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Helden, Trottel und Zwischenwesen dieser Gattungen

StoryHelden, Trottel und Zwischenwesen dieser Gattungen

Der unleugbare Nachteil des professionellen Halunken ist darin begründet, dass dann und wann ihn sein Glück verlässt und er sich Auge in Auge mit den Hütern des Gesetzes gegenübersieht. Die unangenehme Folge dieser Konfrontation ist die Beherbergung des Halunken in einem hässlichen Raum mit Gitterstäben und dem Mangel an jeglichen hygienischen Annehmlichkeiten (die dem Halunken arg teuer waren).

 

So stocherte ich (der Halunke) reichlich pikiert mit dem Fuß im fauligen Stroh meiner Zelle und begutachte den Schimmel an den rissigen Wänden.

Als mich die Stadtbüttel recht unsanft in das verkommene Rattenloch (welches für wohlsituierte Ratten eigentlich zu versifft und schmierig gewesen wäre) schubsten, hieß mich ein müffelnder großer Bursche willkommen, dem das abscheuliche Gemach schon längere Zeit als Heimstatt diente.

Nachdem die Wachen abgezogen und die Gittertür fachgerecht verschlossen war, wandte sich mein neuer Zellengenosse mir lächelnd zu und verkündete, dass ich mich nun vornüber zu bücken hätte, damit er seinen warzigen Dödel in meinen Hintereingang pflanzen könne.

Verständlicherweise konnte eine derartige Aufforderung mich nicht sonderlich reizen, schon gar nicht von einem derart verwüsteten Individuum.

Als ich keinerlei Anstalten machte, mich meiner Hosen zu entledigen, knurrte mir der Widerling eine indiskutable Beleidigung entgegen und wollte mir handgreiflicherweise helfen, in die für seine Zwecke nützliche Position zu gelangen.

Entrüstet schnappte ich mir seine beiden Zeigefinger und bog diese fachgerecht mit einem Ruck um, bis das erwartete Knirschen erklang. Bevor der Stinker sein darauf folgendes Jammerlied beenden konnte, entfernte ich flugs seine eigene Hose und platzierte seinen rechten gebrochenen Finger zwischen seinen Gesäßbacken. Der werte Leser möge mich grausam nennen, da ich solcherart mit meinem Zellengenossen verfuhr, jedoch bin ich stets gut durchs Leben kutschiert, wenn ich brutalen Schmierlappen gleich bei der ersten Konfrontation von Ihrer eigenen Medizin zu nippen gab.

„Da Ihr so erpicht darauf seid die männlichen Darmausgänge zu erkundigen, denke ich, dass diese Position Euch Freude spendend entgegen kommt. Na na na, wer wird denn versuchen den Finger wieder rauszuziehen. Der bleibt schön wo ihn platziert habe, bis mir etwas Passenderes für Euch eingefallen ist!“

Der Rüpel gurgelte etwas Undefinierbares, blieb aber Schreckensstarr in seiner anatomisch wundersamen Position.

Das Mittagessen kam – eine grau-schwarze Pampe, die gut als Schiffsteer zu verwenden gewesen wäre – und so erlösten die Wärter meinen Zellengefährten aus seiner anstrengenden Körperhaltung.

„Golmo, du Dummbolzen, was machst Du da? Das ist ja ekelhaft. Nimm den Finger da raus und iss deine Folokkosuppe.“

Unter Schmerzenstränen löffelte Golmo mit seinem gebrochenen Finger die Tod verheißende Brühe, die ich Nase rümpfend verschmähte.

„So so, der Herr ist Feinschmecker. Na, das wird sich noch ändern. Du wirst in ein paar Tagen flehen die Suppe essen zu dürfen.“, knurrte der abgrundtief hässliche Wärter und zwinkerte mir mit seinem milchigen Auge zu.

Bei Domburs zottligem Gehänge, ich würde also nicht körperlich, sondern kulinarisch vergewaltigt werden. Diese Aussicht trieb mir unschicklichen Schweiß auf die Stirn.

Verärgert warf ich Golmo einen missmutigen Blick zu, von dem dieser sich sofort eingeschüchtert fühlte, und er zu löffeln aufhörte und seinen Finger unter allerlei Jammern wieder dort platzierte, wo er von Rechts wegen nicht hingehörte.

