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Sexismus in den Charts: Layla

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneSexismus in den Charts
»Layla«

Dass die Schlagerszene auf Mallorca eine – etwas speziellere – ist, könnte man mindestens bei der letzten Ausgabe der „Aires-Ski-Mallorca-Super-Hits“ mitbekommen haben. Man muss es nicht mögen und kann es ignorieren. Außer, wenn ein Ballermannhit auf Platz Eins der Charts steht und Städte schon darum bitten, den Song nicht auf Stadtfesten zu spielen. Dass schnell Stimmen zur Hand sind, die „Cancel Culture“ schreien, sollte in diesen Zeiten leider nicht verwundern.

Und ja: Ballermann-Hits sind schon immer simpel gewesen, aber selbst Micky Krause schaffte es nie auf die vorderen Plätze der Charts.

Ein gern geführtes Argument: „Layla“ sei ein Party-Hit, der keine ernsthaften Inhalte vermitteln will. Stimmt zwar, aber vielleicht sollte man seinen Kopf einschalten. Wenn ein solcher Text auf Platz Eins der Charts ist, dann identifizieren sich eine Unmenge von Leuten mit ihm. Manchmal liegt es auch eher an der Melodie – Ballermann-Hits bedienen sich gewisser Schemata, die leichtes Mitsingen ermöglichen – aber klammheimlich freut man sich natürlich auch über einen gewissen Tabu-Bruch. Endlich kann man als Macho mal wieder ungehemmt mitsingen, wenn es darum geht Frauen als Ware zu betrachten. Dieses „Me too“ ging einem ja eh immer schon auf den Sack, also kann man erleichtert aufatmen und den Song auch als Protestlied gegen die Herabsetzung von Frauen begreifen. Es ist natürlich auch die Freude am Zwiespältigen, am Wortspiel, die Ballerman-Hits so populär machen. Vordergründig geht es bei den „10 nackten Friseusen“ um das Haupthaar, aber natürlich wissen wir alle, was Micky Krause wirklich gemeint hat. Das macht diesen Hit übrigens auch nicht viel besser.

Generell wird jetzt versucht abzulenken. Die Songtexte mancher Rapper oder Hip-Hopper seien ja auch genauso schlimm, warum bitten Städte also nicht darum, diese Songs nicht auf Stadtfesten zu spielen? Erstens: Ja, es gibt furchtbare Texte in den Genres. Das macht diese aber nicht schlimmer oder besser als einen Text, der auf deutsch verfasst wurde, der so produziert ist, dass er perfekt in den Mainstream passt. Sicher: Hip-Hop und Rap und Metal und und und sind nicht unbedingt mehr Nische. Zweitens: Aber sie treffen nicht in das musikalische Zentrum des deutschen Bundesbürgers per se. Wer sich darüber wundert, dass ein Format wie der „ZDF Fernsehgarten“ immer noch funktioniert – und wer sich mal anschaut, was und wer da auftritt am Sonntag-Morgen – der vergisst, dass im Grunde aller Rebellion immer auch der Spießbürger lauert. Drittens: Natürlich gab und gibt es eine Debatte über frauenfeindliche Texte im Hip-Hop und im Rap. Sie ist aber nicht so sexy wie die aktuelle, weil sie in Kulturmagazinen wie „Aspekte“ oder im Feuilleton geführt wird und wurde. So sehr sich die Fangemeinde auch für bestimmte Genres vergrößert haben darf: Sie bestimmen nicht die Debatte, weil sie nicht für den Mainstream interessant sind. Sie finden aber statt.

Viktor Klemperer schreibt in LTI sinngemäß, dass Sprache minimal vergiftet werden kann. Je mehr man von diesen kleinen Giftmengen zu sich nimmt, desto mehr nimmt man bestimmte Haltungen und Meinungen an. Dass auch der Talmud schon mahnt, man sollte auf seine Gedanken achten, aus denen Worte und dann Handlungen entstehen, wird Klemperer vermutlich gewusst haben. Und der Penetrationseffekt zeigt auch: Je öfter wir etwas sehen, desto öfter bleibt auch etwas hängen. Auch, wenn wir natürlich alle total immun gegen Werbung sind. Glauben wir jedenfalls.

Wer ständig über die Frau als Ware singt, wird irgendwann genau so denken. Auch, wenn natürlich man noch andere Dinge im Leben sagt, tut und macht – irgendwas bleibt hängen. Sexismus und Diskriminierung sollten aber nicht hängenbleiben, sondern wenn sie auftreten und klar erkennbar sind, dann muss gegen sie vorgegangen werden. Die Bitte – ja, es ist eine Bitte, da wird nichts „gecancelt“, abgeschafft, zensiert oder sonstwas – von Städten, den Song nicht auf Stadtfesten zu spielen hat ihre Berechtigung. Leider haben die Städte wohl noch nie was vom Streisand-Effekt gehört, der unweigerlich dazu führen wird, dass gerade JETZT als „Widerstand gegen die Wokeness-Kultur der Gegenwart“ dieser Song gespielt werden wird. Andererseits: Es geht vielleicht auch nicht anders.

