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Chef, was heißt hier Chef?

StoryChef, was heißt hier Chef?

Kennen Sie das Gefühl, wenn sie um vier Uhr morgens das Telefon aus dem Schlaf klingelt? Einer ihrer Untergebenen hat Mist gebaut und Sie dürfen dafür in Lebensgröße gerade stehen und sich rechtfertigen, obwohl in ihrem Kopf noch der Traum mit dieser rassigen Blondine herumgeistert, die Sie flach gelegt haben, und die mit einer Gummiente und etwas Schlauch die unglaubl ... Statt dessen haben sie irgendeinen Bürgermeister im Ohr, der ihnen was über randalierende Polizisten ins Ohr brüllt und wie hoch der verursachte Schaden über den Daumen gepeilt ist (eine Summe, die dann immer steigt, wenn der örtliche Gutachter sich der Summe annimmt. Einigen Ort habe ich selbst den Autobahnanschluß bezahlt).

Und da ist er wieder: Der Mist, den Untergebene zu allen möglichen und unmöglichen Tageszeiten anstellen. Essen mit dem Minister (man muß ja  auch an die eigene Karriere denken), Telefon klingelt. Diner im Club (Beziehungen pflegen), Telefon klingelt. Eheliche Pflichten mit der Frau, Telefon klingelt (na ja, alles hat seine guten Seiten). Und so geht es Tag für Tag, von Fall zu Fall.

Ich sollte der Chef dieses dämonenjagenden blonden Wunders sein. Aber was ich bin den wirklich? Seien wir ehrlich: Im Grunde bin ich nur die Putzfrau, der Schadensbegrenzer und Fußabtreter. Niemand hat mich je auf der Rechnung. Mich gibt es. Ich bin das notwendige Übel. Das ist aber auch alles. Dabei sollte ich die Fäden ziehen. Aber was mache ich wirklich?

Mein Held hat die Totenruhe gestört (ich beschwichtige die Angehörigen und spendiere einen Grabstein, weil er oder seine Freunde den vollgeblutet haben)! Mein Held hat das Landhaus ruiniert (ich kümmere mich um den zumeist reichen Bewohner und bestelle die Handwerker und spendiere eine neue Krypta, weil die alte niedergebrannt wurde oder glitschige, stinkende Überreste von Untoten vermodern)! Sie knallen auf Bahnhöfen waggonweise Ghouls ab und ich habe die Bahn am Hals und spendiere Freikarten für verspätete Passagiere und einen neuen Waggon, denn der alte ist zerschossen). Mein Held hat schon so einiges zerstört, kaputt und dem Erdboden gleichgemacht (und ich bin der, der dann den Ärger hat). Manchmal bekommt man das Gefühl, man sollte ihn von zerbrechlichen Dingen wie Häusern, Bergen und Planeten fern halten (weil ich das bezahlen muß). Einmal hat er eine ganze Insel im Meer versenkt ... Raten Sie mal, wer die Wogen glätten mußte. Godzilla ist gegen die Urgewalt unseres dämonenjagenden Wundertiers völlig harmlos.

Er beschwert sich? Hah, er hat doch nie hinter sich aufgeräumt, wie ein verzogenes Gör. Das blonde Wunder erscheint, erlöst die Bösen dauerhaft, küßt die Frau und entschwebt, um wieder das Universum, die Jungfrau oder beides vor den Klauen des Bösen zu retten. Ich sitze derweil auf den Beschwerden, Rechnungen und seinen Überstunden. Die soll er abbummeln, aber kaum fährt er in Urlaub, kommen irgendwelche Werwölfe und schon ist er wieder im Dienst und sammelt wieder Überstunden. Unsere Personalabteilung verzweifelt. Wegen ihm wird jetzt ein Sondergesetz verabschiedet, daß Überstunden im öffentlichen Dienst verfallen, sonst kann er mit vierzig in Urlaub gehen und braucht bis zur Pensionierung nicht wiederkommen.

In ihm ruht eine Menge destruktiver Energie (und manchmal denke ich, daß er als Abrißbirne noch erfolgreicher sein könnte). Egal, was er veranstaltet. Ich bin derjenige, der das zu rechtfertigen hat. Der Rechnungshof sitzt mir wegen unseres Budgets im Nacken, denn die hohen Silberrechnungen für eine Polizeibehörde, einem Buchhalter klarzumachen, ohne auf unsere eigentliche (an und für sich ja) geheime Aufgabe zu kommen: Das ist eine Kunst, die nicht gewürdigt wird. Ich hasse diese Sitzungen. Und ausgerechnet da klingelt das Telefon dann mal nicht (ist das der Fluch der Hölle gegen mich?).

