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Wenn du arm bist, kriegst du keine App: Corona und Technik

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneWenn du arm bist, kriegst du keine App
Corona und Technik

Schon wieder finden wir uns irgendwie in diesem Feld zwischen der Technik und dem Menschen wieder. Es hat ja etwas gedauert mit der Corona-App, die Infektionsketten nachvollziehen helfen soll. Immerhin kommt sie fast pünktlich zu dem Zeitpunkt, an dem wir Deutschen entweder in Mallorca oder in Deutschland Urlaub machen werden. Also wenn wir irgendwie Viren verschleppen, kann man die wenigstens damit dann nachverfolgen, nachdem die Kinder und die Lehrer halt die Corona-Viren in der Schule gehegt und gepflegt haben.

Immerhin: Sowohl Heise als auch der CCC haben der App ihren Segen gegeben und es ist allemal bester eine dezentrale App zu haben als eine, die dann irgendwo Daten auf einem Server der Bundesregierung speichert. Frankreich macht das zum Beispiel so. Und wenn wir eines gelernt haben dann: Wo große Datenberge anfallen, wachsen die Begehrlichkeiten. Und auch die findigen Tüftler, die mit vorhandenen Daten alles machen - alles, auf was man sich halt nicht geeinigt hat. So weit, so gut.

Ob man jetzt die App installiert oder nicht, das hängt von zwei Fragen ab: Traue ich dem Staat und ist mein Smartphone überhaupt fähig, die App auszuführen. Schon die erste Frage wird Etliche davon abhalten, sich die App zu installieren, denn nur zu gut passt sie in die aktuellen Verschwörungsmythen eine Staates, der alle Menschen überwachen möchte. Wobei: Wenn ich eh schon von Bill Gates einen Chip eingepflanzt bekommen habe, warum dann noch eine App? Dazu noch eine App, die offenbar nicht mit Windows Phones kompatibel ist? Dass immer wieder beteuert wird, die App sammle keine Standortdaten wird da auch nicht viel helfen. Für einen Prozentteil der Bevölkerung kommt die App einfach nicht in Frage, weil sie nicht in ihre Lebenswelt und Erzählung passt.

Abgesehen davon schwingt natürlich unterschwellig die Frage mit, ob ich denn ein unloyaler Bürger bin, wenn ich diese App nicht installiere. Natürlich ist da ein Druck vorhanden, wenn bedeutende Politiker im Netz dazu auffordern, sich diese App zu installieren. Und wenn dann der deutsche Michel bereitwillig weiterkommuniziert, er hätte das dann getan - ob sich jeder Bürger damit auseinandersetzt hat wie die App funktioniert oder nicht, wer weiß es, Hauptsache, es wird bejaht und gemacht. Natürlich schürt das wieder ein Unbehagen, das sehr in die Verschwörungsmythen-Richtung geht. Und natürlich kann eine Empfehlung eines Politikers auch immer nur ein Empfehlung sein. Man muss ihr nicht unbedingt folgen, wenn man damit leben kann, ein unloyaler Bürger zu sein. Glücklicherweise leben wir ja immer noch in einer Demokratie. 

Und man wird damit auch leben müssen, ein unloyaler Bürger zu sein, denn entgegen der ganzen Wortstoffschläger-Vorabdebatte ist diese App nicht für alle Bürger erhältlich. Ziehen wir mal den Bruchteil der Bürger ab, die gar kein Smartphone besitzen - eine Gruppe, die stets außer Acht gelassen wird, weil ja offenbar heutzutage sich jeder ein Smartphone leisten kann, natürlich. Es gibt noch eine Menge von Leuten, die eine Festnetznummer haben und nur über das Festnetz erreichbar sind. Oder allenfalls ein Klapp-Gerät haben, das einem seligem Nokia-Gerät verblüffend ähnelt. Diese sind schon mal komplett raus, keine App für euch, bleibt nur das ständige Testen und Hoffen, dass der Husten wirklich zu einer Erkältung gehört und nicht zu Corona. Übrigens: Obwohl Kindergartenkinder zwar schon Smartphone und Tablets benutzen können, heißt dass noch lange nicht, dass sie ein eigenes Gerät besitzen sollen. Aber über Kinder und Schulen und Kindergärten haben wir dann ja in NRW Erfahrungswerte, wenn nach den zwei Wochen Regelbetrieb dann die Sommerferien beginnen. Wobei: Wenn die Leute verreisen, wie will man dann die akkuraten Zahlen … Egal, macht die Politik schon.

