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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Der Stier von Kreta (Vampir Horror Roman 145)

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Der Stier von Kreta«
Vampir Horror 145 von Earl Warren (Walter Appel)

Haben wir uns nicht schon mal irgendwo gelesen? Diese Phrase schoss mir bei der Lektüre des nächsten Vampir-Horror-Versuchs meinerseits mehrfach durchs Bewusstsein, zumindest in der ersten Hälfte. Klar, Earl Warren, bekanntes Pseudonym, viele Dämonenkiller und Vampir-Horror-Romane, aber auch im Gespenster-Krimi aktiv...


... wer steckte da nochmals dahinter, muss ja nicht zwangsläufig immer derselbe sein.

Als ich dann den Namen Walter Appel aus der Liste fischte, konnte ich die weitere Suche knapp halten und sofort auf den Gespenster-Krimi 75 zurückgreifen, ein Brian-Elliot-Roman, der durch eine beachtliche Deftigkeit in der Darstellung eines äußerst brutalen und gefrässigen Monsters auffiel, dem Cargyro (was mich namentlich immer noch an ein Modellbauauto erinnert).

GK 75 war aus dem Jahr 1975, Vampir 145 stammt aus dem darauf folgenden Jahr, insofern kann man wohl schon von kreativer Selbstbefruchtung sprechen.
Natürlich will man niemandem offensiv ans Bein pinkeln, vor allem weil die Romane für zwei unterschiedliche Serien zweier unterschiedlicher Verlage geschrieben wurden und ein Romanautor mit über 900 veröffentlichten Endprodukten kann gar nicht anders als irgendwann mal nicht von vorn bis hinten „NEU“ zu sein, aber hier scheint Appel, damals noch Ende zwanzig und somit ein relativer Frühblüher an der Schreibmaschine auf bewährte Elemente zurückgegriffen und sich den Aufbau des einen Romans für den Anderen ausgeliehen zu haben.

Wobei ich a) anführen muss, dass auch der „Stier von Kreta“ keine schlechte Lektüre geworden ist und b) gleichzeitig einschränke, dass der bisher vorgefundene hohe Standard bei „Vampir“ hier nicht gehalten werden kann, ja nicht einmal die besondere Härte des GK-Romans.

„Der Stier von Kreta“ ist – wenn man im Rückblick etwas einordnen möchte – eigentlich nur Standard, „Malen nach Zahlen“, ein Roman, der nicht mal für seine vollen 120 Pfennige damals in auch nur einer Phase originell wirken konnte. Das macht es noch fragwürdiger, warum die Story später tatsächlich noch einmal veröffentlicht werden sollte, im „Geister-Schocker“ (Nr.30 übrigens, allerdings unter dem variierten Titel „Minotaurus' Rache“).

Appel greift hier zum Monstrum, lässt es von der Leine und konstruiert so eine dauerhafte Verfolgungjagd mit weltgefährdenden Konsequenzen durch einen übermächtigen Gegner, diesmal nicht auf ein Jenseitsgeschöpf ohne fassbare Grundlagen, sondern auf eine mythologische Figur, die man allerdings auch in den Bereich der dunklen Götter entrückt hat, hat sich was mit Zeus...

Zunächst kann man noch auf eine teilweise exotische Verortung im Bereich des minoischen Griechenlands hoffen, aber aus modernen Erwägungen landet man schon bald mal wieder in den Vereinigten Staaten, wo man sich besser verstecken kann – und ein paar (damals) zeitgenössische  Bezüge sind auch noch dabei, wobei ich wieder mal die Augenbrauen spreizen durfte, wenn es um den dunkler pigmentierten Teil der Bevölkerung geht oder gar – und das sorgt für ein ganz besonderes Schmunzeln – für den Einbau von Hippies, die sich hier immer noch wie im „Summer of Love“ gebärden dürfen, so wie das eben ordnungsgemäß verspätet in die deutsche Wahrnehmung hineinsickerte.

Dazu noch etwas Klassenbewusstsein und eine Tüte Kapitalismuskritik und man darf sich auf ein apokalyptisch-nahes Ende freuen, dass so mühevoll gedrechselt wirkt, dass es gar nicht anders kann als auf der Unterhaltungsschiene zu scheitern.