Ich kann von Glück sagen, daß die meisten Wesen, die mein mir untergebener Held erschießt, erdolcht, mittels magischer Kreide oder anderer Hilfsmittel ihren Platz im Jenseits zuweist, bereits nach Recht und Gesetz tot sind. Denn ansonsten hätten wir uns längst wegen übermäßiger Brutalität, Selbstjustiz und der Mißachtung der Rechte Verdächtiger verantworten müssen. Amesty International und die Presse würden uns und vor allem mich hetzen (denn ich ja verantwortlich). Aber – zu unserem Glück – Vampire haben keine Lobby. Hätten sie eine, wäre die Abteilung aufgelöst und ich wäre bei der Autobahnpolizei auf einer einsamen Insel in Briefmarkengröße. Und mein Held hätte ein Disziplinarverfahren am Hals, würde danach aber als glorreicher Privatdetektiv seinen Kampf fortsetzen. Dem passiert doch nichts.

Aber was mich am meisten stört an diesem Wundertier: Ich bin sein Chef. Aber hat ihn das je gestört? Nicht im geringsten. Er mißachtet meine Anweisungen (was verstehe ich schon von seinem Job?), läßt mich ständig wie einen dummen Jungen aussehen (er ist ja der Held!) und übergeht mich, wo er nur kann (und macht aus mir seinen Handlanger!). Ich bin mir sicher, einige seiner Dienstreiseanträge nie gesehen oder gar unterschrieben zu haben. Aber das ficht ihn nicht an. Munter setzt er sich in einen Jet und rettet das Universum. Das behauptet er zumindest. Was er dann vor Ort macht, kann ich nie und nimmer kontrollieren. Es sei denn, er gerät mit den örtlichen Behörden aneinander. Raten Sie mal, wer dann beim Minister schleimen kann, um ihn da herauszupauken.

Natürlich ich, wer sonst? Dafür bin ich ja gut genug! Wer darf ihn decken, wenn er Freunde ohne jede Befugnis mit auf seine Ermittlungen nimmt, statt endlich einmal hier eine Behörde aufzubauen. Aber er denkt nicht daran. Immer wenn ich die Sprache darauf bringe, Polizisten zu schulen, winkt er ab. Das ist nämlich jenseits eines ruhmreichen Abenteuers und nicht seine Welt des glorreichen Siegers. Statt dessen fühle ich mich wie der Sheriff in einem Western, der Cowboys immer wieder zu Hilfssheriffs erklärt. Und die Jungens sind Cowboys, zumindest benehmen sie sich wie einem Wildwestfilm. Ständig hantieren sie mit ihren Knarren herum. Und was noch dazu kommt: Jeder Neue in der Abteilung würde möglicherweise ein ebenso ruhmreicher Verfechter des Guten und Edlen. Und meine Einmannarmee steht wohl auf dem Standpunkt, die Welt soll keine Helden neben ihm haben.

Dabei bin ich vollständig qualifizierte Führungskraft. Und ich habe mir Grundkenntnisse in unserem Fachbereich angeeignet (oh ja, ich kann einen Vampir von einem Werwolf unterscheiden). Aber dennoch werde ich ignoriert und ab und zu entführt oder mein Geist manipuliert. Dann pauken mich die Jungen zwar wieder raus, reiten aber so erbarmungslos darauf herum, daß mir das ziemlich auf die Nerven geht.

Kein Wunder, daß die Fensterbank in meinem Büro mittlerweile einem Medikamentenschrank gleicht. Was gegen Kopfschmerz, gegen Magengeschwüre, ein paar ausgewählte Pyschopharmaka, was gegen wunde Füße und eben dieses oder jenes.

Ich sollte zur Kur fahren, habs gar schon einmal versucht. Und das Ergebnis. Eine Vampirsippe terrorisierte den Kurort und wer kam, um dem ein Ende zu setzen. Der Held meiner Einmannabteilung rückte an und ich konnte gleich vor Ort die Schadensbegrenzung in Angriff nehmen. Die ganze Palette, die nur Heldenhooligans fertig kriegen: Umgestürzte Grabsteine, ein abefackeltes Herrenhaus, Asche der Vampire auf dem teuren Parkett des Grandhotels, zerschossene Fenster im Ballsaal (vielleicht sollte ich mal wieder Schießunterricht verordnen, aber wenn er bei all der Praxis so oft danebenschießt, hilft das noch), verstörte Bürger und ein verärgerter Kurdirektor. Die Kur war nutzlos, so nutzlos.

Manchmal fühle ich mich nur noch alt und müde, denke über vorzeitigen Ruhestand oder Dienstunfähigkeit wegen allergischer Reaktionen gegenüber Untergebenen nach. Aber dann packt mich das Pflichtgefühl. Ich dienen dem Staat und habe meine Pflicht dort zu erfüllen, wo mich Regierungschef und Minister hinstellen und wenn ich dabei vor die Hunde gehe. Das ist Tradition in meiner Familie, wobei meine Vorfahren an gastlicheren Orten waren, beim Mahdi-Aufstand, in den Schützgräben der Weltkriege oder in irgendwelchen Sümpfen. Hätte ich mich doch damals dem organisierten Verbrechen zugewandt. Das wäre einfacher gewesen

Aber ein Restzweifel bleibt. Lassen sie mich noch ...

Da. Es klingelt wieder. Das Telefon, deren Nummer nur einer hat. Was hat er wohl jetzt wieder angestellt. Aber das wissen Sie ja alles selbst, Sie lesen ja Heftromane.

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