Zwei Sanduhren später knarrte die Kerkertür des Vorraums wieder. Die Gesetzeshüter hatten einen großgewachsenen Blonden in der Mangel, den Sie in unsere Zelle bugsierten.

„Bei Guthildas güldener Harfe, es handelt sich hier um ein entsetzliches Missverständnis, werte Herren. Ich würde nie beim Spiele betrügen, meine erlauchte Erziehung würde dies schon im Ansatz ersticken…“, plapperte der Große.

„Unschuldsbeteuerungen sind bei derlei ungebildeten Zeitgenossen reinste Zeitverschwendung, mein Guter.“, begrüßte ich den Neuankömmling.

Ich betrachtete ihn eingehend: Breite Schultern; ondulierte goldene Locken, die sanft auf den Rücken fielen; exquisit manikürte Fingernägel (hm, ich würde aus ihm herauskitzeln müssen, wer diese grandiose Arbeit verrichtete); kostspielige elegante Kleidung (mit den Schleifen der Saison an den Schulterpartien); eine leere Schwertscheide am Gürtel, gepaart  einer kleinen Geldkatze, die nicht allzu prall gefüllt schien; eine gesunde Gesichtsbräune, die zur Schönheit seiner ebenmäßigen Gesichtszüge beitrug; hellblaue, fast schmerzlich strahlende Augen, die in eben jenem Augenblick verschreckt und irritiert dreinblickten; eine geradezu erschreckend perfekte Nase gepaart mit einem feminin angehauchten Mund;

„Aber…aber…ich bin wirklich unschuldig. Ich habe beim Fuzzufuzzu-Roulette nicht betrogen. Wie sollte ich auch… Der Gnaglkopf des Zitzls ist ja nicht mal in die Nähe meiner Hände gekommen. Ich habe einfach nur Glück gehabt. Ich habe immer Glück, das liegt in meiner Natur…“, greinte der prächtige Riesenkerl.

„Nun, in diesem Falle hat Euch Euer Glück wohl ein wenig verlassen. Betrügern scheint in Fludsheim der Galgen zu drohen.“, knurrte ich verdrießlich.

„Herjemineh, der Galgen…“, der Große greinte jetzt noch mehr, und seine charmante Naturbräune bleichte in ein fades Käseweiß.

„Nicht doch, beruhigt Euch, mein Bester. Das war nur ein kleiner Flachs. Bei einer solch lapidaren Bagatelle werden die Richter wohl nur die Folterknechte bemühen, und dann wird man es sicherlich bei ein paar zu Brei geklopften Fingern belassen…“.

Diese Worte veranlassten ihn noch mehr zu greinen. Überdies lief nun auch noch unmäßig Rotz aus seiner wohlgeformten Nase, und sein Kinn fing unkontrolliert zu zittern an.

Panisch blickte er seine hervorragend manikürten Fingernägel an. Die Aussicht diese nach einer Folter ramponiert vorzufinden, schien ihn schlimmer mitzunehmen, als die Vision einer Strangulierung am Galgen (was ich fast schon nachzuempfinden vermochte).

Ich klopfte dem Greiner beruhigend auf die Schulter.

„Wie nennt Ihr Euch, guter Freund und was führt Euch an diesen unwirtlichen Ort?“, schneuzte der große Kerl.

„Nun, Tillus von Trällo werde ich gemeinhin genannt. Und was den Grund meines widerstrebenden Aufenthalts betrifft, so kann auch ich hier nur von einem skandalösen Justizirrtum sprechen. Ihr müsst wissen, dass ich hier in Fludsheim seit kurzem als Immobilienmakler tätig bin, und nun sind einige wirklich absurde Gerüchte aufgekommen, dass manche Grundstücke im Goldkronenviertel eigentlich nicht zum Verkauf stünden und dass ich ohne die Genehmigung der Besitzer Verkaufsabschlüsse durchgeführt hätte. Phh, wirklich schamlos was manche Leute an billigen Lügen absondern, findet Ihr nicht?“

„Nun, vom Metier der Maklerei habe ich wirklich nicht allzuviel Ah…“

„Ach, egal, was belästige ich einen so feinen Burschen wie Euch mit meinen Problemchen. Wie werdet Ihr genannt, ehrenwerter Herr und welcher Profession habt Ihr Euch verschrieben?“, säuselte ich, ehrliches Interesse vorheuchelnd, was den wackeren Burschen veranlasste mit dem Schniefen aufzuhören, und den Hauch eines Lächelns in seinem Gesicht erblühen ließ.

