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Halbzeit bei »Star Trek Discovery«: Tiefen und Erkenntnisse

In (Multi-)Medias Res - Die Multimedia-KolumneHalbzeit bei »Star Trek Discovery«:
Tiefen und Erkenntnisse

Es ist an der Zeit ein Zwischenfazit zu ziehen was "Star Trek Discovery" anbelangt - die erste neue Folge der zweiten Hälfte der ersten Staffel lief ja bekanntlich schon und hat die Pfeiler für die nächsten Folgen bis zum Schluss einigermaßen eingepflockt. Und nach wie vor stehe ich dazu, dass "Star Trek Discovery" eine der interessantesten SF-Serien des Jahres 2017 ist. Was mich allerdings jetzt nicht immun macht gegen die Schwächen, die natürlich auch vorhanden sind.

Aber das macht ja auch genau das kritische Dasein eines Fans aus: Nicht lauthals alles zu loben, sondern auch die Schwächen der Lieblingsserie zu sehen. Die erste Folge der zweiten Hälfte der ersten Staffel - uff, was für ein Ungetüm an Buchstaben - lasse ich mal jetzt bei der Bewertung außen vor, obwohl die natürlich für den Rest der Serie die ganzen Pflöcke einschlägt. (Und einige Mysterien beseitigt. Schade. Das wäre dann der nächste Punkt...)

Generell ein Punkt, der mich auch etlichen anderen Serien derzeit stört: "Star Trek Discovery" hat für eine Staffel zu wenig Folgen. Schön, es sind immerhin 15 Folgen und damit weit mehr als andere Serien das derzeit haben, aber... Humpf. Das schreibe ich jetzt nicht, weil ich definitiv als Fan mehr sehen wollen würde, sondern weil dies natürlich Einfluss darauf hat, wie eine Geschichte erzählt wird. Jetzt kann man natürlich als Produzent einer Serie den Stoff darauf trimmen, dass er in 15 Folgen passt - "13 Reasons Why" aka "Tote Mädchen lügen nicht" schafft auch einen sehr komplexen Stoff in kurze Zeit zu packen, bei "Dark" oder "Stranger Things" sind ja von vornherein für wenige Folgen ausgelegt. "Star Trek Discovery" erzählt allerdings etwas kurzatmig. Gegen Ende der ersten Hälfte habe ich durchaus das Gefühl, dass man sich etwas gefangen hat und dass man in den Fluss der Geschichte richtig eingetaucht ist, davor aber ist dem nicht so. Jede Serie braucht erstmal einige Folgen, um den Zuschauer einzufangen und auch die Autoren und das Team generell muss sich ja erstmal aneinander gewöhnen. Das ist bei "Doctor Who" nicht anders. Normalerweise merken wir das nicht unbedingt, da die Folgen ja nicht chronologisch gedreht und gezeigt werden - bei "Discovery" aber knirscht das mit dem Erzählfluss in der ersten Hälfte ab und an dann doch ein wenig. Hätte die Serie mehr Folgen, würde man vielleicht besser mit dem Stoff umgegangen sein und dann hätte man auch das von einigen Fans verlangte Phänomen der "Crewmitglied der Woche"-Folge noch integrieren können. Das ist ja gegen Ende der ersten Staffel einigermaßen gelungen: Wir haben mit "Magic to Make the Sanest Man go Mad" ja durchaus eine Folge, in der der große Bogen nicht die Rolle spielt.

Was eine Schwäche der Serie ist: Der Pilotfilm. Was natürlich erstmal atemberaubend daherkommt - wegen der visuellen Effekte - ist im Nachhinein nicht gerade - hmm - perfekt? Oder um es anders zu schreiben: Das, was im Pilotfilm erzählt wird, das hätte man auch nach und nach in der Serie erzählen können. Ich glaube, wenn die Macher mit Folge 3 angefangen hätten, in der wir als Zuschauer absolut nichts über Michael wissen außer der Tatsache, dass sie halt "The Mutaneer" ist; es wäre durchaus interessanter gewesen. Nicht, dass ich nicht schätze, was der Pilotfilm macht: Er verdeutlicht durchaus Motive, er führt Michael als Figur ein, er setzt den Konflikt für die Staffel in Gang. Allerdings: Ich habe gerade als Fan 90 Minuten meiner Zeit investiert und damit begonnen, gewisse Figuren zu mögen - und dann explodiert das Schiff... Schön, es ist nicht die "Discovery", aber dennoch... Der Unmut, der nach dem Piloten entstanden ist, ist für mich durchaus verständlich. Denn die Hintergrundgeschichte des Piloten konzentriert sich auf Michael und Georgiou - und Georgiou, die Kapitänin, sehen wir halt später nur nochmal als Hologramm wieder. Während die anderen Figuren, die sich auf der "Destiny" wiederfinden und ebenfalls eine Geschichte mit Michael haben nun bis auf Saru kaum genauer hinterleuchtet werden. Durchaus hätten die Macher den Platz des Pilotfilms für andere, bessere Folgen nutzen können. So ist es leider tatsächlich mehr oder weniger verschenktes Potential und Platz, der natürlich für andere Folgen besser angedacht gewesen wäre.