Selbst bei denen, die ein Smartphone besitzen heißt es noch lange nicht: Smartphone raus, App installieren. Beim iPhone ist Voraussetzung, dass das aktuelle iOS 13.5 heruntergeladen werden kann. Bei einem älteren Iphone 5, 5s oder 6 wird das nicht funktionieren. Bei Android-Geräten ist eine 6er Version Voraussetzung für das Laden der App. Zudem müssen Google Play Services auf den Geräten laufen, was bei den neuesten Huawei-Modellen nicht der Fall ist. Damit stehen dann die älteren Gerätesbesitzer auf dem Schlauch. Sie würden ja eventuell gerne die App installieren, können aber nicht. Dabei ist es nicht so, dass ein iPhone 5 etwa nun komplett in die Mottenkiste gehört, obwohl das aus dem Jahr 2012 stammt und durchaus in die Jahre gekommen ist. Allerdings: Es funktioniert ja noch. Das 5s bekam sogar ein iOS12-Update spendiert und damit laufen die Dinger vielleicht nicht so schnell wie die aktuellen Geräte, aber sie bekommen - wie auch die anderen Geräte - permanent noch Aktualisierungen. Wie lange, das wäre jetzt die Frage, aber wer halt nicht Onkel Dagobert ist, der wird sich dreifach und vierfach überlegen, ob das Gerät nicht doch noch zu gebrauchen ist. Ebenfalls gilt das für die Android-Systeme - wobei es hier ja teilweise wirklich dauert, bis die Hersteller die Updates für die Geräte bereitstellen. Man kann gegen den Zentralismus Einiges einwenden: Wenn es um das Verabreichen von Bugfixes und Aktualisierungen geht, ist der immer noch unschlagbar.

Wenn es um das Streamen von Spielen auf Smartphones geht, dann kann ich verstehen, dass da die aktuelleren Modelle eingesetzt werden müssen. Wenn ich allerdings eine App entwickle, die dann auch noch etliche Monate Wartezeit aufhäuft, dann müsste ich als Regierung eigentlich auch die Zeit haben vom Menschen her zu denken, also auch dann einen Plan B für Alle in der Tasche zu haben, die ein älteres Smartphone besitzen. Dass man Solche bedröppelt im Regen stehen lässt, sollte eigentlich nicht akzeptabel sein. Schließlich geht es ja um die Gesundheit. Und da kann es nicht sein, dass Diejenigen, die sich neuere Modelle leisten können, einen Vorteil gegenüber Denjenigen haben, die … Ach, wisst ihr was: Wer Kinder hat, bekommt jetzt diese 300 Euro, damit kauft man sich halt ein neues Smartphone, Wirtschaft angekurbelt, Gesundheit gerettet, alles gut. Und wer keine hat, der kann das bestimmt so finanzieren. Ich glaube, irgendwann standen das C und das S bei den Parteien für Etwas, aber ich komme da nicht mehr so ganz drauf, was das gewesen sein soll. C wie Kaufmann? 

Kommentare  

#1 Robert Martschinke 2020-06-19 06:10
Nokia 6230, Baujahr 2004. Aber vielleicht gibt´s dafür ja demnächst ´ne App aus Finnland. Bis dahin gilt: Der Husten kommt vom Rauchen.
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#2 Laurin 2020-06-19 09:32
:D Ich besitze nicht mal ein altes, popliges Handy, geschweige denn, ein Smartphone ... oder wie immer die Dinger jetzt wohl heißen mögen. Und soll ich mir nun wegen dieser App eins kaufen? Also nee, ich hab auch keinen Goldesel.
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#4 Des Romero 2020-08-05 08:40
Wenn die Corona-App keine Daten sammelt und mit Datenbanken abgleicht, erfüllt sie doch überhaupt keinen Zweck. Der Code mag zudem Open Source sein, die APKs sind es aber nicht.
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