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Das Amulett der Tränen

StoryDas Amulett der Tränen

Die Trauer.
Jeder kennt sie, jeder erleidet sie und jeder verfällt ihr.
Der Trauer.
Sie kommt, wenn man sich einsam fühlt, wenn man sich im Stich gelassen glaubt oder wenn ein Leid zugefügt wurde.
Aber es gibt auch eine andere Art von Trauer. Eine, die mit Schmerz verbunden ist, eine, aus der man nicht mehr so schnell entweichen kann, weil sie einen festhält und nicht mehr loslässt.
Der Schmerz übermannt einen und er sitzt so tief im Herzen, dass die Pein die Seele zeichnet, sie schändet und sie verletzlich macht.
Die folgende Geschichte handelt von einer solchen Trauer. 

 

Alexander Fürst schickt sich an, der "deutsche Paolini" zu werden. Sein Erstling "Der Aufstand der Drachenreiter - Saphir" ist jetzt in einer Zweitauflage erschienen, der zweite Band wird folgen.
Extra für unseren Adventskalender hat er eine Kurzgeschichte geschrieben.
Danke!

Es waren nun drei Wochen vergangen, als sie die Leiche ihres Gemahls im Wald vergraben hatte, doch sie konnte sich einfach nicht mit seinem Tod abfinden. Sie hatten so viele glückliche Jahre miteinander gebracht, sich so innig geliebt … Es war eine tiefe Liebe gewesen, sie hatte ständig gespürt, was er gespürt hatte, sie hatte ständig gewusst, ob er in ihrer Nähe war … und ihm erging es ebenso. Sein Tod hatte etwas in ihr zerrissen. Als hätte ihr Herz eine Hälfte verloren … Und die andere der Trauer und dem Kummer verfallen.

 

Sie musste sich lossagen!

 

Aber wie? Wie konnte man einem Schmerz entkommen, der so tief und fest in der Brust steckte? Sie hatte längst keine Tränen mehr übrig.

 

Sie war sogar zu dem Magier gegangen, der nicht weit entfernt in einer Hütte im Wald lebte. Er hatte ihr gesagt wie sie die Trauer überwinden konnte, wie sie sich lossagen konnte, und wie der Schmerz und der ewige Kloß im Hals endlich von ihr abfallen konnten …


„Sagt es mir, bitte!“, flehte die Frau.
„Nenn mir einen Grund, warum ich dir helfen sollte!“, befehlte der Magier mit seiner tiefen, mysteriösen Stimme.
„Ich kann den Schmerz nicht mehr ertragen, er erdrückt mich! Ich kann weder einen klaren Gedanken fassen noch meinen Kopf vor meinem ehemaligen Mann verschließen! Das, was wir gemeinsam erlebt hatten … Es lässt mich nicht los, und auch die Sehnsucht nicht, die mich seit seinem Tod quält!“, flehte die Frau und fiel demütig auf die Knie. „Oh, bitte, bitte, bitte, helfen Sie mir.“
„Wann bist du zur Witwe geworden?“, fragte der Magier und sagte danach: „Steh auf. Solch Schmach soll dich nicht ereilen.“
Die Frau erhob sich. In ihren Augen konnte der Magier, der alte Weise, das Flehen, die Ungeduld erkennen.
„Ich verlange eine Gegenleistung!“
„Alles!“, rief die Frau erleichtert. „Alles, was Sie wollen!“
„Schenk mir dein Herz!“, antwortete der Magier und die Frau wurde vom Schock getroffen, unfähig zu irgendeiner Reaktion, wie sie war, nickte sie.
Sie würde alles, alles tun, dass dieser fürchterliche Schmerz in ihrer Brust endlich verschwand!
„Ich werde dir einen Kristall geben. Du musst es schaffen nur noch eine Träne aus deinen Augen rinnen zu lassen, und sie soll auf diesem Kristall landen. Er wird sie einschließen und somit auch deine Trauer.“
„I … Ist das alles?“, fragte die Frau und nahm den Kristall, den der Magier aus einer alten Truhe holte und musterte ihn fragend. Er war rein und das fahle Licht des Vollmondes brach sich in ihm unzählige Male. Mittels eines Bandes konnte man ihn sich umhängen, was die Frau dann auch tat.
„Ja.“
Aber sie hatte es bisher nie mehr geschafft, zu weinen. Sie war leer. Die Trauer, der Schmerz, die Sehnsucht …
Sie schüttelte den Kopf und trat ans Fenster. Wenn sie oft an die gemeinsame Zeit mit ihren Mann dachte, so wurde der Schmerz deutlich in ihrer Brust.

 - Schenk mir dein Herz -

Er wollte, dass er den Rest ihres Lebens an seiner Seite stand! Dass sie ihren Mann vergaß!
Sie hatte gewusst, der Magier hatte schon einmal eine Frau verloren, die ihn wegen seines schlechten, miesen Charakters nicht mehr als Mann akzeptieren konnte oder wollte.
Deshalb trat sie erst gar nicht mit ihm an ihrer Seite zum Altar.