Hänge ich das ganze zu hoch auf, wird sich der Eine oder Andere fragen. Muss man das überdramatisierten? Es ist doch nur ein … Nein. Es ist nicht „nur ein“. Das Argument von „Es ist doch nur ein …“ lässt sich als Entschuldigung für jede Diskriminierung einsetzen. Das macht Diskriminierung nicht besser. Eher noch schlimmer. Es zeigt ja, dass da schon gewisse Dinge ihre Wirkung offenbaren. Wenn ich versuche einen sexistischen Text damit zu rechtfertigen, dass es „nur Party-Song“ sei, dann blende ich aus, dass Party-Songs die Masse der Gesellschaft erreichen. Massenkompatible Texte rechtfertigen natürlich keinen Sexismus, Rassismus oder sonstige Diskriminierung. Wenn sie in Party-Stimmung gesungen werden sind sie genauso furchtbar und gräßlich wie wenn sie nüchtern gesungen werden.

Alles in Allem: Man reagiert nicht über, wenn man aufmerksam für gewisse sprachliche Floskeln ist. Oder für einen Text, der eine Frau als Ware betrachtet, die nur da ist und gut genug ist, wenn sie für den Sex zur Verfügung steht. Sei es, wenn der Text auf deutsch vorliegt, sei es, wenn er auf Englisch gesungen wird, sei es im Schlager, Hip-Hop oder Rap. Sprache ist ein kostbares Gut. Wir sollten auf sie achten.

Kommentare  

#1 matthias 2022-07-16 10:02
Jetzt lese ich in der Presse, dass das "Düsseldorfer Party Volk" auf der Tanzfläche ausrastet.
Und warum?
Zitat: "Trotz Verbot! Kirmes DJ spielt LAYLA"

Es gibt also noch normale Leute in Deutschland, welche sich von den Verboten einer Minderheit nicht den Spaß verderben lassen.
#2 Laurin 2022-07-16 10:28
Ehrlich gesagt sehe ich es auch nicht als kulturellen Verlust, wenn dieses Lied auf einer Kirmes nicht gespielt wird. Genau genommen kannte ich das Lied nicht einmal, bis das man in den Medien und nun eben auch hier diesen Wind entfachte.

Also wie ich so bin, schau ich mal bei YouTube rein und sehe mir mal das Musikvideo dazu an. Und was soll ich sagen? Das Lied ist schon von der reinen Musik her für mich persönlich nicht wirklich interessant und der Text ist zwar irgendwie schlüpfrig, aber man scheint hier mehr daraus interpretieren zu wollen, als dahinter steckt. Denn im Video ist die "blonde Layla" ein Mann, der in Frauenklamotten an einer Tanzstange ziemlich ungelenk rumrutscht. Für mich daher, auch was den Text betrifft, reine Satire, an der man sich gerade unsinniger Weise hochzieht. Und das mit dem Nebeneffekt, dass das Lied LAYLA wesentlich breiter bekannt wird und die Kasse der Sänger nun ordentlich auffüllen dürfte. Ich sehe da ehrlich keine moralische Grundsatzfrage, sondern eher nur einen Sturm im Wasserglas, dessen Effekt nun sogar eher ins Gegenteil von dem schlägt, was man wohl gewollt hatte. Oder anders gesagt, bei genauer Betrachtung bleibt von der gewünschten Moralkeule hinter dem Verbot für mich eben nur ein unsinniger Waschlappen.
#3 AARN MUNRO 2022-07-19 08:10
Was Klemperer betrifft, so musste ich LTI leider kritisieren, als ich es las, denn er verwendet manchmal, wenn auch selten, die gleiche "rohe" Sprache, die er kritisiert.Vielleicht war er durch den damaligen Sprachgebrauch bereits beeinflusst, ohne es zu merken.Kann ja passieren.Wenn ich es jetzt bei der Hand hätte, könnte ich die Stellen auch zitieren.Es sind nur wenige, aber sie sind vorhanden.
#4 Wulfman17A 2022-07-19 08:16
zitiere matthias:
Jetzt lese ich in der Presse, dass das "Düsseldorfer Party Volk" auf der Tanzfläche ausrastet.
Und warum?
Zitat: "Trotz Verbot! Kirmes DJ spielt LAYLA"

Es gibt also noch normale Leute in Deutschland, welche sich von den Verboten einer Minderheit nicht den Spaß verderben lassen.


Naja, der DJ "umging" die Regelung, indem er eine weitgehende Instrumentalversion spielte und das Publikum den Text singen ließ. Clever.
#5 Heinz Mohlberg 2022-07-19 23:38
Ich frage mich, weshalb wegen eines solchen Schrotts so ein Aufstand gemacht wird. Wir wissen dch alle, dass dieser Mist nur für das tumbe Partyvolk produziert wurde...

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