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»Schön war die Jugend?« - Ausflüge in die Romanheftvergangenheit: Kastell des Dämons - Larry Brent Nr. 109

Schön war die Jugendzeit? -  Ausflüge in die RomanheftvergangenheitAusflüge in die Romanheftvergangenheit:
»Kastell des Dämons«
Larry Brent Nr. 109 von Dan Shocker

Schluss mit den Anthologie-Unsicherheiten und den Wackelkanditaten aus den Reihen der Gelegenheitsautoren, jetzt muss mal einer der erklärten Könner ran. Das bedeutet: Dan Shocker persönlich darf seinen ureigensten Geisterbekämpfer Larry Brent, PSA-Agent X-Ray 3 ins Rennen schicken und die Ehre des soliden Gruselromans retten


Kastell des DämonsDas bedeutet: Dan Shocker persönlich darf seinen ureigensten Geisterbekämpfer Larry Brent, PSA-Agent X-Ray 3 ins Rennen schicken und die Ehre des soliden Gruselromans retten.

Jürgen Grasmück hatte ich ja schon in der letzten Woche freie Hand gegeben, als ich seinen Mystery-Schnellschuss „Ron Kelly“ getestet, verschlungen und mich daran verschluckt hatte, doch dabei sei angeführt, dass zu Zeiten von Kelly (also Mitte der 80er) Grasmück selbst schon über 15 Jahre an seiner Horror-Reputation strickte und doppelt und dreifach überlastet gewesen sein könnte. Indiana Jones-Epigone Kelly jedenfalls war ein Haufen wurstig geschriebener Albernheiten und Unwahrscheinlichkeiten, in flapsigen Umschreibungen an seiner exotischen Thematik scheiternd.

Bei „Larry Brent“ anzufangen, schien mir ein sicherer Griff zu sein, schließlich war Grasmück schon seit 1968 mit Larry am Werk (als Agenten mit absurden Kennungskürzeln gerade die Kinos sattsam überschwemmt hatten und James Bond das Maß aller Dinge war).

1972 war Grasmück mit seinem Helden nach 50 Romanen aus dem Silber-Krimi, der damals schon etwas vor sich hin darbte, in den Silber-Gruselkrimi gewechselt, bei dem man gleich mit Band 51 aller Brent-Romane einstieg. Anfangs noch sehr produktiv, dominierten die „Shockers“ die Serie zunächst, um dann später andere Autoren, Subserien und Einzelromane einfließen zu lassen, bis die ungefähr vierwöchig erscheinenden „neuen“ Brents als große Attraktion in der Anthologie geführt wurden. (Ähnlichkeiten gibt es da vor allem zu „John Sinclair“, der auch zum Star im Gespenster-Krimi wurde, auch genau für 50 Romane.)

Im SGK erschienen also 96 weitere Brents bis 1983, was insofern kurios ist, weil die eigentliche „Larry Brent“-Serie schon 1981 gestartet wurde. Dort kamen natürlich zunächst die Altromane zu neuen Ehren, unterstützt zunächst von einigen wenigen neuen Abenteuern, so dass Neuleser praktisch von Anfang dabei sein konnten und Altleser auch etwas für sich finden konnten. Leider hielt man sich bei den Veröffentlichung alter Romane nicht an die Originalreihenfolge, so dass relativ wild durcheinander veröffentlicht wurde. Später wechselten sich dann recht lange alte und neue Romane ab, bis die Serie recht überraschend anno 1986 eingestellt wurde. Für Fans eine frustrierende Angelegenheit, waren doch noch gar nicht alle alten 146 Brents aus dem SK oder SGK in der eigentlichen Serie erschienen. So bleiben einige SGK-Veröffentlichungen auch bis heute nicht erneut erschienene Schätze.

