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Vertane Chance? - Doctor Who Staffel 11

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneVertane Chance?
Doctor Who Staffel 11

Keine alten Monster. Drei Begleiter. Mehr Gegenwartsgeschichte. Keine Story-Arcs. Keine wiederkehrenden Gegner - na ja, okay, stimmt nicht so ganz - und überhaupt eine Rückkehr zum Geiste Russell T. Davis. Klingt gut. Ist aber irgendwie in der Rücksicht nicht so toll geworden.

Wie das aktuelle Neujahrs-Special ist - das kann ich noch nicht beurteilen, aber nach den aktuellen Kritiken soll es gut bis sehr gut sein.

Wobei: Für die Weihnachts- und Neujahrs-Specials fährt die BBC ja auch immer alles auf, was sie an Budget zur Verfügung hat. Schließlich ist das ja die Gelgenheit neue Zuschauer*innen zu gewinnen, die sonst die Serie nicht sehen. Von daher wundert es mich nicht, dass die aktuellen Kritiken von einem sehr gutem Special sprechen. Allerdings reißt ein gutes Special eine nicht gerade gute Staffel halt nicht raus.

Staffel 11 legt dabei in der Pilotfilme das Fundament für einen guten, soliden Neustart. Das liegt weniger an der Geschichte - wobei die Geschichten der ersten Folgen von neuen Doctoren nun wahrlich halt nicht so super geraten, selbst Steven Moffats Ära fing mit einer durchschnittlichen an. Es liegt eher an Jodie Whittaker, die sich voller Elan in die neue Rolle stürzt oder eher gesagt sich über Kräne hinweg hangelt. Wobei sie auch mit den Handicap geschlagen ist ohne die TARDIS oder ohne den Sonic-Screwdriver agieren zu müssen - was die Spannung für den Zuschauer, die Zuschauerinnen aber ja noch mehr steigen lässt.

Jetzt ist es generell so, dass ein neuer Doctor in der ersten Staffel etwas braucht, um sich zu finden. Gut, Christopher Ecclestone hat genau nur eine Staffel gehabt, bevor er ging, aber wenn man sich anschaut, wie David Tennant in seiner ersten Staffel war und sich dann entwickelte … ebenso wie Matt Smith sich in den ersten Folgen seiner Laufbahn verhielt und auch Peter Capaldi … man sollte also eigentlich eher nachsichtig sein, wenn Jodie Whittaker sich auch in der ersten Staffel noch nicht so richtig entscheiden kann, was für eine Art von Doctor sie sein möchte …

Allerdings: Wenn man sich die letzten Doctoren anschaut, sind die doch innerhalb der ersten Stafel stimmig im Verhalten an sich. Das liegt daran, dass die Showrunner eine klare Vorstellung davon hatten, was und wie der Doctor nur genau sein soll. Falls Chris Chibnall eine solche Idee hat, versteckt er sie ziemlich gut. Mal liebt der neue Doctor Verschwörungen, mal nicht. Mal entschuldigt sie sich bei den Companions, dass sie sie in diese Situationen gebracht hat, mal zieht sie diese bewußt mit rein. Mal soll man sich nicht in die Geschichte einmischen, mal mischt sich der Doctor in die historischen Abläufe ein. Am Ende der Staffel habe ich immer noch keine Ahnung, was genau der neue Doctor ist oder sein möchte außer, dass er wie alle Doctoren höchst optimistisch und aufgeschlossen gegenüber dem Universum ist. Aber das ist eine der Kerntugenden der Figur. 

Gewiß: Gegenüber dem knurrigem altem Mann vorher ist Jodie Whittaker eine leichtere Variante. Kein Grübeln mehr darüber, was man eigentlich ist, sondern forsch voran. Voller Tatendrang. Teilweise erinnert ihre Verhalten an die Phase, in der David Tennant sein Haar durchwuschelte und wie Louis de Funes durch die Gegend wirbelte. Dass Chris Chibnall zurück zu den Wurzeln wollte, hatte er ja schon mehrfach vorab gesagt. Also zu den Wurzeln von Russell T. Davis, nicht zu den Wurzeln des alten Doctors. Familienfreundlicher sollte es sein, wieder in sich abgeschlossene Folgen, keine Story-Arcs, die die Zuschauer*innern verwirren. Wobei sich fragen lässt, ob wir uns im Zeitalter von komplexen Serien wirklich so leicht verwirren lassen, wie das die Macher*innen immer glauben … Höchstens, wenn eine Serie kompletter Unsinn und kompletter Wirrwarr ist, aber das ist dann nicht unsere Schuld sondern die der Produzenten*innen.

