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Vaiana: Von der Härte des Steines und dem Fließen des Wassers

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneVaiana:
Von der Härte des Steines und dem Fließen des Wassers

Trotz des wunderbaren Soundtracks von Lin-Manuel Miranda und der Tatsache, dass Dwayne Johnson eine mehr als passable Singstimme besitzt; trotz dieser Tatsache und der Oscarnominiserungen ist »Vaiana« nicht so richtig populär geworden. Schön, ein paar Jahre später räumte Disney mit »Frozen« sämtliche popkulturellen Phänomene ab.

Da kann man einen Film über eine selbstbestimmte junge Frau, die sich den männlichen Traditionen verweigert schon mal vergessen.

Auch, wenn »Tangled« dezent, »Frozen« schon deutlicher auf den Topos anspielte, dass weibliche Disney-Figuren in der Regel sich nach drei Tagen unsterblich in Prince Charming verlieben; der Zuschauer erwartet bei einem Disney-Film in der Regel auch eine Liebesgeschichte. Oder wenigstens dein Hauch einer Beziehung. In dieser Hinsicht tanzt <Viana> fröhlich aus der Reihe, ebenso wie in anderer Hinsicht. Auch in einer anderen: Unter bunten, farbenfrohen Disney-Oberfläche lauert die Revolution: Das Patriarchat hat ausgedient. Die starren Strukturen der Männer haben keine Chance gegen die Weichheit des Wassers, des Ozeans.

Dabei muss man nicht den ganzen Film nacherzählen, es reicht sich den Anfang bis zum »I Want Song« etwas genauer anzuschauen. Am Anfang steht die Schöpfung. Ja, DIE Schöpfung, denn - so erzählt es die Mutter des Häuptlings den Kleinkindern - am Anfang schafft die Göttin Te Fiti die Welt. Denn zuerst war der Ozean, aus dem eine Göttin entsteigt. Kein männlicher Gott und auch keine Göttin, die zuerst einen anderen Gott heiraten muss. Anstrengend ist die Schöpfung. So anstrengend, das die Göttin einschläft. Doch ihr Herz, das die Kraft der Schöpfung bewahrt, zieht allerlei finstere Gestalten an.

Einer davon ist der Halbgott Maui, ein charmanter Gauner, ein Trickster, ein Gestaltwandler, der allerdings ohne seinen Fischhaken relativ aufgeschmissen ist - wie wir als Zuschauer später erfahren. Rasch verfolgen wir, wie Maui vom Adler zum Käfer wird und Te Fiti das Herz stiehlt. Bei den Erwachsenen wird die zweite Bedeutung der Handlung eventuell aufploppen. Denn was bedeutet es denn, wenn ein Mann einer Frau das Herz spielt? Im Grunde ist der Schöpfungmythos eine Liebesgeschichte ohne Happy End.

Im wahrsten Sinne des Wortes, denn kaum ist das Herz geraubt, kommt die Dunkelheit. Sie rast hinter Maui her, der als starker Adler davonfliegt, mit dem Herz in der Hand. Die Botschaft sollte leicht entschlüsselter sein: Der starke Mann fliegt nach der Eroberung der Frau davon. Eine Beziehung ohne Happy End. Schmerzvoll flieht Te Fiti in einen ewigen Schlaf. Allerdings wird Maui bestraft: Er verliert Haken und Herz und strandet auf einer Insel. Ohne Boot und seinen Fischhaken kann der da nicht weg.

Dieser Schöpfungsmythos wird von Vaianas Großmutter erzählt, einer der wichtigeren Nebencharaktere. Wer ein wenig auf die kleine Vaiana achtet, die ihr zuhört wird feststellen: Je mehr Angst die anderen Kinder empfinden, desto intensiver hört sie zu. Ein kleines Detail von vielen, das schon andeutet, was da vor sich geht. Denn, so endet die Großmutter, eines Tages wird eine Prinzessin Maui finden und das Herz Te Fitis zu ihr zurückbringen. Wir ahnen, wer das sein wird.

Auf der einen Seite die Großmutter, auf der anderen Seite der Vater. Die beiden Charaktere lernen wir als Zuschauer im Einführungs-Song genauer kennen. Wer hier genauer aufpasst merkt: Zwei Prinzipien - zwei Elemente - stehen sich hier gegenüber und irgendwie auch im Weg. Vaianas Oma kann vom Erwaschsenen eindeutig dem Wasser zugeordnet werden - und später wird man von der Wendung der Handlung kaum überrascht sein. Eigenwillig und stur wie ein Stein: Vaianas Vater. Alles ist gut so, wie es ist. Hier auf der Insel ist alles perfekt eingerichtet erfahren wir. Es ist ein Paradies, das von der Tradition beschützt wird. Oder was sonst soll das Riff darstellen, dass die Lagune vom Ozean rennt und das Viana überschreiten muss, um sich auf den Weg zu machen?

Aber eigentlich braucht man nur zwei Strophen aus dem Eingangssong gegenüber zu stellen, bei denen die Perspektive gewechselt wird: <You'll be okay - In time you'll learn just as I did - You must find happiness right - Where you are> so der Häuptling. Seine Maxime, für die er einen Grund hat: No One Leaves. Und genau an der Stelle rennt die kleine Vaiana zur Großmutter, die am Strand in den Wellen tanzt. <I like to dance with the water - The undertow and the waves - The water is mischievous (ha!) - I like how it misbehaves.>

Pariarchat. Matriachat. Vaianas Großmutter schert sich nicht um die Konventionen und sie rät Viana, auf ihre Intuition und ihr Herz zu hören. Das möchte ich nochmal betonen: Vaiana soll auf ihr Herz hören. Zwar soll sie auf das Achten was ihr Vater sagt, aber irgendwann, wenn die innere Stimme der Intuition es ihr sagt - genau dann soll sie das Riff überwinden, ins Abenteuer aufbrechen. Und, so erwartet es der Zuschauer zumindest hier noch, ihren Traumprinzen zum Heiraten finden.

Viana reisst tatsächlich aus der wohl behüteten Welt aus, sie hat ihren eignen Kopf. Der Revolutionärin, die am Anfang zwischen zwei Prinzipien steht gelingt es diese auszusöhnen. Was der Film wirklich ein wenig zu deutlich dem Erwachsenen aufs Brot schmiert gegen Ende, aber letzten Endes ist es auch ein Familienfilm für Erwachsene und Kinder. Der Aufstand der emanzipierten, für sich selbst denkenden und durchaus manchmal sturen Prinzessin, die ohne Prinzen zurückkehrt - selbst wenn, wer würde Jemanden wie Maui nun wirklich heiraten wollen. Außerdem ist der ja schon, so deutet der Film es augenzwinkernd an, in festen Händen.

Am Ende wird der typische Disney-Zuschauer enttäuscht aus dem Kino gehen. Kein schmucker Prinz, keine süss-dusselige Prinzessin, die in weißem Kleidchen Duette mit Vögeln singt. Stattdessen eine für sich denkende junge Frau mit Profil, die das Weibliche mit dem Männlichen versöhnt. Was haben die nur gemacht bei Disney? Furchtbar sowas. Ist halt was für Kinder. Genau. Gottseidank.

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