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Über die Akademisierung der Schriftsprache bei Perry Rhodan

1Über die Akademisierung der Schriftsprache ...
... bei Perry Rhodan

Eine der vielleicht ungewollten Hauptleseschichten der noch neuen PR-Serie waren die jungen Akademiker bzw. Gymnasiasten. Als intelligente, dem Neuen aufgeschlossene Menschen, griffen sie sich die utopische Literatur in den 50/60er Jahren und später.

Viele davon waren im entstehenden Fandom organisiert, einige hatten auch politische Ansprüche oder Ambitionen.


Die frühen Autoren der Serie 1961 allerdings: K.H. Scheer und Walter Ernsting alias Clark Darlton besaßen meines Wissens nach keine akademische Bildung. Dementsprechend waren auch ihre Schreibstile: eher einfach und geradlinig konzipiert. Auch Willi Voltz, der frühe „Psychologe“ unter den Autoren, der meist den personalen Erzählstil verwendete, hatte wohl keine akademischen Bildungshintergrund, benutzte aber die für damalige Verhältnisse elaborierteste Sprachverwendung im PR. Klaus Mahn alias Kurt Mahr war wohl der einzige Akademiker der Frühzeit, allerdings kein Geisteswissenschaftler, so dass auch hier eher ein sparsamer Schreibstil zur Geltung kam. Auch bei später auftretenden Autoren wie Brand und Vlcek änderte sich der Schreibstil nicht grundlegend. Etwas Bildung kam in die Serie erst mit Hans Kneifel, der mitunter Kunst oder Musik einbaute, etwas kulturellen Hintergrund eben. Aber auch sein Schreibstil war nicht jedermanns Sache.

Die späteren Autoren kamen zunehmend aus dem akademischen Bereich, vielleicht ehemalige Leser, wodurch sich der Sprachstil doch stark veränderte. Vieles in der frühen Schreibe (insbesondere von Darlton) erscheint uns heute naiv, sehr einfach geschrieben – aber dafür auch erfrischend in der Handlungs – und Erzählweise. Das Meiste liest sich flott und temporeich. Heute ist die innere Sicht und die personale Erzählweise der Autoren viel stärker ausgeprägt, der Sprachduktus ist natürlich besser geworden, die Schreibe nähert sich mitunter sogar der Hochliteratur, wenn ganze Entwicklungsromane über psychische Nabelschau erzählt werden    - oder die Hauptfiguren vor lauter Verarbeitung ihrer inneren Konflikte gar nicht mehr zum Handeln kommen. Ohne Zweifel hat sich der Stil  literarisch verbessert, weil immer mehr Autoren aus dem akademischen Bereich, meist der Geisteswissenschaftler, kommen. Aber hat sich dadurch auch die Serie verbessert? Kommen die Romane besser beim Leser an, als früher? Auch die Leser wurden ja älter, erwachsener, lasen viele andere, Nicht-PR-SF bzw. Literatur. Auch hier schienen ja die Ansprüche des Lesens an den Schreibstil zu wachsen.

Die Art zu schreiben, ist elaborierter geworden, der Sprachduktus ist besser...aber die Serie selbst wirkt dadurch larmoyant, zu stark rückgekoppelt, schwafelnd, ermüdend, zu viel inneres Psychogebabbel. Viele Leser scheinen das zu mögen – und die Autoren auch, sonst würden sie ja nicht so schreiben bzw. annnehmen, dass die Leser das von ihnen erwarten. Noch unter Robert Feldhoff als Expokrat war das teilweise anders. Handlung und Stile waren geradliniger, linearer, schneller und dadurch auch besser erzählt. Mitunter zwar auch naiver – aber das nimmt man für eine gute Handlungsdarstellung dann auch in Kauf. Heute scheint es nicht einen nichtakademischen Autor der Serie mehr zu geben, oder wenn, nur ganz wenige. Ob diese Überkomplizierung der Schreibstile der Serie zugute kommt, wage ich zu bezweifeln, aber es geht wohl nicht mehr anders.