Gar nicht labyrinthisch also jetzt der Plot...

Der Stier von KretaPacken wir den Stier bei den Hörnern...ach was, gleich die ganze Rübe ab...
Kreta!

Wo sonst?

Professor Jackson Britten hat es endlich entdeckt, das konkrete minoische Labyrinth auf Kreta – nicht in Knossos, aber ganz in der Nähe, einen labyrinthischen Höhlenkomplex, der erst einmal gepflegt erforscht sein will.
Mit im Team ist Brian Dilham, ein harter Männe von echtem Schrot und Korn, der Vietnam überlebt hat und sich jetzt für keine Arbeit zu schade ist. Auf Kreta ist er allerdings als Schwiegersohn-in-spe des Finanziers dieser Expedition Johnson Wilde mit dabei, da er regelmäßig und gerne an dessen knackiger Tochter Dinah rumschnuffelt. Neben dem unvermeidlichen Assistenten sind auch noch vier Kreter mit am Start, die sich wie alle Einheimischen diesseits von Indiana Jones natürlich gepflegt in die Buxen machen. Dazu haben sie auch allen Grund, denn der Einzige, den Appel mit einem Namen adelt, kriegt schon bald einen Speer durch die Halsschlagader.

Das Labyrinth ist mit Fallen gespickt und mit seltsamen Mumien gepflastert, was natürlich keinen Prof endlos aufhalten kann. Schlussendlich landet man vor einem goldenen Thron und davor liegen adrett Menschenskelett (kopflos) und Stierschädel (körperlos), was die Existenz des Minotaurus wohl nachweisen sollte.

Zwei Wochen später eilt Brian mit Dinah wieder in die Staaten, um Schwiegerpapa – der, oh Wunder, das Anhängsel seiner Tochter so gar nicht mag – das Skelett und den Schädel zu liefern. Wilde lässt prompt von einem Restauratoren (mal wieder ein „baumlanger Neger“) beides zusammen basteln und hängt dem Knöchernen dann auch noch ein „Medaillon des Minotaurus“ um, das er aus einer anderen Quelle hat. Obwohl der Restaurator bibbert, passiert erstmal nichts.

Das sieht dann auf der schäumenden Party abends ganz anders auf, bei der sich Geld und Macht die Klinke in die Hand geben und Models wie Hollywoodsternchen sich selbstverfreilich nymphoman verhalten (Musik: Negerband!). Als Dinah sich dann mit dem Skelett in Positur wirft, erwacht es leuchtend zum Leben, greift sich das Mädel und es gibt eine zünftige Panik mit Stiergebrüll. Anschließend verschwindet der Göttersohn in die Nacht.

Eine Suchaktion setzt an, die dann auch zum (Miss-)Erfolg führt, denn von Dinah findet man am Strand nur noch eine mumifizierte Leiche – der Mino hat ihr glatt die Lebensenergie rausgesaugt.

Brian tut, was man als Mann so tut, wenn die Verlobte plötzlich Falten kriegt, er säuft sich derbe einen an und liegt flach, wird aber flugs von seiner netten Nachbarin Jean Crawley umsorgt, die (logo!) immer schon ein Faible für ihn hatte. Da geht noch was!

Derweil taucht ein Unbekannter (Mino hat jetzt wieder einen Menschenkopf) im San-Gabriel-Gebirge bei einer Gruppe Hippies auf, die dort den Freiheitstraum verfolgen (Saufen, Kiffen, Vögeln, nackisch rumlaufen). Anführer Curly Dewil (aha!) ist übrigens ein Schlimmfinger, der seinen Harem natürlich ungern teilt, aber die magischen Kräfte des „Herrn des Labyrinths“ überzeugen bald alle Hippies, als Anhänger einer neuen Kommune zu arbeiten (bzw. herumzulungern).