Aus meinen übersichtlichen Beständen wählte ich lieber zunächst einen „frühen“ Roman, wobei ich anführen muss, dass „Kastell des Dämons“ nicht wirklich ein „Jugendabenteuer“ Shockers ist, sondern schon der 74. Brent-Roman war, allerdings schon 1973 erschienen, als der Autor noch in Saft und Kraft zu stehen schien. Gelesen hatte ich das Werk vor Jahren schon und hatte es als überraschend gut in Erinnerung – dagegen sprach die 25-Jahre-Lücke zwischen meinen Lesungen.

Aber zumindest zu Beginn herrschte noch Sturm und Drang im Hause Grasmück:

Kastell des DämonsDie Geschichte des alten Kastellans...
Alles bereit machen für das Startopfer der Woche: irgendwo im Süden England, in der Nähe von Cornwall machen die Sallingers per Auto Urlaub. Wie könnte es anders sein: es regnet Hunde und Katzen und das Auto geht putt! Wie gut (oder wie schlecht), dass in der Nähe ein im spanischen Stil errichtetes Kastell steht, in dem auch noch Licht brennt. John macht sich zwecks Rettung auf die Socken und gerät natürlich alsbald in ein übernatürliches Inferno aus Schreien, Stöhnen, Stimmen und dunklen Gestalten, die auf ihn eindringen. Das Licht flackert, das Spinett spielt von selbst, Kinderstimmen, ein dürrer Mann klappert mit Ketten, schließlich plumpst er durch eine Falltür. Zur gleichen Zeit meuchelt ein Unbekannter mit langem Messer im Vorhof seine Gattin.

So etwas erregt natürlich Aufmerksamkeit und alsbald interessieren sich mehrere Leute für das Kastell von Dunnerdon. Dort residierte ein Earl, der vor Unzeiten eine spanische Schönheit ehelichte, ihr dieses Kastell errichtete und sie der Legende nach irgendwann schnöde zerschnetzelte.

Das alles hört Douglas Learmy ganz gern, denn der Reporter ist überzeugt, dass es im Kastell umgeht. Er will die verschwundene Leiche von Donna Carmen finden, die man nie gefunden hat. Dicht an seinen Hacken klebt bereits Larry Brent, den sein geheimnisvoller Chef bereits nach Cornwall entsandt hat, ihm geht auch das spurlose Verschwinden Sallingers nahe.

Von Brent verfolgt, dringt Learmy in das Grundstück des Kastells ein und begegnet einem Kind, der unschuldig erscheinenden Camilla, die angeblich in der Nähe wohnt (ein dazu passendes Haus befindet sich in Sichtweite). Als sich Brent fast durch einen knackenden Ast verrät und Learmy nach ihm sucht, verschwindet das Mädchen spurlos.

Daraufhin beauftragt der Agent seine Kollegin und „Schwedenfee“ Morna Ulbrandson mit einer Sonderaufgabe: sie soll eine vorübergehende Stelle in besagten nahegelegenen Landsitz der Freelys annehmen, die zufällig einen Butler und ein Hausmädchen beschäftigen. Mittels einer größeren Geldsumme besticht Morna das Hausmädchen und lässt diese für ein paar Tage aus dem Haus entschwinden. Damit wird sie als „May“ das neue Mädchen der Freelys, von denen sich nur die leicht missmutige Hausherrin Dorothy mit ihr geschäftigt, ihr Mann William interessiert sich nur für seine Kunstsammlung. Wirklich aufregend ist aber die Neuigkeit, dass Tochter Camilla – eben noch im Hofe – seit drei Jahren tot sein soll.

Brent dringt erneut in das Kastell ein und wird ebenfalls Opfer einer Kippfalle, die in einem unterirdischen Raum endet, in den jede Menge Wasser flutet. X-Ray-3 ist kurz vor dem Absaufen, als ihn ein Unbekannter rettet und auf einer Wiese platziert. Dort findet ihn kurz darauf der Herr des Hauses. Beim Rücktransport fällt Larry jedoch auf, dass Butler Amos arg nasse Schuhe hat...