Reden wir mal über den Bodycount in dieser Serie: Dass zu Beginn Schiffe explodieren, das nehmen wir als Zuschauer hin, weil es halt in einer Kriegssituation passiert und wir selbst nicht so intensiv in die Figuren investiert sind. Dass aber dann offenbar fast jeder an Bord der "Destiny" irgendwie sterben kann - und das sogar beiläufig ohne besondere Motivation - ist dann etwas, was dem Trend entspricht und uns als Zuschauer auf der Sofakante halten soll. Paradoxerweise ist das Außenteam besonders sicher, weil wir bisher nur eine Außenmission hatten - wer also die rote Uniform im Schrank hat, kann aufatmen. Dafür wird er allerdings eventuell von einem Monster an Bord umgebracht oder von anderen Umständen. Allerdings: Der Tod braucht Gewicht. Und das ist bisher - ja, ich habe die erste Folge nach der Winterpause gesehen - nicht der Fall. Beim Security-Officer haben wir als Zuschauer keine Bindung aufgebaut, weil die Figur zu wenig konturiert wurde. Ich nenne sowas immer den "Tasha-Yar-Effekt", denn ähnlich wie Tasha bei TNG haben wir wenig Infos über den Charakter, steht der meistens nur dann bereit, wenn irgendwelche Dialoge wichtige Erkenntnisse vermitteln müssen oder der Plot unbedingt vorangetrieben werden muss und wenn er am Ende draufgeht, dann ist das dramatisch, im Grunde genommen aber ohne Gewicht. Es hat keine Auswirkungen. Wir wissen nicht, ob der Charakter Familie hatte, wir sehen nicht, dass der Tod irgendwie die anderen Crewmitglieder treffen würde und Nachwirkungen sind nicht zu spüren. Das ist bei "Discovery" bisher ebenfalls der Fall. Da wir mittlerweile allerdings den Rubikon überschritten haben und auf das Ende zusteuern: Ich hoffe, die Autoren werden jetzt mit dem Thema etwas sensibler und vernünftiger umgehen.

Wenn ein Charakter von Knall auf Fall unter - fragwürdigen, seltsamen, skeptisch machenden - Umständen eingeführt wird bleibt ja nur die Frage: Freund oder Feind? Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass die Hauptcharaktere anderes zu tun haben als skeptisch zu sein, schließlich gibts da den Code für den Schild zu knacken und anderes, was man im Krieg so tut. Und es zeichnet natürlich auch nochmal eine Facette von Lorca, der tatsächlich als Captain an der falschen Stelle ist. Forschungsschiff? Ein Kriegsschiff wäre besser bei ihm aufgehoben. Allerdings: Es reicht einfach nicht, wenn man ein Geheimnis einführt und es dann ignoriert. Die Spannung ist dann nämlich komplett raus. Es reicht nicht, dass wir Zuschauer uns den Kopf darüber zerbrechen - es ist viel besser und spannender, wenn auch die Hauptcharaktere sich fragen, wo denn nun der Charakter steht, wenn es brisante Details gibt, die verborgen werden müssen, wenn das Geheimnis durch falsche Fährten verschleiert wird... Das macht "Deep Space Nine" ja mit Garak durchaus besser: Da ist lange Zeit nicht klar, was er ist und welche Agenda er vertritt. Da gibts immer mal wieder Hinweise oder Details, die die Fantasie des Zuschauers anregen und über die man dann reden kann. Bei Ash Tyler fehlt das leider. Ich kann nur hoffen, dass die Autoren für ihn ein Ende oder eine Entwicklung geplant haben, die dann eben nicht in dem "Ich opfere mich für dich auf, Michael"-Ende besteht... Schauen wir mal.

Allerdings: Trotz dieser Schwächen in der ersten Hälfte der ersten Staffel ist "Discovery" keine schlechte Serie. Die Entwicklung von Michael Burnham als Charakter ist stimmig, an Captain Lorca darf und kann man sich ruhig reiben - wobei er durchaus auch Szenen hat, in denen gezeigt wird, dass er keineswegs dauernd so ruppig ist, wie er tut - und auch wenn das Geheimnis um Ash Tyler nun gelüftet wurde, da ist noch eine Menge Raum für eine Charakterentwicklung vorhanden. Die Klingonen sind ja nun mehr oder weniger vereinigt im Krieg gegen die Föderation, aber was ist Voqs Plan? Das ist die Frage, die uns bis Ende der Staffel beschäftigen wird. Zudem: Es gibt ja noch die Aliens, die gerade die Klingonen angefunkt hatten, der Deflektor-Schild - der? die? das? - ist geknackt und es gibt noch jede Menge Raum für faszinierende Entwicklungen. Und so bleibt am Ende das übrig, was Mike Stoklaska von "RedLetterMedia" sinngemäß gesagt hat: "Und ich sehe dann die Orville-Folgen und denke mir: Ja, das ist niedlich, das erinnert mich an die und die Star-Trek-Folge - und ich lach ab und an über die Gags. Discovery ist brutal und dunkel, aber es ist etwas Neues. Ich weiß nicht, was sie vorhaben, aber freue mich auf das, was da kommt." Dito, Mike, dito.

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