„Guntharr Primbilinius war mein Taufname. Aber mein Mentor und Ausbilder, der große Spaxxo, war der Meinung, dass für meine künftige Aufgaben und Questen der aussagekräftige Name QUONTINIUS FRÜHSTERN geeigneter sei, und so habe ich auf dem Meldeamt in Knücksdorf meinen Namen umschreiben lassen, wie ich finde, eine prächtige Wahl, meint Ihr nicht?!“

„Hmm, ich denke, es gibt despektierlichere Namen, die man sich aussuchen kann. Ich sprecht von Questen…Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr ein fahrender Ritter seid und Ihr nach Aufgaben Ausschau haltet, die Eure Reputation fördern?“

„Ritter? Ich bin durchaus im Besitz eines stählernen Prügels, jedoch machte ich die brüske Erfahrung, dass ein Hantieren mit demselben die Wohlgestalt meiner Fingernägel und zudem die Geschmeidigkeit meiner Hände beeinträchtigt. Hach, schaut nur wie weich und elastisch doch meine Haut unterhalb der Finger ist,“. Er hielt mir seine Hand entgegen und wartete wohl auf eine ihm zustimmende Prognose.

„Ich creme meine Hände jeden Morgen mit Schuffel-Fett ein, das sorgt auch für diesen zarten Glanz.“

Er grinste selig, und ich war mir sicher, dass, wenn er eine Möglichkeit gefunden hätte seine Hände abzuschrauben, er diese mit Sicherheit geehelicht hätte.

„Spaxxo drängt mich natürlich jeden Tag meine Waffenübungen zu machen, aber er weiß natürlich auch, dass eine zarte Haut das Aushängeschild des Adels ist und…“.

„Adel?! Dann seid Ihr von adliger Herkunft?“

„Nun, Spaxxo meint, dass mein Muttermal ein eindeutiger Beweis ist, dass ich der illegitime Sohn des Barons von Bockel bin und…“.

„Ein Muttermal?! Lasst sehen, guter Herr Frühstern. Das ist mal eine delikate Geschichte, die Ihr mir da präsentiert.“

Hierzu sei anzumerken, dass in jenem Landstrich tatsächlich das Gerücht umging, dass ein geheimnisvoller Sohn des Barons existiert, der als Baby von einem in Ungnade gefallenen Vasallen entführt worden war, der das Kind einer armen Bauersfamilie anvertraute (allerdings muss erwähnt werden, dass derlei Gerüchte in jedem zweiten Baronat oder Herzogtum umgingen).

„Seht her, das edle Siegel derer von Bockel: Die Frühlingsrose!“, stolzschwellend lüftete Guntharr oder auch Quontinius sein Rüschenhemd und präsentierte seine Brust, auf der ein Daumengroßes Muttermal prangte, das beängstigende Ähnlichkeit mit einer auseinander platzenden Leberwurst hatte.

„Wie vom großen Künstler Schruppstubbs gepinselt, nicht wahr…“.

„Nun, äh…tja, es ist eiiiinn Muttermal, das steht schon mal fest.“, hüstelte ich.

„Ja, nicht wahr, wirklich beeindruckend, nicht?! Aber dem Teint meiner Haut schrecklich abträglich.“, aufrichtige Sorgenfalten durchzogen schlängelnd seine hohe Stirn – dieses Problem schien ihn hinreichend zu beschäftigen.