Man kann jetzt nicht zum Stil von Scheer oder Ernsting (gottbewahre!) zurückkehren...wenn der Deckel vom Topf der Pandora ist, breiten sich die Übel (der Stile) eben aus...Manchmal werden Versuche von Autoren/Verlag/Expokraten unternommen, der Serie wieder eine stärkere Actionauslastung zu geben, was aber wegen der verwendeten Anti-Action-Stile dann eher hilflos wirkt. Manche Autoren wollen dann so, aber sie können eben nicht (wie ein Eunuch im P...), weil sie die Aktion der Handlungen nicht mit ihrem/ihren Schreibstil(en) in Einklang bringen können. Das klingt dann beim Lesen immer seltsam: es soll ein Actionroman sein, aber der Autor beginnt die Geschichte mit innerer Darstellung (vulgo: Psychogeschwafel). So geht es dann eben doch nicht. Etwas nichtakademische Schreibart würde einfach moderner rüberkommen – und der Serie vielleicht auch einen neuen Schub verleihen...schneller, höher, weiter...

Aus diesem Grunde  ist es manchmal erfrischend, den MDI-Zyklus wieder einmal durchzuarbeiten...

PS: Natürlich bin ich selbst Akademiker...

(C) 2014/15 by H. Döring und Aarn Munro

 

Kommentare  

#1 Adolf Faber 2015-09-01 03:02
Der Wandel des Zeitgeist brachte mit sich, dass der Blick auf Utopien, auf mögliche höhergeordnete Zusammenhänge einer Verhaftung auf erlebbares und nachvollziehbares wich.

Die Nichtakademiker und die Akademiker die den Grundstein und den Anfang des Perry Rhodan Universums schufen waren freier im Denken weil sie nicht - in der angespannten Form wie in der Gegenwart - auf Kritik anderer allzuernst schauen mussten. Die Qualität der erzählten Geschichte war die Phantasie die vom Autor auf den Leser übersprang und ihm aus der Allagsrealität rausführte.

Diese Realitätsflucht ist dann so wertvoll, wenn man als jugendlicher Leser in einer Alltagsrealität aufwächst die der Lebensbewältigung (in Form von einem gesicherten Erwerbsleben) den größten Stellenwert einräumt. Bildung ist nicht dazu da neue Welten des Denkens zu entdecken, über festgefahrene Gedankengebäude zu schreiten, nein, da geht es um Qualifizierung am Arbeitsmarkt um ein gutes Leben in der vorhandenen Gesellschaft zu führen.

Mit dieser positiven Realitätsflucht hat man seine Jugend mit einer gewissen Distanz zur Ernsthaftigkeit der Alltagsrealität verbracht. Und über die Jahrzehnte ist die Realitätsflucht in eine Phantasiewelt einer Sicht auf seine Unterhaltungsliteratur bei vielen auf ernsthafte Betrachtung von möglichen Zukünften gewichen.

Hier sieht man also den SF-Leser und SF-Fan der mit akademischer Qualität sich unterhalten will und unterhalten wird. Religiöse Vorstellungen, große Ideale und die Aufhebung von festen (manchmal vernünftigen) Regeln treten (für viele doch) in den Hintergrund ...

Der Konsument bekommt also bessere Schreibe (komplexere psychologische Hintergründe der Handlungsträger) ist aber so wie die meisten Autoren nicht mehr der Träumer und Phantast ...

Klar kann man dem widersprechen, weil das bei den einzelnen Autoren und Leser nicht so zutrifft wie ich es versucht habe zu beschreiben ... aber im wesentlichen ist dieser Traum von einer Überwindung des Erdenlebens in Form von dem Verlassen der Erde und der damit einhergehenden größeren Weltschau verlorengegangen.

PR ist nicht gleich SF. Aber weil PR eben eine fiktive Welt ist, wird mit der Beschreibung derselben nicht mehr versucht seine eigenen Grenzen (des Autors oder des Lesers) zu "übersteigen" ...

Ernst Vlcek hat mir diesen Wandel im Denken des jungen Autors und der alten Autoren der PR-Serie bestätigt, dass so wie ich es formulierte, wenn man mal alle Grenzen durchbrochen hat, nun eben nicht mehr so stark versucht Grenzen zu durchbrechen ...