Derweil hat Learmy reichlich erfolglos diverse Gruben ausgehoben, aber nichts gefunden. Bei Einbruch der Dunkelheit zieht er sich ins Kastell zurück und innerhalb kürzester Zeit tobt um ihn herum das Inferno, dass schon Salingers Leben kostete. Er sieht den Geist von Lady Carmen und wie sie von einer Gestalt angegriffen und von einer formlose Masse in kleine Stücke geteilt wird. Brent kommt in höchster Not dazu, doch Camilla spielt auch noch mit und lässt den kopflosen Learmy buchstäblich ins offene Messer rennen.

Derweil folgt Morna den getreuen Butler Amos durch einen Geheimgang in ein Gewölbe, in dem eine elektrische Apparatur installiert ist, mit dem er einen geheimen Durchlass ins Kastell öffnen will. Tatsächlich gelingt das Vorhaben und Amos gerät so an den formlosen Dämon, während auf der anderen Seite Camilla, die sich selbst als Dämon Asunta identifiziert,  Larry gerade den Rest per Messer geben will. Im darauf folgenden Durcheinander entkommen die Agenten samt Butler ohne weitere Verluste.

Draußen klärt der Butler auf, dass er selbst gegen den Dämon kämpft, seit sein Bruder ihm einst zum Opfer fiel. Larry klärt daraufhin, dass die kleine Camilla tatsächlich in der Familiengruft ruht, doch das bemerkt Lady Dorothy, die ihre geisterhafte Tochter auf keinen Fall ein zweites Mal verlieren will...

Erklärbär, was machst du denn hier?
Ich bin jetzt gemein und verrate nicht den Clou des Romans, nur soviel, dass sich die Historie noch klärt und alles in einer robusten Seance mit einem herbeieilenden Medium namens Mary Hotkins endet.

Wenn ich Grasmück eins nicht vorwerfen kann, dann das in dem Roman zu wenig los wäre. Aus einer klassischen Geisterhausstory macht er eine Dämonengeschichte und führt das zusammen mit Spuk und Wiedergängern über reichlich Action zu einem tumultigen Ende, bei dem sogar die Deckenbalken brechen. So weit, so gut.

Ich bin auch bereit, ihn für die Einführung und das erste Drittel ausgiebig zu loben. Mögen die Geistereffekte auch inzwischen ein wenig abgedroschen wirken, hat die Szenerie doch anfangs eine besondere Atmosphäre und ist seitenweise auch wirklich gruselig, hätte sich als Hörspiel vermutlich sensationell gemacht. Auch der weitere Aufbau mit der Infiltration des Freely-Haushalts ist gelungen, die Rettung Brents aus der Wasserfalle geht in die gleiche Richtung.

Gewisse Probleme beginnen dort, wo man das Geschehen, so bunt es bis dahin auch war, ja irgendwann auch wieder auseinander dividieren muss, wobei es keine wirkliche Überraschung ist, dass die Figur des Douglas Learmy von vornherein als Bauernopfer gebraucht wird. Spätestens, wenn der Kindergeist sein Haupt erhebt, gerät der Hintergrund langsam aber sicher etwas überfüllt.

Und dieses Gefühl hält sich fortan. Der Lesefluss ist zwar auch weiterhin gegeben, aber Grasmück zieht sich zu lange an der Frage hoch, wie und durch wen Donna Carmen denn nun ermordet wurde, eine müßige Frage, wenn der Titel schon andeutet, dass aus der Geisterjagd ein Dämonenproblem werden wird. Mehrfach wird anhand von Überlegungen und Aufzeichnung auf dem Carmen-Thema herum geritten, später dann noch mehrfach auf der Camilla-Frage (ob hier die Carmilla-Erzählung ein wenig Pate gestanden hat, die die Hammer-Studios ja in einer Reihe von Vampirfilmen zu Begin der 70er totritten?).

