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Tonke Dragt imaginiert: Türme, Wege und Briefe

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneTonke Dragt imaginiert
Türme, Wege und Briefe

Grau ragen sie auf: Die Türme des Februars. Sie sind das einzige Element, dass dem Erzähler des Romans vertraut vorkommt, aber er weiß nicht mehr warum. Rätselhaft ist auch das Wort Moixa, das immer wieder auftaucht. Währenddessen rätselt der Lehrer einer Dortschule, warum es sechs Wege gibt, wenn doch das Schild sieben Wege definiert. Abgesehen davon ist er immer mehr in eine Affäre mit einem Grafen und einem Schatz verstrickt.

Leicht hat es dagegen auch Turi nicht, der einen Brief für den König befördert - von ihm hängt das Schicksal des Landes ab.

Wie gebannt saß wohl nicht nur ich vorzeiten vor dem Bildschirm als das ZDF die Serie »Das Geheimnis des siebten Wegs« zeigte. Die Abenteuer des Dorflehrers Frans van der Steg mit dem Grafen Grauenstein, der seinen Neffen Geert-Jan im Treppenhaus gefangen setzt - es geht im Detail um eine Prophezeiung und einen Schatz - hielten mich in Atem. Denn diese Serie tanzte am Rande der Realität daher: Da gab es eine Kreuzung mit sechs Wegen, aber einen siebten sollte es laut Schild geben. Da war der geheimnisvolle Mopro, es gab einen miesgrämigen Kutscher mit echter Kutsche, ein Zauberer wohnte in einem Zelt - oder dann doch nicht …

Dabei gab es bei der Fernseh-Serie eigentlich keine richtigen Fantasy-Elemente und auch im Roman gibt es sie selbst nicht. Alles ist irgendwie erklärbar oder wird erklärt - bis auf den Mopro, aber dessen Geheimnis ist offensichtlich. Dennoch: Diese Serie hatte etwas Fantastisches an sich. Vor allem natürlich gab die Handlung jede Menge Spannung her: Was hatte dieser Graf vor? Warum war der Lehrer eigentlich verpflichtet worden? Und wo ist dieser siebte Weg, von dem die ganze Zeit die Rede ist? 

Dass die Serie sich sehr eng an den Roman erhält erfuhr ich, als ich in der Bücherei nach der Vorlage suchte. Tonke Dragt sagte mir als Autorin jedoch nichts. Offenbar war sie Niederländerin, die Figuren beim siebten Weg tragen ja eher niederländische Vornamen. Es war auch nicht weiter wichtig, denn erneut machte ich mich auf die Reise in ein kleines Dorf mit einer Schule, mit einem Geheimnis, mit dem furchtbaren Grafen, dem mürrischen Kutscher und der wunderbaren Atmosphäre - samt den erklärbaren Wundern und Mysterien. Und selbst als Erwachsener kann man diesen Roman immer noch mit Vergnügen lesen.

Und wie es so ist, die Bibliothek war so gut ausgestattet, dass sie auch noch »Die Türme des Februars« im Bestand hatte. Auch hier: Abenteuer. Rätsel. Aber »Die Türme des Februar« ist ein Roman über etwas, was ich damals als Konzept noch nicht so ganz kannte: Es geht um ein Parallel-Universum, in dem der junge Held herausfinden muss, wer er ist oder wo er ist - klassischer Fall von Gedächtnisverlust zu Beginn des Ganzen.  Das Interessante: Der Roman ist in Form eines Tagebuchs gehalten. Das war mir als Erzählform neu. 

