalten mehr vorhanden sind, verstärkt bei mir dieses Gefühl.
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