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Der Einzelhandel und das Internet: Es ist komplizierter als man denkt

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneDer Einzelhandel und das Internet
Es ist komplizierter als man denkt

Wenn Corona eines gezeigt hat, dann dass der Einzelhandel die Digitale Entwicklung nicht gemeistert hat. Dass die Gesellschaft deutliche Mängel in bestimmten digitalen Themen hat, sollte mittlerweile ins Bewußtsein gekommen sein. Dass die Politik außer der Formel Viel Geld Hilft Viel und eines umständlichen Antragswesens nicht genügend in die weitere Zukunft zu sehen scheint, auch das ist etwas, was wir diskutieren sollten.

Nicht in dieser Kolumne, denn momentan werden wieder Stimmen laut, die befürchten: Der Einzelhandel stirbt. Die Innenstadt verödet. Und schuld - daran allerdings hat sich seit Jahren nichts geändert - ist angeblich das Internet. Amazon. Ebay.

Dabei ist der Niedergang der Mall, des Einkaufszentrums nichts Neues sondern spätestens seit den Ende der Neunziger Jahre in den USA schon sichtbar. Vielleicht hätte man dagegen steuern können, hätte man in Deutschland eher erkannt, dass wir da ein Problem haben. Denn wenn man sich momentan allein in Duisburg die beiden in der Innenstadt gelegenen Einkaufszentren anschaut, dann fällt der Leerstand schon auf. Würde dieser Leerstand nur für eine kurze Zeit bestehen, wäre das ja durchaus im Rahmen. Doch einige Ladenzeilen verkünden schon seit fast einem Jahr, dass hier demnächst was Neues, Aufregendes entstehen würde. Ebenfalls ist das Downtrading der Innenstadt seit Jahren sichtbar. Wenn jemand jetzt meint, dass Duisburg nur ein Einzelfall sei: Nein, dem ist nicht so. Offenbach, Mainz, Remscheid … auch diese Städte haben damit zu kämpfen, dass das Modell Innenstadt so wie wir es kennen sich offenbar langsam auflöst.

Dabei richtet sich der Blick immer nur auf den Handel, aber eine Innenstadt besteht nicht nur aus dem Handel oder den Bankfilialen. Eine Innenstadt ist ein öffentlicher Raum und viele Faktoren führen zu einer belebten und nicht belebten Innenstadt. Wie teuer sind die Parkplätze? Gibt es genügend Parkmöglichkeiten für Fahrräder? Wie sind die Buslinien getastet? Wenn ich aus meinem Vorort eine Stunde Fahrt zur Innenstadt habe, dann werde ich meine Geschäfte entweder im Ortsteil erledigen oder per Internet erledigen. Abgesehen davon: Man kann in einem Bus durchaus ein IKEA-Regal transportieren, aber liefern lassen ist dann doch die bessere Option. Und wenn man sich das eh liefern lässt, bestellt man es halt direkt im Netz.

Die Attraktivität einer Innenstadt wird auch daran gemessen, wie grün sie ist. Es darf nicht verwundern, dass dort wo Bäume entweder selten sind oder in der letzten Zeit gefällt wurden die Attraktivität zum Verweilen nicht gerade optimal ist. Schon mal auf einer Bank gesessen, die seit Stunden von der Sonne aufgeheizt wurde? Und apropos: Gibt es überhaupt Bänke, auf denen man sich hinsetzen kann? Ältere Bürger*innen haben teilweise das Problem, dass sie nicht in die Stadt gehen können weil sie ab und an eine Sitzgelegenheit brauchen. Abgesehen mal von Öffentlichen Toiletten, da ist Deutschland ja nicht gerade unbedingt immer führend. Trinkwasserbrunnen haben auch die wenigsten Städte. Die Verweildauer in der Innenstadt hängt also nicht allein davon ab, wie viele Geschäfte oder Restaurants es in der Stadt gibt. Sicherlich sind sie wichtig, besonders kleine und inhabergeführte Läden, in denen man auch das finden kann, was in den Filialgeschäften eher nicht so zu finden ist. 

Etwas, woran das Internet durchaus schuld ist: Die Erkenntnis, dass ich als Verbraucher*in nicht immer und unbedingt eine Beratung bei meinem Einkauf brauche. Wenn die Kanne meiner Kaffeemaschine kaputt ist, dann muss ich nicht unbedingt eine Beratung in Anspruch nehmen. Ich weiß ja, wie das Modell aussieht. Eine Beratung brauche ich nur dann, wenn die Kanne nicht mehr lieferbar ist. Dafür allerdings fahre ich auch nicht in die Innenstadt, wo das Kaufhaus eventuell das Teil selber bestellen muss, weil es nicht auf Vorrat vorhanden ist. Dafür reicht eine kurze Recherche im Netz. Es gibt Produkte des täglichen Bedarfs, bei denen ich halt keine Beratung mehr brauche. Toilettenpapier? Wer lässt sich denn hier im Geschäft vom Personal darüber beraten ob vier- oder fünflagig die bessere Option ist? Schön, bei Waschmitteln gucken wir eventuell mal in die aktuellen Test-Zeitschriften, aber im Endeffekt: Ob das jetzt Pulver, Gel oder Kapseln sind - ruft man wirklich da jemanden aus dem Laden hinzu, weil man sich nicht entscheiden kann? Eher nicht. Und weiß dieser Jemand dann auch wirklich immer mit Sicherheit Bescheid? Andere Frage ...

Dass das Internet per se schuld an irgendwas sein soll - das ist ein wohlfeiles Argument. Sicherlich hat das Internet einige Dinge beschleunigt. Es ist ja auch bequem für uns, dass wir die ganzen Dinge bestellen und liefern lassen können. Wobei es allerdings auch so ist, dass es gewisse Dinge nun auch nicht unbedingt in der Stadt zu kaufen gibt. Das ist mit ein Problem der Ladengeschäfte, sie haben keinen unendlichen Platz und sie müssen eine Auswahl treffen. Da sind Online-Shops natürlich viel bequemer. Jedoch: Es liegt auch immer in der Hand der Kritiker, etwas an den Verhältnissen zu ändern. Und es gibt durchaus Konzepte, in denen Internet und Lokales Ladengeschäft synergetisch zusammenarbeiten können. So hat momentan die Stadt Freiburg für ihr Konzept eine Förderung des Bundes erhalten. In Bocholt hat man sich intensiv mit den Verhältnissen beschäftigt und mit Smarter Handeln Bocholt ein Papier vorgelegt, das zeigt wie es gehen könnte.

Allerdings: Wenn die Hauptplayer der Innenstadt stets und immer noch ihr eigene Süppchen kochen und nicht an einem Strang ziehen, dann kann man natürlich viel diskutieren, viel Papier verbrauchen und viele Beschlüsse fassen. Dass städtische Behörden, die Ladengeschäfte und die Bewohner*innen der Stadt zusammenarbeiten müssen, um das Modell Innenstadt zu normalisieren, eine Erkenntnis, die nicht allen gegeben zu sein scheint. 

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