Britten macht derweil den guten bzw. bösen Wilde frisch, weil der das Skelett ausgestellt und das Amulett zum Einsatz gebracht hat. Der hält dagegen und motzt auch Brian voll, der ja nur ein Mitgiftjäger gewesen sein kann. Brian geigt ordentlich zurück und gibt seinen Rachegedanken Vollschub, qualifiziert sich so als Theseus wackerer Nachkomme. Britten verspricht derweil Recherchen, wie man dem Stier-Mann sein Amulett wieder abnehmen könnte.

Bald ergibt sich eine Spur (Mino hinterlässt Leichen) und Brian stöbert mit Jean zusammen die Hippie-Sekte auf, bei der sie sich erst mal einschmeicheln gehen, um mehr zu erfahren. Das tun sie auch auf der Basis von Cola-Rum, doch Dewil kommt ihnen auf die Schliche. Brian muss ihm daraufhin das Schnäuzi polieren.

Angefixt von einer angekündigten Zeremonie geht Brian nun allein auf Jagd und versucht es in der nächsten Nacht mit Dum-Dum-Geschossen, die zwar treffen, aber den finsteren Gesellen nicht töten können, dumm gelaufen.

Der wird aber darob stinkesauer und kündigt seiner Hippie-Kommune fristlos, in dem er sie in Hinkelstein verwandelt, bzw. zu Statuen versteinern lässt.

Gleichzeitig engagiert Wilde den Berufskiller Alonzo Cordez, der Mino meucheln soll. Selbiger hat inzwischen die Schauspielerin Gina Royale mit Bann belegt und anschließend ausgelutscht, darüber hinaus aber noch die Adresse einer okkulten Beraterin namens Arlette Arribal (ufff....) erfahren. Auf dem Weg dorthin schlägt aber Cordez zu, knüppelt Mino nieder, pumpt ihn mit Gift voll und vergräbt ihn in der Wüste.

Als die Reste dann abgefackelt werden sollen (im Beisein von Brian und Wilde), ersteht der Stiergott neu und macht Bambule, wobei nur Cordez sein Leben lässt. Brian kriegt mit etwas Benzin und Feuerzeug gerade noch die Kurve und heizt dem Stier ordentlich ein, so dass dieser teil abgefackelt in einen See fällt, wo er spurlos verschwindet.

Wochen später gibt es dann plötzlich einen infamen Seuchenausbruch im Stadtteil Temple City, denn Mino ist auferstanden und macht aus dem Quartier eine Höllenlandschaft mit Pest und Cholera. Zeit für ein krachendes Finale...

Der Stier von Kreta»Mr. Manson, noch zwanzig Sekunden bis zum Auftritt...«
Man spürt es schon, es ist wahrlich nicht brothohl, was Appel mit diesem Roman abliefert, aber ein tunnelförmig ausgerichteter Actionplot macht den Kohl leider im Gruselbereich nicht so richtig fett und wirklich Horribles hat die Story nicht zu bieten, sobald das Labyrinth verlassen wird.

Bis dahin gibt es Atmo genug, aber danach geht es nur noch um die straighte Verfolgungsjagd mit ein paar zwischenmenschlichen Konflikten (natürlich enden Brian und Jean gemeinsam...), bei der einige magische Kräfte und Verwandlungen eingeflochten werden.

Das mag den Fans des Krimi-Teils von Gruselkrimis vielleicht genügen, hier reizt das Gesamtergebnis eigentlich nur, weil die Begleitumstände so kurios sind. Und in meinem Fall, weil ich die Parallelen des Abkupferns genießen kann.

Das beginnt schon bei der extrem klischeetriefenden Party, die zunächst mit einem „baumlangen Neger-Restaurator“, natürlich abergläubisch, eingeleitet wird (man muss sich ja fast bedanken, dass einem „farbigen“ Mitbürger ein so nachhaltiger Fachjob untergeschoben wird, im restlichen Kontext tauchen Afroamerikaner nur noch als Bandmitglieder, Kellner oder Taxifahrer auf), um dann zu einer Titten-raus-ist-Sommer-Orgie mit zahlreichen aufgegeilten Suffsternchen überzugehen. Eine identische Party wird auch in dem Gespenster-Krimi gecrasht.

