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Eine »unheimliche« Mischung - Dämonenkiller – Die Taschenbücher: Gräfin Dracula

Eine »unheimliche« Mischung: Dämonenkiller – Die TaschenbücherGräfin Dracula

Der kommerzielle Erfolg der Marke "Dämonenkiller" muss in der Tat beträchtlich gewesen sein. Nicht nur wurde die Serie bereits nach 17 Heften aus dem Vampir-Horror-Roman ausgekoppelt, um sich fortan allein auf dem Markt zu behaupten.

Innerhalb kürzester Zeit wurde die Serie auch auf wöchentliche Erscheinungsweise umgestellt. Zeitgleich brachte man im März 1975 eine Taschenbuchreihe auf den Markt.


Eine »unheimliche« Mischung: Dämonenkiller – Eiskalt wie ein TodeskussGräfin Dracula
von Michael Parry
Dämonenkiller Taschenbuch Nr. 15
Übersetzt von Jürgen Saupe
April 1976

Der Roman:
Damals in den Karpaten. Der schneidige junge Leutnant Imre Toth reitet zum Begräbnis von Graf Nadasdy. Dort lernt er dessen Witwe kennen, die in die Jahre gekommene Gräfin Elisabeth. Die gleich nach der Beerdigung ihren Charakter zeigt, als sie einen aufmüpfigen Bauern mit der Kutsche überfahren lässt, ohne auch nur eine Falte zu verziehen.

Elisabeths Haushalt besteht aus ihrer nibelungentreuen Gesellschafterin Julie, dem ergrauten Hauptmann Dobi, dem Haushofmeister der Burg, der die Gräfin abgöttisch liebt, und dem wunderlichen Gelehrten Meister Fabio. Ihre liebreizende Tochter Ilona ist noch vom Internat auf dem Heimweg. Die Testamentseröffnung ärgert viele. Dobi bekommt für seine treuen Dienste bloß die alten Waffen des Grafen, und Elisabeth soll sich den Besitz mit ihrer ungeliebten Tochter teilen. Nur Fabio ist selig, erhält er die Bibliothek. Und Imre aus Dank für die Freundschaft seines Vaters mit dem Grafen die Pferde.

Während die runzelige Gräfin und Dobi, der die Witwe nun unbedingt heiraten will, über ihr verschwendetes Leben wüten, kommt die Alte zufällig mit dem Blut ihrer jungfräulichen Dienerin in Kontakt. Und die Falten sind weg. Also lässt Elisabeth das junge Ding ausbluten, wäscht sich mit dem Blut und sieht 30 Jahre jünger aus.

Als Imre die nun wieder knackige Gräfin erblickt, entbrennt er sofort in heißer Liebe. Die Gräfin gibt sich als die eigene Tochter aus und lässt Ilona entführen. Sie wird in der Hütte eines verrückten Waldarbeiters Janko festgehalten.

Dummerweise hält die Verjüngungskur nicht lange. Schlagartig kommen die Runzeln zurück. Dabei will der fesche Imre die Gräfin mittlerweile heiraten. Also muss das nächste Mädchen dran glauben. Und das übernächste. Aber der Spuk funktioniert nur mit Jungfrauen.

In der Burg implodiert langsam der Haushalt, während vor den Mauern die Eingeborenen unruhig werden, weil man tote Mädchen findet. Aus Eifersucht sabotiert Dobi die stürmische Beziehung der Gräfin mit Imre, hängt Meister Fabio in der Bibliothek auf, als der zu viele Fragen stellt, und zeigt Imre schließlich genüsslich die in Blut badende Gräfin. Der junge Mann ist entsetzt, als er das Geheimnis der Gräfin erfährt, aber Elisabeth erpresst ihn zu bleiben.

Am Ende ist Hochzeit. Mittlerweile ist die unschuldige Ilona in der Burg und soll als jungfräuliche Blutspenderin in Reserve bleiben. Aber das wollen Imre und die Gesellschafterin dann doch verhindern. Mitten bei der Trauung ist Elisabeth plötzlich wieder eine alte Vettel, dank der Magie nur doppelt so runzelig. Sie dreht durch, hackt sich auf dem Weg zu ihrer Tochter den Weg frei und will Ilona vor allen Leuten aufschlitzen. Imre wirft sich ihr entgegen und wird aufgespießt. Am Ende sitzen die Blutgräfin, Dobi und Julie im Kerker und warten auf den Henker. Während die Dorfbewohner vor den Mauern düster "Gräfin Dracula" raunen.

