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Phillipsdorf 2 Die unerwartete Zeugin

Die unerwartete Zeugin

Phillipsdorf Band 2

von Daniel Weber

„Ist dir der Name Christoph Biber geläufig, Stefan?"
„Ist das nicht der Student, der im Bernhardshof bis vor ein paar Wochen gewohnt hat? In der Zeitung hat es geheißen, er hat einer jungen Frau die Kehle herausgerissen, nachdem er sie vergewaltigt hat. Du glaubst, er ist unschuldig?"
„Ich glaube es nicht. Ich weiß es..."

vor einem Jahr, also Ende Februar 2025, habe ich meinen ersten Beitrag hier auf dem Zauberspiegel veröffentlicht. noch immer fällt es mir schwer, in meinen bescheidenen Besprechungen nicht zu spoilern, und sie auch nicht zu reinen Nacherzählungen verkommen zu lassen. der Begriff Rezension scheint mir übrigens nicht passend, zu intellektuell, zu literaturwissenschaftlich, ich bin ja kein Reich-Ranicki, nur ein reichlich lesender Rainer.

den zweiten Phillipsdorf habe ich zweimal gelesen. nachdem mir der erste Teil schon so gut gefallen hat, habe ich den zweiten sprichwörtlich verschlungen, ohne Notizen zu machen, Stellen anzustreichen oder Zitate, Anmerkungen und so weiter nachzurecherchieren. das ist aber notwendig, wenn ich mich mit dem Werk gebührend befassen will, ohne Struktur wird das nix. also nach etwas Abstand - in Wahrheit hatte ich den dritten Teil schon durch - noch ein zweites mal gelesen. und es war mir keine Pflicht, sondern ein Vergnügen.

auch hier reißt mich Daniel Weber wieder direkt in die Geschichte, wobei er einerseits den Kreis der handelnden Personen erweitert, und andererseits unser Wissen vertieft über jene, die wir schon kennen.

David Grau zum Beispiel. "Ein Lächeln folgte, das die blassblauen Augen nicht erreichte." er zwingt den Neuzugang Christoph Biber förmlich, für ihn zu arbeiten, nachdem er bereits erfolglos versucht hat, ihm Geld zu leihen, ja aufzudrängen. über die Freunde Stefan Hanns und Raphael Kurzhaus lernen wir das im Vergleich zum restlichen Phillipsdorf feudale Herrenhaus von Grau kennen, und dessen Bedienstete, die heißen Wurm und Ratte, und ich frage mich unweigerlich, ob das nicht auch ihre ursprüngliche Existenzformen waren - spielt der Autor da mit uns? Grau spielt jedenfalls mit Stefan und Raphael, an der Oberfläche ist alles gentlemanlike freundlich und glatt, doch wissen beide Seiten um die Monstrosität in den Tiefen - wobei Grau den Freunden in jeder Hinsicht überlegen scheint, auch was seinen Wissensstand um die Vorgänge in Phillipsdorf betrifft, was er sie auch spüren lässt.

dann die Alte, eine richtige Hexe, sie wohnt im Bernhardshof, den man sich wie einen versandelten Gemeindebau - pardon: eine verwahrloste kommunale Mietwohnanlage vorstellen darf. sie heißt Salome, und ist niemand anderes als die Schwester vom unheimlichen Grau, mit dem sie aber verfeindet ist. ihre magischen Experimente sorgen für echte Schockmomente in der Geschichte, in der ansonsten vieles unheimlich bleibt dadurch, dass es eben nicht bis ins letzte Detail beschrieben wird. nicht nur Christoph Biber wird eines ihrer Opfer, Elsa Leichtfried muss sogar den Tod erleiden.

Elsa ist die Großcousine von der Halbghoula Helena, und eben jetzt ein Geist, und will mit Stefan Hanns über den Neuankömmling Biber reden will. dem wird nämlich brutaler Mord vorgeworfen, doch Elsa weiß es besser. schon zu Lebzeiten flaniert Elsa durch Phillipsdorf, denn sie liebt das Morbide, und da wird sie hier bestens bedient. in ihrem Zustand kann sie ja alles unbeobachtet beobachten, wenngleich nirgendwo eingreifen. und außer Stefan kann sie niemand hören oder sehen! ein toller Einstieg in die Handlung. Elsa dient auch in weiterer Folge als Vehikel für Offenbarungen, das ist ein recht praktischer Kunstgriff, um die Geschichte zu erzählen. humoristisch wird es, wenn sie von ihrem neuen Lebens-, äh Todesgefährten schwärmt, Rudolph von Finsterweg, der gerne sein Grab mit ihr teilt. er hat übrigens den dort hausenden Ghoulen erlaubt, seine Leiche zu fressen, was später noch für Schwierigkeiten sorgen wird...