Knuffig wird es dann im Gebirge – den angesoffenen Jagdausflug aus dem GK übernimmt hier die C-Version einer Manson-Sekte, die sich auch mit nichts anderem als Drogen und Sex beschäftigen.

Mehr Tiefschläge als bei den willigen Kiffergirls und ihren Dialogen sind schon kaum noch zu holen, dazu ein paar Weltverbesserungsphrasen aus schlechteren US-Filmen und obendrüber etwas bürgerlicher Dünkel gegenüber dem ungewaschenen, langhaarigen Gezuppel gestreut, letzteren kann der Autor nicht so ganz unterdrücken.

Mein ganz persönlicher Blackout in diesem Roman ist übrigens die Regierungserklärung von unserem El Toro, die gleich auch noch den alten Lovecraft-Aphorismus von „Zeit und Tod“ aus dem Cthulhu-Mythos bemüht, um selbige Quelle sicherheitshalber gleich selbst im Text zu nennen. Hat zwar nichts miteinander zu tun, kommt aber trotzdem immer gut.

Die zweite Hälfte des Romans ist eine Mischung aus Schlenkern und Füllern, besonders im Falle der Auftragsmörder, die offenbar nur ein paar Seiten platt machen und für einen kleinen Zwischenhöhepunkt sorgen sollen. Das klappt zwar ganz gut, dauert dann aber mit erzählerischen Pausen wieder so lange, dass der unheimliche Seuchenausbruch mit vielen Opfern und Amokläufern leider auf den letzten Metern zu kurz kommt.

Da wird dann heftigst von den Dächern gesprungen und der Axt durch die Vorgärten gerannt (und auch Wilde kriegt als potentieller Bösling sein Fett weg), aber alles wirkt sehr gedrängt. Die Vielfarbigkeit eines wahrhaft infernalischen Endes lässt Appel zwecks Jugendschutz leider aus (auch wenn es dem aus dem Gespenster-Krimi verblüffend ähnelt, ist das Ergebnis kontrollierter als das stadtweite Massaker im GK) und liefert wie im anderen Roman auf die letzten vier Seiten einen Bannspruch, der es ermöglicht den Unheimlichen doch noch zu besiegen, in diesem Fall halt, ihn zum Zweikampf zu bewegen.

Prompt wird die Chose unter Männern ausgemacht, der Hero greift sich das Amulett und kippt den Finsterling schließlich mit letzter Kraft vom Hoteldach in die Tiefe. Hätte dieser – unwahrscheinliche und daher sehr unrealistische – Zweikampf nicht nur auf knapp eineinviertel allerletzten Seiten stattgefunden, wäre es vielleicht sogar ganz brauchbar gewesen und hätte nicht so hektisch gewirkt.

Also: prima Zweitverwendung eines Plots mit neuen Farben oder akute Ideenlosigkeit im Abgabestress, das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, so schlecht war aber keiner der beiden Romane, sofern man über gewisse Einflüsse und Elemente hinweg sieht, die heute nicht mal ansatzweise noch p.c.sind. Die Hippie-Sequenzen sind dann auch zum Quietschen und wer einen Hippie-Anführer „Dewil“ nennt, der rüttelt dann aber doch ein wenig stärker am Ohrfeigenbaum – vielleicht war das aber auch nur leise Ironie.

Fazit ist, den hohen Standard konnte man hiermit nicht halten, aber von totaler Grütze ist das nun auch wieder meilenweit entfernt gewesen – aber schön zu sehen, wie man gekonnt zwei Ideen zum Preis eines Plotkonstrukts verkaufen kann.

Jetzt aber mal einen neuen Autor...

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2016-11-15 10:37
"Leise Ironie"? Klingt nicht nach einem Appel-Roman. ;-)

Im Geister-Schocker hat der Autor so gut wie alle seiner Hefte neu aufgelegt, das war kein "Best of".

Das ist so typische 70er-Mucke. Schlaghosen und offene Hemden, die das Brusthaar sehen lassen. Ich lese so etwas immer wieder manchmal ganz gern, aber häufig sträuben sich einem dabei schon die Nackenhaare, wenn man liest, welche Klischees da fröhlich und im Brustton der Überzeugung bedient wurden.
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