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Wir Knöpfchendrücker: Digitalisierung, Technik und der Mensch

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneWir Knöpfchendrücker
Digitalisierung, Technik und der Mensch

Es ist eine Binsenweisheit, dass mit Corona die Menschheit ins Zeitalter der Digitalisierung gezerrt wurde. Eine Binsenweisheit deswegen, weil Corona eigentlich nur bestimmte Dinge beschleunigte, die eh schon passierten. Amazon, Zalando und alle anderen Versandhändler waren nun schon immer auf der Überholspur, sie sind mit die Gewinner der aktuellen Pandemie. Dass deswegen nicht alle lokalen Läden in der Innenstadt überleben werden, war aber auch vorher schon klar.

Dass die Mail als Modell mehr und mehr stirbt, wissen wir seit Jahren - allerdings haben wir bisher keine Konzepte, die dann mit den großen leerstehenden Gebäuden etwas anzufangen wissen.

Dass Corona auch das offenlegte, was die Gesellschaft trennt, das wurde vor allem im technischen Bereich deutlich. Auf einmal sollen Schüler mit Tabletts und Laptop lernen, die zu Hause diese Geräte gar nicht besaßen. Aufgaben auszudrucken stellte manche Familie schon vor ein Problem. Die Länder gingen einfach davon aus, dass die Schulen schon die betreffende Technik irgendwie bereitstellen werden und der Regelbetrieb nach den Sommerferien, der wird irgendwie schon. Pädagogische Konzepte? Sollen die Schulen selber ausbaldowern.

Corona macht deutlich, dass Digitalisierung mindestens auf zwei Ebenen betrachtet werden kann - es gibt sicherlich noch mehr, momentan beherrschen diese beide Erzählungen aber die Diskussionen: Einmal von der Technik her, einmal vom Menschen. Auf der einen Seite Industrie 4.0. Das Internet der Dinge. Smart Cities, in denen alles per Knopfdruck geregelt wird. Es scheint so, als ob Politik und Gesellschaft erwarten, dass das Bedienen von smarten Anwendungen jedweder Art den Menschen an sich auch smart machen würde. Allerdings wird der Mensch in diesem Denkmodell höchstens zum Knöpfchendrücker, der nur weiß, wann man welchen Knopf am Besten drückt um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Ein Breitbandausbau allein verhilft dem Menschen noch nicht zur Erkenntnis.

Um die Digitalität an sich zu verstehen braucht man auch mehr als nur den ständig geforderten Progammierunterricht in der Grundschule. Man bräuchte schon von Anfang an her ein pädagogische Konzepte, die vom Menschen her gedacht sind. Wenn man Kindern digitale Endgeräte in die Hände drückt macht sie das nicht zu den fabelhaften Digital Natives. Es macht sie erstmal nur zu Kindern mit digitalen Endgeräten in der Hand. Dass diese Technik unsere gesamte Gesellschaft umkrempelt und wir immer noch dabei sind auszuloten, wie genau da was passieren wird - das lernen wird bedauerlicherweise eben nicht in der Schule oder im Elternhaus.

Warum eigentlich nicht? Vielleicht, weil wir davon ausgehen, dass sich mit Technik alles regeln lässt und weil es bisher so fern von uns allen war. Die digitale Gesellschaft war bisher etwas, mit dem sich unsere Enkel beschäftigen würden. Sie war auch nicht sichtbar, sie entzog sich uns und verbarg sich hinter Bildschirmen und Datenleitungen. Da zudem das Digitale neu ist - so wie der Corona-Virus auch - haben wir keine Konzepte, keine Modelle auf die wir zurückgreifen können und die wir dann anwenden könnten.