wie als Parallele zum ersten Teil nimmt auch hier die Ankunft eines Fremden in Phillipsdorf viel Platz ein, diesmal ist es der schon erwähnte Student Christoph Biber, der aus finanziellen Gründen in den verwahrlosten Gemeindebau Bernhardshof einzieht. er wird dort ähnlich unwirtlich empfangen wie schon unser Serienheld Stefan Hanns, und auch er versucht alles negative auszublenden und sich einzurichten. als Student der Rechte wird er prompt vom dubiosen Grau angeheuert, was heißt, Grau zwingt Biber förmlich, für ihn zu arbeiten, nachdem er bereits erfolglos versucht hat, ihm Geld zu leihen, ja aufzudrängen.

allerdings leidet der Student an Schlafparalyse, und wie der Autor dieses Phänomen beschreibt, macht mir ordentlich Angst. laut Wikipedia erlebt wohl knapp die Hälfte der Menschheit einmal im Leben diesen Zustand der REM-Atonie, wie er medizinisch auch genannt wird, im echten Leben dauert der in der Regel aber nur wenige Sekunden. in unserer Geschichte ist jedoch Magie im Spiel, und dementsprechend grauenvoll gestaltet sie sich für den Protagonisten Biber. dazu gesellen sich Alpträume von wahren Monstern... aber sind das wirklich nur Träume?

auch mit Biber spielt Grau (so wie wohl der Autor mit uns) - er leiht ihm Stephen Kings "Duma Key". in diesem Horrorroman verliert der Protagonist bei einem Arbeitsunfall seinen Arm und erleidet schwere Kopfverletzungen, die u.a. zu aggressiven Stimmungsschwankungen führen. während seines langen Heilungsprozesses entdeckt er die Malerei für sich, wobei etwas Altes, Böses von ihm Besitz ergreift, und die tödlichen Visionen, die er malt, Wirklichkeit werden lässt. wenn ich als Leser nun weiß, welches schauderhafte Experiment die alte Hexe Salome mit Biber getrieben hat, und zu welcher Gräueltat ihn dieses Experiment getrieben hat, dann verstehe ich auch im Nachhinein dieses Augenzwinkern des Autors.

Georg Bürger wiederum ist Bibers Nachbar, "ein Bär von einem Mann; rostbraune Locken umrahmen ein rundes, pausbäckiges Gesicht mit Brille, die die Augen dermaßen vergrößert, dass Biber unwillkürlich an eine Comicfigur erinnert wird; dazu stark übergewichtig, sein Bauch nichts weniger als bemerkenswert." wie alle dramatis personae in Phillipsdorf hat auch Bürger seine Bürde zu tragen: "Es stellte sich heraus, dass Bibers Nachbar eine geschundene Seele war, wortwörtlich. Er war Schriftsteller, allerdings auf einer experimentellen Ebene und daher unverkäuflich in der breiten Masse. In seinen Texten verarbeitete er, laut eigener Aussage, seine mannigfachen psychischen Störungen – ja, er drückte sich wirklich so geschwollen aus."

Bürger verweist Biber an seinen eigenen Hausarzt, Doktor Phillip Ost, ebenfalls ein Auswärtiger, der direkt gegenüber dem Friedhof wohnt und praktiziert. der Arzt kümmert sich gewissenhaft um seine Patienten, deswegen ist er auch so beliebt bei der Bevölkerung. und er verschreibt hemmungslos die ärgsten Medikamente, wie unsere Freunde Stefan und Raphael bei ihrem Besuch bei Bürger feststellen: "Die Tabletten, die Sie vorhin weggeräumt haben, sind allesamt ziemliche Bomben, wenn ich das so sagen darf." Raphael zuckte mit den Achseln. "Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Kombination aus verschiedenen Antidepressiva und Aufputschmitteln ungefährlich ist." "Sie kennen sich mit Psychopharmaka aus?" Bürger rutschte in seinem Ohrensessel hin und her. Das Möbel mit dem stellenweise aufgerissenen Samtüberzug knarzte, als leide es Schmerzen. Raphael sog an seiner Zigarette. "Ich bin selber in Therapie." der liebe Herr Doktor wird im nächsten Band noch eine wesentliche Rolle spielen.

schließlich lernen wir die Hausmeisterin des gruseligen Bernhardshofs und ihre Tochter Emily kennen, wie die Halbghoula Helena scheint es sich auch hier um Mischwesen zu handeln. diese Miss Sargent ist übrigens der erste Prota ohne sprechendem Namen - aber vielleicht wird das ja noch aufgelöst. selbst die Orte haben hier Vornamen: das Café Bernhard, die Waltergasse, der August-Platz. Wink mit dem Zaunpfahl: die Meyrinkgasse...

