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Mit den Ohren sehen...

Mit den Ohren sehen...
Blinde und das Fernsehen

Der Tag vergeht wie im Fluge, die Sonne geht unter, man hat keine Lust im Internet zu surfen, sich das neueste Buch oder Spiel rein zu ziehen, oder sich in ein nettes Lokal zu begeben, um den Abend unter Freunden zu verbringen.

Was macht der Durchschnittsbürger also?

Er setzt sich vor den Fernseher, zappt durch die Programme und verfällt einer packenden Dokumentation über die Mission zu den Sternen, einem großartigen Fußballspiel – wo es richtig zur Sache geht - oder dem neuen Krimi, der eine sehr gute Kritik bekommen hat, und den man unbedingt sehen muss. Dies ist ja auch ganz natürlich, und bestimmt hat schon jeder der geneigten sehenden Leser einen solchen Abend erlebt. Aber was ist mit dem blinden Autor?

Klar, der auch. Vielleicht fragen sich jetzt einige, wie das funktionieren soll, da er ja blind ist. Ganz einfach. Der Sehende verfolgt den Helden, der auf einem Rotschimmel über die Prärie fegt, und die bösen Banditen verfolgt, mittels der Augen. Während der Blinde auf die Ohren zurückgreifen muss.

Der Sehende sieht die Bäume und die Steine am Weg. Er sieht, wie der Held sein Gewehr hebt, und abdrückt und schließlich wie die Kugel meistens vorbei schießt. Der Blinde muss es sich aus verschiedenen Eindrücken, die er durch Geräusche serviert bekommt, zusammenreimen, wie die Bäume vorbeifliegen, der Held den Schuss wagt, und schließlich trifft oder nicht.

Nehmen Sie einmal an, dass Sie mit verbundenen Augen in ein Kaffeehaus geführt werden. Sie wissen es aber nicht, sondern sind vollkommen ahnungslos. Durch welche Eindrücke würden Sie erfahren, dass sie sich im Kaffeehaus kurz um die Ecke befinden?

Logisch, denken jetzt wahrscheinlich die Meisten von euch.

Der Duft nach Kaffee, Zigaretten, und schließlich die Frage des Kellners, was Sie trinken wollen. Also können Sie schlussfolgern, dass Sie in dem wohlbekannten Kaffeehaus kurz um die Ecke sitzen  und hier irgendwo Ihr Nachbar seinen Milchkaffee oder was auch immer schlürfen muss. Und das ist das ganze Geheimnis, warum ein Blinder fernsehen kann.

Aber wie ich sehe, bin ich vom Weg abgekommen...

Das eigentliche Thema soll ja sein, wie es derzeit mit den Fassungen der gesprochenen Filmen aussieht.

Vielleicht ist manchen von Ihnen schon mal aufgefallen, dass es bei manchen Filmen - meist Serien wie z. B. „Der Alte“ eine zweite Version gibt, die man nur zu aktivieren braucht, und schließlich von einer meist sympathischen und klaren Stimme das Geschehen auf dem Bildschirm erzählt bekommt. Allerdings ist für diese zweite Version noch irgendein Firlefanz auf dem Fernseher erforderlich, allerdings bin ich auf dem Gebiet nicht wirklich bewandert, und kann deshalb nicht sagen, welche Programme noch gebraucht werden. Allerdings ist dies auch nicht bei den meisten. Bei der zweiten Möglichkeit ist der Erzähler bei den Geräuschen vom Film gleich aufgenommen worden - dies findet man meist bei den älteren Filmen wie z.B. „Der Schatz im Silbersee“, wo ich dies das erste Mal hörte.

Bei der zweiten Möglichkeit, also bei der, wo der Erzähler im Hintergrund bei den Geräuschen erzählt, gibt es allerdings leider auch einige Probleme. Hier ist nämlich meist die Stimme undeutlich und nicht verständlich.