„Ich muss nur noch den Goldenen Gürtel aus dem Turm der Sieben Sünden erobern, diesem dem Baron präsentieren, und dann meinen mir bestimmten Platz einnehmen, sagt der weise Spaxxo. Ihr müsst nämlich wissen, dass der Baron das Gerücht in die Welt gesetzt hat, dass nur sein rechtmäßiger Erbe in der Lage sei, diesen Gürtel zu erhaschen.“

„Der Turm der Sieben Sünden – ich habe davon gehört. Es sollen unsägliche Gefahren in seinem Innern lauern. Manche sprechen gar davon, dass der Turm lebendig sei und all die Knochen der tapferen Recken ausgespien hat, die mutig genug waren ihn zu betreten.“

„Ach ja, diese Gerüchte…phh, Spaxxo meint, das wäre alles ein wenig übertrieben. Und mit Hilfe seiner großen Magie ist es bestimmt ein Kinderspiel den Gürtel zu holen.“

„Hm, dieser Spaxxo muss ja wirklich ein Ausbund an jubilierender und sprühender Magie sein. Hätte ich von einem Zauberer mit einem derartigen Ruf nicht eigentlich schon hören müssen?“, mümmelte ich.

„Ich…weiß nicht. Na ja, vielleicht ist er einfach nur ein bescheidener alter Bursche, der nicht so viel Aufhebens um seine Fertigkeiten macht. Meint Ihr nicht auch?“

„Möglich. Vielleicht habt Ihr recht. Ah, da kommt unser Abendessen. Ich hoffe wir überleben die gastronomischen Dämonien dieses Scheusals von Koch. Das Mittagessen konnte ich noch verschmähen, doch nun muss ich mich dieser Heldenaufgabe stellen, zu sehr malträtiert der Hunger meine Magenwände…“.

„Ach kommt schon, so schlimm können die Mahlzeiten hier doch nicht ….huuucchhh, igittigitt, ich muss mich gleich…“.

„Tut es ruhig, mein Freund. Schlimmer riechen als das Essen kann euer Erbrochenes auch nicht.“, meinte ich resigniert.

„Was…was ist eigentlich mit jenem Manne dort. Es scheint er hat seinen Finger in seinem…“.

„Ja, den hat er. Abe dies ist von geringem Belang. Und ich denke fast, ihm scheint die neue Positionierung seines Fingers mittlerweile zu gefallen.“

***

„PRIMBILINUS! Ihr könnt gehen. Eure Geldstrafe wurde beglichen. Euer Mäzen hier hat tief in die Tasche gegriffen, hähä.“, gröhlte der unsägliche Wärter und sperrte die Gittertür auf.

„FRÜHSTERN!!!! Ich heiße Frühstern, bei Domburs verkupfertem Nippel. MEISTER SPAXXO!!! Guter, lieber Meister Spaxxo. Ich wusste Ihr würdet mich nicht im Stich lassen.“, greinte der schöne Quontinius.“Und

Ein kleines, gebückt wieselndes Männchen befand sich im Windschatten des Wärters. Ich schielte um den hässlichen Wurzelzwerg herum, um den Anblick des großen und prächtigen Spaxxo erhaschen zu können, doch leider befand sich außer stickiger Kerkerluft nichts hinter dem Kerlchen.

„Quontinius, du Trottel! Ich habe dir doch gesagt, dass du die Finger vom Fuzzufuzzu-Roulette lassen sollst…“, knarrte die Stimme des Gnoms.

Mir dämmerte, dass der alte Zwerg der prächtige und große Spaxxo war.

Mit seinem Näherkommen verströmte Spaxxo eine gemeingefährliche Geruchswolke, die aus altem Erbrochenen, eingenässten Unterkleidern, klebrigem Schweiß und überlagertem Krollo-Käse zu bestehen schien.

Statt einem prachtvollen Seidengewand mit magischen Symbolen und goldenen Insignien gemäß seines Berufsstands, trug Spaxxo eine speckige Kutte, deren eigentliche Farbe durch Staub, Straßendreck und allerlei Wein-und Essenflecken zu einem trüben Grau-Braun degeneriert war. Seine exquisite Garderobe vervollständigte ein Seil, welches er als Gürtel um seine schwammigen Hüften geschnürt hatte und ein paar ausgetretene Sandalen, deren Modestatus vor 200 Jahren Ihren Höhepunkt erreicht hatten. Statt eines spitzen Zaubererhuts mit goldenen Umkränzungen hatte sich Spaxxo einen ausrangierten Wischlappen auf den Schädel gepflanzt – dieser Schelm schien vor keiner modischen Garstigkeit zurückzuschrecken!