Ob der Akademiker hier dem Nichtakademiker die Luft rausgelassen hat?
Nein: Ob Nichtakademiker oder Akademiker, dem Mensch im 21. Jahrhundert ist durch den Wandel in die Informationsgesellschaft etwas vom märchenhaften Glanz der Utopien verlorengegangen.
;-)
Bitte diese verbesserte Fassung des Textes reinstellen. Danke
#2 Larandil 2015-09-01 09:33
Muß ich mir etwas dabei denken, dass der Artikel den Gymnasiallehrer H.G. Ewers komplett übergeht - der immerhin drei Jahre vor Hans Kneifel und sechs Jahre vor Ernst Vlcek bei PR einstieg?
#3 Andreas Decker 2015-09-01 10:11
zitiere Larandil:
Muß ich mir etwas dabei denken, dass der Artikel den Gymnasiallehrer H.G. Ewers komplett übergeht - der immerhin drei Jahre vor Hans Kneifel und sechs Jahre vor Ernst Vlcek bei PR einstieg?


Nein. Schließlich ist hier auch Brand ein "späterer" Autor, obwohl er der vierte im Bund war. Und waren Kneifel und Francis nicht auch Akademiker? ;-)
#4 Larandil 2015-09-01 10:41
zitiere Andreas Decker:
zitiere Larandil:
Muß ich mir etwas dabei denken, dass der Artikel den Gymnasiallehrer H.G. Ewers komplett übergeht - der immerhin drei Jahre vor Hans Kneifel und sechs Jahre vor Ernst Vlcek bei PR einstieg?


Nein. Schließlich ist hier auch Brand ein "späterer" Autor, obwohl er der vierte im Bund war. Und waren Kneifel und Francis nicht auch Akademiker? ;-)

Ich greife mal auf die Kurzbiographien im Werkstattband von 1986 zurück. Demnach war Ewers Lehrer für Deutsch, Biologie, Physik und Astromonie an einer Polytechnischen Oberschule (in der DDR), bevor er 1962 in die Bundesrepublik kam. Kneifel war gelernter Konditor und dann Berufsschullehrer. Und Francis hat demnach Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert, bevor er in der Werbebranche arbeitete.
#5 AARN MUNRO 2015-09-01 10:59
Soweit ich weiß, hat Francis sein Studium bzw. Promotion abgebrochen (steht in irgendeinem SF-Jahrbuch, Interview mit ihm) und Kneifel war Pädagoge vom Studium her (nach der Kondi-Lehre). Falls ich Gehrmann übergangen habe, das wollte ich gar nicht...aber es ging mir eher um den Gegensatz von ganz früh und seehr viel später.HGE hat ja ebenso wie (der manchmal sehr wild die innere Handlung forcierende Francis) für einen Akademiker einen sehr moderaten schreibstil gehabt, nicht geschraubt, nicht zuu elaboriert, so wie es manchmal heute zu sein scheint. Die Intention des Artikels war einfach: wählt die Schreib-Sprache möglichst einfach, ohne primitiv zu wirken, nicht geschraubt, bitte sondern geradlinig und klar. das ist heute nicht immer der Fall. Aber keine Angst: Sprachanalyse erfolgt hier nicht...und schon gar nicht explizit den Autoren zugeordnet...fürchtete nur, der Artikel könnte mal wieder einen kleinen Shitstorm auslösen (wie neulich...).
#6 Hermes 2015-09-01 11:58
Die frühen Werke von K.H. Scheer und Kurt Mahr waren keineswegs nur "flott und temporeich". Da gab es viel ermüdendes Pseudo-"Technikgebabbel", Militärfolklore und auch der action-Anteil hielt sich meist in Grenzen.

Die Ren Dhark Bände, aber auch Rex Corda waren viel flotter und temporeicher geschrieben.
#7 AARN MUNRO 2015-09-01 12:31
Erstens: "Techno-Gebabbel" war etwas, was einige Leser in der SF forderten, das war für sie eben "Science"-Fiction. Das dies bei Scheer und Mahr vorkam, ist wahr. RD war deshalb flotter, weil Kurt Brands Schreibe oft und in erster Linie von Dialogen lebt (natürlich gab es auch andere Autoren). Vergleicht man den heutigen RD mit PR, so kommt die Sprache im RD wesentlich frischer und lebendiger herüber, weniger elaboriert als der Perry. Den Corda habe ich nicht mehr so im Gedächtnis, wer schrieb denn da alles? War da nicht auch der Francis(kowsky) schon dabei? Aber spannend war es allemal...

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