Und es ist Chris Chibnalls Schuld, dass die drei neuen Companions nach der viel versprechenden Pilotepisode, in der genügend Motive für eine Weiterenwickung angelegt sind - frustrierte Polizistin will mehr als nur die Routinejobs, Jugendlicher hat Probleme mit der Orientierung und zudem mit seinem Opa und genau dieser Opa wählt die Reise mit dem Doctor als Flucht vor der Trauer um seine Frau. Das macht die Companions in der ersten Folge durchaus interessant, aber im Laufe der Staffel spielen diese Motive kaum eine Rolle. Einzig allein Graham hat eine kleine Entwicklung, schließlich legt er am Ende der Staffel den Mörder seiner Frau doch nicht um und er und sein Enkel kommen sich dann doch noch nahe. Aber wenn ich schon um dieser kleinen Entwicklung froh bin, dann fällt auf wie sehr eine generelle Entwicklung der Charakter fehlt.

Zudem: Wo sind die ganzen willensstarken Charaktere geblieben, die dem Doctor auch mal Paroli geboten haben? Es gibt in der gesamten Staffel keinen Widerspruch, kein Infrage stellen der Handlungen des Doctors. Und wenn Graham sich für seinen Enkel verantwortlich fühlt, warum sieht man das kaum? Chibnall fügt zwar ab und an einen nachdenklichen Dialog in die Folgen ein, aber wenn die Haupthandlung wieder aufgenommen wird, wird das vergessen. Alle drei scheinen den Doctor anzuhimmeln - und damit kommt keine Spannung auf. Ob nun Graham oder Yaz irgendwas tun, es hat keine Auswirkungen auf sie. Die Companions lernen nichts und damit bleiben sie flach und blaß.

Was noch ein Problem ist: Doctor Who war schon immer auch politisch, es gab immer Folgen, in denen sich die Serie gegen die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft wandte. Rassentrennung, Nazismus - das kommt schon früh in der Serie zum Tragen. Was sind die Daleks ja auch anderes als ins All transportierte Nazis. In dieser Staffel gibt es auch zwei Historicals, die eher in der vertrauten Weise verdeutlichen, dass die Gesellschaft heutzutage einige Probleme hat. Rosa Parks, die Pakistan-Folge - beides hervorragende historische Dramen, in denen die SF-Komponenten eigentlich eher nur stört. Wobei der Gegner der Rosa-Parks-Folge eigentlich perfekt gewesen wäre, um den Master als Gegenspieler in der Staffel 11 zu ersetzen.

Dagegen steht dann das Moral-mit-dem-Hammer-Einbleuen wie in der Folge mit den Spinnen. Ich habe bis jetzt nicht verstanden, wie diese Folge so enden kann, wie sie endet. Oder warum Doctor Who hier so offensichtlich auf das Verhalten von Donald Trump anspielt und diesen Charakter dann doch mehr oder weniger unbeschädigt entkommen lässt. Wenn Doctor Who das Verhalten von Charakteren wie Trump kritisieren will, dann kann das subtiler ausfallen als in dieser Folge. Und diese Art von Moral-Hammer ist bei den anderen Folgen auch mehr oder weniger deutlich. Die Hexensucher-Folge ist davon nun leider nicht ganz ausgenommen, aber auch hier gibt es Momente, in denen die Drehbuchschreiber versuchen eine Moral trocken und sauer an den Zuschauer, die Zuschauerin zu liefern. Anstatt wie bisher eher unterhaltsam.

Andererseits versäumt Doctor Who dann wiederum Kritik an bestehenden Verhältnissen zu üben. Wenn man schon eine Folge wie ›Kerblam‹ dreht, die offensichtlich Bezüge zu Amazon enthält, dann wird zwar vorübergehend die Art und Weise kritisiert, wie die Angestellten dort behandelt werden. Aber während bei früheren Doctoren das der eigentliche Konflikt der Folge gewesen wäre, an dem der Doctor sich abarbeiten konnte, wird das nur vorübergehend behandelt. Ja, am Ende schwört das Management, dass komme so nie wieder vor, aber so richtig glaubwürdig ist das nun nicht.

Wie geschrieben: Jeder Doctor braucht eine Weile, um sich zu entwickeln. Es ist ja auch nicht so, dass ich die Meinung teile, dass Chibnall Doctor Who endgültig beerdigt hat - diese Diskussion hatten wir ja schon zur Genüge bei Moffat und wie lange hat der durchgehalten? Eben. Es sind gute Ansätze vorhanden: Immer dann, wenn Doctor Who unterhaltsame Episoden mit Tiefgang bietet ist Staffel 11 gut. Das sind die drei erwähnten Historicals - Abstriche gibts bei den Hexenjägern, da ist das SF-Element am Ende irgendwie aufgedrückt und nicht integriert. ›Kerblam‹ hat gute Ansätze, vergeigt die aber. ›Tsuranga‹ kombiniert Nibbler aus Futurama und einen Gremlin, macht da aber nun auch nicht mehr als das übliche Unter-Belagert-Sein-Schema. Und über den Rest decke ich mal den Mantel des Schweigens - die Norwegen-Folge habe ich kaum noch in Erinnerung und das Finale der Staffel ist auch irgendwie unausgewogen. Insofern: Ja, Doctor Who hat Potential und die nächste Staffel könnte besser werden. Ich mag Jodie Whittaker als Schauspielerin. Ob ich ihre Darstellung des Doctors mag, das ist noch nicht gesagt.

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