Irgendein Ungeziefer schien sich in seinem grau-schmutzigen Bart ansässig gemacht zu haben – eine andere Erklärung wollte mir für das unheimliche Geknister unter seinem Kinn nicht einfallen.

„Aber großer Spaxxo, es war wirklich nicht meine Schu…“.

„Halt den Schnabel und erspar‘ mir dein Geseire, du unnützer Waldschrat. Pack deinen Mantel, und dann nichts wie raus aus diesem Rattenloch.“, grollte der gar nicht mehr so prächtige Spaxxo.

„Entschuldigt, großer Meister, aber darf ich mich vielleicht vorstellen. Tillus von Trällo mein unbedeutender Name. Ich hatte die große Freude euren Schützling in dieser unwirtlichen Umgebung kennenzulernen und…“.

„…und du bist nun zu der Erkenntnis gelangt, dass du in Quontinius Kielwasser einen Ausweg aus dieser Gruft finden könntest, was? Da muss ich dich leider enttäuschen. Parasiten sind mir von jeher ein Gräuel“. Nach diesen harschen Worten wurde mir Spaxxo noch unleidlicher. Beiläufig bemerkte ich, dass sich nach jeder von Spaxxos knurrigen Äußerungen sein rechtes Auge unkontrolliert in seiner Höhle kugelte, was seinem bereits unvorteilhaften Äußeren noch eine besondere Note der Hässlichkeit verlieh.

„Großer Meister, Quintonius hat mir von eurem Vorhaben berichtet, den Turm der Sieben Sünden zu besteigen. Ich bin sicher, dass ihr euch bewusst seid, dass  in dessen Inneren unsägliche Gefahren lauern und eine helfende Hand euch dort gewiss nicht abträglich sein dürfte.“, säuselte ich mit allem Charme, den ich gegenüber einem solch verachtenswerten Individuum wie Spaxxo aufbringen konnte.

„Elender Firlefanz! Quintonius ist der beste Schwertkämpfer diesseits der Schaemott-See, und ich beherrsche alle elementaren Zauber der Phrupps-Sphäre. Wir sind bestens für unser Unterfangen gerüstet und benötigen keinen daher gelaufenen Straßenköter.“

Spaxxo gab Quintonius nach diesen Worten eine Kopfnuss – scheinbar hätte er seine Pläne lieber geheim gehalten. Ich musste Spaxxo fast ein wenig Bewunderung zollen, schließlich war er nicht viel größer als ein Kohleeimer und Qunintonius ein ziemlich langer Lulatsch – seine Knochen gaben ein beängstigendes Knacken von sich, als er sich streckte, um Quintonius Stirn zu erreichen – ich schätze, dies war einer seiner wenigen magischen Tricks, die der alte Zottel noch in Petto hatte.

Ich bückte mich und flüsterte Spaxxo ins Ohr:

„Ich konnte nicht umhin zu bemerken, dass eure besten Tage als Wald-und Wiesenhexer wohl der Vergangenheit angehören – eure Garderobe spricht Bände. Und der gute Quintonius oder auch… Guntharr scheint mir nicht annähernd in der Lage zu sein ein Butterbrot fachgerecht zu schmieren, geschweige denn mit einem Schwert einen Untoten zu köpfen…ich glaube der Zustand seiner Fingernägel steht ihm dabei zu sehr Weg, hehe.

Ich hingegen, bin ein versierter Schlagetod und tanze Ballett, während ich Gedärme ans Tageslicht befördere. Ihr werdet mich bitter nötig haben in einem Turm, wo es von brenzligen Situationen nur so wimmelt…“

„Ach jaaaa…“, grummelte der Zauberzwerg. Sein rechtes Auge kugelte noch mehr als sonst, ja schien richtiggehend Saltos zu schlagen, wobei ich mir nicht sicher war, ob ich dies als positives oder negatives Zeichen einstufen konnte.

Spaxxo grummelte in seinen krustigen und gelbstichigen Bart noch ein paar undefinierbare Verwünschungen, und auch sein Auge konnte kaum mehr stillhalten.