Brief-Romane kannte ich ja schon - ich war etwas frühreif für den Werther, aber ja, den kannte ich. Aber ein Tagebuch, in dem der Held, der den Namen Tim verpasst bekommt, nach und nach das Geheimnis seiner Herkunft aufdeckt? Man kann sich vorstellen, dass ich den Roman verschlang. Wobei es Tonke Dragt perfekt gelingt einerseits die Unsicherheiten des Jugendlichen Tim darzustellen, andererseits die Besonderheiten dieser Parallelweit so, als ob nichts weiter dabei wäre. Nur der Teil mit der Mathematik und den Lehrsätzen - das war nicht unbedingt so meins. Auch wenn ich natürlich hoffte, mir würde es auch eines Tages gelingen mit der Wissenschaft an bestimmten Daten zu anderen Dimensionen zu reisen. Leider zerbarst diese Hoffnung später als ich in Chemie und Physik und Mathematik eher nicht so zielbewußt voranschritt. Um mit Kurt Vonnegut zu sprechen: So it goes.

Reinste Fantasy ist dagegen »Der Brief für den König«. Der sofort geheimnisvoll anfängt: In einer mittelalterlichen Welt hält der Schildknappe Tiuri wie der Brauch es verlangt vor seinem Ritterschlag die Schildwache. Verboten ist ihm dabei zu reden oder die Tür zu öffnen. Was er aber dennoch tut, als ein Fremder ankommt und Tiuri einen Brief anvertraut. Dies ist der Beginn einer abenteuerlichen Fantasy-Geschichte - allerdings ohne Elfen. Ohne Drachen. Okay, es gibt einen Einsiedler. Während »Das Geheimnis des siebten Weges« knapp an der Phantastik entlangschrammt, nimmt sich »Der Brief für den König« eher als realistischere Variante der Sagen um König Arthur aus. Schwarze Ritter? Vorhanden. Es gibt sogar rote und graue Ritter. Und die Frage hier ist: Wird Tiuri zum Ritter geschlagen, trotz seiner Verstöße gegen die Regeln? Was es mit dem Wilden Wald auf sich hat, das klärt sich allerdings erst im nachfolgenden Roman um Tiuri und seine Abenteuer.

Dass »Der Brief für den König« etliche Preise einheimste - was interessierte mich das denn als junger Leser? Höchstens hätte man das ins Feld fühlen können, wenn die Eltern sorgenvoll auf die sonstige Lektüre des Kindes blickten … Keine Sorge, Mutter, das ist ein pädagogische wertvolles Kinderbuch aus dem Beltz-Verlag. Die bringen nur tolle Bücher heraus.

»Bis heute kann ich denen aber nicht verzeihen, dass die deutsche Ausgabe des Wilden Waldes gekürzt wurde … Also echt: Wenn Michael Endes Unendliche Geschichte als dicker Türstopper erschien …«

Dabei hängt dem Begriff des pädagogisch Wertvollen etwas von Muff, Langeweile und Moral an. Das mag für einige Bücher auch stimmen, die von Erwachsenen für Kinder geschrieben werden. Bei Tonke Dragt schwingen Themen der Gerechtigkeit und Solidarität immer mit. Die Dorfkinder unterstützen gemeinsam mit dem Lehrer den Neffen des Grafen, die Türme des Februar erzählen von dem Misstrauen gegenüber Fremden und den Umgang mit ihnen und Tiuri findet im Wilden Wald eine Gesellschaft vor, die den Frauen die selben Rechte einräumt wie dem Mann. Insofern: Ja, Tonke Dragts Bücher sind pädagogisch wertvoll. Ohne Zeigefinger. Ohne Langeweile.

Es schadet also nicht sich jetzt, bevor Netflix anfängt die Serie »Ein Brief für den König« auszustrahlen sich den Roman zuzulegen und auch den zweiten Teil um den Wilden Wald. Ich glaube nicht daran, dass die Serie so düster wird wie der Witcher. Dazu orientieren sich Tiuris Abenteuer zu sehr an den Vorbildern von König Arthus und den Rittern der Tafelrunde. Aber wenn die Serie ein Erfolg werden sollte - und wenn Netflix hier nicht die beiden Romane für eine Serie verwendet: Ein Remake des Siebten Weges hätte ich gerne. Und eine tolle Miniserie wäre auch mit den Türmen des Februars möglich. Manchmal werden Wünsche ja wahr …

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