Allerdings hat Corona dafür gesorgt, dass die Auswirkungen der Digitalisierung uns dann doch näher gekommen sind als wir es wollten. Home-Office, Home-Schooling - von heute auf morgen war das in unserer Gegenwart angekommen und wir mussten zusehen, wie wir damit fertig wurden. Das bequeme An-die-Enkel-Delegieren war zunichte gemacht. Wir haben geächzt, geschimpft, geseufzt - vor allem die Menschen, die Familie und Beruf unter einen Hut kriegen mussten. Auf einmal war die Digitalisierung da und wir waren recht hilflos ihr gegenüber.

Anstatt aber jetzt einmal nach dem Gröbsten innezuhalten und zu überlegen, was wir genau denn eigentlich wollen und was an Positivem wie Negativem aus der Zeit des Lockdowns gewonnen werden kann - immer mit der Maßgabe im Kopf, dass es nicht vorbei ist, denn einen Impfstoff haben wir bislang nicht - verfallen wir in einen Aktionismus, der am Menschen vorbeitrabt. 

300 Euro für Familien mit Kindern wurden bereitgestellt. Um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Mehrwertsteuer wird kurzfristig gesenkt? Weil die Wirtschaft gerettet werden muss. Schutzschirme für alle Arten von Betrieben? Weil die Wirtschaft angekurbelt werden muss. Wir stellen also neue Knöpfe her, die man kaufen kann und auf die wir drücken werden. Konzepte für Bildung und Fortbildung? Für das Begreifen und Verständlichmachen von dem, was Digitalisierung auch ist? Stehen sicherlich auch irgendwo im Konjunkturpaket. Fragt sich nur, wo genau.

Es wäre an der höchsten Zeit eine Balance einzuhalten. Momentan hat die Technik das Übergewicht, denn mit Technik können wir was anfangen, wir glauben daran, dass Technik sich immer optimaler entwickelt. Das geht aber zum Nachteil des Menschen aus, der momentan lauter spiegelnde Oberflächen bedient, aber nicht versteht, wie er manipuliert werden kann und was die Technik nicht nur Gutes sondern auch Schlechtes bringt. Dass momentan Verschwörungstheorien en vogue sind ist sicherlich ein Beweis dafür, dass wir dringend uns damit beschäftigen sollten, wie Plattformen funktionieren. Algorithmen sorgen dafür, dass Leute Kaninchenlöcher hinunterfallen und am Ende nicht von der Vernunft sondern von Xavier Naidoo und Konsorten aufgefangen werden. Hinterfragt wird dann nur das, was nicht ins eigene Verschwörungskonzept passt ... oder auch nicht.

Solange aber die Politik die Technik in den Mittelpunkt der Digitalisierung rückt - und solange Parteien in aktuellen Wahlkampfprogrammen allen Ernstes Apps und Breitbandausbau fordern anstatt Konzepte, die den Menschen erklären, was eigentlich Digitalisierung für ihn bedeutet … solange bleiben wir halt ein Land der Knöpfchendrücker.

Kommentare  

#1 Laurin 2020-06-12 13:52
Gehört vielleicht nicht so wirklich hier hin, aber bei dem Artikel fällt mir eine Wissenschaftsdokumentation ein, die ich kürzlich auf ZDF INFO gesehen hatte. Da ging man der Frage nach, was passieren würde, wenn ein erneuter großer Plasmaausstoß der Sonne wieder (wie ca. im Jahre 1850 rum, ich weiß jetzt die genaue Jahreszahl nicht mehr aus dem Kopf) die Erde Treffen sollte. Nun kann man davon ausgehen, dass auch hier das Magnetfeld der Erde wesentlich schlimmeres verhindert. Allerdings würde weltweit dadurch ein EMP ausgelöst und Ende wäre es mit Strom und Digitalisierung für die Menschheit. Denn nach einiger Zeit werden z.B. die Brennstäbe der AKWs nicht mehr gekühlt und gehen hoch (radioaktive Verstrahlung ganzer Gebiete) und Nahrung sowie frisches Wasser wird zum heiß umkämpften Gut. Die bestehenden Staatssysteme brechen in sich zusammen, z.B. Plünderungen usw. wären an der Tagesordnung und in absehbarer Zeit würde laut einer Rechnung über den Daumen eine Bevölkerungszahl von ca. 7 Milliarden Menschen auf dann noch rund 1 Milliarde vom Erdboden schlicht verschwinden. Und das eigentlich nur, weil die meisten Menschen durch die Technik und die Digitalisierung nicht mehr in der Lage sind zu überleben. Wäre es da nicht sinnvoller, den Kindern erst einmal beizubringen, wie man überlebt, wenn sie plötzlich in einer Welt ohne Strom aufwachen und schon kurz darauf das gesamte Sozialgefüge sichtbar zusammenbricht?