Bewertung:
"Gräfin Dracula" ist ein Buch zum Film. "Comtesse des Grauens" oder "Countess Dracula" kam 1971 in die Kinos und war ein Hammer-Film. Peter Sasdy verfilmte ein Drehbuch von Jeremy Paul. Erzählt wurde die Geschichte von Elisabeth Bathory, der berühmt-berüchtigten ungarischen Blutgräfin, die angeblich 600 junge Mädchen zu Tode folterte. Oder sagen wir, die Legende diente als Inspiration, denn wie alle Hammer-Filme spielt die Handlung in einem ahistorischen Paralleluniversum, das die Idee einer Epoche statt der Epoche selbst um Leben erweckt. Die Rolle der Gräfin übernahm Ingrid Pitt, die im Vorjahr schon die Hauptrolle im Vampirfilm "Gruft der Vampire" (1970, The Vampire Lovers) gespielt hatte. Es sollte ihr letzter Auftritt für Hammer sein.

Selbst bei den Hammer-Fans ist der Film umstritten. Viele halten ihn für langweilig und missraten. Die Produktion hatte ihre Probleme. Regisseur und Produzent konnten sich nicht über die Richtung einigen, der eine wollte mehr Kunst, der andere mehr Horror. Am Ende gab es beides nicht. Ingrid Pitt durfte erst hinterher entdecken, dass sie der Regisseur mit einer anderen Schauspielerin übersynchronisiert hatte, weil er ihre Stimme nicht für "adlig" genug hielt. Informiert darüber wurde sie nicht.

Verglichen mit anderen Hammer-Filmen der Zeit ist "Comtesse des Grauens" in der Tat ein blutarmes Spektakel. Obwohl selbst das Wort Spektakel nicht passt. Das ist mehr ein Kostümdrama, die Morde finden im Off statt, die Nacktszenen wirken pflichtschuldig und sind verschämt und flüchtig, und statt im Blut zu baden beschmiert sich Ingrid nur. Das Ganze wirkt oft wie eine Operette, nur eben ohne Gesang, und die Kostüme und Frisuren erscheinen heute eher unfreiwillig komisch als authentisch. Die tollen Pelzmützen sehen aus wie bei Bob Sacamano gekauft. Bedenkt man die Vorlage und Bathorys Gräueltaten, ist das alles ausgesprochen zahm und lässt jeden Biss vermissen. Darüber kann auch die zugegeben düstere Geschichte nicht hinwegtäuschen. Pitt geht ihre Doppelrolle als faltige Gräfin und strahlende Tochter mit dem üblichen Enthusiasmus an und sieht toll aus, ist aber offensichtlich 10 Jahre zu alt für die Rolle, erst recht, wenn sie neben der 17jährigen Lesly Anne Down steht, die ihre Tochter spielt. Verglichen mit der Karnstein-Trilogie ist das in der Tat behäbig und zahm.

Als Novelisation ist der Roman typisch für die Zeit. Er erzählt den Film getreu nach, ohne die Dinge weiter auszuschmücken. Hammer hat so gut wie für jeden seiner Filme ein Buch zum Film veröffentlicht. Allein der Autor John Burke schrieb zu neun Originaldrehbüchern die Romanfassung, selbst zu solchen heute eher in Vergessenheit geratenen Produktionen wie "Stranglers of Bombay" (1959, dt. Die Würger von Bombay). In den 70ern wurden diese Bücher mit Standfotos- und Filmtitelbildern aufgewertet. So gibt es sogar LeFanus Kurzgeschichten mit Peter Cushing auf dem Cover, wo er gerade die halbwegs züchtig bedeckte Ingrid Pitt pfählen will.