„Hmpf, was kostet es diesen unnützen Taugenichts auf freien Fuß zu setzen?“, wollte Spaxxo letztendlich von dem Wärter wissen.

„Och, den Betrüger könnt ihr nicht freikaufen. Den erwartet morgen die Folterbank. Mit fingierten Immobiliengeschäften ist in Fludsheim nicht zu spaßen, höhöhö.“

Spaxxo blickte dem Widerling tief in die Augen, wobei sein spezielles Kullerauge noch mehr kullerte, als sonst. Er schnippte in eigenartigem Rhythmus mit seinen altersfleckigen Händen und rülpste als Zugabe dazu.

„Duuu wüüüürst meiheinen Woooorten Fohoolge leiheisten.“, krächzte Spaxxo mystisch beladen.

„Duuu haaaast uuuuns nie geseeehen. Wihiiiirst uuuuns vergöööössen.“

„Ich werde euch vergessen…vergessen…vergessen.“, sabberte der Wärter mit leerem Blick.

Spaxxos billige Hypnose-Nummer schien Wirkung zu zeigen, scheinbar hatte ich ihn ein bisschen unterschätzt.

„Kommt jetzt, solange dieser Trottel dahin dämmert. Wir haben nicht viel Zeit, Vulvas-träumender-Blick wird nicht den ganzen Tag vorhalten.“

„Ich hätte dem Rüpel lieber Domburs-krachenden-Haken verpasst. Sagt, großer Meister, könnt Ihr nicht auch dem Simpel dort in der Ecke Vulvas-Glotzaugen angedeihen lassen?“

„Natürlich könnte ich das. Aber wieso sollte ich?“, raunzte der nunmehr etwas prächtigere Spaxxo.

„Na, ich könnte mir vorstellen, was für ein schönes Bild die beiden Sonnenscheine abgeben würden, wenn der Oberwärter sie vorfinden würde, wie sie sich gegenseitig die Finger in die Ritzen schieben…“

Spaxxos Auge kugelte lustvoll, scheinbar schien sich sein kaltes Herz bei diesem Gedanken zu erwärmen.

***

Ich will nun den geschätzten Leser dieser kümmerlichen Zeilen nicht damit langweilen, welch haarsträubende und unglaubliche Abenteuer wir im Turm der Sieben Sünden zu bestehen hatten. Es sei nur so viel anzumerken, dass Quontinius sich einen Nagel abbrach, als er zu hastig sein Schwert ziehen wollte, und er danach einen Nervenzusammenbruch erlitt und fortan zu nichts mehr zu gebrauchen war. Danach musste ich alles körperliche Geplänkel absolvieren, und so sanken schreckliche hustende Untote und japsende Wer-Kreaturen unter dem roten Schwung meiner süßen Klinge darnieder. Entsetzlicherweise ruinierte ich mir bei dem ganzen Blutgespritze die Säume meines Rüschenhemdes, zudem erlitten die Aufschläge meiner fantastischen Burlitzer Querstiefel irreparable Risse. Fortan beschäftigte mich der Gedanke, wie ich mir diesen Sommer neue, mir adäquate Ersatzgarderobe in dieser modischen Wüstenei (Fludsheim) beschaffen könnte.

Auch Spaxxo trug einen nicht unerheblichen Teil dazu bei, dass wir die Exkursion im Turm der nunmehr Tausend Mühen ohne größeren Schaden absolvierten.

Er schmiss mit beschworenen Feuerkugeln nur so um sich, aber ich vermute, dass wir unser Überleben größtenteils seinem entsetzlichen Körpergeruch verdankten, der die meisten Teufelskreaturen mit zugekniffenen Nasen in die Flucht trieb.

Tatsächlich fanden wir den besagten Gürtel, nur war dieser nicht aus Gold, sondern aus profanem Leder, besetzt mit lackierten Glassplittern, was jedoch Quintonius Freude keinen Abbruch leisten konnte – er erwachte aus seiner selbst auferlegten Lethargie und tanzte jubelnd um den billigen Bauchzwicker herum.