Und sie hatte jene Frau aufgesucht, und sie gefragt, ob sie eine Träne für sie hätte …

„Was willst du von mir, Sarah?“, fragte die ehemalige Frau des Magiers, die Barbara hieß.
Die Witwe Sarah, sah die Frau durchdringend an. „Eine Träne.“
„Glaubst du etwa, die kann ich mir jetzt aus dem Himmel holen?“
Es war für Sarah immer schon die Frage gewesen, warum die Frau, den Magier abgelehnt hatte. Beide hatten einen miesen Charakter und Barbara war auch sehr unbeliebt in dem Dorf, wo sie wohnt.
„Nein, denk an etwas Trauriges, etwas, das dich belastet, etwas, das du nicht abschütteln kannst und achte darauf, dass die Träne diesen Kristall berührt.“
„DIESEN KRISTALL! Der gehört dem Magier!“, rief Barbara schockiert.
„Er hat ihn mir gegeben“, antwortete Sarah ruhig und biss sich auf die Zähne, um geduldig mit der Frau zu sein.
„Warum sollte er das tun?“, zischte Barbara.
„Weil ich ihm mein Herz versprochen habe.“
„WAS? Du bist vielleicht dumm! Der wird dich zu Hausarbeit verdonnern, der wird dich nicht gerade ritterlich behandeln, i…“
Sie wurde aber von Sarah unterbrochen. „Ich bin mir im Klaren darüber, was ich auf mich nehme. Ich habe meine Gründe.“
„Gründe! Du sagst mir nichts von deinem Vorhaben, brauchen tust du mich jedoch schon!“
Aber Barbara tat es und sie dachte an den Magier, der sie so unendlich schlecht behandelt hatte und die Träne fiel auf den Kristall.
Sie machte große Augen.
„Was ist?“, fragte Sarah hoffnungsvoll.
„Ich … Ich empfinde keinen Schmerz, keine Trauer mehr!“, rief sie überglücklich und rannte aus dem Haus.

So, sie wusste nun, dass der Kristall funktionierte. Aber wie konnte sie eine letzte Träne haben? Sie hatte so lange geweint, dass keine Träne mehr da war …
Was sollte sie nur machen?
Sie hatte in der Bibliothek im Dorf nach einer Lösung gesucht, sogar den alten Weisen befragt …

„Sind sie sich da ganz sicher?“, fragte Sarah verzweifelt. „Es gibt keinen anderen Weg. Wenn dann, nur diesen einen?“
„Ja, auch wenn er am Ende Schmerz für dich bereithält, so befreit er dich doch von deinem größeren“, antwortete der alte Weise bedauerlich.


… Sie hatte sogar ein dummes Waschweib gefragt, ob sie auch schon einmal tiefe Trauer erlitten hatte …

„Ja, habe ich. Das tut doch jeder Mensch einmal!“, rief das Waschweib und rümpfte die Nase.
„Und was hast du gemacht, um ihn zu lindern … den Schmerz?“
„Wenn der da ist, dann geht der auch nicht mehr. Entweder hilft die Zeit oder zu verreckst mit ihm.“

 

… Aber alles hatte nichts genützt.

Sie seufzte.
Als sie nachdachte überschlugen sich alle Informationen in ihrem Kopf, sie wüteten hin und her, jagten durcheinander, bildeten sich zu neuen …

… der Schmerz und die Trauer werden dich verlassen, wenn du eine Träne aus deinen Augen rinnen lässt und sie auf den Kristall landet …

… was wäre ein Leben ohne die Trauer? …

… wäre es ein freies, unbeschwertes Leben? …

… konnte man ohne sie überhaupt existieren? …

… wenn du mir dein Herz schenkst …

… das Leben gegen die Trauer …

… Freiheit, vielleicht ewig den Schmerz in der Brust, oder nur den kläglichen Rest, was die Zeit nicht mehr heilen konnte – gegen ein Leben in Schmach, Demütigung und Unterdrückung …

… konnte man ohne Trauer überhaupt existieren? …

Dann, mit einer Entscheidung, stürmte sie in den Wald zu dem Magier.
Sie riss die Tür auf und schrie den Magier an: „Ich werde mein Leben nicht wegwerfen, ich werde es dir nicht geben, ich werde mit jener Bürde leben lernen!“
Kurz überfahren blinzelte der Magier, aber als er die Worte verstand, brodelte die Wut in ihm.
„Du wirst mir dein Herz schenken, wir werden heiraten!“
„NEIN!“, schrie Sarah und riss den Kristall von ihrem Hals. „Das werde ich nicht!“
„Du wirst dich meinem Willen beugen! Du undankbares Miststück! Ich gab dir das wertvollste, was ich habe … und du trittst mein Verständnis für dich mit Füßen?“, rief der Magier und hob einen Stuhl.
Er warf ihn nach der Frau, die mit einem Hechtsprung auswich.
„HEIRATE MICH, ODER DU WIRST STERBEN!“, schrie er wahnsinnig.
„Dann werde ich sterben“, sagte Sarah bitter.
„Du wirst dich meinem Willen beugen!!!“, brüllte der Magier und hob den Tisch, warf ihn um und schob ihn mit einem gewaltigen Ruck zu Sarah. Sie wurde mit voller Wucht getroffen und gegen die Wand geworfen, wo sie benommen zu Boden ging.
Mit Gier in den Augen näherte sich der Magier langsam.
Dann schlug die Frau die Augen auf und schmetterte den Kristall auf den Boden, sodass er in tausend Teile zersprang und die Träne der ehemaligen Frau des Magiers entfaltete ihre magische Kraft:
Der Magier wurde von dem Schmerz Barbaras überwältig. Er krümmte sich gepeinigt und ging zu Boden.
Bald war er grotesk auf der Erde liegend tot.

 

Die Frau stand an ihrem Fenster und blickte zu der Stelle, wo sie ihren Mann begraben hatte.
Er würde in Frieden ruhen und sie würde den Schmerz in ihrer Brust ertragen können. Sie war befreit von der Last, die ihr auf der Schulter gelegen hatte.
Ihr rann eine letzte Träne über die linke Wange, tropfte auf den Boden und Sarah lächelte zum ersten Mal in diesen drei Wochen …

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