Im Zuge der Hammer-Renaissance vor ein paar Jahren wurden die Hammer-Bücher zu kurzem neuem Leben erweckt. Man ließ Filme wie "Zirkus der Vampire" (Vampire Circus) oder "Draculas Hexenjagd" (Twins of Evil) von zeitgenössischen Genreautoren wie Mark Morris oder Shaun Hutson neu erzählen. Die Romane waren bis auf die uninspirierte Covergestaltung teilweise durchaus gelungen, aber der Erfolg hielt sich in Grenzen. In der Reihe erlebte auch "Countess Dracula" eine Neuausgabe. Der Autor Guy Adams verlegte die Geschichte aber ins Hollywood der 30er Jahre und machte aus der Gräfin eine alternde Stummfilmschauspielerin.

Michel Parry (1947-2014) war in England ein geschätzter Anthologie-Herausgeber, der viele teilweise sehr gute Horror-Anthologien auf den Markt brachte. Da wären die "Mayflower Book of Black Magic Stories" (6 Bände) oder diverse Themenanthologien. Einen besonderen Platz in der Geschichte des Brit-Horrors nimmt er ein, weil der Verlag eine Sammlung erotischer Horrorstorys kurz nach Erscheinen zurückzog und einstampfte, da man befürchtete, wegen einer Story Ärger mit den Behörden zu bekommen.1

"Gräfin Dracula" war Parrys erster Roman. Er schrieb in vielen Genren, sogar ein paar Western, später dann fürs Filmgeschäft. Der Roman ist flott erzählt, auch wenn die ständigen Perspektivewechsel von Absatz zu Absatz schnell nerven. Das ist solide gemacht, aber wahrlich kein Highlight. Abgesehen von einer kleinen Notiz im Impressum des Dämonenkiller-Tbs gibt es nicht den geringsten Hinweis, dass es hier um das Buch zum Film geht. Nicht einmal den deutschen Filmtitel hat man genommen. Freilich war der Film zum Erscheinungszeitpunkt auch schon längst wieder in Vergessenheit geraten, Video gab es noch nicht. Also gab es keinen guten Grund, das als Buch zum Film zu vermarkten. Aber abgesehen von der Tatsache, dass man 12 Programmplätze im Jahr füllen musste und die Buchlänge gut ins Konzept passte, gibt es eigentlich keinen besonderen Anlass, warum man gerade dieses Buch in die Dämonenkiller-Taschenbücher aufnahm. Die Novelisations zu "Lust for a Vampire" oder "Captain Kronos, Vampire Hunter" wären bestimmt interessanter gewesen.

The Venomous SerpentLife on Mars
Im Operettenland von Hammer ist der Mars kein Thema.

Das Titelbild
Ein typischer Lutohin. Eigentlich sollte man sich Gräfin Dracula etwas unheimlicher und weniger bunt vorstellen.

Das Original
Countess Dracula
von Michael Parry
1971
Sphere Books

Quellen

  • Pulpmania 1
  • Vault of Evil
  • Ingrid Pitt: Life's a Scream

1 Die Rede ist von der Anthologie " More Devil's Kisses", die unter dem Pseudonym Linda Lovecraft erschien. Die Story "The Magic Show" von Chris Miller, die der Stein des Anstoßes war,  erschien zuerst in dem Satiremagazin "The National Lampoon". Man kann ihr einen gewissen schwarzen und absolut geschmacklosen Humor nicht absprechen – es geht um ein paar Clowns auf einem Kindergeburtstag - ,  schildert aber in ein paar Szenen unverblümten pädophilen Missbrauch. In der deutschen Ausgabe - Vampir Horror Taschenbuch 68 – fehlt die Story. Wie auch das zugegebenermaßen inspirierte Pseudonym des Herausgebers.

Copyright © by Andreas Decker

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Kommentare  

#1 Toni 2015-09-14 16:27
Schöner Artikel, auch wenn das Taschenbuch zum Film wohl nicht so töfte :-) war.

Pitt 10 Jahre zu alt für die Rolle - das gab es ja öfter und sorgte nicht selten für Lacher bei uns "jungen" Leuten. Selbst Michael J. Fox, der Teenager vom Dienst, bekam irgendwann mal Rollen für einen Zwanzigjährigen. Allerdings war er da schon 40!
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