Phillipsdorf selbst beschreibt der Autor wieder als hinfällig - Asphalt ist brüchig, Verputz blättert ab, Fenster sind vernagelt, Autos kaum vorhanden. die wenigen Einzelhandelsgeschäfte erscheinen verkommen, die Ware selbst als gebraucht und nicht neu, ein Café und ein Wirtshaus sind vergammelt und die Einrichtung grindig. selbst die Natur erscheint als krank - Gras ist gelblich und verkümmert, die wenigen Bäumchen sehen aus wie Skelette - kein guter Boden: "Nebelschwaden ziehen kontinuierlich durch die Gräberreihen, knapp über dem Boden, es ist, als würde etwas aus der Erde sickern, etwas Ungesundes." auch Menschen sind kaum sichtbar, obschon präsent, die Zugezogenen spüren deutlich, dass sie beobachtet werden. und im Café sind die Menschen auch nicht besonders frisch, sondern zwielichtig, verlebt, verletzt, versehrt. so altmodisch alles scheint, sind den Bewohnern allerdings zeitgenössische Errungenschaften wie Autos und Dampfzigaretten keinesfalls fremd.

mit diesen Beschreibungen einer "kranken" Umgebung stellt sich der Autor natürlich klar in eine Lovecraft'sche Tradition - Phillips-Dorf eben. ein wenig zu sehr Faust-aufs-Auge fand ich allerdings dann den Brunnen, der einen gemeißelten Oktopus darstellt, aus dessen Tentakel Wasserstrahlen schießen. da höre ich es rülpsen in R'lyeh.

der Erzählton ist wieder recht nüchtern gehalten, mit einer humorvollen Grundierung, die einerseits den teilweise absurden Vorkommnissen und Begebenheiten geschuldet ist, andererseits dem Verhalten der Personen, die sich mit dem wahrlich außerdimensionalen Bezirk des Wahnsinns zu arrangieren versuchen. zeitweise gelingen dem Autor sehr schöne Redewendungen: "Ein Dutzend ähnlich abstoßender Erscheinungen bedrängte Bibers Wahrnehmung."

nicht wenige Schilderungen sind echt unheimlich. Elsa berichtet u.a. von Bibers erstem Kampf mit seiner linken Hand. das kann schnell ins Lächerliche abgleiten, aber Daniel Weber schafft es, dass es gruselig wirkt.
durch verschiedene Zeitebenen und Erzählungen aus der Sicht unterschiedlicher Protas hält der Autor den Spannungsbogen, nun ja, eben gespannt, kleine Cliffhanger und Aha!-Erlebnisse inkludiert. und trotz aller Grausamkeiten, die zum mörderischen Ende von zwei eben erst eingeführten Personen führen, schließt die Geschichte mit einem versöhnlichen, und für mich fast rührendem Ende.

was mir sonst noch aufgefallen ist:
- der Autor findet es wichtig, in einer Fußnote zu erwähnen, dass man in Österreich Januar statt Jänner sagt; der Begriff Germteig (statt Hefeteig) bleibt hingegen fußnotenlos
- irgendwann nennt Stefan seinen Freund Raphael Dean Winchester; ich habe die Serie "Supernatural" nie gesehen, und kenne daher auch nicht die Brüder Dean und Samuel, offenbar die Hauptprotagonisten
- Eisen hilft gegen Geister, gut zu wissen...

wer mag, kann sich hier den Podcast des Heavy Metal Bookclubs gönnen. da plaudert ein Matz Lang drei (!) Stunden lang mit Daniel Weber über das Schreiben als Lebenselixier, die Leidenschaft für Musik und die Ästhetik des Dunklen und Bösen. sicher interessant, für mich aber zu lang, in der Zeit lese ich lieber zwei Heftromane - oder den nächsten Philippsdorf. vielleicht bleiben mir dadurch spannende und erleuchtende Hintergrundinfos verborgen, ich werde es nie erfahren.

 

Phillipsdorf Band 2 (Grusel Thriller 11)

Die unerwartete Zeugin

 

Autor: Daniel Weber

Titelbild: MtP-Art Mario Heyer

Verlag: Blitz

Erscheinungsdatum: Oktober 2023

 

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