Allerdings sind diese Erzählparts auch meistens einigermaßen störend. Ich brauch keinen Erzähler bei irgendeinem gewöhnlichen Film, der sich nicht nur darauf beschränkt, seine Helden in der halben Welt herum zu schicken, und andere Leute mittels Schwertern oder anderer Mordwerkzeuge zur Strecke zu bringen. Diese Filme sind, meiner Meinung nach, Primitivlinge, die es nicht verdienen auf einem Sender zur Nachtstunde zu laufen. Sicher, vielen Leuten gefallen solche Filme, aber für Blinde (oder speziell für mich) ist es ein Graus. Ich hasse solche „Primitivlinge“, wo der Held/die Heldin mit Schwertern oder Messer eine halbe Stunde auf ihre/seine Opfer los drischt, die außer ein paar Stöhnlauten nichts anderes Gescheites zustande bringen. Bei solchen Filmen z.B. wäre ein Erzähler ganz gut.

Aber glücklicherweise kann der geneigte Zuschauer, ob nun blind oder nicht, auf eine große Palette aus Filmen zurückgreifen, und darunter sind glücklicherweise auch einige interessante, lustige oder spannende Filme.

Und bei den Meisten wird auch viel auf das schöne Gespräch gehalten. Dieses ist, für einen Blinden, unerlässlich, wenn er/sie im Geschehen mitkommen will.

Man nehme einmal einen Mr. Bean her und schließe seine Augen. Bei dem ganzen Gelächter der albernen, im Hintergrund lachenden Zuschauer kanns einem zwar manchmal übel werden, aber was solls. Dann wären hier noch einige andere Geräusche: Alltagslärm zum Beispiel, und dann meistens das Gelächter der albernen Hintergrundzuschauer, die Einen darauf hinweisen müssen, dass Bean grade eine komische Bewegung gemacht hat. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit einem Kumpel in meiner Klasse - auch blind - mit unseren Klassenkameraden gezwungenermaßen einem Mr. Bean zusehen musste. Als uns dass ganze Gelächter zu viel wurde, haben wir uns ganz einfach unsere eigene Geschichte erfunden und am Ende lachten wir am lautesten. Und die anderen regten sich auf, warum wir so laut lachten.

Hier wäre also auch eine Erzählstimme im Hintergrund ganz fein, aber dafür würde man ja wieder den Firlefanz brauchen, den ich oben angesprochen habe. Einfach im Hintergrund die Stimme aufzunehmen würde hier wahrscheinlich keine Probleme bereiten, da Bean sich ja auf wortlose Aktivitäten beschränkt, aber wie ich von anderen Sehenden höre, ist für sie nun wieder die Erzählstimme störend. Wenn sie die Augen schließen und versuchen, der Stimme zu folgen, kommen sie ganz durcheinander, sagen sie. Ich versteh nicht ganz warum, vielleicht vertrauen sie ja nicht so wirklich auf ihre Ohren - hat dies vielleicht einer der geneigten Leser auch schon mal erfahren und könnte mir, mittels Kommentar, erzählen, wie das zustande kam?

Allerdings gibt es ja glücklicherweise auch andere Comedy-Serien, die viel Wert auf Sprache legen. Und solche sind mir eigentlich immer am liebsten, da, falls mal etwas ohne Stimme passiert, es meistens kurze Zeit später einem Freund erzählt wird, um hier noch mal eine lustige Szene zu haben.

Ich hoffe, ich bin nun nicht zu verwirrend oder zu langweilig für manche geworden, falls noch fragen bestehen, nur heraus damit.

Und keine Panik: Blinde sind auch nur Menschen, und viele, zu denen ich glücklicherweise auch gehöre, haben kein Problem mit ihrer Blindheit und beantworten auch gerne Fragen, die ihre Blindheit oder ihr Leben, welches doch einigermaßen auf den Kopf gestellt wurde, betreffen. Jedenfalls habe ich kein Problem deshalb.