Klar dürften in einem solchen Fall alle auch weiterhin erst einmal auf die netten Knöpfchen drücken, nur wird sich dabei dann wohl nichts mehr tun.

Und vom wirklich schlimmsten Katastrophenfall mal abgesehen, wie geht man eigentlich so selbstverständlich davon aus, dass Kinder in Zeiten von Corona einfach mal so mit einem Tablett, Laptop oder PC weiter Lernstoff büffeln können? Denn es gibt Hartz IV-Familien, in denen es wichtiger ist, am Ende des Monats noch was zu Essen auf dem Tisch zu haben, statt sich solche Geräte anschaffen zu können. Generell zeigt sich schon hier, wie wenig Bodenhaftung die Politik in den Bundesländern und in Berlin wirklich noch hat.
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#2 Mainstream 2020-06-15 19:48
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Fast würde ich unumwunden zustimmen. Aber nur fast.
"Wenn man Kindern digitale Endgeräte in die Hände drückt macht sie das nicht zu den fabelhaften Digital Natives. Es macht sie erstmal nur zu Kindern mit digitalen Endgeräten in der Hand."
Ich behaupte in meinem persönlichen Umfeld zu erkennen, dass sich viele Kinder (in meinem Fall alle zwischen 5 und 12 Jahre) nicht nur mit den Endgeräten zufrieden geben. Ein Neffe mit 11 hat sich selbst HTML beigebracht, einfach weil er eben wissen wollte wie es funktioniert und was hinter Websites steckt. Ein anderer hatte mit mir ein langes Gespräch über das Verhältnis von realen Läden und Online-Shops.

Tatsächlich ist es so, dass wir Erwachsenen selten in der Lage sind, die tiefer gehende Bedeutung der Digitalisierung zu vermitteln. Wir sind das Problem und die unbedarften Knöpfendrücker, oder Oberflächenwischer.

Die letzten drei Monate haben unsere Defizite genau in diesen Bereichen aufgedeckt. Wir mussten uns von den Kindern erklären lassen, wie der digitale Unterricht funktioniert. Und persönlich kenne ich kein Kind, welches Home-Schooling bevorzugte. Nicht wegen der besten Freunde, die sie vermissten, sondern wegen des intensiveren Lernumfeldes gemeinsam in einem Klassenzimmer.
Apropos: Ich kann es nicht zu hundert Prozent beschwören, aber ich erinnere mich gehört zu haben, dass Familien ohne Tablett oder auch Zweitgerät über die Schule, oder Elterngruppen ausgeholfen wurde.

Darüber hinaus bin ich nicht der Meinung, dass wir als Nutzer den Weg vom Computer Absturz zur Kernschmelze lückenlos, verständlich nachvollziehen können müssen. Es sollte eine gesunde Grundkenntnis genügen. Ich weiß ja auch, dass es mir bei Überbeanspruchung den Motorblock beim Auto zerlegen kann. Aber muss ich wissen wie heiß er dabei gelaufen ist?

Jedenfalls ein sehr nachdenklich stimmender Artikel, dessen Gedanke ich tatsächlich in meinen Bekannten- und Verwandtenkreis einbringen werde. Sie werden mich hassen :)
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