Mit dem ‚Erobern‘ des tollen Gürtels hatte ich meine Schuld bei Spaxxo beglichen. Er wollte noch seinen fulminanten Augen-Kugel-Trick bei mir probieren, aber ich streckte ihm zum Abschied nur die Zunge heraus und machte mich von dannen. Hypnose-Plänkeleien hatten schon andere vor ihm bei mir versucht, aber mit der Zeit weiß man sich gegen solcherlei Schabernack zu behaupten.

Bald wurde gemeinhin bekannt, dass der ‚Goldene Gürtel‘ (ähem) aus seiner schrecklichen Heimstatt entwendet worden war, und so gab der örtliche Baron bekannt, dass sich der heldenhafte Entwender des Gürtels am 7. Tag des Monats Zupp am örtlichen Marktplatz einzufinden hätte, um den Lohn seiner Bemühungen in Empfang zu nehmen.

Dieses Spektakulum wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, und so fand auch ich mich zu diesem Datum am Marktplatz ein.

Der Markt war überfüllt mit dem gemeinen Volk. Quakende Bäuerinnen, plärrende Kinder und fahrende Ritter gaben sich ein Stelldichein mit hochnäsigem Adelsvolk, Gauklern und herumschleichenden Taschendieben (für welche dieser Aufmarsch natürlich ein Festtag war).

Der Baron thronte mit seiner holden Gattin auf einem hölzernen Podium, umrahmt von seiner in Stahl gehüllten und gemein glotzenden Leibgarde.

Schließlich war es soweit, und zur Mittagsstunde erschienen Spaxxo und Quintonius, der den Gürtel lächelnd und in stolzer Siegerpose über seinen Kopf hielt. Ein Spalier bildete sich und die beiden schritten erwartungsvoll zum Podium.

Als sie über die Treppe auf das Podium gestiegen waren, ertönte eine krächzende Stimme, die sich über das allgemeine Gemurmel des Volks erhob.

„Halt, ihr unsäglichen Betrüger. Dieser Dummbolzen ist niemals der Erbe des edlen Barons von Bockel!!! Ich habe den eindeutigen Beweis, dass die edle Crysamia Dunnerblitz die rechtmäßige Erbin des Baronats ist!!!“.

Der Sprecher dieser erhaben vorgebrachten Zeilen war ein ähnlich verkümmertes Männchen wie der prächtige Spaxx und gleichsam schick gekleidet in abgetragener Jute. Statt einem Schmierlappen hatte sich dieser Zauberer mit einem Becherähnlichen Hut aus scheinbar verquollenem Filz gekrönt. Als er mit seinem Schützling, einer blonden Wuchtbrumme, im Schlepptau durch die Menge schritt und an mir vorüberkam, roch ich, dass er dieselbe Duftnote wie Spaxxo bevorzugte: Verwesender Lauch garniert mit erbrochenem Mittagessen.

Er humpelte auf das Podium und fand sich Auge in Auge mit dem großen und prächtigen Spaxxo wieder. Spaxxos Auge kugelte seine altgewohnten Saltos, der Neuankömmling rümpfte die Nase in atemberaubendem Tempo (scheinbar seine einzigartige magische Spezialität). Die Luft knisterte zwischen den beiden Zauberern, aber Augenkugeln und Naserümpfen schien sich magisch gesehen zu egalisieren.

„Spaxxo Il Somppff, Ihr seid ein elender Betrüger und zauberischer Nichtskönner!“, gurgelte der bemützte Neuankömmling.

„Gykko van Schlodd, ihr seid ein elender Blender und eure magischen Taschenspielertricks  genügen nicht einmal für einen Kirmesauftritt!!!“, ächzte der so prächtige Spaxxo.

„Crysamia, präsentiere das vererbte Muttermal, derer von Bockel: DIE FRÜHLINGSROSE!“, Gykkos Stimme wurde immer schriller und ähnelte mittlerweile dem hysterischen Wehenklagen einer gebärenden Frau.

Die holde Crysamia lächelte etwas schief und lüftete ihre Beinkleider. Und tatsächlich: Unterhalb ihres sehr geschmackvollen Schlüpfers befand sich ein Muttermal, das stark an eine zerfledderte Socke gemahnte.