Interessant sind sicherlich die Enthüllungen: Learmy ein ermittelnder Reporter, der Butler ein Amateurdämonenjäger, aber mit jeder Enthüllung und Überlegung treten der Dämon und seine Effekte weiter in den Hintergrund. Ob der Gute jetzt Asunta heißt und topgefährlich ist oder Theobald-Ottokar und nur auf Urlaub in Cornwall, bringt die Handlung selten weiter und dass ein seit Jahrhunderten lokal verorteter Dämon David Gallun alias X-Ray-1 trotzdem bekannt ist, wirkt leicht aufgesetzt (mehr als „beseitigen Sie das Problem!“ hat er dann auch nicht beizutragen).

Leider bleiben dann auch offene Fragen, etwa wer das kettenrasselnde Klappergestell ist, das mehrfach auftritt, aber nie identifiziert wird und warum ein mächtiger Erzdämon am Ende durch ein einzelnes geweihtes Kreuz vernichtet/in die Flucht geschlagen werden kann. Bei der Seance macht Grasmück dann am Ende auf die letzten 10 Seiten noch ordentlich Rabatz, besonders trefflich geschrieben ist die mediale Aufklärung der Mary Hotkins auch nicht, setzt sie doch eigentlich nur Ausrufezeichen hinter bereits halb bestätigte Vermutungen.

Passabel ist der Einbau eines antiken Meßstabes, mit dessen Hilfe man die Position von Carmens Gräbern feststellen kann, das hat altes Gruselgeschichtenniveau Marke M.R. James, doch als das Rätsel um den Stab in die Handlung eingebaut wird, wird es auch sofort gelöst, da hätte von vorn noch gern ein wenig länger drüber gerätselt.

Nebenbei gibt es noch ein paar Schäkereien und einen Gag um das In-den-Po-Kneifen beiderlei Geschlechts, der schon in den 70ern angejahrt gewesen sein muss, dafür fehlen endlich mal die anderen üblichen semi-peinlichen Bestandteile rund um Frauenbrüste und knackige Pos.

Fazit ist also: wenn es um den Drive geht, dann hilft viel viel. Geht es um die Spannung, kann man eine Story so aber schon über- und die Spannung damit entladen. „Kastell des Dämons“ ist ein recht schwungvoller „read“ vom alten Schrot und Korn, hat aber nicht die Abgründigkeit, die die Location verspricht (wenn man mal von den Falltür-Abgründen absieht). Die Gefährlichkeit des Dämons und seine tödlichen Kräfte kommen leider eigentlich kaum zum Tragen (Tode durch Messer und Genickbrüche infolge von Stürzen), von anderen Dinge wird nur rückblickend berichtet.

Trotzdem hat das „Kastell“ mich mit Dan Shocker wieder ein wenig versöhnt und ich buddel mir aus dem Stapel jetzt noch andere Beispiele, wobei ich chronologisch wohl langsam voranschreiten werde. Deftig Monströses hatte er ja immer auf Lager...

Kommentare  

#1 Andreas Decker 2016-06-14 10:30
So habe ich das mit den Nachdrucken beim Brent noch nie gesehen. Normalerweise bin ich ja Verfechter des chronologischen Reprints, aber da war es mir schon damals egal. Vielleicht weil die Romane vor der 100 keine Kontinuität hatten.

Bei den alten Brents fällt mir immer wieder auf, wie sehr der Autor doch den Mut zur Lücke hatte. Ein beträchtlicher Teil der Handlung ergibt aus der Rückschau keinen Sinn, Zufall ist Trumpf und das Ende ist oft meh. Aber wenn man sich daran nicht zu sehr stört, liest es sich flott.

Zitat:
Nebenbei gibt es noch ein paar Schäkereien und einen Gag um das In-den-Po-Kneifen beiderlei Geschlechts, der schon in den 70ern angejahrt gewesen sein muss, dafür fehlen endlich mal die anderen üblichen semi-peinlichen Bestandteile rund um Frauenbrüste und knackige Pos.
Das war nicht Grasmücks Ding. Nicht mal seine Anzüglichkeiten sind anzüglich.
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