Kommentare  

#1 Dark Knight 2008-03-28 23:10
Hallo,

vielen Dank für den informativen Artikel, ich hab auch gleich drei Fragen: Bist du von Geburt an Blind?
Wie machst du das mit dem lesen von Romanen? Und vom Bildschirm?

Ich hoffe die Fragen sind nicht zu persönlich, ich wollte dich das früher alles schon fragen, hab mich aber nicht getraut :oops:

Grüße DarkKnight
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#2 Der Spuk 2008-03-28 23:46
Hi!

Danke für das Lob.

Ich habe bis zu meinem 4. Lebensjahr gesehen. Ich kann mich aber an gar nichts mehr erinnern! Leider nicht mal an Farben. Das ist eigentlich das einzige, was ich bedauere - Farben müssen etwas herrliches sein... Ich habe mich schon oft gefragt, wie sie aussehen, aber niemand kann sie mir erklären...

Meine Heft-Romane scanne ich ein. Da muss ich Seite für Seite schön nach einander einscannen. Also, falls ich mal sage, dass ich Seiten einscanne braucht man nicht denken, ich werde sie online stellen. ;-)

Vom Bildschirm lese ich gar nichts. Es gibt für Blinde da ein Programm, JAWS mit Namen, mit dem kann man über den Text fahren und lesen. Zum Zweiten gibts noch ein Gerät, mit dem schönen Namen Braille-Zeile, mit der kann ich selbst mit den Fingern lesen. Die Braill-Schrift muss man aber natürlich beherrschen.

Echt? Du wolltest mich schon mal so etwas fragen? Cool, hab gar nicht gewusst, dass schon einige von meiner Blindheit wissen. Na ja, wenn noch fragen da sind, immer heraus damit!!
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#3 Stefan Bayerl 2008-03-29 01:09
Ich bin nicht blind, aber ich habe früher öfters Filme oder Serien über TV aufgenommen und dann im Bett ab- oder zugehört. Dabei habe ich ich immer wieder versucht mir vorzustellen wie der Film wohl "aussah" und habe dies dann mit meiner Phantasie verglichen, wärend ich den Film dann tatsächlich angeschaut habe.
Eine faszinierende Frage: Wie beschreibt man Farben? Was sind die passenden Worte für rot, orange oder gelb???
Ganz ehrlich, was mich gewaltig nervt ist dieses künstliche Gelächter bei amerikanischen Serien. Auch wenn die Serie lustig ist, dieses gestelzte Gelache ist furchtbar!!!
Was nervt einen Blinden am TV "schauen"?
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#4 Der Spuk 2008-03-29 01:27
Mich nervt auch dieses Gelächter, zum Davonlaufen!

Dann nervt mich noch, wenn man eine Ewigkeit nichts Gesprochenes hört. Das ist manchmal ziemlich störend. Deshalb habe ich schon manchen guten Film abgebrochen.
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#5 Stefan Bayerl 2008-03-29 01:39
Gerade läuft im TV End of Days mit Arnie und basierend auf dem, was Du gerade gesagt hast, habe ich versucht dem Film zu folgen. Ehrlich gesagt, mit geschlossenen Augen hatte ich keine Chance auch nur annähernd dem Film folgen zu können. Siehe da, ich habe auf BBC World umgeschaltet, da ich das Interesse an dem Film verloren hatte.
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#6 Der Spuk 2008-03-29 16:33
Siehste, so verliert man das Interesse - selbst an guten Filmen.... :-)
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#7 Dark Knight 2008-03-29 20:41
Hallo Spuk, ich hatte mal eine Rezension von dir auf Gruselromane.de gelesen, da hattest du anstatt der Coverbewertung angegeben dass du blind bist. Ich hab mich damals schon gefragt wie du es machst die Romane zu lesen.

Auf jeden Fall Danke ich dir für deine Antworten. :D

Viele Grüße Dark Knight
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