„Hah, das ist doch niemals die berühmte Frühlingsrose. Quontinius, enthülle dein Muttermal und zeige diesem Tattergreis, wie das echte Muttermal aussieht!“

Und Quontinius tat wie geheißen und konterte mit seiner ‚platzenden Leberwurst‘. Elegant schritt er umher und beugte sich mit einem Knicks nach allen Seiten.

„Pah, das sieht ja aus wie eine explodierende Wurst! TÄUSCHER!“, schrie Gykko.

„BETRÜGER!“, hustete Spaxxo mit rotschwellender Rübe.

Beide hoben die Hände und begannen unverständliches magisches Gebrabbel zu nuscheln.

Spaxxo furzte diabolisch und hinternach fuhr ein grüner Blitz aus seinem Hintern, der zielsicher Gykkos Brustbein fand.

Gykkos Hut explodierte in einem Feuerknall und seine fusseligen Haare begannen zu glimmen.

Nichtsdestotrotz schüttelte er sich einmal kurz wie ein nasser Hund und würgte rotglühende Feuerbälle aus seinem Schlund hervor, die er Spaxxo entgegen würgte.

Die Feuerbälle klatschten zischend in Spaxxos Gemächt, der jaulend nach Luft schnappte.

„SCHUUUUURKÄÄÄÄ!“

„HOCHSTAAAAAPLÄÄÄÄR!“

Beide Zauberer waren außer Rand und Band und begannen sich Beleidigungen zuzukrächzen, deren literarische Wiedergabe ich nicht verantworten kann.

Schließlich knallten in wilder Folge verschieden farbige Blitze aus Spaxxos Hinterteil, derweil Gyyko im Herzschlagtakt Feuerbälle auskotzte.

Beide verschwanden in einer gleisenden Wolke aus Furz-Blitzen und Spei-Feuerbällen. Rauch waberte und verweigerte zuerst den Blick auf die beiden durchgedrehten Magier-Gnome. Als sich der Rauch verzog, konnte man erkennen, dass Spaxxos Körper pulverisiert worden war und nur noch sein Kopf übrig war, der auch ohne seinen Körper noch ‚Schurkääää‘ krächzen konnte. Von Gykko waren nur noch seine Arme geblieben, die orientierungslos versuchten Spaxxos Kopf zu erreichen.

Die Zuschauer klatschten begeistert Beifall, und auch ich konnte mich der absurden Faszination des Dargebotenen nicht entziehen, schließlich bekam man nicht alle Tage eine Zurschaustellung eines derart magisch-grotesken Dilettantismus präsentiert.

„SPAXXOOOoooooo…“, greinte Quintonius.

„GYKKOOOOoooooo…“, schniefte Crysamia.

Beide standen hilf-und orientierungslos wie zwei Hundewelpen in der Gegend herum und betrachteten traurig Gykkos Hände, die es geschafft hatten Spaxxos Kopf zu erreichen und an dessen Ohren zu ruckeln.

„Greift die Betrüger. Niemals ziert die erlauchte ‚Frühlingsrose‘ deren Körper. Sie sollen für Ihren Frevel die Streckbank schmecken.“, grunzte der aus allen Nähten platzende Baron von Bockel.

Die Garde packte Quintonius und Crysamia, die beide herzzerreißend flennten und sich nunmehr aneinander klammerten.

„Oh, dein Rouge ist wirklich von exzellenter Qualität, du musst mir den Händler verraten, bei dem du es erstanden hast…“, schniefte Quintonius.

„Hach, dein Hautbalsam duftet verführerisch. Ich verrate dir gern bei wem ich das Rouge erstand, wenn du mir deine Quelle verrätst…“, heulte Crysamia.

Und so wurden beide in den Baronischen Kerker abgeführt, sich gegenseitig Hautpflegetipps zugreinend.

Ich starrte den beiden noch eine Zeitlang hinterher, und eigentlich hätte ich meine kümmerlichen sieben Reisetruhen packen und mich davonmachen sollen, aber irgend etwas an diesen dummdämlichen beiden Naivlingen ließ mich innehalten.

Und so nahm ich mir vor, die beiden Trottel aus der Gewalt des überfetten Barons zu befreien, bevor ich meine Karriere als Immobilien-Betrüger in anderen Gefilden wieder zum Leben erweckte. Aber dies ist eine andere Geschichte…

E N D E

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